Heute in den Feuilletons

Damit er schneller explodiert

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.12.2007. In der FAZ lüftet Raoul Schrott das Geheimnis Homer. Die SZ entschwebt ins antike Rom. Die FR genießt das Befremden über Neo Rauchs Kirchenfenstern. Die Welt weiß, dass nicht Wolf Biermann Florian Havemanns Buch "Havemann" hat verbieten lassen. In der taz geht es für Stefan Niggemeier in Ordnung, nicht nur für Geld und Karriere zu schreiben, sondern weil man was zu sagen hat. Im Tagesspiegel feiert Bora Cosic Slava.

FAZ, 22.12.2007

"Homers Geheimnis ist gelüftet", verkündet die FAZ in der Beilage Bilder und Zeiten. Auf vier Seiten trägt der Schriftsteller und Übersetzer Raoul Schrott ein vielteiliges neues Bild von Homer zusammen. Demnach war Homer in Kilikien, im Südosten der heutigen Türkei zu Hause. "Was die Eigenart seines Epos ausmacht, sind die Einschübe - griechische Sagen und Genealogien, assyrische Vertrags- und Rechtspraktiken, Gebete, Opferrituale, die unterschiedlichsten Realien sowie an die tausend namentlich genannte Personen und Orte -, die es zu einer Enzyklopädie seiner Zeit werden lassen. Schon dieser Anspruch zeigt Homer als einen auch um Dokumentation bemühten Protohistoriker und Protogeografen. Er erweist sich damit als Vertreter jenes elitären Berufsstands, der solch unterschiedliche Textgattungen abzufassen hatte: als Schreiber, der seiner Arbeit in dem Verwaltungsapparat nachging, den die Assyrer in Kilikien etabliert hatten."

Desweiteren schildert Ralph Martin seine Faszination für das deutsche Weihnachtswesen. Ganz hinten unterhält sich Julia Spinola mit dem italienischen Pianisten Maurizio Pollini.

Im Feuilleton konstatiert Frank Schirrmacher zunächst einen "Boom spiritueller Bücher", um dann eine demografische Erklärung dafür zu finden. Rainer Hermann berichtet von kemalistischen Klagen gegen Religiöses in der Türkei. Die letzte Seite versammelt eine Auswahl von Heiligenbildern aus aktuellen Ausstellungen. Und Regina Mönch warnt davor, gewaltbereite Muslime zu verharmlosen.

Die Schallplatten- und Phonoseite überrascht mit Rezensionen einer Aufnahme von Henri Desmarests Oper "Venus et Adonis" sowie James Taylors Album "One Man Band". Und Richard Kämmerlings betrachtet das Popjahr 2007 von hinten.

Besprochen werden die Schau zu Piet Mondrian im Museum Ludwig in Köln, eine Ausstellung zu Harry Graf Kessler im Berliner Bröhan-Museum, der Auftritt der Spice Girls in Köln und Bücher, darunter "Kinder, so was tut man nicht" von Thomas Gsella und Rudi Hurzlmeier.

In der Frankfurter Anthologie beschert uns Hermann Kurzke ein kurzes Gedicht von Angelus Silesius.

"Als Gott verborgen lag in eines Mägdleins Schoß,
Da war es, da der Punkt den Kreis in sich beschloss."

TAZ, 22.12.2007

Auf der Medienseite kann sich Stefan Niggemeier nur wundern über die jüngsten Angriffe vom hohen Ross des Print aufs Web 2.0: "Manchmal scheint es, als sei den Journalisten, die gegen dieses Mitmachnetz anschreiben, schon die Motivation all dieser neuen Konkurrenten um Aufmerksamkeit suspekt: einfach zu glauben, etwas zu sagen zu haben, und es nicht für Geld, Auflage, Karriere oder den Verkauf von Werbeplätzen zu tun. Und wenn SZ-Mann Graff über die Amateurpublizisten schreibt: 'Sie zetteln Debattenquickies an, pöbeln nach Gutsherrenart und rauschen dann zeternd weiter. Sie erschaffen wenig und machen vieles runter' - dann ist es schwer, in dieser Formulierung nicht eine exakte Beschreibung dessen zu lesen, was den ach-so-professionellen Journalismus heute weitgehend ausmacht."

