Heute in den Feuilletons

Einen Polizisten neben jede Zwiebel

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.06.2009. In der taz erklärt der Filmemacher Mohsen Makhmalbaf, warum sich die iranischen Unruhen nicht mehr hauptsächlich gegen Achmadinedschad, sondern gegen Khamenei richten. Die Welt fragt, was eine Neuregelung der Honorare für Übersetzer diesen und der Literatur bringen wird. John Scalzi erklärt in seinem Blog, warum Debütautoren selten unter dreißig sind. Die FR liest Monika Marons neues Buch als Therapieversuch gegen den ostdeutschen Selbsthass.

TAZ, 24.06.2009

Der iranische Filmemacher Mohsen Makhmalbaf erklärt im Interview, was sich seiner Ansicht nach seit Freitag im Iran geändert hat: "Seit Freitag richtet sich die Bewegung zunehmend gegen Chamenei. Er hat kein religiöses Prestige mehr. In den Augen der Leute ist er ein Diktator. Das ist der historische Punkt, an dem wir die Gelegenheit haben zu bekommen, was wir wollen. Chamenei kontrolliert die Armee, die Medien, die Einnahmen aus dem Erdöl, die Außenpolitik. (...) Er wirkte im Hintergrund. Er kontrollierte und glich aus. Wie ein Vater. Aber seit letzten Freitag haben die Leute verstanden, dass Ahmadinedschad nur ein kleiner Sprecher von Chamenei ist. Und dass alles, was in den letzten Jahren im Iran passiert ist, auf Chamenei basiert. Seit Freitag steht das iranische Volk dem Hauptdiktator Chamenei gegenüber. Erstmals erschallt der Ruf: 'Nieder mit Chamenei!'."

Besprochen wird Philipp Sarasins Buch "Darwin und Foucault" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und Tom.
Stichwörter: Iran

Aus den Blogs, 24.06.2009

Robin Meyer-Lucht kam auf Carta bei den Diskussionen des Medienforums NRW folgende Erkenntnis: "Das Internet als Leitmedium und der Veränderungsbedarf aller Medieninstitutionen werden noch immer unter den Vorzeichen und mit der Sprache des klassischen Systems verhandelt. Die Umsatzkrise und die Einsicht in die Unzulänglichkeiten der eigenen Online-Strategien befördert eine latente Medienwandelkater-Agonie in erheblichen Teilen der klassischen Medienindustrie."

(Via Boingboing) John Scalzi erklärt auf seinem Blog, warum praktisch alle Autoren von Debütromanen über dreißig sind: "Finding an agent is a slog. One has to query the agent, wait to see if the query is accepted, and then if it is sample chapters and an outline go out in the mail. Then more waiting to see if the agent asks for more..."

Hm, das ist peinlich für Chris Anderson, den Erfinder des Long Tail, der nun in seinem neuen Buch den "freien Zugang" preist: "Wired Editor Steals Content for Book About How Content Should be Free", und zwar aus der Wikipedia, deren Copyright-Bestimmungen er damit verletzt, meldet Gawker mit Bezug auf die Virginia Quarterly Review.

Die Huffington Post zitiert in ihrem großartigen Blog zum Iran einen Artikel aus der iranischen Zeitung Kayhan, die dem Ayatollah Khamenei nahesteht. Der Artikel ist eine Attacke auf Mir Hossein Mussawi, und man vermutet, dass er die Grundlage für eine Verhaftung des Politikers legen soll.

Richard Schnabel hat im Redaktionsblog von Berliner-Journalisten.com Artikel zum Vorwurf an das Nokia Siemens Network zusammengetragen, es habe Überwachungstechnologie an den Iran geliefert. Das Wall Street Journal hatte die Geschichte aufgebracht. Nokia behauptet, diese Technologie sei "gemäß dem international anerkannten Konzept der 'gesetzmäßigen Kontrolle' an Iran geliefert worden: So dürfen auf diesem Wege Daten abgefangen werden, um Terrorismus, Pornographie, Drogenhandel oder sonstige kriminelle Aktivitäten zu bekämpfen." Dazu meint der Standard: "Die Definition der Frage, was 'kriminell' ist, obliegt den jeweiligen MachthaberInnen, einmal installiert gibt sie auch autoritären Regimen massive Möglichkeiten zur Unterdrückung der demokratischen Opposition an die Hand." Der Spiegel schreibt: "Der dementierte Vorwurf zeigt vor allem eines: Die Meinungen in der westlichen Welt, wie mit Iran umzugehen ist, gehen weit auseinander. Während die USA das Land schon in der Amtszeit Bill Clintons als 'Schurkenstaat' bezeichneten und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und der britische Premier Gordon Brown angesichts des iranischen Atomprogramms ein härteres Vorgehen gegen Iran fordern, lehnt Deutschland harte Sanktionen wie ein Embargo ab." Und der Guardian zählt weitere Firmen auf, die helfen, die Meinungsfreiheit zu unterdrücken.

