Heute in den Feuilletons

Damit fängt politisch das 21. Jahrhundert an

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.09.2009. In der taz erklärten Daniel Cohn-Bendit, Harald Welzer und Claus Leggewie, warum wir eine Transformation brauchen und warum die nicht von oben kommen kann. In der Welt sieht Henryk M. Broder Israels Existenzrecht immer mehr in Frage gestellt: von klugen, sensiblen und kritischen europäischen Intellektuellen. In der FR beklagen die Architekten  Christoph Mäckler und Wolfgang Sonne die Verschandelung unserer Städte durch Dämmstoffe. Die SZ überlegt, warum Menschen ihre persönlichen Daten ins Internet stellen. Die FAZ besucht Orhan Pamuks "Museum der Unschuld".

TAZ, 19.09.2009

Daniel Cohn-Bendit erklärt einem etwas lustlos erscheinenden Peter Unfried mit Nachdruck, warum wir eine Transformation brauchen, einen New Green Deal: "Im Grunde erleben wir gerade das Ende einer Epoche. Das herrschende System ist ökologisch, ökonomisch und durch die Finanzkrise an die Wand gefahren. Es steht nicht mehr einfach die Reform des Systems zur Debatte, sondern die Transformation. Damit fängt politisch das 21. Jahrhundert an."

Um Transformation geht es auch in dem Buch "Das Ende der Welt, wie wir sie kannten" von Claus Leggewie und Harald Welzer. Im Interview sprechen der Politikwissenschaftler und der Sozialpsychologe über Krisenangst und die Lust aufs selber denken. "Viele vertrauen auf den Mix aus subventionierter Großtechnik, drakonischer EU-Verordnung und nationalen Gesetzen und wundern sich, dass schon der Austausch von Glühbirnen lachhafte Aktionen bürgerlichen Ungehorsams provoziert. Das kommt, wenn man Nachhaltigkeitspolitik von oben macht, ohne die Intelligenz der Massen zu nutzen", sagt Leggewie. Und Welzer ergänzt: "Es ist ein Mythos, dass kulturelle Veränderung unheimlich langsam geht und extrem mühsam ist. Man muss nur mal die Erziehungsstile in diesem Land über die letzten 20 Jahre vergleichen. Oder die Ironiefähigkeit, die es in den ersten 40 Jahren Nachkriegszeit überhaupt nicht gab. Wenn Veränderung als attraktiv wahrgenommen wird, dann geschieht sie sehr schnell. Deshalb werden wir in zehn Jahren auch keine Geländewagen mehr in unseren Stadtzentren sehen."

Weiteres: Die pakistanische Autorin Kamila Shamsie spricht über ihre neue Erzählung "Verglühte Schatten", die mit dem Abwurf der Atombombe auf Nagasaki einsetzt. Detlef Diederichsen porträtiert den amerikanischen Countrysänger George Jones. Daniel Schreiber führt durch eine Ausstellung des marxistisch und popkulturell inspirierten Künstlers John Miller in der Kunsthalle Zürich. Dirk Knipphals unterzieht das neue "Kindlers Literatur Lexikon" einem zweiten Praxistest. Besprochen werden weiter Thomas Kapielskis Geosophie "Ortskunde" und Slavoj Zizeks zornige Analyse des Status quo "Auf verlorenem Posten" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr)

Und Tom.

NZZ, 19.09.2009

Barbara Villiger Heilig , die Theaterkritikerin der NZZ, ist nicht überzeugt von Barbara Freys "Maria Stuart"-Inszenierung, ihrer ersten Arbeit als Intendantin des Zürcher Schauspielhauses: "Schillers großes Ideenstück verkleinert Barbara Frey zum psychologischen Politthriller. Nur ansatzweise lässt sie spüren, dass das Fallbeil über allen Personen hängt."