Die Kulturredaktion gibt in letzter Minute allerlei Geschenk-Tipps und Empfehlungen zu Weihnachten - von umgefärbten Palästinenser-Tüchern bis zur Bonbonniere aus der k.u.k.-Hofbäckerei. Antje Korsmeier empfiehlt dringend die Lektüre des französischen Soziologen Jean-Claude Kaufmann, der zuletzt über "Kochende Leidenschaft" schrieb. Alexander Camann hat sich in seiner Zeitschriftenrundschau Markus Peichls neuen "Liebling" angesehen (hier die Website) und eine Ausgabe der Zeitschrift "Horch und Guck", die an eine subversive Peichl-Aktion im Jahr 1988 erinnert. In der Kolumne "Hessen vorn?" zur Hessen-Wahl stellt heute Klaus Walter die eventuell sogar linke SPD-Kandidatin Andrea Ypsilanti vor. Frieder Reininghaus sieht nach der Wahl von Uwe Eric Laufenberg zum neuen Intendanten Chancen zum "Wiederaufstieg des Kölner Opernhauses in die zweite Liga".

In der zweiten taz denkt die in der Schweiz lebende Schriftstellerin Sibylle Berg über verdienten Reichtum nach und über Neid: "Es gibt nichts zu hassen an denen, deren Ziel es ist, mit ihrer Arbeit reich zu werden, denn sie denken, sie erbauen, sie kreieren und sie tun es für sich, tun es, weil es sie befriedigt... Denn neben den Arbeitsplätzen, die sie schaffen, heißt das, was sie 22 Stunden täglich tun, den Kapitalismus zu fördern, ihn zu beschleunigen, damit er schneller explodiert, und das ist nur zu bejubeln." Steffen Grimberg kommentiert den Schleichwerbungsfall der Andrea Kiewel.

Auf der Meinungsseite unterhält sich Robert Misik mit dem Schweizer Soziologen Jean Ziegler, der den Populisten Christoph Blocher für viel gefährlicher als Jörg Haider hält, weil er nämlich sagt, was das Establishment nur denkt: "Haider war ein rechtsextremer Playboy, der eine Marktlücke entdeckt hatte. Blocher ist ein Multimilliardär und verkörpert die protestantische Unerbittlichkeit." Im Kommentar zum Titelthema Schengen-Erweiterung fordert der polnische Publizist Adam Krzeminski: "Es ist an der Zeit, das deutsche Bewusstsein nach Osten zu erweitern. Es ist längst obsolet, Polen mit Autodieben, den Zwillingen, aufgebrezelten Frauen und Männern mit Schnäuzern zu assoziieren. Einfach mal nachschauen, ab jetzt auch ohne Stau."

Im Dossier des taz mag schreibt Till Ehrlich über die Familie, Weihnachten und die Gans. Philipp Gessler stellt anlässlich von Chanukka Überlegungen zur jüdischen Küche an. Von Ulrich Sautter kommt eine Kritik der Weinkritik. Und Natalie Tenberg hat den Soziologen und Gourmet-Experten Alois Hahn zum Weihnachtsessen befragt. Kurz empfohlen werden eine ganze Reihe Sachbücher, in denen es unter anderem um Hitler, Castro und Stalin geht. Außerdem wird unter anderem die neue Prachtausgabe von Georg Forsters "Reise um die Welt" rezensiert (mehr in unserer Bücherschau des Tages).

Und Tom.

Welt, 22.12.2007

Online meldet die Welt, dass der Suhrkamp Verlag Florian Havemanns Buch "Havemann" zurückgezogen hat. Wer gegen das Buch geklagt hat, ist bisher nicht bekannt. "Wolf Biermann allerdings ist nicht der Kläger. Das erklärte er gegenüber Welt Online. Der Liedermacher und Schriftsteller, der mit Robert Havemann eng befreundet war, hatte schon früh erklärt, sich nicht zu dem Buch äußern zu wollen. Jetzt sagte er: 'Ich habe das Buch nicht gelesen, habe es nie in der Hand gehabt. Aber ich weiß, es ist gequirlte Scheiße.'"

Matthias Heine stellt klar, dass die emotionale Struktur des ebenfalls in der Weihnachtszeit geboreren Dagobert Ducks nicht der eines Kapitalisten entspricht - er entlässt Leute immer nur wegen Unfähigkeit, nicht zum Zwecke der Sanierung. Michael Stürmer begutachtet die Gutachten im Streit um den Besitz der Familie Baden. In der Randglosse knöpft sich Rainer Haubrich die Schlossgegner vor, die den Wiederaufbau noch immer hinterbreiben wollen, dessen Ausschreibung gestern startete. Gerhard Besier und Katarzyna Stoklosa berichten von einer Reise nach Bukarest. Peter Dittmar rekapituliert das Gezerre um die Ausstellung "Bonjour Russland", die die russischen Behörden immer wieder sabotieren.

