Heute in den Feuilletons

Wenn Kurse ausschlagen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.04.2009. Die taz kritisiert die DDR: Das war Liebesterror. Die Welt zeigt am Beispiel des Berliner Schlosses: Nun wird auch noch die Zivilgesellschaft verstaatlicht. Die SZ fragt: Wie ernst ist den Türken die Versöhnung mit den Kurden? Die Berliner Zeitung macht sich Sorgen um den Wissenschaftsjournalismus, die FAZ um einen ganz normalen Banker.

TAZ, 15.04.2009

Auf der Meinungsseite kann Kerstin Decker mit dem Satz "Die DDR war ein Unrechtsstaat" nichts anfangen. Für sie war die DDR eher eine Liebesbeziehung, die wegen mangelnder Fantasie des Liebhabers scheiterte: "Ja, warum das nicht zugeben, die Regierenden der DDR wollten dem Volk dienen: Wohnen für alle, Brot für alle, Bildung für alle. Und wem das nicht reichte, war der nicht wirklich böse, war der nicht ein Feind? Die alten Männer der DDR hatten nicht genug Fantasie, es anders zu denken. Und sie hatten nicht genug Einsicht, um zu begreifen, dass das, was als Notgemeinschaft, als Schicksalsgemeinschaft funktioniert, niemals einen modernen, demokratischen Staat tragen kann."

Dietmar Bartz hilft vier Tage lang bei der Erstversorgung geretteter Akten in Köln und hält in seinem Tagebuch fest: "Beim Sicherheitsdienst haben wir am Mittag eine Schweigeerklärung unterschrieben, nicht nur wegen des Datenschutzes: Die Stadt verbietet auch das 'Verfassen eigener Presseartikel', das Fotografieren. Und alle Informationen an die Medien müssen ausdrücklich genehmigt werden." Ach ja? Warum?

In tazzwei schreibt Stefan Spiegel über das Ende des Rap-Labels Aggro Berlin. Und Martin Reichert berichtet einen Skandal bei Amazon: Dort waren über Ostern plötzlich sämtliche Bücher mit schwullesbischem Inhalt aus den Rankinglisten verschwunden (Hortense hat bei Jezebel Amazons diverse Begründungen für diese "Panne" einer strengen Untersuchung unterzogen).

Außerdem: Jenni Zylka schreibt über die Verurteilung Phil Spectors wegen "Mordes mit bedingtem Vorsatz". Besprochen wird Paolo Sorrentinos Filmkomödie über Giulio Andreotti "Il Divo - Der Göttliche".

Und Tom.

Welt, 15.04.2009

Ein Triumph des Bürgersinns wird der Wiederaufbau des Schlosses in Berlin jedenfalls nicht, schreibt Eckhard Fuhr in der Leitglosse: die Bürger werden die geplanten 80 Millionen Euro aus Spenden kaum aufbringen, der Staat muss mal wieder einspringen: "Man soll nicht immer gleich das große Wort vom Paradigmenwechsel bemühen. Aber es fällt doch auf, dass in der Krise nicht nur der Markt, sondern auch die Zivilgesellschaft, seine sozialtheoretische Entsprechung, als Heilsquelle ziemlich ausgetrocknet erscheint."

Weitere Artikel: Wolf Lepenies gedenkt Alexis de Tocquevilles, der vor 150 Jahren gestorben ist. Hanns-Georg Rodek unterhält sich mit dem britischen Komödienautor Richard Curtis ("4 Hochzeiten und ein Todesfall") über seinen neuesten Film "Radio Rock Revolution", der von der großen Zeit der Piratensender in der Pop-Ära handelt. (Josef Engels bespricht den Film.) Michael Pilz schreibt eine Art Nachruf auf den prägenden Popproduzenten Phil Spector, der den Rest seiner Tage wegen Mordes im Gefängnis verbringen wird. Und Reinhard Wengierek besuchte ein Theaterfestival in Breslau.

Auf Seite 1 kommentiert Michael Miersch die Entscheidung der CSU-Ministerin Ilse Aigner gegen Gen-Mais: "Wieder hat die Angst gesiegt. Genauer gesagt, die Angst der CSU vor der Europawahl."Auf der Magazinseite berichtet Uwe Schmitt über das große Zeitungssterben in den USA. Auf der Meinungsseite macht Hans Christoph Buch Tendenzen der Demokratisierung in China aus.

NZZ, 15.04.2009

Felix Philipp Ingold fasst noch einmal die Recherchen des russischen Publizisten Iwan Tolstoi zum Kalter-Krieg-Krimi um die Veröffentlichung von Boris Pasternaks "Doktor Schiwago" zusammen. Zum einen hatte sich Pasternaks Geliebte Olga Iwinskaja mit dem KGB eingelassen, um den Autor zu schützen, zum anderen soll die CIA bei der Veröffentlichung des russischen Originals ihre Finger im Spiel gehabt haben gewesen sein. Und dass schließlich Feltrinelli die Drucklegung "handstreichartig" an sich gerissen hat, nimmt Ingold ihm übel.