Weiteres: In der Rubrik "Mein Stil" erklärt Brigitte Kronauer den ihren. Georg Renöckl meldet, dass ein Neubau des Wien-Museums geplant ist. Gerhard Gnauck berichtet, dass die Polen ihren Patriotismus nun auch neuen Forman wie der Rockmusik und dem Comic ausleben. Joachim Güntner fragt nach den Fortgang des Berliner Schlossprojekts, nachdem das Kartellamt die Entscheidung für Franco Stella kassierte. Besprochen werden Cla Bierts Erzählband "Das Gewitter" und ein Band über den Bauingenieur Fritz Leonhardt in Stuttgart.

In Literatur und Kunst erinnert der Anglist Werner von Koppenfels an Samuel Johnson, der vor 300 Jahren geboren wurde. Jürgen Brocan erinnert an das Erscheinen von William S. Burroughs' Roman "Naked Lunch" vor fünfzig Jahren. Besprochen werden weitere Bücher. Und Urs Widmer betrachtet ein Gemälde von Valentin Lustig: "Hoka-Nenis unerwartetes Comeback".

Welt, 19.09.2009

In der Literarischen Welt stellt sich Henryk M. Broder hinter Leon de Winters "Recht auf Rückkehr", ein Buch, das seiner Meinung nach vorschnell als schwarzseherische Vision über Israels unsichere Zukunft abgetan wurde: "Seit vielen Jahren erleben wir eine Verlagerung der Debatte: Es geht nicht mehr darum, ob Israel sich im Falle einer Friedensregelung auf die Grenzen von 1967 zurückziehen sollte, es geht darum, ob es nicht ein Fehler war, Israel in Palästina anzusiedeln und wie dieser Fehler rückgängig gemacht werden könnte. Parallel zu dieser Debatte kommt es zu einer schleichenden, aber ebenfalls an Intensität zunehmenden öffentlichen Delegitimation Israels - nicht durch die Hamas, die Hisbollah und den iranischen Präsidenten, sondern durch kluge, sensible und kritische europäische Intellektuelle, deren Äußerungen man auch als seismografische Ausschläge der öffentlichen Meinung verstehen kann. Zuletzt hat der schwedische Schriftsteller Henning Mankell Israel das Existenzrecht abgesprochen."

Außerdem ist ein Vorabdruck aus der Familien- und Konzernbiografie "Flick" von Norbert Frei, Ralf Ahrens, Jörg Osterloh und Tim Schanetzky zu lesen. Eckhard Fuhr besucht das Dorf Bollschweil, Marie Luise Kaschnitz' selbsterklärte "Herzkammer der Heimat". Tilman Krause plädiert dafür, Stephan Thome den Buchpreis zu geben. Jörn Lauterbach bescheinigt im samstäglichen Restfeuilleton Harald Schmidt, alle Erwartungen übertroffen zu haben - ungefähr so wie Frank-Walter Steinmeier mit dem TV-Duell.

Besprochen werden Barbara Freys Inszenierung der "Maria Stuart" in Zürich, die Ulrich Weinzierl ausgeprochen unintensiv fand, und Andreas Kriegenburgs Berliner Einstandsinszenierung von Joseph Conrads "Herz der Finsternis" am Deutschen Theater, die Matthias Heine zu der Feststellung veranlasst: "Kriegenburg hat einen Stil, aber keine Masche."
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FR, 19.09.2009

Die Zerstörung der Schönheit, vulgo: Verschandelung durch den bürokratisierten Städtebau beklagen die Architekten Christoph Mäckler und Wolfgang Sonne vom Institut für Stadtbaukunst, wonach zum Beispiel ganze Gründerzeitviertel hinter Dämmstoffen zu verschwinden drohen. "Das staatlich subventionierte Ergebnis ist dabei nicht nur 'unschön', sondern auch konstruktiv nicht dauerhaft, es produziert die Sondermüllberge von morgen und zerstört schließlich das geliebte Straßenbild, das eine Identifikationsmöglichkeit für die Bewohner ist."