Welt, 24.06.2009

Uwe Wittstock fürchtet, dass die inzwischen vor dem BGH ausgetragene Neuregelung der Übersetzer-Honorare dazu führen wird, dass nur die Übersetzer von Bestsellern mehr verdienen werden - in seinen Augen "kulturpolitisches Unheil": "Wer anspruchsvolle, aber meist nur in niedrigen Auflagen verkaufte Bücher übersetzt, würde dann so bezahlt wie zuvor."

Weitere Artikel: Zur Einstimmung auf den Bachmann-Wettbewerb sichtet Hendrik Werner schon mal die Videoporträts der Teilnehmer. Klaus Honnef beerdigt Kodaks legendären Film Kodachrome auf dem Friedhof der analogen Fotografie. Jürgen Lodemann macht sich für Albert Lortzing stark, der zu Unrecht als harmloser Lustspielkomponist abgestempelt worden sei. Matthias Heine stellt das Theater des Franzosen Philippe Qusne vor.

Besprochen werden die beiden Filme zur Autokrise "Transformers 2" und "Flash of Genius" (wobei Hanns-Georg Rodek vor allem den General-Motors-Protzfilm "T2" für einen echten Marketing-Gau hält), Christof Loys "Lulu"-Inszenierung in London und zwei Mangas, die ein recht unfreundliches Bild von Japans Comic-Industrie zeichnen.
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FR, 24.06.2009

Christoph Schröder liest Monika Marons neues Buch "Bitterfelder Bogen", in dem die Autorin über 20 Jahre nach "Flugasche" den Aufbruch in der einst schmutzigsten Stadt der Welt nachzeichnet: "'Es geht doch', könnte das beinahe ein wenig trotzige Fazit lauten. Und auch wenn 'Bitterfelder Bogen' weit weg ist von der Darstellung eines Idealzustandes oder eines Idylls - von Monika Maron hätte man ein solches Buch dennoch nicht erwartet; ein Buch, das als Therapieversuch gegen den von den Medien potenzierten ostdeutschen Selbsthass zu lesen ist."

Weitere Artikel: In Times mager verweist Harry Nutt auf einen Blogeintrag Paulo Coelhos, der auf dem inzwischen weltberühmten Handyvideo, das den Tod der jungen Iranerin Neda zeigt, einen Freund erkannt haben will - nämlich den Arzt, der versucht, Neda zu helfen. In der jüngsten Aktualisierung verspricht Coelho, Kontakt mit dem Arzt aufzunehmen. Gemeldet wird, dass Alexander Kluge den Adorno-Preis erhalten soll. Arno Widmann berichtet von einer Journalistenreise nach Peking auf Einladung der Frankfurter Buchmesse, bei der ihm ein Licht über Intellektuelle in Ost und West aufging.

Besprochen werden Inszenierungen des Bochumer k15-Festivals, ein Auftritt der Band Faith No More und Bücher, darunter Irene Disches Roman "Ein Job" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

NZZ, 24.06.2009

Der in St. Gallen Philosophie lehrende Dieter Thomä fordert Nachhilfe in Sachen Verantwortung für Banker und andere Leistungsträger: "Sie wussten sozusagen gar nicht mehr, wie Verantwortung 'geht'." Dirk Pilz verfolgt das Agora-Programm der Berliner Volksbühne, die den antiken Klassikern nach ihrer "einstigen Subversivität" forscht.

Besprochen werden die Uraufführung von Christian Josts "Hamlet" an der Komischen Oper Berlin, Martin Kohans Roman über argentinischen Fußball "Zweimal Juni", Anton Holzers Kriegsstudie "Das Lächeln der Henker" sowie Robert Proctors und Londa Schiebingers Studie zur Produktion von Ignoranz "Agnotology" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

FAZ, 24.06.2009

Swantje Karich berichtet aus eigener Erfahrung über immer selter werdende direkte Nachrichten aus dem Iran. Umso wichtiger werden die Internet-Plattformen: "Das Internet in Iran ist langsam. Und doch sind E-Mails meist die einzige Möglichkeit, um zu kommunizieren. Erstaunlicherweise versiegen die Videos auf Youtube nicht, vielmehr werden sie immer wichtiger. Sie dokumentieren die täglichen Straßenschlachten, die Morde der Bassij. 'Bitte glaubt alles, was ihr bei Youtube seht', schreibt mir ein Freund hastig. 'Wir finden immer Möglichkeiten, die Bilder zu senden - und sei es kommentarlos von den Firmencomputern unserer Unternehmen. Sie sind oft mit schnelleren Verbindungen ausgestattet.'"

