Heute in den Feuilletons

Mumifizierung des Alten

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.01.2008. In der Zeit beklagt der Historiker Philipp Blom die Unfähigkeit unserer Kultur, irgendetwas Altes alt sein zu lassen. In der Welt glaubt Zafer Senocak, dass der Islamismus nur durch Aufnahme der Türkei in die EU zu bekämpfen ist. In der SZ kritisiert Tariq Ali das Testament der Benazir Bhutto. Die malaysische Soziologin Norani Othman sieht den Islamismus in der taz als Folge des Kolonialismus. In der FAZ und der SZ wehren sich die Althistoriker gegen Raoul Schrotts Thesen zu Homer. In Spiegel Online erklärt Christoph Schlingensief, warum er das Theater satt hat.

Welt, 03.01.2008

Zafer Senocak glaubt, dass der Islamismus nur auf einem Weg aufgehalten werden kann - durch die Weiterführung der Aufnahmeverhandlungen zwischen EU und Türkei: "Kann sich die muslimische Zivilisation regenerieren und nicht der Gegenspieler, sondern ein Teil der westlich-abendländischen sein? Muslime, die die Türkei als einen Teil Europas sehen wollen, bejahen dies. Nicht alles, aber manches, was sie tun, in der Kultur, in der Politik, geht auch in diese Richtung, bestätigt ihre Ambition. Hierbei müsste der Westen, allen voran Europa, genau hinsehen und kritisch nachfragen."

In der Leitglosse des Feuilletons bemerkt Hanns-Georg Rodek einen traurigen Einschnitt in der Filmgeschichte: Der neue Woody-Allen-Film "Cassandras Traum" - immerhin mit Ewan McGregor und Colin Farrell - kommt nicht mehr in die deutschen Kinos, sondern wird nur noch als DVD vertrieben: "Woody war einer der intellektuellen Ankerpunkte der 68er-Generation und der Kommunalen-/Programm- und Arthauskinoszene, die über drei Jahrzehnte diese Klientel bedient hat. Die ist älter und kinofauler geworden, und dementsprechend schwer fällt diesen alternativen Theatern das Überleben. Die Ketten und Konzerne belegen nun auch die Nischen, die sie einst in Ruhe ließen - und wenn die Marge nicht groß genug ist, wird die Nische zugemacht."

Weitere Artikel: Ruprecht Vondran beschreitet Wege aus der Krise für den Deutschunterricht in Japan. Ulrich Gregor, einst Leiter des Berlinale-Forums, schreibt zum Tod des Stummfilmpianisten Willy Sommerfeld im Alter von 103 Jahren. Joachim Zöller porträtiert den Leiter der Villa Massimo Joachim Blüher. Sören Kittel schreibt zum Tod des großen SZ-Reporters Ulrich Kempski. Wilfried Urbe berichtet über die Gründung einer Entertainment Masterclass in Potsdam.

Besprochen werden eine Mondrian-Ausstellung in Köln, die Ausstellung "Nürnberger Goldschmiedekunst aus Meisterhand" in Nürnberg und Filme, darunter Wes Andersons neues Werk"Darjeeling Limited" und Marcus Rosenmüllers Film "Diese Gegend".

Zeit, 03.01.2008

Im Barock konnte ein Fürst jahrhundertealte Figuren von gotischen Kirchen einfach abhacken und die Fresken mit neuem puttenbewehrtem Stuck überputzen. Heute werden barocke Kirchen in ihren gotischen "Originalzustand" zurückrestauriert. Altersfetischismus nennt das der Historiker Philipp Blom. "Wir sind eine Kultur des ewigen Jungseins, der dauernden Neuerungen, die wieder in der Versenkung verschwinden, bevor sie altern können. So ist zwischen dem Hintergrundrauschen der Trends und der Mumifizierung des Alten eine Sphäre entstanden, die nicht mit Vergänglichkeit leben kann, weder mit dem Altern noch mit anderen Arten von Verfall. In unser Erbe einzugreifen, wie man es noch bis vor hundert Jahren selbstverständlich tat, wäre für uns eine Art Leichenschändung. Damit aber wird auch unsere Kultur nekrophil. In einer Welt, in der man keinen Schritt gehen kann, ohne einem Kurator auf die Füße zu treten, bleibt man am besten gleich stehen."

