Heute in den Feuilletons

Angst vorm Zweibettzimmer

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.07.2008. In der Welt verteidigt der Soziologe Gerhard Schulze die Rentnerin Bettina S., die sich aus Angst vor dem Pflegeheim das Leben nahm. Die FR vermisst in Peking die typischen Siheyuan der Hutongs. In der NZZ prangert der algerische Autor Rachid Boudjedra die Mitschuld des Westens am Zustandekommen des Islamismus an. Die FAZ insistiert: Türkische Mädchen haben ein Recht auf Deutschunterricht.

Welt, 14.07.2008

Im Forum legt der Soziologe Gerhard Schulze einen bemerkenswerten Essay zur Verteidigung der Rentnerin Bettina S. vor, deren Freitod so heftig diskutiert wird. Und dabei argumentiert er recht pragmatisch mit Ängsten, die jeder hat, dem das Pflegeheim blüht, etwa der Angst vorm Zweibettzimmer: "Jeder Gefängnisinsasse lebt menschenwürdiger, denn er darf alleine in seiner Zelle hausen und es sich dort gemütlich machen. Im Pflegeheim dagegen droht der völlige Verlust der Privatsphäre. Mit einer wildfremden Person zusammengepfercht, deren Präsenz man nun tagein, tagaus ertragen muss: Allein das schon ist - von allen anderen Gräueln abgesehen - ein Grund, das Heim abzulehnen."

Fürs Feuilleton wandelt Ulli Kulke mit Interesse durch die Ausstellung über die Kulturgeschichte des Klimas im Dresdner Hygienemuseum, aber er wirft den Ausstellungsmachern auch vor, die gegenwärtige Debatte über den Klimawandel nicht nachzuvollziehen: "Sie haben das Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und andere Institute mit ins Boot geholt, die hierzulande alle zu den lautesten Warnern vor der Erderwärmung zählen. Sie haben darauf verzichtet, auch andere seriöse, aber leisere Wissenschaftler einzubeziehen; etwa die der nicht ganz unbedeutenden Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR)."

Lutz G. Wetzel fragt in einem informationsreichen Artikel nach dem Fortgang der Tucholsky-Gesamtausgabe, an der schon seit dreißig Jahren gearbeitet wird, und er besucht die Mitherausgeberin Antje Bonitz. Nebenbei erfährt man, wie man heute versteckte Zitate Tucholskys rekonstruiert: "Ohne die Internet-Suchmaschine Google wäre die Kommentierung nicht möglich gewesen. Erst durch die Eingabe von Zitat-Fragmenten konnte festgestellt werden, dass Tucholsky Bücher wie 'Das Geschlechtsleben der Hysterischen' oder 'Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens' gelesen hat."

Weitere Artikel: Marko Martin kommentiert Meldungen über Kafka-Material, das von Max Brods Witwe in Tel Aviv zurückgehalten worden sei. Jenni Roth erzählt anlässlich der Musicalverfilmung von "Mamma mia" nochmal die Erfolgsgeschichte der Band Abba. Bewegt berichtet Manuel Brug über eine Hommage, die Martha Argerich ihrem heute fast vergessenen, an Parkinson erkrankten Kollegen Alexis Weissenberg in Lugano darbrachte. Peter Dittmar erinnert an die Gleichschaltung der Filmindustrie durch die Nazis vor 75 Jahren. Besprochen werden DVDs, unter anderem von Monte Hellmans Film "Asphaltrennen", von "Ocean's Eleven" in der Ursprungsversion mit Frank Sinatra und von Douglas Sirk-Filmen.

TAZ, 14.07.2008

Die Depression als Volkskrankheit ist eine Begleiterscheinung der Demokratie, diagnostiziert der französische Soziologe Alain Ehrenberg im Gespräch mit Juliane Rebentisch und Felix Ensslin: "Die Melancholie war die Krankheit des Ausnahmemenschen. In der Demokratie soll nun jeder prinzipiell ein Ausnahmemensch sein können. Mit dieser Demokratisierung verliert die Melancholie aber ihre heroischen Momente, sie wird zur Depression, zu einer bloßen Krankheit."

Linz bereitet sich mit einem dreifaltigen Kunstmarathon auf das nächste Jahr als Kulturhauptstadt vor. In der zweiten Etappe geht es jetzt unter die Erde, berichtet Brigitte Werneburg. "Um es gleich zu sagen: Das Erlebnis des 'Tiefenrauschs' lohnt. Ob 'Strom des Vergessens' im sogenannten Aktien-Keller oder das 'Museum der Unterwelten' im OK, die Ausstellungen und Führungen (etwa in die Krypten der verschiedenen Kirchen oder Wasserspeicher der Stadt) überzeugen. Vielleicht, weil der Gang unter die Erde nie die orphische Prozession zu Ursprung und Erbsünde meinte."

