Heute in den Feuilletons

Sicher ein herber Schlag

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.02.2009. In der SZ kann der Frankfurter Autor Martin Mosebach den Wegzug der Institution des Geistes Suhrkamp nicht recht bedauern. Im Spiegel kann der katholische Autor Martin Mosebach den Geist der Institution Kirche nur verteidigen. In der FR mahnt Niall Ferguson: "Schulden müssten abgebaut, nicht noch weiter angehäuft werden." In der NZZ meint Werner Bergmann vom Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung: Den Antisemitismus unter Muslimen muss man differenziert sehen.

FR, 09.02.2009

Als große Repression bezeichnet Niall Ferguson, wie die westliche Welt vor ihrem gigantischen Schuldenberg die Augen verschließt: "Schulden müssten abgebaut, nicht noch weiter angehäuft werden. Zwei Schritte sind vonnöten. Zunächst müssen Banken, die de facto insolvent sind, umstrukturiert werden - ein Wort, das dem altmodischen Begriff der 'Verstaatlichung' vorzuziehen ist. Aktionäre werden sich mit dem Gedanken abfinden müssen, dass ihr Geld verloren ist. Schlimm zwar, aber sie hätten die Leute, die sie mit der Geschäftsführung ihrer Banken betraut haben, besser im Auge behalten sollen. Die Regierung übernimmt die Kontrolle im Austausch mit einer kräftigen Kapitalspritze, nachdem die Verluste angemessen abgeschrieben wurden. Obligationen werden entweder durch einen Debt-Equity-Swap in Beteiligungen umgewandelt oder nehmen Abschläge von 20 Prozent hin - sicher ein herber Schlag, aber nicht zu vergleichen mit den Verlusten, die durch den Konkurs von Lehman Brothers entstanden sind."

Für einen veritablen Bären-Anwärter hält Daniel Kothenschulte auf der Berlinale-Seite Hans-Christian Schmids Drama um die Ahndung von Kriegsverbrechen in Bosnien: "Der einzige Buhrufer im Saal war vermutlich ein Serbe."

Sandra Danicke besucht die Art Rotterdam. Rainer Nonnenmann war auf dem Festival Eclat für Neue Musik. Katrin Hillgruber hat sich eine Tagung zum Verlegen von Literaturzeitschriften angehört. In Times mager übt sich Peter Michalzik in Doppelungen.

Spiegel Online, 09.02.2009

Hat Benedikt die Exkommunikation der Lefebvristen aufgehoben, um Schlimmeres zu verhüten? Der katholische Schriftsteller Martin Mosebach verteidigt (nur im Print) den Papst: "Die Wiederherstellung des sakralen Gesichts der Kirche muss den meisten 'weltlichen' Beobachtern ein fremdartiges und unverständliches Ziel bleiben. Dass die Wiedergewinnung der liturgischen Identität ein großes Opfer wert sein könnte, werden wahrscheinlich erst spätere Generationen begreifen."
Stichwörter: Martin Mosebach

Welt, 09.02.2009

Auf der Forumsseite wehren sich Monika Deutz-Schroeder und Klaus Schroeder, Verfasser der Studie "Soziales Paradies oder Stasi-Staat? Das DDR-Bild von Schülern - ein Ost-West-Vergleich" gegen einen Angriff auf die Ergebnisse dieser Studie in der FAZ (hier als pdf). "Vor wenigen Tagen durfte Martin Sabrow, einer der profiliertesten linken Geschichtspolitiker, dort mit sinnentstellenden und irreführenden Interpretationen unsere Ergebnisse banalisieren. Sabrow greift eher nebensächliche Resultate unserer Schülerbefragung in einigen ost- und westdeutschen Ländern heraus, unterschlägt aber zugleich die zentralen Befunde. Seine Schlussfolgerungen laufen auf eine achselzuckende Akzeptanz des über das kommunikative Alltagsgedächtnis vermittelten Geschichtsbewusstseins der Schüler hinaus und bagatellisieren die Nachlässigkeiten von Bildungsinstitutionen und Lehrern - vor allem in Ostdeutschland - bei der Beschäftigung mit der DDR. Der FAZ-Leser erfährt nicht, was uns und eine breite Öffentlichkeit tatsächlich erschreckt hat: Viele Schüler sind nicht in der Lage, zwischen Demokratie und Diktatur zu unterscheiden, und wissen nicht, was beide Systeme kennzeichnet."

