Heute in den Feuilletons

Es ist eine dieser Vollmondnächte

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.09.2009. Siegfried Lenz stellt im Tagesspiegel die Frage des Neuschreibens. Das Blog Digitale Notizen antwortet auf Georg M. Oswalds Kritik an den Internetforen der Zeitungen. Die FAZ und die SZ besuchen die Grabkammern von Qatna. Außerdem in der SZ: Ernst-Wilhelm Händler kritisiert Günter Grass für sein "exemplarisch unaufrichtiges Leben." In der FAS bewundert Frank Schirrmacher die andere Intelligenzform der Nerds, warnt aber vor deren Auswirkungen auf die Verlage. 

Tagesspiegel, 21.09.2009

Siegfried Lenz spricht mit Gerrit Bartels über Schreiben im Alter: "Es misslingt so manches. Dann aber stellt sich die Frage des Neuschreibens, wofür ich mich oft entscheide. Ich habe eine Schublade voll mit Manuskripten, die mir zum Zeitpunkt des Schreibens entsprachen, jetzt aber nicht mehr. So ging es mir auch beim Wiederlesen meines ersten Buchs, 'Es waren Habichte in der Luft'. Ich sollte ein Vorwort für eine Neuausgabe schreiben, und ich hatte sofort das Gefühl: Umschreiben, neu schreiben! Aber damals war ich 23 Jahre alt! Ich habe dann um Nachsicht gebeten, um Rabatt. Denn das konnte ich dem jungen Mann, der ich damals war, nicht antun. Lass es so stehen, mit allem Vorbehalt!"
Stichwörter: Siegfried Lenz

Aus den Blogs, 21.09.2009

Es sind in Deutschland kaum Internetstartups von Belang entstanden, konstatiert Martin Weigert in Netzwertig. Und warum? Es fehlt den Gründern und den Finanziers an Naivität: "Der Begriff Naivität ist äußerst negativ belegt. Dennoch könnte die stark von Realismus geprägte deutsche Internet-, Gründer- und Investorenszene ein wenig Naivität vertragen. Wer permanent und zwanghaft beide Seiten einer Medaille beleuchten muss, minimiert vielleicht alle Risiken. Gleichzeitig läuft er aber auch Gefahr, bahnbrechende, revolutionäre Ideen durch zu stark rationales Denken und Abwägen zu zerstören."

Der Schriftsteller Georg M. Oswald legte neulich eine Schließung von Internetforen auf den Websites großer Zeitungen nahe - wegen der oft rüpelhaften Art der Auseinandersetzung: "Es ist deshalb eine Frage wert, warum die angesehensten Zeitungen dieser Republik Foren zur Verfügung stellen, in denen ihr eigener Anspruch derart missbraucht wird." Dirk von Gehlehn hält dem in seinem Blog Digitale Notizen einen Artikel des Community-Redakteurs von the Globe and Mail aus Toronto entgegen Mathew Ingram schreibt dort: "If my research has taught me anything - not to mention writing columns and a blog for 15 years - it is that the surest way to improve the tone of the debate in forums or comments is to get involved in them."

TAZ, 21.09.2009

Julian Weber kam bei den Diskussionen über eine Lockerung des Urheberrechts auf der alternativen Popmesse all2gethernow zu folgender Erkenntnis: "Wer also sein Kreuz für die Piraten macht, muss sich darüber im Klaren sein, dass dann in Zukunft zum Beispiel Songs von Die Ärzte unbehelligt auf Nazidemos gespielt werden dürfen."

Außerdem: Alessandro Topa unterhält sich mit dem Nahostexperten Loay Mudhoon über das iranisch-arabische Verhältnis. Besprochen werden die ersten Inszenierungen des Deutschen Theaters mit Stücken nach Joseph Conrad und Lukas Bärfuss.

Und Tom.
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NZZ, 21.09.2009

Sehr zufrieden bilanziert Peter Hagmann das Lucerne Festival, dessen Abschlusskonzert mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra Thomas Schacher gehört hat. Bert Hoppe besichtigt die nicht sonderlich gut erhaltenen deutschen Kulturdenkmäler um Kaliningrad.