Weitere Artikel: Umzingelt von strahlenden Politikern auf Wahlplakaten fragt sich Marco Siebertz, wie viel Optimismus der Wähler eigentlich ertragen kann. In Times mager sinniert Christian Schlüter über das auseinanderklaffende Raubkopierverhalten von Chinesen und Deutschen und seine Beziehung zu Buchmesse und Gastländern. In ihrer Kolumne erklärt Marcia Pally, warum Kranke in den USA am besten zusehen, schleunigst ins Gefängnis zu kommen - dort wird man nämlich behandelt.

Besprochen werden die Inszenierung von Joseph Conrads "Herz der Finsternis" zur Neueröffnung des Deutschen Theaters in Berlin, das Stück "blutsbande" des Frankfurter theaterperipherie, Colum McCanns Roman "Die große Welt" und Tana Frenchs Krimi "Totengleich" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 19.09.2009

In der SZ am Wochenende denkt Dirk von Gehlen darüber nach, warum Menschen ihre persönlichen Daten trotz der Missbrauchsgefahr ins Netz stellen. Im fällt dabei der Zeitungsforscher Robert Eduard Prutz ein, der 1845 das damals junge Medium Zeitung mit "einem öffentlichen Tagebuch der Zeit" verglich, "'in welches sie ihre laufende Geschichte in unmittelbaren, augenblicklichen Notizen einträgt'. Lauscht man heute dem Selbstgespräch der Blogs und Twitter-Beiträge, stellt man fest: Es scheint eine Ader der von der Demokratisierung der Publikationsmittel bestimmten Internet-Zeit zu sein, dass Menschen trotz des beschriebenen Datenschutz-Dilemmas an diesem Gespräch teilnehmen wollen. Sie tun dies aus den gleichen Gründen, die Prutz für das Jahr 1845 analysierte. Weil sie im Dialog Bestätigung und gesellschaftliche Teilhabe erfahren."

Außerdem: Wolfgang Luef erzählt die Geschichte eines Gobelins, der einmal Goebbels gehörte. Pünktlich zum Wiesn-Auftakt ist erstmals auf Deutsch die Erzählung des amerikanischen Schriftstellers Tom Wolfe über das Oktoberfest 1982 zu lesen; ihr Titel: "Der gewaltige Schlund der Welt". Antje Wewer porträtiert die britische Schauspielerin Sally Hawkins ("Happy-Go-Lucky"). Und Denzel Washington spricht im Interview über Glauben und er erzählt, warum er die Rolle des korrupten Cops Alonzo, für die er den Oscar bekomment hat, überhaupt angenommen hat: "Mein ältester Sohn hat mich überredet. Er liest fast alle meiner Drehbücher und sagte damals: 'Daddy, so ein subtiles Arschloch hast du noch nie gespielt. Das musst du machen.'"

Im Feuilleton schildert Jörg Häntzschel in einer Reportage die Folgen der großen Law-and-Order-Welle in den USA, die seit Mitte der neunziger Jahre nach Jahren eskalierender Gewalt vor allem drakonische Gesetze für Sexualdelikte vervorbrachte, die verliebte Teenager zu Verbrechern stempeln. "Gründlich ruiniert" durch Wolfgang Tiefensee lautet Jens Biskys Diagnose zum Scherbenhaufen des Berliner Stadtschlossprojekts, das nun ganz von vorn beginnen müsse. Zwei Vorstände der Münchner Philharmoniker äußern sich zu den Vertragsverhandlungen mit Dirigent Christian Thielemann und zeigen sich vorsichtig optimistisch. Tobias Haberkorn informiert über die Entschädigung der Erbin eines jüdischen Sammlers durch Frankreich. Gratulationen zum 80. beziehungsweise 85. Geburtstag gehen an den Regisseur Vittorio Taviani und den Komparatisten Eberhard Lämmert.

Und auf der Wissensseite spricht der Sozialpsychologe Harald Welzer über sein zusammen mit Claus Leggewie herausgegebenes Buch "Das Ende der Welt, wie wir sie kannten".

