Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.09.2007. In der taz fürchtet der Rapper Textor, dass das Downloaden von Musik schlechte Auswirkungen auf den musikalischen Geschmack hat. In der FAZ erklärt Romuald Karmakar, warum der Westen über den Islamismus gar nicht so viel wissen will. Die SZ stellt Meinhard von Gerkans Projekt einer Architektur-Akademie vor. Die Welt hat sich die monumentale Dokumentation von Ken Burns über den Zweiten Weltkrieg angesehen. Die NZZ schildert das schwierige Verhältnis der Schweizer Zeitungsverleger zu Google.

FR, 21.09.2007

Arno Widmann denkt über 116 neu entdeckte Auschwitz-Fotos nach, die SS-Wachpersonal bei der Freizeitgestaltung zeigen und dem New Yorker Holocaustmuseum überlassen wurden. "Es sind keine Abu-Ghraib-Photos. In Auschwitz haben die Täter einander nicht fotografiert beim Einschlagen auf die Gefangenen, nicht bei deren Vernichtung. Vielleicht werden auch noch solche Aufnahmen auftauchen. Diese Aufnahmen aber sind schrecklicher. Hier kommen die Täter uns nah. Und mit ihnen ihre Taten. Die Abu-Ghraib-Aufnahmen zeigten uns, wozu Menschen fähig sind. Die Auschwitz-Aufnahmen zeigen nichts, sie lassen uns ahnen, wozu wir fähig sind. Vor ihnen fangen wir an, über die Umstände nachzudenken, die aus Nachbarn Mörder machen." Eine Auswahl der Bilder ist hier zu sehen, das komplette Album hier).

Weiteres: Tobi Müller beklagt den Rückschritt der Tonqualität 25 Jahre nach Einführung der CD durch MP3-Dateien. Frank Keil berichtet über Aktivitäten, 2013 in Hamburg eine Internationale Bauausstellung zu präsentieren. In Times mager erzählt Harry Nutt, dass die schöne Vokabel "Erstaustattung" beziehungsweise deren ungeklärte Finanzierung für einen vorläufigen Aufschub des Projekts Berliner Stadtschloss sorgte. Die Medienseite beschäftigt sich mit der Terror-Berichterstattung: ein "Dauer-Dilemma".

Besprochen werden die Ausstellung einer Privatsammlung mit Arbeiten von Mattheuer, Tübke und Triegel im Frankfurter Museum Giersch, die Spielzeiteröffnung im Berliner Ballhaus Ost mit Sam Shepards "Fool for Love", das neue Album der finnischen Düster-Rock-Band HIM "Venus Doom" und Nicholas Shakespeares Roman "Sturm" (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Welt, 21.09.2007

Uwe Schmitt hat in New York eine Preview von Ken Burns' monumentaler Dokumentation "The War" gesehen, die allerdings mehr eine Hommage auf den einfachen amerikanischen Soldaten als eine Geschichte des Zweiten Weltkriegs zu sein scheint - die 15-stündige Reihe beginnt jetzt im öffentlichen amerikanischen Fernsehen PBS: "Wenn der Abend im Lincoln Theater nicht irreführt, interessiert Ken Burns allein die amerikanische Erfahrung. Während in den Ausschnitten die Deutschen und Japaner wenigstens als Feinde ihre Schurken-Nebenrolle spielten, waren weder sie noch Amerikas Alliierte Ken Burns in einer Podiumsdebatte mit drei Veteranen aus drei Kriegen eine einzige Frage wert."

Weitere Artikel: Wieland Freund erklärt das Jahr 2007 mit seinen finalen "Harry-Potter!- und "Tintenherz"-Bänden und vielen Filmen zum welthistorischen Jahr des Fantasy-Genres. Eckhard Fuhr kommentiert neue Kostendiskussionen um den geplanten Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses. Iris Alanyali beobachtet, dass amerikanische Eltern angesichts vergifteten Spielzeugs und der Gewalt in Videospielen nach Alternativen suchen - was unter anderem zu einer Renaissance der Murmel führt. Michael Pilz flaniert über die Popkomm. Uta Baier unterhält sich mit Sir Norman Rosenthal, dem Kurator der großen Baselitz-Retro in der Londoner Royal Academy.