Im Feuilleton erzählt Gerhard Midding eine faszinierende Geschichte am Rande der Auseinandersetzungen um Bertrand Taverniers Film "In the electric mist". Tavernier und sein amerikanischer Coproduzent Michael Fitzgerald hatten sich über das Recht am Final Cut überworfen. "Taverniers wichtigster Bündnispartner war Patrick Binet, der Chef des TV-Senders TF1, der zwei Drittel des Budgets beigesteuert und die Anwaltskosten im Rechtstreit mit dem US-Produzenten bezahlt hat. Am 17. April 2008 traf sich der Regisseur mit Binet, um die weitere Strategie zu besprechen. Der Abend sollte eine Wendung nehmen, die Chabrol, den maliziösen Chronisten der bürgerlichen Sitten, gewiss fasziniert hat. Wie Le Journal de Dimanche und Le Point am folgenden Wochenende berichteten, wachte Binet am Morgen danach neben der Leiche eines hochrangigen Beamten aus dem Kulturministerium auf. ..."

Weitere Artikel: Kaum weniger faszinierend sind die Streitigkeiten, die mit dem Umzug Suhrkamps nach Berlin verbunden sind, wie Uwe Wittstock berichtet. Nicht schick, aber geschichtsträchtig findet Tilman Krause das neue Domizil des Suhrkamp Verlags in der Berliner Brüderstraße. Hannes Stein schickt einen Brief aus New York.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Plastiken und Pastellen von Edgar Degas in der Hamburger Kunsthalle, der Briefwechsel zwischen Marion Gräfin Dönhoff und Carl Jacob Burckhardt, David Böschs Inszenierung von Hauptmanns "Vor Sonnenaufgang" und die Ausstellung "New Urbanity" im Frankfurter Architekturmuseum.

Auf der Berlinaleseite geht's um die deutschen Filme "John Rabe" und "Sturm", die Wettbewerbsfilme "Über Elly" und Rage" sowie um "Mammoth".
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NZZ, 09.02.2009

Im Interview mit Joachim Güntner sieht Werner Bergmann vom Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung keine Zunahme der Judenfeindschaft, aber eine "verstärkte Artikulation". Dass unter muslimischen Einwanderer der Hass auf Israel steigt, kann er nicht feststellen: "Dies ist gut möglich, doch fehlen, wie gesagt, noch genauere Analysen. Zu den antiisraelischen Demonstrationen wären des Gazakriegs äußert er sich höchst vorsichtig: "Empirische Untersuchungen in Frankreich zeigen uns ein sehr differenziertes Bild. Ich wäre deshalb mit Pauschalisierungen vorsichtig. Man muss sich vor allem davor hüten, den Antisemitismusvorwurf zu nutzen, um ein Unbehagen über die Zuwanderung zu legitimieren, indem man Muslime pauschal zu Antisemiten und Frauenfeinden macht."

Weiteres: Martin Meyer spaziert durchs winterliche Moskau. Besprochen werden eine Ausstellung des Barockmalers Pompeo Batoni im Palazzo Ducale in Lucca und zwei Operninszenierungen von Christof Loy: Strauss' "Arabella" in Frankfurt und Tschaikowskys "Pique Dame" in St. Gallen.

SZ, 09.02.2009

Der Frankfurter Schriftsteller Martin Mosebach bezieht trotzig Position zum Umzug des Hauses Suhrkamp: "Und könnte es nicht sein, dass gerade das Desinteresse einer Stadt an den Künsten für den Künstler von großem Vorteil wäre? Wo es kein kulturelles Milieu gibt, kann es auch nicht umarmen oder ersticken. Nützen können dem Künstler vor allem die Städte, die ihn nicht brauchen."

Weitere Artikel: Johan Schloemann lauschte der Rede Jose Manuel Barrosos zur Eröffnung des "Center for Advanced Studies" der Universität München. Henning Klüver berichtet, dass sich die italienischen Intellektuellen (inklusive Eco und Magris) unter dem Motto "Liberta e Giustizia" gegen Berlusconi formieren. Gemeldet wird, dass Walter Jens offensichtlich früher von seiner NS-Mitgliedschaft wusste als er immer beteuert hatte. Georg Diez und Fritz Göttler berichten von der Berlinale. Tobias Kniebe hat hier die neuen Filme von Hans-Christian Schmid gesehen. Harald Eggebrecht meldet, dass der junge Simon Gaudenz den deutschen Dirigentenpreis gewonnen hat. Henning Klüver fragt, ob eine neu aufgetauchte Zeichnung zum Bau der Peterskirche möglicherweise von Michelangelo ist. Gemeldet wird, dass Adolf Muschg von Suhrkamp zu Beck geht und dass ein Kunstsammler die Verlage Merve und Fundus stützen wird.

Besprochen werden Kleists "Zerbrochener Krug" am Münchner Residenz Theater, eine Beckett-Variation von Peter Handke am Berliner Ensemble, Opern-DVDs, die Ausstellung "Rothko / Giotto - Die Berührbarkeit des Bildes" in Berlin und Bücher, darunter Oliver Maria Schmitts Roman "Der beste Roman aller Zeiten".