Besprochen werden Thomas Jonigks Adaption von Gottfried Kellers "Martin Salander" für das Zürcher Schauspiel (die Barbara Villiger Heilig nicht ganz ernst nehmen konnte: "Milde und sanft, aber unverkennbar mokant ist der Tonfall der ganzen Inszenierung") und Gioachino Rossinis Oper "Mose in Egitto" im Zürcher Opernhaus.
Stichwörter: Bert Hoppe, Oper, Schach

Welt, 21.09.2009

Im Aufmacher bemüht sich Hendrik Werner um eine "Ehrenrettung" der britischen Schrifstellerin Rosamunde Pilcher. Immer nur schöne heile Welt in ihren Romanen? "Richtig ist vielmehr das Gegenteil: Rosamunde Pilcher verwebt in ihrer Schicksalsbelletristik, die 'belle' und 'triste' zu einer stets stimmigen Einheit verbindet, kunstvoll Topoi wie Verblendung und Dünkel, Stolz und Vorurteil, Standesschranken und die heilende Kraft der letztlich naturgemäß obsiegenden Liebe."

Weitere Artikel: Fehlen wird der Welt nichts ohne Fassbinders "Der Müll, die Stadt und der Tod": ein mittelmäßiges Drama, ohne Weisheit oder Schönheit, soll es doch verboten werden, meint Matthias Heine in der Glosse. Johnny Erling kündigt für die Frankfurter Buchmesse eine Reihe von Gästen an, an denen die offizielle chinesische Delegation nicht viel Freude haben wird, darunter die Exil-Uigurin Rebiya Kadeer. Berthold Seewald berichtet über die Ausgrabung einer Königsgruft im syrischen Qatna. Daneben erklärt der Altorientalist Thomas Richter, was die Schrifttafeln, die ebenfalls gefunden wurden, über die "reichlich verworrene Geschichte Syriens im 2. Jahrtausend" erzählen. Nicht so ganz harmonisch verlief ein Treffen aller noch lebender künstlerischen Leiter der Documenta in Rivoli, berichtet Gabriela Walde. Slavoj Zizek plaudert über sein DVD-Seminar zum Kino. Der Literaturwissenschaftler Alexander von Bormann ist gestorben, meldet Tilman Krause. Besprochen werden zwei Stummfilme von Julien Duvivier auf DVD.

FR, 21.09.2009

Die Schauspielerin Nina Hoss fand Peter Michalzik natürlich große Klasse, doch alles in allem war Stephan Kimmigs Aufführung von Lukas Bärfuss' Stück "Öl" am Deutschen Theater für ihn "ein großer Blödsinn": "Eva erkennt, was sie ist: 'Eine dreckige kleine Ölhure.' Eva erschießt Edgar, was daraus folgt, bleibt offen, die Finsternis von Kapitalismus und Mensch ist in jedem Fall deutlich."

Weiteres: Als Zumutung geißelt Christian Thomas die Absprachen zur anstehenden Wahl des ägyptischen Kulturministers Faruk Hosni zum neuen Unesco-Direktor. Besprochen werden die Ausstellung "Eiszeit" im Kunstgebäude auf dem Schlossplatz in Stuttgart, die beiden Ibsen-Stücke "Peer Gynt" und Baumeister Solness" in Hamburg, Alexander Kluges Film "Nachrichten vom Tausendfüßler" auf DVD und Andreas Möllers Debüt "Traumfang" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 21.09.2009

Ulf von Rauchhaupt berichtet über den Fund einer jahrtausendealten Grabkammer voller Schätze durch eine syrisch-deutsche Expedition unter der Leitung der Archäologin Heike Dohmann-Pfälzner - die Kammer lag unter dem Königspalast von Qatna, einer bronzezeitlichen Metropole: "Hier war einst die Zentrale eines Königtums, das zu seiner Blüte in der Mittelbronzezeit, zwischen 1800 und 1600 vor Christus, halb Syrien kontrollierte." (Die Expedtion verfügt über eine Homepage, die selbst etwas vorsintflutlich wirkt.)

Weitere Artikel: Kerstin Holm glossiert einen Fall drastischer Korruption bei der Renovierung des Bolschoi-Theaters. Gemeldet wird, dass Faruk Hosni bei den Wahlen zum Präsidenten zwar nach wie vor vorne liegt, aber nicht die nötige Anzahl der Stimmen erreicht. Jordan Mejias schreibt zum Tod des Publizisten Irving Kristol, der zu den Begründern des Neokonservatismus gehört. Jordan Mejias meldet, dass sich nun auch noch die amerikanische Regierung gegen das Google Book Settlement gewandt und dies vor dem Gericht, wo gerade der Prozess stattfindet, kundgetan hat. Michael Hanfeld schreibt zum Tod des Fernsehfahnders Eduard Zimmermann. Auf der letzten Seite gibt's Nachrufe zu Lebzeiten, unter anderem auf Bruce Springsteen, der sechzig Jahre alt wird.

