Heute in den Feuilletons

In einer kommoden neuen Welt

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.07.2008. Im Tagesspiegel plädiert der Dirigent Christian Thielemann zwar noch für den jetzigen Staatsopernsaal, aber der Streit scheint entschieden, und in der Berliner Zeitung gibt der Chef der Berliner Opernstiftung, Stefan Rosinski, der einen modernen Saal wollte, seine Niederlage schon zu. Die Welt staunt über die Lesezirkel in Großbritannien. In der FAZ verabschiedet Hans Magnus Enzensberger das gute alte Kursbuch der Bahn und artikuliert zugleich sein Unbehagen am Internet.

Berliner Zeitung, 15.07.2008

Stefan Rosinski, Chef der Berliner Opernstiftung, gesteht im Interview mit Nikolaus Bernau und Harald Jähner seine Niederlage im Streit um den Staatsopernsaal, der nach neuesten Meldungen in jetziger Form erhalten bleiben soll: "Die Debatte war kein Ost-West-Ding, meint er, sie "hat etwas mit kollektiver Gedächtniskultur zu tun. Dieser Saal knüpft eben ästhetisch an eine Vergangenheit an, die als heil empfunden wird, die Zeit vor dem Krieg und weit davor."
Stichwörter: Bernau

Tagesspiegel, 15.07.2008

Ein klein bisschen zu spät plädiert der Dirigent Christian Thielemann für den Paulick-Saal der Staatsoper, der ja nun offensichtlich erhalten bleibt: "Er macht transparent, dass es im Osten unter einem sozialistischen Regime offenbar auch darum ging, mit einer bürgerlichen Tradition und Tugend nicht radikal zu brechen. Und dass es dem Volksseelenheil zuliebe eine Kompensation geben musste für den Palast der Republik, für den Alexanderplatz oder die Stalinallee. Die Unteilbarkeit der deutschen Kulturnation, sie sollte sich wenigstens am Beispiel der Staatsoper manifestieren." (Jemand soll dem Henckel von Donnersmarck Bescheid sagen, dass er jetzt nicht mehr schreiben muss!)

Welt, 15.07.2008

Die Artikel der Print-Welt scheinen heute nicht online zu stehen.

Hendrik Werner beschreibt die Konjunktur der Lesezirkel in Großbritannien, die inzwischen für die Verlage wirtschaftlich von Bedeutung ist: "Auffällig ist, dass sich ihre Mitglieder... aus allen Altersgruppen und sozialen Schichten rekrutieren - und weiblich dominiert werden (mehr als ein Alibi-Mann findet sich selten in den Leseclubs). Zudem fällt auf, wie britische Verlage diese Zusammenschlüsse fördern, um die Interessen der Kundschaft kennen zu lernen."

Weiter Artikel: Sven Felix Kellerhoff zitiert aus einem Gutachten (mehr hier) des Potsdamer Zentrums für Zeithistorische Forschung über Hedwig Bollhagen, welches es weder besonders verwerflich findet, dass die bis heute beliebte Keramikerin von einer Arisierung profitierte noch dass sie für die SS arbeitete: "Als Mensch sollte sie mit ihrem Verhalten gesehen werden, nicht als Ikone oder Heldin." (Das Ausmaß dieser Menschlichkeit war in einem Stundefeature des Deutschlandradio ausglotet worden, dessen Manuskript hier nachzulesen ist.) Thomas Kielinger holt auf der Kulturaufmacherseite historisch weit aus, um die heutige Krise der Anglikanischen Kirche zu erklären (die sich in dieser Woche zu ihrer alle zehn Jahre stattfindenden Lambeth-Konferenz versammelt). Hannes Stein berichtet über Gerüchte, dass das bekannte "Gelassenheitsgebet" des deutsch-amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr womöglich gar nicht von ihm stammt. Eckhard Fuhr zeigt sich erleichtert über die Beilegung des Streits in Marbach. Reinhard Wengierek gratuliert dem Regisseur Fritz Marquardt zum Achtzigsten. Jenni Roth schildert die unerwartete Karriere des Handyverkäufers und Tenors Paul Potts, der eine britische Castingshow gewann und nun im Werbespot einer deutschen Telekomfirma brilliert.