Weitere Artikel: Paul Ingendaay informiert über den jüngsten ETA-Mord und erklärt, warum die Reaktionen darauf diesmal anders sind als gewöhnlich, nämlich weithin anti-nationalistisch. Mechthild Küpper denkt darüber nach, wie und wann die Stasi-Unterlagenbehörde in ein historisches Archiv überführt werden kann. In der Glosse rückt Tilman Spreckelsen die Verleihung des serbischen Literaturordens "Goldenes Kreuz des Fürsten Lazar" an Peter Handke in den rechten historischen Zusammenhang. Ausführlich weist Richard Kämmerlings auf den nunmehr als Blog Brief für Brief geposteten Goethe-Schiller-Briefwechsel hin. Gemeldet wird, dass der Richter die Klage des Rowohlt-Verlags gegen den Spiegel wegen Bruchs des Embargos für die Besprechung von Daniel Kehlmanns Roman "Ruhm" "eher skeptisch" sieht und die Kontrahenten deshalb zur gütlichen Einigung aufgerufen hat. Hannes Hintermeier würdigt in einem kurzen Nachruf die Autorin, Lektorin, Übersetzerin Angela Praesent. Bei den Geisteswissenschaften schreibt Friederike Reents über einen Kurs in Marbach, der auf die Frage "Schließen sich relevante Wissenschaft und Schreibenkönnen aus?" mit einem klaren Nein zu antworten bemüht war.

Auf der DVD-Seite werden unter anderem Editionen von Chantal Akermans Proust-Verfilmung "Die Gefangene" und Bruce McDonalds Splitscreen-Film "The Tracey Fragments" empfohlen.

Besprochen werden Ursula Meiers Spielfilmdebüt "Home" (Andreas Platthaus fühlt sich an Haneke erinnert, findet den Film aber fast noch besser), ein Konzert mit Ladyhawke und Katy Perry in Köln und Bücher, darunter Matthias Zschokkes Erzählung "Auf Reisen" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 24.06.2009

Auf der Seite 3 berichtet Cathrin Kahlweit in einer sehr lesenswerten Reportage über den Aufstieg der Rechten in Ungarn, die vor allem gegen die Roma zielen, obwohl das Land mit Finanz- und hausgemachter Politikkrise eigentlich genug zu tun hat: "Selbst die regierenden Sozialisten machen, nach ihrer desaströsen Niederlage bei den Wahlen zum Europäischen Parlament, inzwischen mit beim kollektiven Ablenkungsmanöver, das Politik durch Populismus ersetzt. Der junge, alerte Fraktionschef der MSZP, Attila Mesterhazy, der als nächster Parteichef gehandelt wird, nennt es einen der größten Fehler seiner Partei, dass sie "gesellschaftliche Probleme, konkret die Roma-Frage", nicht angesprochen habe. 'Es gibt ein Sicherheitsproblem in gewissen Regionen, in vielen Dörfern', und die Regierung habe diese Frage, die die Menschen bewege, nicht ins Zentrum gestellt. 'Da geht ein Mann zur Arbeit, und wenn er nach Hause kommt, ist sein Garten ausgeräumt. Aber er kann ja nicht zu Hause bleiben, um sein Hab und Gut zu schützen', sagt Mesterhazy, deshalb wolle er 'einen Polizisten quasi neben jede Zwiebel stellen'."

Im Feuilleton porträtiert Christine Dössel den Schauspieler Lars Eidinger, den man gerade an der Berliner Schaubühne als "entstellten Moppel-Hamlet" und als erfolglosen Architekten in Maren Ades Film "Alle Anderen" sehen kann: "Wenn Eidinger sich auszieht, dann mit Grund." In Andrian Kreye lösen die Videos aus dem Iran die Sehnsucht aus, "Teil einer gesellschaftlichen Bewegung zu werden, in der sich Relevanz und Wirkung von 1968 wiederfinden". Thomas Steinfeld meditiert anlässlich des wackligen Weltkulturerbe-Status des Dresdner Elbtals über Schönheit und Landschaft. Fritz Göttler hat die FBI-Akten über den Porno "Deep Throat" gelesen und stellt fest, dass dort auch der Name des Mannes auftaucht, der unter dem Decknamen Deep Throat die entscheidenden Hinweise für die Aufdeckung des Watergate-Skandals lieferte. Kia Vahland berichtet über ein interdisziplinäres Projekt im St. Gallener Kunstmuseum, das die Körpergefühle der Besucher analysiert. Till Briegleb resümiert das Festival Theaterformen in Hannover als "Festival der Schrullen". Eva-Elisabeth Fischer verabschiedet Sigrid Gareis als Intendantin des Wiener Tanzquartiers. Laura Weißmüller schreibt zum 70. Geburtstag des Aktionskünstlers HA Schult. Thomas Speckmann berichtet über die Antrittsvorlesung des Juristen und Wirtschaftswissenschaftlers Franz Böni als Honorarprofessor an der Universität Konstanz, bei der sich der frischgebackene Professor als Nachfahre von Piraten outete, die sich in der Schweiz niedergelassen haben.

Besprochen werden die Doppelschau "Monica Bonvincini / Tom Burr" im Kunstbau des Münchner Lenbachhauses, einige CDs und Bücher, darunter Wilhelm von Sternburgs Biografie Joseph Roths (Leseprobe, mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).