Weiteres: Andreas Klaeui fühlt sich auf dem Theaterfestival von Avignon mit seinen Dutzenden von Einzelproduktionen wie auf dem Karneval. Auch die Wissenschaft hat ihre Heiligtümer, erfährt Lana Stille vom Zahlentheoretiker Peter Ripota in der zweiten taz, nur werden sie noch eifersüchtiger bewacht als die religiösen. Besprochen wird Carla Brunis drittes Album "Comme si de rien n'etait".

Und Tom.

FR, 14.07.2008

Lange stand Schanghai im Zentrum von Chinas urbaner Entwicklung. Wie Robert Kaltenbrunner bemerkt, hat sich das nicht nur mit Olympia gewaltig geändert: "Nirgendwo ist die Gier nach Land größer als in Peking: In der ewig wachsenden Stadt steigt der Wert des Grundbesitzes um 15 Prozent pro Jahr. Familien, die seit Generationen in den typischen Siheyuan der Hutongs leben, in denen alle Räume um einen Hof herum gruppiert sind, waren akut bedroht von einer explodierenden Stadtentwicklung. Jenes von Nostalgie nicht ganz freie Flair und Ambiente der alten Kaiserstadt mit ihren verschachtelten Hutongs, die der Besucher der Olympiastadt sich erhoffen mag, ist längst im Verschwinden begriffen. In rasantem Tempo werden Gebäude abgerissen und neue errichtet, wovon das weiße Schriftzeichen chai (für Abriss) auf alten Häusern und die vielen Baukräne eindrucksvoll Zeugnis ablegen."

In der Times mager freut sich Arno Widmann über die Wahl von Salman Rushdies "Mitternachtskinder" zum besten Booker-Prize-Buch, für das Rushdies Agent gerade mal einen Vorschuss von 1500 Pfund ausgehandelt hatte. Besprochen werden eine Ausstellung fantastischer Kunst in der Berliner Sammlung Scharf-Gerstenberg, Hans Jansens Biografie des Propheten Mohammed und Christiane Hoffmanns Buch "Hinter den Schleiern Irans".
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NZZ, 14.07.2008

In der Reihe "Perspektiven auf den radikalen Islamismus" schreibt heute der algerische Autor Rachid Boudjedra, der den radikalen, politisierten Islam vor allem für eine Folge westlicher Politik hält: "Das humane Antlitz des Islam ist von muslimischen Herrschern ebenso wie durch die Blindheit des Okzidents entstellt worden. Der Westen ließ sich von seiner Begierde nach Macht und Rohstoffen und von der eigenen Überheblichkeit leiten und erhielt dabei Schützenhilfe durch repressive und ignorante arabische Regime, die auch keine Hemmungen kannten, gegen ihre eigenen Bürger und Glaubensbrüder vorzugehen. Nebst Saudiarabien wäre hier etwa Ägypten zu nennen, das seit rund vierzig Jahren von General Mubarak (er selbst zieht den Titel Präsident vor) mit eiserner Hand regiert wird und wo Notstandsgesetze seit 28 Jahren Normalzustand sind. Diesen Diktator aber betrachtet man im Westen vielerorts als Moderaten und als unschätzbaren Alliierten."

Weiteres: Claudia Schwartz unternimmt eine Ortsbestimmung Berlins zwischen Hauptstadtwillen und Metropelenfantasie und stellt klar: "Berlin ist keine Stadt der Eliten, sondern eine, wo die Gewerkschaft Ver.di das Sagen hat." Nach dem Konzertabend des "Progetto Martha Argerich" in Lugano schwärmt Hans Jörg Jans von der exponentiellen Entwicklung des Kulturlebens in der Bankenstadt.

Besprochen werden die Ausstellung "split horizon" zu Rolf Winnewisser im Aargauer Kunsthaus Aarau sowie eine Aufführung von Debussys "Martyre de Saint Sebastien" mit dem Tonhalle-Orchester in Zürich.

SZ, 14.07.2008

Abgedruckt wird ein Vortrag des Architekturhistorikers Wolfgang Pehnt, der in der Sehnsucht nach rekonstruierten Schlössern und der Erhaltung pseudohistorischer Zuschauersäle eine Retro-Sehnsucht nach Geborgenheit erkennt. "Historisierende Fiktionalisierung nimmt nicht die Moderne zurück. Sie ist selbst Ausdruck der Modernisierung, in der Willkür ihrer Wahlakte und Vorlieben, in dem Herrengestus, mit dem beliebige Bauzeugen über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg zurückkommandiert werden, in der Machbarkeit von allem und jedem. Ein Blick in die schönen alten Stichwerke, in Braun-Hogenberg oder Matthäus Merian, und die Begehrlichkeiten sind geweckt."