TAZ, 09.02.2009

Das Labor Berlin wird auch Platz für den Suhrkamp Verlag haben, ist sich Dirk Knipphals sicher: "Eine jede Institution bastelt sich hier ihren ganz eigenen Identitätsmix zusammen, bestehend aus verschiedenen Anteilen Avantgardebewusstsein und Tradition. So wie der Freistaat Bayern sein 'Laptop und Lederhosen' pflegt man in der Hauptstadt die Verknüpfung von Internetboheme und Gründerzeit- oder Preußenambiente."

In Frankfurt dagegen herrscht Fassungslosigkeit, weiß Christoph Schröder zu berichten und kann folgende Rechnung kolportieren: "Durch den Verkauf des Frankfurter Verlagshauses werde die Verlegerin an Geld kommen, mit dem sie ihre Einlage in der Kommanditgesellschaft erhöhen könnte. Dann müssten die anderen Anteilseigner mitziehen. Dafür allerdings würden, so wird weiter spekuliert, dem ungeliebten Stiefsohn die Mittel fehlen, wodurch er gezwungen wäre, billig zu verkaufen. Wie genau sich das mit der Kommanditgesellschaft verhält, weiß aber niemand."

Ulrich Gutmair unterhält sich mit dem israelischen Dokumentarfilmer Yoav Shamir über seine seinen Film "Defamation" und den Antisemitismus. Maxi Obexer hat im Berlinale Panorama Wolfgang Murnbergers Steiermark-Groteske "Der Knochenmann" angesehen.

Und Tom.

FAZ, 09.02.2009

Christian Geyer kann sich nur wundern über das, was der Autor Martin Mosebach in einem Spiegel-Artikel über die Pius-Brüder die "katholische Mentalität" nennt: "Katholische Mentalität heiße, im Blick aufs Ultramontane 'mit einem kleinen Teil des Bewusstseins nicht Deutscher, nicht Zeitgenosse, nicht Erdenbürger zu sein'. Haben wir so gewettet, als wir die die Wette auf Gott abschlossen? ... Wie sollte das möglich sein, sich aus höherer metaphysischer Einsicht aus seiner Zeitgenossenschaft zu stehlen, aus den Bezügen von Recht und Kultur und Politik - und sei es mit einem klitzekleinen Bewusstseinszipfel nur? An solche Zipfel hängen sich Esoteriker aller Couleur, politische Romantiker und hohnlachende Dezisionisten." Hubert Spiegel war dabei, als der deutsche Oberpius Schmidberger Rom und der Welt erklärte, dass der Weg der Piusbrüder der allein selig machende Pfad zu Gott ist.

Weitere Artikel: Marcus Jauer hat sich das Nicolaihaus in der Berliner Brüderstraße angesehen, in das im nächsten Jahr der Suhrkamp-Verlag zieht. Felicitas von Lovenberg kuckt sich währendessen in Frankfurt um, um zu schauen, wie es den anderen dort ansässigen Verlagen so geht. Oliver Tolmein findet an der Polizeiverfügung gegen den Suizidhelfer Roger Kusch alles rechtens. In französischen Zeitschriften liest Jürg Altwegg viel über Streit um Nachlasstexte von Roland Barthes. Zum Geburtstag gratuliert die FAZ heute der Schriftstellerin Barbara Honigmann (60), der Sängerin Roberta Flack (70) und der Sopranistin Siw Ericsdotter (90). Dem Komponisten Klaus Huber gratuliert sie zum Siemenspreis. Auf der Medienseite beschreibt Karl-Peter Schwarz, wie in Tschechien die Pressefreiheit immer stärker eingeschränkt wird.

Auf der Berlinale-Seite informiert Peter Körte über neue deutsche Filme von Hans-Christian Schmid ("Storm"), Sebastian Schipper ("Mitte Ende August") und Florian Gallenberger ("John Rabe"). Sehr begeistern kann sich Rüdiger Suchsland für den vierstündigen japanischen Forumsfilm "Love Exposure". Kurz notiert Michael Althen, was er von den Wettbewerbsfilmen "Ricky" (von Francois Ozon) und "In the Electric Mist" (von Bertrand Tavernier) hält: wenig vom ersten, viel vom zweiten. Andreas Platthaus stellt Dan Geesin vor, der die Tonspur zu "Kan door huit heen" (Kann durch Haut gehen) der niederländischen Regisseurin Esther Rots erstellt hat. Außerdem kann er sich und uns erklären, warum man bei der Berlinale oft so lang am Einlass warten muss (hat was mit Akkreditierungen zu tun).

Besprochen werden die Ausstellung "Unveiled: New Art from the Middle East" in der neuen Londoner Saatchi-Galerie, und Bücher, darunter Stefan Beuses neuer Roman "Alles was du siehst" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Schließlich verweisen wir noch auf Frank Schirrmachers Kommentar zum Suhrkamp-Umzug aus der Sonntags-FAZ.