Besprochen werden Andreas Kriegenburgs Inszenierung von "Romeo und Julia" am Hamburger Thalia Theater ("Die neue Julia heißt übrigens Olivia Gräser, und der neue Romeo ist Daniel Hoevels. Diese beiden Namen wollen wir uns merken", schreibt ein begeisterter Stefan Grund, der seine Kritik unter die Überschrift "Fantastische Julia liebt unglaublichen Romeo" stellt), eine Oper Vladimir Cosmas nach Motiven des provenzalischen Heimatdichter Marcel Pagnol in Marseille, die Ausstellung "Streitbilder - Szenen aus der Gründungsgeschichte des Städels" ebendort und eine "Tosca" in Wiesbaden.

TAZ, 21.09.2007

Alles Musik heute. In einem "keep it real"-Manifest plädiert der Rapper Textor alias Henrik von Holtum für mehr Achtsamkeit gegenüber der Musik. "Musste man früher von Flohmarkt zu Flohmarkt pilgern für diese eine besondere Platte, ist man heute nur ein paar Klicks vom kostenfreien Download entfernt. Warum sollte man es sich schwerer machen als nötig? Warum Platten schleppen, wenn nicht aus reiner Früher-war-alles-Besserwisserei? Da lädt man dann eben runter, nächtelang. Aber die ganze unüberschaubare Masse verleidet einem schnell die Freude am Hören. 17.000 Titel auf der Festplatte - wann soll man sich das alles anhören? Musik, die Aufmerksamkeit braucht, um zu wirken, hat da nicht so gute Karten. (...) Wenn man die Sachen dann noch über Laptoplautsprecher hört oder einfach das Handy laut stellt, was hat man dann davon? Es quäkt einfach etwas, mehr nicht. Ziemlich achtlos."

Weitere Artikel: Ralf Niemczyk weiß von der Berliner Popkomm zu berichten, dass vom viel "beschworenen Exportauftritt des deutschen Pop" keine Rede sein kann und das "kleinteilige Geschäft mit Newcomern und lokalen Helden" sich selbst überlassen bleibt. Kirsten Riesselmann stellt neue Alben von Devendra Banhart ("für die Pärchencouch"), PJ Harvey ("Herzstillstandsdeepness") und Nena ("120 grässliche Minuten") vor. Und in ihrer Kritik von Andreas Kriegenburgs Inszenierung von "Romeo und Julia" am Hamburger Thalia Theater beklagt Eva Behrendt den koketten Musikeinsatz: "Gangsta-Hiphop illustriert Gewalt und Bedrohung, verträumtes Pianogeklimper unterstreicht jeden Moment der Innigkeit, ein sehnsüchtiger Indiepopsong übertönt, dass die Spiele des Paares unter dem Leintuch ganz schön ausgedacht aussehen."

In tazzwei informiert Michael Bartsch über eine Gratis-Schülerzeitung der NPD-Jugendorganisation JN, die in Sachsen verteilt und möglicherweise indiziert wird.

Schließlich Tom.
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FAZ, 21.09.2007

Im Interview auf der letzten Seite äußert der Regisseur Romuald Karmakar Vermutungen dazu, warum sich das Publikum nicht recht für seinen Hassprediger-Film "Hamburger Lektionen" (unsere Kritik) interessiert: "Ich glaube, wir sind so auf Integration bedacht, dass wir den Kern dessen, was uns bedroht, nicht wahrnehmen wollen. Wir wollen den Dialog mit dem Islam und lassen deswegen alles weg, was den Dialog bedrohen könnte."

