Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.09.2007. Die Feuilletons lauschen gebannt den Hassreden eines islamischen Predigers, die in Romuald Karmakars neuem Film "Hamburger Lektionen" verlesen werden. In der taz versichert die marokkanische Soziologin Fatima Mernissi, dass die islamischen Länder dank Internet demokratisch werden. Spiegel Online berichtet, dass die New York Times ihr gesamtes Archiv und fast alle bisher kostenpflichtigen Bereiche freistellt. In der FAZ erklärt Kardinal Meisner, was er meinte, und die NZZ fasst die Reaktionen auf Meisner "schiefe Predigt" zusammen und erkennt einen neuen radical chic unter deutschen Intellektuellen. Die SZ begutachtet den Entwurf für das neue Spiegel-Hochhaus in Hamburg.

Welt, 19.09.2007

Eckhard Fuhr ist beeindruckt von Romuald Karmakars Film "Hamburger Lektionen", in dem der Schauspieler Manfred Zapatka ohne jeden Spielaufwand die Reden eines islamischen Hasspredigers verliest, dessen Hamburger Moschee auch von den Attentätern des 11. September besucht wurde: "Vor der Aussicht, nun 133 Minuten lang den theologischen Haarspaltereien eines Imams folgen zu müssen und angesichts des dicken Manuskriptstapels, den Zapatka in den Händen hält, muss man als Zuschauer zunächst einmal Fluchtreflexe niederkämpfen. Nichts wie raus aus dem Kino, sagt die innere Stimme. Doch schnell entfaltet das minimalistische Arrangement seine bannende Wirkung. Nicht die extremen Bilder der täglichen Nachrichtenflut, sondern die Worte eines bedächtig sprechenden Mannes vor fast starrer Kamera öffnen den Kosmos des islamistischen Denkens, zeigen die Mentalität seiner Propagandisten und machen die Atmosphäre der Parallelwelt der Moscheen und Gebetshäuser spürbar."

Weitere Artikel: Hanns-Georg Rodek begrüßt die Nominierung von Fatih Akins neuem Film "Auf der anderen Seite" für den Auslands-Oscar. Michael Pilz meditiert zu Beginn der Popkomm über den dramatischen Wandel in der Musikindustrie seit dem ersten Popkomm-Jahr 1989. Gemeldet wird, dass ein Putin nahe stehender Oligarch die gesamte Kunstsammlung des Cellisten Mstislaw Rostropowitsch gekauft hat. Josef Engels porträtiert die Jazzsängerin Pat Appleton, die ein Soloalbum herausbringt. Philipp Kohl legt ein instruktives kleines "Fundstück" über die Geschichte der aramäischen Sprache vor, die noch von ein paar syrisch-orthodoxen Christen gepflegt wird und der in Berlin eine kleine Ausstellung gewidmet ist. Peter Dittmar berichtet über die Auflösung und Versteigerung eines Teddybär-Museums in Stratford-upon-Avon. Hendrik Werner besucht die "Bibliothek des Jahres" - die Gefängnisbibliothek in Münster.

Besprochen werden eine Dokumentation über Beutekunst heute Abend auf 3sat, die Uraufführung von Jörg Widmanns Violinkonzert in Essen, Lutz Hübners Stück "Blütenträume" ebendort, der Fernsehfilm "Die Frau am Ende der Straße" in der ARD heute Abend und ein Konzert der Staatskapelle Berlin unter dem venezolanischen Feuerkopf Gustavo Dudamel.

Spiegel Online, 19.09.2007

Ab heute will die New York Times Online ihre zahlbaren Bereiche fast vollständig abschaffen (und wird damit nebenbei die deutschen Zeitungen, die den Tendenzen immer mit zwei Jahren Verspätung hinterherhecheln, auf dem linken Fuß erwischen), berichtet Konrad Lischka: "Die Argumentation des Nytimes.com-Managements: Archiv-Material ohne Bezahlschranke wird verlinkt, bringt gute Google-Treffer, lockt so neue Leser. Ähnlich hatte sich im August der Neu-Eigentümer des Wall Street Journals Rupert Murdoch geäußert. Er soll ein Ende des Bezahl-Modells bei WSJ.com planen."

TAZ, 19.09.2007

Auf der Meinungsseite versichert die marokkanische Soziologin Fatima Mernissi ihrem Interviewpartner Daniel Bax, dass die Medien den islamischen Ländern bald die Demokratie bringen werden. "Die digitale Revolution hat bislang 200 panarabische Satellitensender hervorgebracht und den Konsumenten sehr mündig gemacht. Das ist der Grund, warum ich glaube, dass es mit der Demokratisierung der arabischen Welt letztlich sehr schnell gehen wird: weil wir eine Demokratisierung von unten erleben." Und die, so Mernissi, wird nicht einfach die Islamisten nach oben spülen - siehe Türkei. "Die Islamisten dort haben sich entschieden, dass sie nicht länger als Islamisten bezeichnet werden wollen. Sich auf den Islam zu berufen, das reicht eben nicht mehr. Die Leute wollen Ergebnisse sehen. Auch in Marokko gibt es Städte wie Meknes, die von Islamisten regiert werden. Die Frage ist, wie sie dort die Alltagsprobleme lösen - das ist das Einzige, was die Menschen interessiert. Und wenn es eine islamische Partei nicht bringt, dann wird sie eben abgewählt."