Besprochen werden das Stück "Martin Salander" nach Gottfried Keller in Zürich, ein Kölner Konzert der amerikanischen Folkrockband The Low Anthem, welche mit einem seltsamen Instrument namens Crotales anreiste und den Rezensenten Eric Pfeil in schieres Staunen versetzte ("Man wird noch seinen Enkeln davon erzählen", hier gibt's Musik), Britten- und Strauss-Inszenierungen an der Deutschen Oper am Rhein, Wong Kar Wais früher Film "Ashes of Time Redux", erste Inszenierungem an Deutschen Theater Berlin unter Ulrich Khuon, nämlich eine Dramatisierung von Joseph Conrads Novelle "Herz der Finsternis" in der Regie von Andreas Kriegenburg und Stephan Kimmigs Inszeierung von Lukas Bärfuss' Stück "Öl".

In der Sonntags-Faz überlegt Frank Schirrmacher, ob seine "coole Glamour-Welt" inzwischen vielleicht von Piraten und Nerds abgelöst wurde und macht sich dann Gedanken über deren politisches Programm: "Was wir erleben, ist der Übertritt einer anderen Intelligenzform in den Bereich der Politik. Ob durchweg zum Guten, das lässt sich heute noch nicht sagen. Für das Problem des Urheberrechts haben die 'Piraten' so wenig eine Antwort wie die anderen: Ihr heutiges Programm, umgesetzt, bedeutete das Ende von Verlagen und Künstlern." (Keineswegs. Wir empfehlen zum Einstieg in die Diskussion einen Aufsatz des Kulturhistorikers und Dichters Lewis Hyde, der die Diskussion der amerikanischen Revolutionäre um "intellectual property" nachzeichnet: Für Franklin, Jefferson und Adams ging es dabei um Monopole, nicht um Rechte. Den Aufsatz kann man hier unkompliziert als pdf herunterladen.)

SZ, 21.09.2009

Am Ende einer zunächst etwas träge mäandernden Reflexion über die Schriftstellerei an und für sich bescheinigt Ernst-Wilhelm Händler einem namentlich nicht ausgewiesenen "lebenden Nobelpreisträger" (also Grass), ein "exemplarisch unaufrichtiges Leben" gelebt zu haben, dessen Peinlichkeit nicht von ungefähr komme: "Ebenso wenig wie die zumindest auf den ersten Blick verwunderliche Tatsache, dass ihm das breite Publikum dafür applaudiert, wenn er die von ihm immer wieder eingeforderte unbedingte und rücksichtslose Aufklärung aller ethisch relevanten Sachverhalte bei sich selbst exakt nach seinen persönlich gegebenen Notwendigkeiten dosiert."

Weitere Artikel: Im Aufmacher greift Stephan Speicher mit dem Themenheft des Merkur die Frage auf, ob es in der Demokratie Helden geben könne. Auch die SZ hat keine Kosten und Mühen gescheut und einen Reporter nach Qatna in Syrien entsandt, wo eine syrisch-deutsche Expedition Grabkammern entdeckt hat ("Es ist eine dieser Vollmondnächte, ähnlich wie jene, in denen die Königsfamilie von Qatna einst mit Fackeln einen engen Gang hinabstieg in die Unterwelt, um in der Königsgruft das Ahnenmahl zu feiern", schreibt atmosphärisch intensiv SZ-Autor Hubert Filser). In den Nachrichten aus dem Netz zitiert Niklas Hofmann skeptische Stimmen zur Piratenpartei, nachdem zwei Repräsentanten der Partei der rechten Postille Junge Freiheit Interviews (hier und hier) gaben. Anke Sterneborg resümiert das Filmfestival von Toronto. Petra Steinberger schreibt zum Tod von Irving Kristol.

Besprochen werden erste Inszenierungen der Ära Khuon am Deutschen Theater Berlin, Inszenierungen von "Maria Stuart" und "Martin Salander" in Zürich, neue DVDs und Bücher, darunter ein Roman über Georg Trakl von Martin Beyer (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).