Weitere Artikel: In China scheint es auch nicht besser zu sein: Susanne Messmer besucht die Filmakademie in Peking und stellt fest, dass auch hier die jüngere Generation "Modernisierungshysterie" ablehnt und sich lieber dem Alten zuwendet. Feridun Zaimoglu sitzt in Kiel und liefert einen Beitrag zur Kolumne "Was mache ich hier?" Slavoj Zizek wünscht sich im Aufmacher, die Europäer mögen ihr "provinzielles Erbe" abwerfen und Europa neu, nämlich kommunistisch definieren. (Das ist nun wirklich ein besonders alter Hut.) Thomas Assheuer glaubt, dass den Franzosen der "Prahlhans" Sarkozy inzwischen "sehr direkt peinlich" ist. Wolfram Goertz schreibt zum Tod des Pianisten Oscar Peterson.

Besprochen werden Thomas Langhoffs Inszenierung des Wallenstein ("Was hier waltet, ist die totale Vergleichgültigung", schreibt Jens Jessen), der Fernsehvierteiler "Krieg und Frieden", Wes Andersons Film "Darjeeling Limited", eine DVD mit William Friedkins "Bug" und Thomas Manns "Doktor Faustus als Hörbuch.

Im Aufmacher der Literaturbeilage schreibt Ursula März zum 100. von Simone de Beauvoir. (Die Entrümpelung der Feuilletons von Geburtstagsartikeln wäre eine Riesenschritt zur Entmumifizierung!) Im Politikteil antwortet die Sozialforscherin Tine Stein auf Ulrich Becks These von den totalitären Tendenzen der Religion.

NZZ, 03.01.2008

Zu den heutigen amerikanischen Vorwahlen in Iowa erzählt Andrea Köhler, was die Kandidaten alles "schlucken" müssen - bei ihrem Kampf um die Gunst der Stunde und die eigene Linie: "Die Überland-Touren, die hier auch 'Bodenkampf' genannt werden, sind so etwas wie ein Fress- und Schönheitswettbewerb in einem. Wenn Clinton, Edwards, Giuliani, Romney und Co. in Iowa oder New Hampshire durch die Schulen, Gemeindehäuser und Sportstadien tingeln, müssen sie sich zuvörderst den Ritualen der Gastlichkeit unterziehen. Was vor allem heißt: mit den potenziellen Wählern all die deftigen lokalen Delikatessen zu verschlingen, die den regionalen Stolz repräsentieren. Die Großereignisse der Vorwahlen sind lokale Messen: das 'Harkin Steak-Fry' in Iowa, das 'Clyburn Fish-Fry' oder die 'Iowa State Fair', auf der alles frittiert wird, was zwischen die Zähne kommt."

Andrea Eschbach schreibt den Nachruf auf den "Übervater und Altmeister, Guru und Innovator" des italiensichen Designs Ettore Sottsass.

Besprochen werden Elena Ferrantes Roman "Die Frau im Dunkeln", Tahar Ben Jellouns Buch über seine an Alzheimer erkrankte Mutter "Yemma - Meine Mutter, mein Kind" und auf der Kinoseite Wes Andersons Film "Darjeeling Limited" und Rainer Kaufmanns Verfilmung von Martin Walsers Novelle "Ein fliehendes Pferd".

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FR, 03.01.2008

Dirk Fuhrig stellt die Lobby im 45. Stock des im letzten Frühjahr eröffneten Tokioter Luxushotels "Midtown" als neuen gesellschaftlichen Gravitationspunkt der japanischen Metropole vor: "Kaum eröffnet, hat sich das Einkaufs-, Büro-, Hotel- und Kunstareal zu einem Anziehungspunkt ohnegleichen entwickelt. 50 Restaurants und Cafes, ein Museum, 150 exklusive Läden. Nimmt man deutsche Verhältnisse zum Maßstab, so müsste man fast die Dimensionen des Potsdamer Platzes in Berlin veranschlagen, wenn auch mehr in die Höhe gedrängt. Auf 70.000 Quadratmetern Gelände erheben sich 500.000 Quadratmeter Nutzfläche, Richtung Nordosten blieb dabei Platz für eine Parkanlage - mit vollständiger WLAN-Abdeckung: Moderne auf Japanisch."

"Die Leinwand war das einzige Notenblatt, das er benutzte", schreibt Daniel Kothenschulte zum Tod des letzten Stummfilmpianisten Willy Sommerfeld, der jetzt mit 103 Jahre in Berlin gestorben ist: "Ernst Lubitschs frühe Komödien begleitete er gerne mit Berliner Gassenhauern, bei den 'Großfilmen' schwelgte er im Pathos der Spätromantik, deren Nachklang er noch miterlebt hatte."