Frank Schirrmacher lobt und preist zum 60. Geburtstag des Autors "das Genie des Stephen King": "Es geht mir darum, Ihnen klarzumachen, dass Stephen King ungefähr vom Ende der siebziger Jahre an eine psychische Energie auf dem Globus entfesselt hat, die seither, um es sehr unlyrisch zu sagen, 'auf der Tagesordnung steht', so wie es die Ausbreitung der Allergien oder Infektionen tut."

Weitere Artikel: Dieter Bartetzko fürchtet angesichts der jüngsten Entwicklungen der Debatte, dass das Berliner Stadtschloss eine hybride Kompromissgeburt aus Rekonstruktion und Neuerung wird. Hannes Hintermeier ist froh, dass in Bayern der Elternbeitrag zu den Schulbuchkosten jetzt wieder gestrichen wird. Vom Streit um die Gestaltung des Dresdner Neumarkts berichtet Falk Jaeger. Jordan Mejias weist auf die jetzt auf der Website des Washingtoner Holocaust Memorial Museum veröffentlichten Fotos aus Auschwitz hin. Uwe Walter gratuliert dem Philologen Martin L. West zum Siebzigsten.

Frank Pergande hat sich die neue Ausstellung im Lübecker Grass-Haus angesehen. Gina Thomas meldet aus Großbritannien, dass Paddington, der neben Pu "berühmteste Bär der Kinderliteratur", jetzt für den Brotaufstrich Marmite wirbt.

Auf der Sachbuchseite werden ersten Bücher zu "Second Life" und Neuerscheinungen aus der "Leben-Mohammeds-Forschung", weiter vorne Sigrid Behrens' Geschichtenband "Diskrete Momente" rezensiert (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Besprochen werden eine Ausstellung mit Werken des Bildhauers Desiderio da Settignano in Washington, Timur Bekmambetows Film "Wächter des Tages" und die Aufführung von Giovanni Battista Pergolesis Oper "Adriano in Siria" bei den Pergolesi-Festspielen.

NZZ, 21.09.2007

Auf der Medienseite skizziert S.B. die Probleme von Zeitungsverlegern mit Google. Während die New York Times gerade fast ihr gesamtes Archiv freischaltet, um Besucher von Google auf ihre Website zu locken, wollen sich die Schweizer Verleger gegen Google wehren. S.B. zitiert den Schweizer Google-Chef Andreas Schönenberger: "'Google besitzt keine Inhalte, sondern ist eine Plattform, die den Menschen hilft, Inhalte zu finden.' Nicht der Inhalte wegen kämen die Leute zu Google, 'sondern sie kommen, um herauszufinden, wo die Inhalte sind'... Zudem sei es für die Zeitungsverleger, die in Google News nicht erwähnt werden wollen, ein Leichtes, dies zu verhindern; sie müssten den Quelltext ihrer Website lediglich um eine einzige Zeile ergänzen, und schon würde diese von der Google-Software gemieden." Die Antwort der Schweizer Verlegervertreter: "'Das ist, als ob sich ein erwischter Ladendieb auf den Standpunkt stellt, dass ihn der Ladeninhaber beim Betreten des Geschäfts zuerst hätte darauf hinweisen müssen, dass er hier nicht stehlen darf.'"

Außerdem berichtet zit. von einem französischen Journalisten, Alexis Debat, der "Interviews mit Michael Bloomberg, Bill und Hillary Clinton, Bill Gates, Alan Greenspan, Barack Obama, Nancy Pelosi und Colin Powell frei erfunden oder aus Fremdmaterial zusammengestückelt und unter seinem Namen in der französischen Zeitschrift Politique internationale veröffentlicht" hat. Aufgedeckt wurde die Affäre von dem Internetmagazin Rue89.com, das am 6. Mai von ehemaligen Redakteuren der Liberation gegründet worden war. Und set. informiert über den anstehenden Entscheid, wer die Konzession für Handy-TV in der Schweiz erhält.