Besprochen werden die Ausstellung zur deutschen Tonfilmoperette "Wenn ich sonntags in mein Kino geh" und Neil Youngs Album "Chrome Dreams II".

In der Literarischen Welt erzählt der Schriftsteller Michael Kleeberg, wie er seinen Glauben an das Weihnachtswunder verlor. Tilman Krause stellt den Verleger Andreas Krause Landt vor, der mit einem kleinen, sehr bibliophilen Programm (und ohne Klappentexte!) von sich reden macht.
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FR, 22.12.2007

Christian Thomas ist nach Naumburg gefahren, um sich im dortigen Dom die neuen Kirchenfenster anzusehen, die der Künstler Neo Rauch entworfen hat: "Mit dem, was in Naumburg zu sehen ist, wird der Kapellenbesucher mit einer Glasmalerei konfrontiert, die, anders als etwa bei Gerhard Richter in Köln, von dem Glauben an das durch und durch Gegenständliche durchglüht ist. Rauchs Fenster aus mundgeblasenem Echt-Antik-Glas (aus der Farbglashütte Lamberts in Waldsassen), seine Bildnisse (im Säurebad geätzt und abgebürstet, behandelt, verlötet und verkittet durch die Naumburger Glasmalermeisterin Martina Gärlich) begründen wohl kein neues Goldenes Zeitalter der Glasmalerei. Aber sie ziehen durch Befremden in Bann."

Weitere Artikel: Christian Schlüter sieht den Verkauf des Süddeutschen Verlags an die Südwestdeutsche Medienholding als "bedeutendes Ereignis für die deutsche Presselandschaft". In ihrer USA-Kolumne beschreibt Marcia Pally das weihnachtliche New York als "Postkartenidylle". Harry Nutt informiert in einer Times Mager über neue Diskussionen um die Künstlersozialkasse.

Besprochen werden die Paul-Thek-Retrospektive im Karlsruher ZKM, ein Don-Quijote-Abend im Schauspiel Frankfurt und ein Buch, nämlich Nagib Machfus' Miniaturen-Band "Das Buch der Träume" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

NZZ, 22.12.2007

Sieglinde Geisel berichtet von den Plänen, die der amerikanische Regisseur David Lynch mit dem Berliner Teufelsberg hat. "Er soll den Teufelsberg gekauft haben, doch nicht als location für Dreharbeiten, sondern für eine 'Universität des unbesiegbaren Deutschland', die im Namen der Transzendentalen Meditation gebaut werden soll. Die öffentliche Vorstellung des Projekts in der Urania geriet allerdings zum Eklat. Der deutsche 'Raja' Emmanuel Schiffgens war in weißem Gewand und goldener Krone erschienen. Er forderte das Publikum auf, dreimal 'Unbesiegbares Deutschland' zu sagen, und als er auf Zurufe hin meinte, dass Hitler bedauerlicherweise die Techniken der Unbesiegbarkeit gefehlt hätten, ließ sich das Publikum auch von David Lynch kaum mehr beruhigen."

Weitere Artikel: Im multikulturellen Vereinigten Königreich steht die Vormachtstellung von Weihnachten zur Debatte, weiß Lilo Weber. Im Kunstmarkt resümiert ganz zufrieden die erste internationale Antiquitätenmesse in Peking.

In Literatur und Kunst geht es weihnachtsgerecht um Erwachen und Erweckung. Der serbisch-kanadische Schriftsteller David Albahari schreibt eine Geschichte über einen Schwerkranken. Sein Wiener Kollege Franz Schuh meldet sich aus dem Allgemeinen Krankenhaus, wo ihn ein wilder Traum hinverschlagen hat. Der britische Autor Jon McGregor berichtet vom Entstehen seines ersten Romans. Über den Schlaf und das Ende desselben lesen wir außerdem von Michel Mettler, von Angelika Overath, von Andrea Köhler und von Brijinder Nath Goswamy. Alexandra Stäheli sucht Momente des Erwachens im Film, der Theologe Eberhard Jüngel durchforstet das Neue Testament. Und Uwe Justus Wenzel nimmt die Philosophie zu Hilfe.