Weiteres: Tobi Müller porträtiert das britische Reggaepop-Duo Mattafix, das mit seiner neuen Single "You shall rise" das Morden in Darfur auf MTV-Format bringt macht. In der Kolumne Times Mager warnt Christian Schlüter, dass es Highspeed-Surfern und Torrent-Saugern, aber auch Terror-Netzwerkern bald an den Kragen gehen könnte, jetzt, wo auch die SPD für online-Durchsuchungen ist.

Besprochen werden eine Martha Liebermann gewidmete Ausstellung im Berliner Max-Liebermann-Haus, Wes Andersons neuer Film "Darjeeling Limited" ("Alles ist so hübsch, romantisch und mild-exotisch, wie es uns die bunten Bilder auf indischen Teekisten schon immer glauben ließen", seufzt Katja Lüthge etwas enttäuscht), Uli Gaulkes Dokumentarfilm über vier Filmvorführer in vier Ländern "Comerades in Dreams" (den Heike Kühn ebenso scharfsinnig wie zart findet) und Gerhard Roths Autobiografie "Das Alphabet der Zeit" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

SZ, 03.01.2008

"Armes Pakistan. Arme Parteianhänger der People's Party", schreibt der in London lebende pakistanische Schriftsteller Tariq Ali nach der testamentarischen Übergabe des PPP-Vorsitzes an den 19-jährigen Bilawal Bhutto Zardari. "Land und Partei hätten etwas anderes benötigt als diese mittelalterlich anmutende Farce. Benazir Bhuttos letzter Wille war einem ebenso autokratischen Denken geschuldet wie das ihrer Vorgänger. ... Ihr Vermächtnis an Pakistan verheißt nichts Gutes. Benazir wurde vom Westen unterstützt, vorgeblich trat sie für Demokratie ein, präsentierte sich als modern und reformwillig. Ihre eigene Partei aber verstand sie als ihr Eigentum, die Parteimitglieder als Leibeigene."

Weitere Artikel: Der emeritierte Basler Gräzist und Homer-Forscher Joachim Latacz hält Raouls Schotts kurz vor Weihnachten in der FAZ veröffentlichte Thesen über Homer und den wahren Standort Trojas für - freundlich gesagt - unwahrscheinlich. Stephan Koldehoff informiert über ein Aufsehen erregendes Urteil in den USA, das zum ersten Mal auch juristisch NS-Zwangsauktionen mit Kunstdiebstahl gleichsetzt. Amin Farzanefar porträtiert das zeitgenössische türkische Kino zwischen Kunst, Kommerz und dem wirtschaftlichen Zwang zur Kooproduktion. Alexander Menden spricht mit Wes Anderson über seinen neuen Film "Darjeeling Limited". "ksl" meldet außerdem, dass auf Anordnung von Präsident Mahmoud Ahmadinejad zum Jahresende das renomierte "Internationale Zentrum für den Dialog der Zivilisationen" der Universität Teheran geschlossen worden ist.

Besprochen werden die Max-Ernst-Schau in Basel, Luc Jacquets Film "Der Fuchs und das Mädchen", der neue Marcus-H.-Rosenmüller-Film "Beste Gegend", Uli Gaulkes Dokumentarfilm über vier Filmvorführer in vier Ländern, nämlich in Burkina Faso und Wyoming, im indischen Bundesstaat Maharashtra und bei Pjönjang "Comrades in Dreams", Christof Nels Verdi-Inszenierung "Don Carlos" in Hannover und Bücher (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Spiegel Online, 03.01.2008

Spiegel Online übernimmt ein Interview mit Christoph Schlingensief aus Monopol. Sein Abschied vom Theater scheint endgültig: "Theater war doch nie mein Ding. Dieses blöde Nachvorneglotzen. Diese angestrengten Typen, die meinen, sie wären heute Abend Hamlet und morgen Faust. Ich kenn' sie alle aus der Kantine, sie saufen und erzählen von früher, als sie noch so toll waren. Ihre Nasen sind rot und großporig, ihr Anspruch an die Gesellschaft ist größer als ihr Einfluss."

TAZ, 03.01.2008

Dass Islam und Demokratie zur Zeit nicht so gut zusammengehen, liegt am Kolonialismus, meint die malaysische Soziologin Norani Othman. Aber das muss ja nicht so bleiben. Als die muslimischen Länder "später die Unabhängigkeit erlangten, wollten viele wieder einführen, was als kulturell authentisch angesehen wurde. Man muss das also kontextbezogen sehen. Aber das ist nichts, was nur im Islam vorkommt. Wenn man sich den Aufschwung der BJP und des Hindufundamentalismus in Indien ansieht - das ist genau dasselbe. ... Aufgrund des historischen Bruchs hat sich unter Muslimen die irrige Ansicht verbreitet, dass der Laizismus aus dem Westen importiert worden ist und dass wir einen glorreichen islamischen Staat dagegensetzen können. Das ist eine Fiktion, die wir dekonstruieren müssen."