Gemeldet wird, dass der Berliner Staatsopernsaal offensichtlich in seinem jetzigen DDR-Rokoko erhalten bleibt.
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Aus den Blogs, 15.07.2008

In Medienlese empfiehlt Ole Reißmann ein amerikanisches Blog, das sich"One Person Trend Stories" widmet: "In dem Blog werden Textanfänge parodiert, wie sie täglich in den Medien zu finden sind. Die Seite macht sich lustig über 'gebaute' Textanfänge, Trendgeschichten, die mit einer Anekdote beginnen - und meistens so glaubwürdig sind wie dementierende Dopingsünder."

Alle sind empört über die Machenschaften der Mecom-Heuschrecken bei Berliner Zeitung, Netzeitung et cetera, besonders auch Tagesspiegel und Zeit. Da gibt das Dummyblog folgendes zu bedenken: "Das ist natürlich sehr ehrenwert, dass die Kollegen den darbenden Redakteuren bei der Berliner Zeitung im Kampf gegen die Heuschrecke so beispringen. Unbedingt erinnert sei hier aber noch einmal daran, wer eigentlich die Berliner Zeitung an den englischen Finanzinvestor verkauft hat. Das nämlich war der Holtzbrinck-Verlag, in dem der Tagesspiegel und auch die Zeit erscheinen. Da es damals auch andere Angebote gab, etwa vom Verlagshaus DuMont, liegt die Vermutung nicht fern, dass es Holtzbrinck genauso wie Montgomery einzig und allein um's Geld ging."
Stichwörter: Geld

TAZ, 15.07.2008

Migration verändert nicht nur die Länder, in die eingewandert wird, sondern fast noch mehr jene, die die Einwanderer stellen, erfährt Isolde Charim vom Migrationsforscher Rainer Bauböck. Auf gute oder schlechte Weise. "Es gibt das Phänomen eines diasporischen Langstreckennationalismus, wie das Benedict Anderson genannt hat, wo die Diaspora politische Konflikte im Herkunftsland schürt - durch Finanzierungen, durch Waffenlieferungen oder sogar durch Rekrutierung von freiwilligen Kämpfern. Das ist die eine Möglichkeit. Die andere ist das, was ich demokratische Rücküberweisungen genannt habe. Es wird heute viel diskutiert über die positiven Wirkungen der Geldrücküberweisungen in die Herkunftsländer. Man findet aber auch das politische Phänomen, dass Einwanderer in demokratischen Staaten positive Erfahrungen mit der Demokratie rückexportieren und dort auch zu demokratischen Übergangsprozessen beitragen."

Weiteres: Barbara Schweizerhof weiß nach einer Tagung im Kino des Frankfurter Zoos, dass Gitterstäbe jetzt gar nicht mehr gehen. Bald ist die Zeit gekommen, in der nervtötende Werbung überflüssig wird, weil die Produkte durch immer raffinierteres Design zunehmend für sich selbst sprechen, frohlockt Wolfgang Ullrich. Arno Münster, Philosophieprofessor in Amiens, würdigt den Ethnologen Claude Levi-Strauss, dessen Werk nun in die Klassikerausgabe La Pleiade aufgenommen wurde, obwohl er noch lebt. In der zweiten taz bemüht sich Gunnar Leue, den Mythos vom Mile High Club zu beleben, dessen größter Feind winzige und unbequeme Flugzeugtoiletten sind.

Besprochen wird die große Ausstellung in der Londoner Tate Modern mit Werken von Cy Twombly, in der allerdings die Skulpturen wieder mal zu kurz kommen.

Und Tom.

NZZ, 15.07.2008

Rebecca Hillauer trifft die libanesische Fernsehmoderatorin May Chidiac, auf die wegen ihrer Kritik an Syrien vor drei Jahren ein Attentat verübt worden war, das sie schwer verletzt überlebte. Jürgen Tietz berichtet vom Streit um die Berliner Lindenoper.