Weitere Artikel: Jens Bisky meldet erfreut: Die Palastrevolution (mehr hier und in der FAZ) der Vertreter von "Biedersinn und Treuherzigkeit" gegen die Leitung des Marbacher Literaturarchivs ist ausgeblieben. Hans Jörg Jans berichtet von der siebten Ausgabe des Lugano-Projekts der großen Pianistin Martha Argerich. Den Bau des jetzt in Stralsund eröffneten "Ozeaneums" (Website, Bild des Entwurfs) begreift Till Briegleb als architektonische "Hommage an das Meer". In den Nachrichten aus dem Netz schildert Tobias Moorstedt die effiziente Internet-Verwurzelung der Barack-Obama-Kampagne. In der DVD-Kolumne schreibt Fritz Göttler über Filme von Joseph Losey, D.W. Griffith und Ernst Lubitsch. Jonathan Fischer informiert über ein Phänomen, das bisher als Widerspruch in sich galt: schwarze Country-Musik.

Auf der Literaturseite berichtet Hans-Peter Kunisch vom Berliner Poesiefestival. Rezensionen gibt es zu Michaela Karls historischer Darstellung "Die Münchner Räterepublik" und einer neuen deutschen Übersetzung von Hugo Claus' Roman-Klassiker "Der Kummer von Belgien" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Besprochen wird die große Lovis-Corinth-Ausstellung in Leipzig.

FAZ, 14.07.2008

Wenig Verständnis hat Regina Mönch für die Proteste türkischer Funktionäre gegen die gesetzliche Forderung, türkische Frauen, die nach Deutschland heiraten, müssten minimale Deutschkenntnisse haben: "Wahr ist am rhetorischen Getöse um ein vermeintliches Anti-Türken-Gesetz nur, dass andere Nationalitäten die Sprachprobleme kaum kennen. Um die türkische Community aber bildete sich eine fragwürdige Schutzgemeinschaft von Politikern der Linken und Grünen, die in der indirekten Aufforderung, das Recht auf Bildung im Heimatland der Bräute ernster als bisher zu nehmen, eine Menschenrechtsverletzung erkannt haben wollen. Verteidigt werden damit nur Sonderrechte türkischer Männer auf eine traditionelle Lebensweise, in der Bildung eine marginale, Macht aber eine große Rolle spielt."

Bis auf die erste Seite der FAZ hat es die Kampagne zur Erhaltung des Pseudorokokosaals der Staatsoper nun geschafft, mit einem Leitartikel von Patrick Bahners, der die Oper zu diesem Zwecke zu "einem Hauptort der Wiedervereinigung der Kulturnation" hochschreibt. Im Feuilleton breitet Bahners aufs Prächtigste illustrierte Lesefrüchte aus einem Sonderheft der Zeitschrift Theater der Zeit zum selben Thema aus.

Weitere Artikel: In der Glosse macht sich Franziska Seng Gedanken über herrenlose Buchprojekte bei wikibooks. Von der Jubiläumsfeier des Heinrich- und Thomas-Mann-Zentrums in Lübeck berichtet Jochen Hieber. Joseph Hanimann informiert über einige Inszenierungen des Theaterfestivals von Avignon. Jordan Mejias hat auch nicht mehr als die kursierenden Auszüge aus Curtis Sittenfelds in den USA im September erscheinendem Schlüsselroman um Laura Bush, die darin die Hüllen fallen lässt, gelesen. Patrick Zelter erzählt, was man in Tokio beim U-Bahn-Fahren über die Japaner lernen kann. Lorenz Jäger porträtiert die Autorin Ingrid Mylo. Kerstin Holm schreibt zum Tod des russischen Autors Anatoli Pristawkin. Auf der Medienseite schildert Nina Rehfeld den Niedergang der Los Angeles Times.

In der FAS von gestern schildert Stefan Niggemeier die Ausbreitung eines sinnlosen, klickgierigen Bildergalerie-Journalismus im Netz und muss konstatieren: "Jenseits von Spiegel Online, das immerhin bewiesen hat, dass es möglich ist, ein ordentliches Boulevardmagazin mit großem Erfolg im Internet zu etablieren, gibt es in Deutschland praktisch noch kein funktionierendes Geschäftsmodell für Qualitätsjournalismus im Internet."

Besprochen werden die Ausstellung "2 °. Das Wetter, der Mensch und sein Klima" im Dresdener Hygiene-Museum, Santogolds einziges Deutschlandkonzert in Berlin (nicht mehr als eine "mitreißende Karaoke-Party" hat Sven Beckstette dabei erlebt), und Bücher, darunter Gisela Elsners Nachlassroman "Otto der Großaktionär" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).