Im Kulturteil denkt Robert Misik über den Gleichgewichts-Begriff der Ökonomie nach. Cord Riechelmann untersucht Klima- und Vegetationszonen rund um den Mount Kenya. Ekkehard Knörer legt uns Peter Lorres einzige Regiearbeit, den 1951 entstandenen Film Noir "Der Verlorene" als DVD mit sattem Bonusmaterial ans Herz. Cristina Nord staunt über die geballte politische Unkorrektheit in David Cronenbergs neuem Film "Eastern Promises - Tödliche Versprechen".

Besprochen werden Teil zwei von Markus H. Rosenmüllers bayerischer Heimattrilogie "Beste Gegend", Wes Andersons neuer Film "Darjeeling Limited" (für Cristina Nord "eine Wunderkammer, geboren aus der Fantasie eines Sammlers und Bastlers"), und ein Buch über die erfolgreichen Dokumentartheatermacher "Rimini Protokoll" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und Tom.

FAZ, 03.01.2008

Die Althistorikerin Barbara Patzek hat die Langversion von Raoul Schrotts (hier in Kurzform veröffentlichte) Homer-Thesen gelesen, in denen er den Dichter zum Orientalen macht. Sie zeigt sich gebührend beeindruckt von des Dichters und Übersetzers Lesefleiß und Thesenfreunde. Nur: Mehr als ein spannender historischer Roman ist das ganze für sie nicht: "Schrott schreibt im Duktus des modernen Entdeckers und Entzifferers von letzten historischen Geheimnissen mit vielen sprachlichen Anklängen an Heinrich Schliemann und bleibt damit seiner bekannten literarischen Persona treu."

Weitere Artikel: In der Glosse macht sich Hubert Spiegel über das "Modell Karasek" lustig, dem das ZDF folgt, wenn es seinen Zusehern verspricht, dass sie sich mit dem Ansehen der "Krieg und Frieden"-Verfilmung die Lektüre des Wälzers sparen können. Mark Siemons weiß, wie sich die chinesische Führung neuerdings den möglichen Beitrag der Religionen zur Harmonie auch des kommunistischen Staatswesens neuerdings vorstellt - ihre Abschaffung scheint sich ja noch etwas hinzuziehen. Der Jurist Christoph Möllers erläutert, welche Bewandtnis es mit dem Bundesverfassungsgerichtsurteil hat, das weite Teile der "Reform hufbeschlaglicher Regelungen" für verfassungswidrig erklärt. Den schwarzen Künstler Emory Douglas, der nun in Los Angeles seine erste Retrospektive bekommt, porträtiert Alexander Jürgs. Teresa Grenzmann hat sich in die Welt der Münchner Figurentheater begeben.

Wie es kommt, dass jetzt Paolo Baratta, der Vorgänger Davide Croffs als Leiter der Biennale in Venedig, auch sein Nachfolger ist, darüber klärt uns Dirk Schümer auf. Kerstin Holm notiert die in diesem Jahr von der russischen Staatssicherheit vergebenen Kunstpreise. Auf der Medienseite informiert Jürg Altwegg knapp darüber, dass nach den Erfolgen von Ex-Liberation-Journalisten im Internet (hier ihre Website www.rue89.com) nun auch der ehemalige Le-Monde-Chefredakteur Edwy Plenel die ambitionierte journalistische Internet-Platform www.mediapart.fr startet.

Auf der Kinoseite verteidigt Dietmar Dath Richard Kellys von der US-Kritik schwer gezauste Science-Fiction-Schwerst-Lyrik "Southland Tales" - in Deutschland ist der Endzeit-Film derzeit noch ohne Starttermin. Catherine Davids noch bis zum 13. Januar laufendes Berliner Nahostfestival "Di/Visions" stellt Bert Rebhandl vor.

Besprochen werden die Düsseldorfer Retrospektive des Künstlerduos Jeroen De Rijke und Willem De Rooij, die Wiener Werkschau der Architekten von Coop Himmelb(l)au, Jose Corbachos und Juan Cruz' Film "Tapas", der erste öffentliche Auftritt der Stargeigerin Julia Fischer am Klavier und Bücher, darunter die - wohl nicht historisch-kritische - Gesamtausgabe sämtlicher Pirelli-Kalender von 1964 bis 2007.