Besprochen werden die große Klima-Ausstellung "2O - Das Wetter, der Mensch und sein Klima" im Dresdner Hygiene-Museum, der Hip-Hop-Marathon beim Open Air Frauenfeld, Roberto Bolanos autobiografische Fragmente "Exil im Niemandsland", Elliot Perlmans Roman "Die sieben Seiten der Wahrheit", Andrea Winklers Prosaband "Hanna und ich" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

FAZ, 15.07.2008

Sein eigenes Kursbuch ist ja schon den Weg alles Irdischen gegangen, nun stellt auch noch die Bahn ihr Kursbuch ein. Hans Magnus Enzensberger bringt seinen Vater ins Spiel, um aus diesem Anlass sein Unbehagen angesichts dieses ganzen Internets zu formulieren: "Wahrscheinlich hätte er gesagt: Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis das Internet obligatorisch sein wird. Wer sich ihm nicht anschließt, wird als asozialer Penner gelten und zu denen zählen, die man einst die Verdammten dieser Erde genannt hat. In absehbarer Zeit wird keine Bank mehr an einem Schalter, kein Geschäft mehr in einem Büro und keine Administration der Welt mehr in einer Amtsstube erreichbar sein... Alles in allem, hätte mein Vater gesagt, wirst du, mein Lieber, in einer kommoden neuen Welt leben, die keinen Unterschied zwischen Service und Überwachung mehr kennt." (Dazu abgedruckt wird Enzensberger Klassiker "ins lesebuch für die oberstufe" mit dem berühmten ersten Satz: "lies keine oden, mein sohn, lies die fahrpläne: / sie sind genauer.")

Weitere Artikel: In der Glosse beschreibt Edo Reents, wie es sich Horst Köhler im Sommerinterview mit Peter Hahne bequem machte. Das komplizierte Verhältnis zwischen spanischem Staat und katholischer Kirche, das auch unter den Sozialisten nicht unbedingt weniger kompliziert geworden ist, erklärt Paul Ingendaay. Sehr erfolgreich kam die Lyrik beim Berliner Poesiefestival in Musikbegleitung daher, konstatiert Wolfgang Schneider. Dirk Schümer war dabei, als beim Rossini-Festival in Bad Wildbad der einst rasend erfolgreiche, heute vergessene Opernkomponist Giovanni Pacini (1796-1867) für einen Moment musikalisch wiederbelebt wurde. Ein Gutachten, das die Rolle der Keramikkünstlerin Hedwig Bollhagen im Dritten Reich - vor allem bei der Arisierung der dann von ihr übernommenen Werkstatt - untersucht, stellt Mechthild Küpper vor. Demnach war Bollhagen zwar keine gläubige Nationalsozialistin, hat aber erheblich von deren Herrschaft und Aufträgen profitiert.

Kerstin Holm beschreibt den Weg vieler Russen vom Dorf ins Kloster oder auch ins Priesteramt. Sie meldet auch, dass der von der Tretjakow-Galerie gefeuerte Kurator für zeitgenössische Kunst Andrej Jerofejew jetzt ein eigenes Museum gründen will. Oliver Jungen gratuliert dem Mediävisten Jürgen Miethke zum Siebzigsten. Auf der Medienseite verteidigt Dirk Metz, Sprecher der hessischen Landesregierung, in einer Antwort auf diesen Artikel die Autorisierung von Interviews als sinnvolle Sache.

Auf der Forschung-und-Lehre-Seite macht sich Cord Riechelmann Gedanken über einen skeptisch-interessierten Vortrag des Literaturwissenschaftlers Winfried Menninghaus über "evolutionäre Ästhetik". Manuela Lenzen-Schulte referiert neue Erkenntnisse und alte Ungewissheiten zu Wirkungen und Nebenwirkungen von "Hallo Wach"-Pillen - vor allem im Einsatz bei Chirurgen.

Besprochen werden dreimal Wagner: der von Stephane Braunschweig inszenierte "Siegfried" bei den Musikfestspielen in Aix (musikalisch in Ordnung, meint Gerhard Rohde, aber inszenatorisch in der Nähe "albernen Studententheaters"), der Abschluss des Weimarer "Rings" mit der "Götterdämmerung"-Inszenierung und ein halbszenisch-multimedialer "Ring" in Budapest. Außerdem: neue Klassik-CDs, darunter eine Box mit vier Alben, die Mstislav Rostropovich-Schüler in Erinnerung an den Meister eingespielt haben, und Rishi Reddis Kurzgeschichtenband "Karma und andere Stories" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FR, 15.07.2008

Eine überzeugende Version von Dantes "Göttlicher Komödie" hat Stefan Tigges beim Theaterfestival in Avignon von Romeo Castellucci gesehen, dem Performer und Kopf der italienischen Performancegruppe Societas Raffaelo Sanzio - auch wenn "kein einziger Vers aus Dantes Dichtung zu hören ist und das gesamte mythologische und historische Personal entfällt": "Das erste Bild, das an eine Aktion Joseph Beuys' von 1974 erinnert, in der er sich für drei Tage mit einem Coyoten in einem Raum einschloss, versinnbildlicht neben der Verletzbarkeit des Künstlers auch den Aufbruch Dantes, der im ersten Gesang in einem Wald von einem Luchs, einem Löwen und einer Wölfin angegriffen wird, bevor er von Vergil auf seiner Wanderung durch das Jenseits ins Paradies geführt wird."