Weiteres: Marc Zitzmann besucht die vor einigen Monaten eröffnete Rue du cinema im Pariser Forum des Halles, die nicht nur ein Multiplex, sondern auch eine Film-Bibliothek und ein Forum des images beherbergt.

Besprochen werden zwei in London gezeigte Stücke von Arthur Miller und Budd Schulberg zu Verrat und Korruption im New Yorker Hafenmilieu der fünfziger Jahre, Dieter Pohls Studie "Die Herrschaft der Wehrmacht", eine Textsammlung "Transit Teheran" und Anna Katharina Hahns Romandebüt "Kürzere Tage".
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Berliner Zeitung, 15.04.2009

Wissenschaftsseiten der Zeitungen machen sich gern zu Organen der Industrie (und verbreiteten zum Beispiel jahrelang die Propagandabotschaft der Mineralwasserindustrie, man solle so viel trinken wie möglich), schreibt Roland Mischke: "Vor allem freie Journalisten, die rückläufige Honorare hinnehmen müssen, suchen .. nach Möglichkeiten, ihr Einkommen aufzubessern. Da bieten sich PR-Agenturen an, auch Hochschulen und Forschungsinstitute lassen gern gegen Bezahlung schreiben."

Aus den Blogs, 15.04.2009

Via lawblog. Fünf der größten deutschen Provider wollen sich am 17. April vertraglich verpflichten, Kinderporno-Seiten auf ausländischen Servern zu blockieren, meldet Hayo Lücke bei Onlinekosten.de. In der c't haben Holger Bleich und Axel Kossel die Argumentation der Bundesfamilienministerin für die Sperren auseinandergenommen und weisen darauf hin, dass auch Unschuldige betroffen sein können: "Woran offenbar niemand gedacht hat, ist die Behandlung einmal gesperrter Seiten. Das BKA wird nicht verpflichtet, in der Folge zu prüfen, ob die Begründung für eine Sperre weiterhin besteht. Es sind auch keine Verfahren vorgesehen, über die Betreiber betroffener Seiten informiert werden oder aktiv werden können. Wie soll sich jemand verhalten, auf dessen Server etwa Hacker Kinderpornografie abgelegt haben oder dessen Website aufgrund von Verlinkungen über mehrere Ecken gesperrt wurde? Das Prinzip scheint zu lauten: einmal Kinderporno, immer Kinderporno."

Bei 3 quarks daily schreibt Krzysztof Kotarski über die Renovierung von Graffitis auf den Resten der Berliner Mauer. Dazu gibts sehr schöne Fotos.

Krimifan? Dann kennt BoingBoing DAS Geschenk für sie: blutige Badematten und Duschvorhänge. Total geschmackvoll!

FR, 15.04.2009

Simon Teune verteidigt die Globalisierungskritiker, denen etwa von Wolfgang Kraushaar in der FR vorgeworfen wurde, ziemlich wenig Vorschläge parat zu haben: Gegenwärtig hätten ihre langjährigen Forderungen sehr "realpolitische Stahlkraft". Micha Brumlink preist Winfried Hassemers Buch "Warum Strafe sein muss", das ihm zeigte, wie human und klug das Strafrecht ist. Eva Schweitzer meldet, dass das YouTube-Orchester heute seinen großen Auftritt in der New Yorker Carnegie Hall haben wird.

Besprochen werden die Ausstellung zum kalifornischen Fotorealismus im Deutschen Guggenheim (die Arno Widmann mal umwerfend, mal erschreckend biedermeierlich fand) und Bücher, darunter Peter Idens Interviews "Vom Glück, ein Künstler zu sein", Alice Schmidts Tagebücher und Edward Bunkers erster Roman "Lockruf der Nacht" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

SZ, 15.04.2009

Kai Strittmatter porträtiert die kurdische Sängerin Rojin, die gerade den vom türkischen Staat gegründeten kurdischsprachigen Sender TRT verlassen hat: Was erst aussah, wie eine Versöhnungsgeste des türkischen Staates gegenüber den Kurden, war wohl doch keine. "Sie warf dem Staatsfernsehen Zensur vor. Es habe ein Klima des Misstrauens geherrscht, Gäste seien nicht akzeptiert worden: 'Man hat meine Sendung wie ein potentielles Verbrechen und mich wie eine potentielle Verbrecherin behandelt.'"