Marc Zitzmann betrachtet im Feuilleton das neue Musee des monuments francais in Paris. Dirk Pilz berichtet über den Kampf des Theaters in Halberstadt gegen Rechtsradikale.Ueli Bernays spricht mit dem Hiphop-Produzenten Will.i.am über dessen neue CD. In der Reihe "Die Zukunft von gestern" widmet sich Georg Klein diesmal Arkadi und Boris Strugatzkis Roman "Picknick am Wegesrand", der die Vorlage für Tarkowskijs Film "Stalker" war.

Besprochen werden Bruno Molls essayistischer Dokumentarfilm "Paul Klee - Die Tunisreise", neue CDs von Steamboat Switzerland und Lucas Niggli und Sachbücher.

SZ, 21.09.2007

Einen euphorischen Bericht liefert Kai Strittmatter über die Istanbuler Kunst-Biennale und ihren Kurator, den Chinesen Hou Hanru. "Am liebsten sei ihm, sagt Kurator Hou Hanru, wenn die Besucher vergäßen, dass hier eine Biennale stattfinde. Das machen sie glatt. Am Goldenen Horn stolpern sie auf der Suche nach der Kunst durch ein Labyrinth von PVC- und Teppichläden und richten den Fotoapparat fasziniert auf den am Ladeneingang fläzenden Kippenraucher im Muskelshirt. Drüben in Asien ziehen sie in einer dunklen Straße Obstkisten auf den Gehsteig und warten, bis der Projektor aus dem eben vorgefahrenen Minibus Protestvideos aus Schweden oder Japan abspielt, Videos, die sich die Leinwand teilen mit dem Schatten eines vorüberspazierenden Kadiköyer Großmütterchens. Ganz Istanbul ist die Bühne. Ja, es gibt Kunst zu sehen, aber es ist fast wichtiger, wie sie zu sehen ist und wo. Diese Biennale spielt mit der Stadt, sie kitzelt und sie tritt sie, sie stiehlt von ihr und injiziiert ihr Leben, an den unmöglichsten Orten dazu. Sie stellt die Stadt aus."

Ebenso bemerkenswert wie paradox findet es Gerhard Matzig, dass Meinhard von Gerkan (Berliner Hauptbahnhof) eine "frei und eher theoretisch" ausgerichtete Architektur-Akademie gründet. "An der Akademie soll endlich auch gelehrt und gelernt werden, wie man architektonische Inhalte und Ziele angemessener kommuniziert. Wer je eine Vorstellung von Diplomarbeiten und das damit einhergehende hilflose, nichts erklärende Gebrabbel angehender Architekten (und die luftigen Kommentare der Prüfer) erlebt hat, der weiß, warum Gesellschaft und Architektur so oft aneinander vorbeireden."

Weitere Artikel: Ira Mazzoni hat sich beim Richtfest das Neue Museum in Berlin angeguckt und berichtet voller Vorfreude auf das fertiggestellte Haus. Johan Schloemann porträtiert Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, der in Berlin den Verlag Berlin University Press gegründet hat ("substantielleste Neugründung des Jahres", auch wenn der Name "bislang nichts als eine kalkulierte Großsprecherei" sei). Matthias Dusini weiß, dass der Wiener Museums-Szene durch die Zusammenlegung der Generali mit der Bawag-Foundation ein Debakel droht. Burkhard Müller erzählt vom alten Traum von der Nordwestpassage, deren Öffnung durch das Abschmelzen des Eises keinen so richtig freut. Johannes Willms berichtet über belgische Künstler, die vor der akuten Gefahr einer Spaltung Belgiens nach den letzten Parlamentswahlen warnen. Alex Rühle stellt die in Amerika aufgetauchten SS-Bilder aus Auschwitz des Lageradjutanten Karl Höcker vor. "göt" informiert über das Doku.Arts-Festival in Berlin. Und "jby" berichtet über die Forderung des Bundestags bezüglich genauerer Kostenkalkulationen für das projektierte Berliner Stadtschloss.

Besprochen werden Bücher, darunter Alexa Hennigs Thriller "Risiko" und eine Einführung in das Denken von Jürgen Habermas von Alessandro Pinzani (siehe hierzu unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).