Besprochen werden eine Ausstellung über Rubens und seine Malerwerkstatt im Königlichen Museum der Schönen Künste in Brüssel, eine Schau mit Arbeiten des Architekturbüros Coop Himmelb(l)au im Museum für angewandte Kunst in Berlin und Christoph Nels Inszenierung von Giuseppe Verdis "Don Carlo" in der Staatsoper Hannover.

Tagesspiegel, 22.12.2007

Der Schriftsteller Bora Cosic führt in die serbische Kunst des Festefeierns ein, wofür jede Gelegenheit ergriffen wurde: "Es gibt in jeder orthodoxen Familie einen Tag, der einem Heiligen gewidmet ist, das ist der Schutzpatron des Hauses, wie im alten Rom. Weil die orthodoxe Religion ohnehin vieles aus vorchristlichen Zeiten aufgelesen hat, die Serben eigentlich verkappte Heiden sind. So wird bei den Serben zu Ehren der eigenen Laren und Penaten zu einem bestimmten Datum, wenn in diesem Augenblick nicht gerade ein verrückter Krieg geführt wird, ein Festtagsschmaus sondergleichen organisiert... Vor solchen Tagen geriet die ganze Haustierschaft in Panik, weil die Serben vor den Feiertagen alles schlachten, was ihnen in die Hände fällt, Hühner, Gänse und Puten, am meisten Ferkel, alles in diesem Land grunzt und quiekt gleichzeitig."
Stichwörter: Bora Cosic

SZ, 22.12.2007

Keinem aktuellen, sondern einem denkbar ewigen Thema ist der Feuilleton-Aufmacher von Johan Schloemann gewidmet: der Stadt Rom, die in der Zukunft von Erdbeben bedroht und deren Vergangenheit noch lange nicht zu Ende erkundet ist: "Man könnte denken, Rom sei nach Jahrhunderten der Altertumsbegeisterung fertig erforscht. Doch gerade weil das Interesse der Europäer an den Ausgrabungen in Rom so früh einsetzte, sind auch zentrale, schon lange freiliegende Orte nach den - später entwickelten - Maßstäben der wissenschaftlichen Archäologie unvollständig erschlossen. So haben Forscher des Deutschen Archäologischen Instituts die Basilica Aemilia auf dem Forum Romanum, im Zentrum der Macht, in jahrelanger Arbeit neu vermessen, und sie haben ganz neue Thesen entwickelt, wie dieser Bau, der unter anderem für Bank- und Luxusgeschäfte genutzt wurde, in die Bildpropaganda des Augustus, des angeblichen Retters der Republik, einbezogen war."

Weitere Artikel: Jonathan Fischer denkt über das neue Klassenbewusstsein der schwarzen US-Mittelschicht nach. Der Zeichner Hans Traxler nennt zehn Gründe, warum er gern zeichnet. Vor der Transparenz des einzelnen in Zeiten verfeinerter Internetsuche warnt Lutz Lichtenberger. Auf der Literaturseite wird ein Vortrag von Michael Hofmann über die vier Zentralorgane englischsprachiger Literaturkritik abgedruckt - die New York Review, die New York Times, die London Review of Books und das Times Literary Supplement -, den er auf einer Münchner Tagung über internationale Literaturkritik gehalten hat. Besprochen wird Andrea Köhlers Buch "Lange Weile" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Rezensiert werden außerdem die Andreas-Hofer-Ausstellung in Herford, eine Ausstellung über die Kunst des Fälschens im Berliner Museum für Asiatische Kunst, Jürgen Kruses Kölner Welturaufführung des Stücks "Beat Generation" aus Jack Kerouacs Nachlass (um die Entdeckung eines Meisterwerks handelt es sich, versichert Vasco Boenisch, dabei nicht) und Kenneth Branaghs Film "1 Mord für 2".

Im Aufmacher der SZ am Wochenende erinnert sich der Autor und Filmemacher Oliver Storz an seine Weihnacht 1944. Jochen Arntz porträtiert den Berliner Pfarrer Jürgen Quandt. Auf zwei Seiten finden sich die Kritikerfavoriten aus Literatur, Film und Musik aus dem Jahr 2007. Die Historien-Seite befasst sich mit propagandistischem Weihnachts-Missbrauch. Vorabgedruckt werden unter der Überschrift "Die Schmähung des Weihnachtsmanns" zwei Monologe aus Silvia Bovenschens im nächsten Frühjahr erscheinendem Buch "Verschwunden". Im Interview spricht Alicia Keys über "Respekt".