Weitere Artikel: Nach Nicholson Bakers "Menschenrauch" hat jetzt auch der schwedische Historiker Peter Englund ein Buch vorgelegt, das Geschichte - diesmal geht es um den Ersten Weltkrieg - nicht mehr als Rückblick auf etwas Abgeschlossenes beschreibt, sondern gewissermaßen als tägliches Miterleben, berichtet Thomas Steinfeld, den dabei ein unangenehmer Gedanke anweht: "Wenn aber die Geschichtslosigkeit unserer Zeit den Historismus hervorbringt - wovon zeugt es dann, wenn der Historismus durch eine Vergegenwärtigung der Vergangenheit kassiert wird? Von plötzlichem Stillstand?" Die Erben von George Grosz verklagen das Moma auf Herausgabe von drei Bildern des Künstlers, berichtet Kia Vahland (mehr dazu hier). Der Theaterregisseur Nicolas Stemann versucht im Interview, Elfriede Jelineks neues Stück "Die Kontrakte des Kaufmanns", das am Donnerstag in Köln Premiere hat, zu erklären. Holger Liebs mokiert sich über das "ergebene Stammeln" der Kunstkritik im Katalog zur Martin-Eder-Ausstellung in Dresden. Kia Vahland schreibt zum Siebzigsten des italienischen Historikers Carlo Ginzburg. Fritz Göttler schreibt zum Tod der "Porno-Ikone" Marilyn Chambers (mehr bei Bild. Es gibt außerdem ein umwerfendes Interview mit Chambers aus dem Jahr 1977 bei Youtube: Sie spricht vollkommen natürlich und frei und flirtet dabei mit dem Zuschauer, während der Interviewer krampfhaft versucht mitzuhalten).

Auf der Medienseite erklärt Thomas Schuler was "Crowdsourcing" ist - Recherche mit Hilfe der Leser (mehr dazu bei Jeff Howe, der das Phänomen in einem Buch beschrieben hat, und bei dem Journalisten Robert Niles). Die Amerikaner haben damit so interessante Erfahrungen gemacht, dass sie Crowdsourcing bereits an den Journalistenschulen in Harvard und Columbia lehren.

Besprochen werden die Ausstellung "Künstlerfürsten: Liebermann, Lenbach, Stuck" im Max-Liebermann-Haus am Brandenburger Tor, Richard Curtis' Film "Radio Rock Revolution" über den 1964 gegründeten britischen Piratensender Radio Caroline (für Susan Vahabzadeh waren das noch echte "Kämpfer gegen jede Konvention", während heutige Piraten - gemeint sind Raubkopierer - nur eine "relativ gedankenfreie Gratismentalität" vorzuweisen haben), einige CDs und Bücher, darunter Dragan Velikic und sein Roman "Das russische Fenster" und Daniela Danz' Gedichtband "Pontus" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 15.04.2009

Hannes Hintermeier hat einen ganz normalen Banker getroffen und erzählt aus seinem Hundeleben: "Lesen kann er schon lange nicht mehr, wenn, dann nur vollkommen Unverbindliches, das ihn nicht berührt. Sein Mobilgerät programmiert er so, dass es ihn zu jeder Nachtzeit weckt, wenn Kurse ausschlagen. Wenn einer seiner Kunden kaufen und verkaufen wollen könnte. So wird die Nacht zum Ebenbild des Tages. Bis der Körper nicht mehr mitmacht, weil die Seele rebelliert." In Frankfurt geht's zu!

Weitere Artikel: In ganz kurzen Sätzen. Bespricht der Ex-Spiegel-Chef Stefan Aust. Das Reich-Ranicki-TV-Biopic. Er findet es gut: "Ein dezenter Film, irgendwie cool, würde man heute sagen. Trotz des Themas." In der Glosse schildert Kerstin Holm, wie sich die russischen Oligarchen von der Krise, die auch sie hart trifft, die Laune nicht vermiesen lassen. Auf der Medienseite berichtet Robert von Lucius über Probleme mit der Pressefreiheit in Namibia. In der geisteswissenschaftlichen Abteilung wird ein Vortrag zum Verhältnis von Humboldt und Bologna gekürzt abgedruckt, in dem der Soziologe Uwe Schimank zu einer wenig ermutigenden Diagnose kommt: "Das Alte und das Neue prallen aufeinander, aber beide taugen nichts."

Auf der DVD-Seite zeigt sich Michael Althen beeindruckt von Brian De Palmas nie in deutsche Kinos gelangter Irak-Kriegs-Pseudo-Doku "Redacted". Eric Pfeil kann den Wahnsinn von Wenzel Storchs genialischer Bastelarbeit "Die Reise ins Glück" kaum fassen. Außerdem: dreimal John Rabe und Köln auf DVD.

Besprochen werden Robert Wilsons und Rufus Wainwrights Shakespeare-Sonett-Stück am Berliner Ensemble ("harmlos heiterer Ringelpiez", meint eine wenig begeisterte Irene Bazinger), die Ausstellung "The Generational: Younger Than Jesus" im New Museum New York, Paolo Sorrentinos Andreotti-Film "Il Divo" und Bücher, darunter Mordecai Richlers Roman "Der Traum des Jakob Hersch" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).