Weiteres: Udo Feist lästert über den Verkaufserfolg der Zisterzensier-CD "Chant - Music for Paradise" als "Gregorianik für den materialismusgeschädigten Pop-Plebs": "Einsatzgebiet dürfte vor allem das private Chillen sein, wo sie sich gut zu tibetanischen Gebetsmühlen, Desertblues, Schamanentanz und Walgesängen fügt." Eva Schweitzer berichtet auf der Medienseite von der Aufregung um das "New Yorker"-Cover, das Barack Obama und seine Frau Michelle als Terroristenpaar zeigt.

Besprochen werden die Frankfurt-Ausstellung "Location, Location, Location" im Portikus und Henri Thomas' Roman "Das Vorgebirge" in der Übersetzung Paul Celans.

SZ, 15.07.2008

Luc Bondy erklärt im Interview, warum er sich über Kritik nach einer Nacht nicht mehr aufregt: "Manchmal beklagen sich junge Theaterleute bei mir: Wir haben acht Wochen geprobt, und dann kommt der Kritiker und macht alles zunichte. Ich antworte dann: Soso, acht Wochen? Was denkt ihr, welche ontologischen Qualen ein Schriftsteller auszustehen hat, der ein ganzes Jahr lang allein mit sich an einem Roman gearbeitet hat. Oder ein Filmregisseur, der Jahre auf die Finanzierung wartet, und der Film hält sich dann gerade mal eine Woche im Kino. Wir vom Theater sind, jedenfalls so, wie ich den Beruf verstehe, nur Vermittler. Uns schützt immer noch die Haut der Sache selbst."

Gustav Seibt wirft einen Blick nach Italien, Belgien, den Niederlanden und Polen und sieht überall das Parteiensystem zerbröseln. Gleichzeitig mache sich eine neue politische Kultur der Wut breit. "Oskar Lafontaine ist die aktuelle deutsche Gestalt einer neuen Politik der Wut. Man mag dieser Wut, die Lafontaine ausdrückt und anspricht, neben persönlichen Motiven - die aus seiner politischen Vergangenheit stammen - noch so viele sachlich plausible Gründe zubilligen, auf Dauer würde sie das politische Leben der Demokratie vergiften" und dann könnten "auch andere Gespenster wie Inflation und Arbeitslosigkeit - und all die anderen großen Probleme, mit denen Politik sich Tag für Tag rational und beherrscht herumschlagen muss - auf einmal zu unbeherrschbaren Bedrohungen werden."

Weitere Artikel: Jens Bisky meldet, dass der im Architektenwettbewerb siegreiche Entwurf von Klaus Roth für die Lindenoper vermutlich nicht gebaut wird, man suche jetzt einen "Kompromiss" zwischen vernünftiger Akustik und Denkmalschutz (als hätte man im Wettbewerb nicht festgestellt, dass es den nicht gibt). Anke Sterneborg sieht die neuen Superhelden im Kino brüchig werden. Angeblich werden Guns and Roses im September einen neuen Song im Videospiel "Rock Band 2" veröffentlichen, meldet Lars Weisbrod. Eva-Elisabeth Fischer berichtet vom 62. Festival in Avignon. Die Mail on Sunday behauptet, Banksy, den berühmtesten Sprayer Englands, enttarnt zu haben, berichtet Alexander Menden. Milosz Matuschek verteidigt das Verbot der Holocaustleugnung, dass der ehemalige Bundesverfassungsrichter Wolfgang Hoffmann-Riem in einer Rede vor dem Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung mit den Worten kritisiert hatte: "Wäre ich Gesetzgeber, würde die Holocaustleugnung nicht unter Strafe stehen". Thomas Urban schreibt zum Tod des polnischen Politikers Bronislaw Geremek.

Besprochen werden eine CD mit Beethovens Violinkonzert in der Klavierfassung, ein Konzert der Cellistin Sol Gabetta in München und Bücher, darunter Fay Weldons Roman "Die Moral der Frauen" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).