Besprochen werden die neue CD "Truelove?s Gutter" des englischen Sängers Richard Hawley, die DVD-Box des aufwendig restaurierten Frühwerks von "Heimat"-Regisseur Edgar Reitz, die Weltpremiere des Live-Spektakels "Ben Hur" in London und Reinhard Mehrings Biografie (hier eine Leseprobe) über Aufstieg und Fall des Staatsrechtlers Carl Schmitt (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 19.09.2009

Karen Krüger begeht die Baustelle zu Orhan Pamuks "Museum der Unschuld", das man als Projekt aus seinem gleichnamigen Roman kennt und das er nun tatsächlich realisiert: "Seit Monaten treffen sich Pamuk und die Architekten regelmäßig. Das Arrangement der Objekte steht fest. Der Innenausbau soll demnächst in Angriff genommen werden. Fragt man Pamuk, warum er sich diese Mühe macht, antwortet er: 'Die Türkei hat keine Mona Lisa und keine weltberühmten Maler hervorgebracht. Aber wir haben eine wunderbare Alltagskultur, von der es sich lohnt zu erzählen.'"

Weitere Artikel: Marta Kijowska erinnert an den Selbstmord des polnischen Dichters Witkacy einen Tag nach dem sowjetischen Einmarsch vor siebzig Jahren - zuvor war er vor den Deutschen in den Osten Polens geflüchtet. In der Leitglosse beklagt Michael Hanfeld die unsicheren Zustände an deutschen Schulen. In seiner Gastrokolumne beschuldigt Jürgen Dollase die französische Spitzengastronomie der Mitschuld "am Aufkommen kräftiger Geschmacksbilder industrieller Art mit ihrer verhängnisvollen Auswirkung auf eine sensible Wahrnehmung". Andreas Kilb zieht eine Bilanz des Berliner Literaturfestivals. Auf der letzten Seite porträtiert Edo Reents den Musikmanager Helmut Fest und einige andere Akteure der verbleibenden Popindustrie.

Besprochen werden Barbara Freys Inszenierung der "Maria Stuart" in Zürich, ein Musical nach dem Film "Ben Hur" in London und Ereignisse des von Nike Wagner ausgerichteten Kunstfests "Pelerinages" in Weimar.

Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite bringt Tilman Spreckelsen anlässlich der neuen Beatles-CD-Box einen instruktiven Artikel über die Aufnahmetechniken der Band ("auch mit der Klarheit steht es nun tadellos: In 'The Night Before' zischt das finale 'Yes' ganz unerhört"). Besprochen werden außerdem eine Neuausgabe der CD mit Horowitz' Berliner Konzert von 1986 und eine Tangoplatte von Diego el Cigala.

In Bilder und Zeiten erinnert Julia Franck an das Erscheinen der "Blechtrommel" vor fünfzig Jahren: "In kaum einem Roman erscheint mir bis zum heutigen Tag das Obszöne der deutschen Gesellschaft im zeitlichen Umfeld des Nationalsozialismus so brillant dargestellt wie in diesem." Joseph Hanimann legt einen Essay über Urbanismus im Zeitalter der Megastädte vor. Hansgeorg Hermann besucht das Exarchia-Viertel in Athen, wo letztes Jahr wilde politische Unruhen tobten. Zu den besprochenen Büchern gehört Ulrich Raulffs Studie über die Rezeption Stefan Georges (Auszug, und mehr in der Bücherschau ab 14 Uhr). Für die letzte Seite hat sich Bert Rebhandl mit Pedro Almodovar unterhalten.

Für die Frankfurter Anthologie liest Ruth Klüger ein Lied von Georg Kreisler - "Die Hexe:

"(im Flüsterton zu sprechen)
Die Dame nebenan ist eine Hexe,
das hab ich längst heraus.
Sie malt am Abend kleine weiße Kleckse,
die wir nicht sehen, vors Haus. (?)"