Das Feuilleton: Thorsten Stegemann ist ganz begeistert von der Idee des Osnabrücker Theaters, auf der zweiten Ausgabe des Festivals "Spieltriebe" nur Zweitaufführungen hoch gelobter, aber bald vergessener Stücke zu zeigen. Der islamische Konvertit ist deshalb so beunruhigend, weil er uns die Fragilität der eigenen Kultur aufzeigt, meint Isolde Charim. Tilman Baumgärtel genießt, wie Quentin Tarantino auf dem Filmfestival von Manila die philippinischen Starregisseure an ihre Trash-Movies erinnert. Jürgen Gottschlich berichtet vom Skandal über ein Video des rechtsnationalen türkischen Sängers Ismail Türut. In der zweiten taz stellt Anne Meyer die Soundscape-Bewegung vor, die sich für die Geräusche der Stadt interessieren. Und auf der Meinungsseite treibt Mathias Greffrath ein amüsantes Spiel mit Zitaten aus dem Dekadenz-Heft des Merkur.

Schließlich Tom.
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FAZ, 19.09.2007

Im vorderen Teil der Zeitung äußert sich Kardinal Meisner zu den "Missverständnissen", die seine Rede von einer "entarteten Kultur" ausgelöst hat. Man muss ja nicht "entartet" sagen, gibt er zu: "Ich wiederhole: Ich bedaure ausdrücklich, dass diese Vokabel in der verkürzten Form des aus dem Zusammenhang gelösten Zitats Anlass zu Missverständnissen gegeben hat. Das Wort ist ohne Substanzverlust für mein Anliegen und meine Aussage ersetzbar: Dort, wo die Kultur - im Sinne von Zivilisation - vom Kultus - im Sinne der Gottesverehrung - abgekoppelt wird, erstarrt der Kultus im Ritualismus, und die Kultur nimmt schweren Schaden. Sie verliert ihre Mitte."

Der Regisseur Romuald Karmakar lässt in seinem Film "Hamburger Lektionen" den Schauspieler Manfred Zapatka die deutsche Übersetzung einer Hasspredigt von Mohammed Ben Mohammed al-Fazazi vorlesen. Das ist alles, aber es ist, wie Verena Lueken findet, außerordentlich beeindruckend: "Man muss sich, um zu verstehen, was in diesen Predigten vor sich geht, einhören in das, was gesagt wird, den Girlanden folgen, den Abschweifungen und sophistischen Wendungen. Ausschnitte, deftige Passagen, besonders deutliche Aufrufe zum Bruch der Gesetze in Deutschland, ließen sich zwar herauslösen, zerstörten aber, worum es hier eigentlich geht: dass wir verstehen lernen, was eine Hasspredigt ist. Dass wir die Binnenstruktur eines Denkens erkennen, das darum kreist, uns zu vernichten."

Weitere Artikel: Der Theologie-Professor Werner Löser S.J. hat sich, weil das Gotteshaus auf dem Messegelände leer blieb, auf der IAA umgesehen und staunt: "Hier präsentierte, ja zelebrierte sich unsere moderne, technische Zivilisation in strahlender Perfektion." Jörg Thomann bedankt sich bei Scott Fahlmann, dem die digitale Welt viel, nämlich drei Zeichen zu verdanken hat - diese hier: ;-). Auf die am Wochenende stattfindende Eröffnung des Berliner Neuen Museums bereitet Heinrich Wefing vor. In Italien wächst der Volkszorn gegen die Herrschenden, angetrieben vom seit mehr als zehn Jahren vom Bildschirm verbannten Komiker Beppe Grillo (hier sein Blog), den Dirk Schümer in seinem Bericht zur aktuellen Lage porträtiert. Kerstin Holm gratuliert dem russischen Schriftsteller Victor Jerofejew zum Sechzigsten, Eleonore Büning dem Dirigenten Kurt Sanderling zum 95. Gerhard Rohde porträtiert Bernd Loebe, den künstlerisch sehr erfolgreichen Intendanten der Frankfurter Oper. Günter Paul berichtet von der Schwerelosigkeit, der er sich an Bord eines Airbus anheimgab. Paul Ingendaay macht sich ein bisschen lustig über den um große Worte nicht verlegenen neuen spanischen Kulturminister Cesar Antonio Molina.

Besprochen werden die Ausstellung mit der Terrakotta-Armee des ersten Kaisers von China im British Museum, die Nicolaes Berchem-Ausstellung in Schwerin, Konzerte des San Francisco Orchestra unter seinem Dirigenten Michael Tilson Thomas beim Lucerne Festival und Bücher, nämlich Anna E. Röhrigs Buch "Klug, schön, gefährlich" über die hundert berühmtesten Frauen der Weltgeschichte und William Trevors neuer Erzählungsband "Tod des Professors" (dazu mehr in der Bücherschau ab 14 Uhr).

FR, 19.09.2007

So monströs wie es John Mearsheimer und Stephen Walt in ihrem Buch behaupten, ist "Die Israel-Lobby" bei weitem nicht, meint Hanno Loewy, der sich über die unseriöse Panikmache tüchtig ärgert. "Die 'Israel-Lobby' ist finanziell weitaus weniger potent als beispielsweise die Erdöllobby, die das fünffache an Geldern verteilt und die trotzdem nicht in der Lage ist, die Politik in Bezug auf den Nahen Osten entscheidend zu beeinflussen. Die 'Israel-Lobby' repräsentiert weitaus weniger Wähler als andere Gruppen (z.B. die Waffenlobby). Und ihr Erfolg in Bezug auf die massive Wirtschafts- und Militärhilfe der USA für Israel relativiert sich, wenn man bedenkt, dass Ägypten, ein Land, dem die USA nicht besonders verbunden sind, schon fast halb soviel an finanziellen staatlichen Mitteln aus den USA erhält wie Israel - ein Land, dessen Grad an zivilen Beziehungen zur USA den Eindruck erwecken kann, deren 51. Bundesstaat zu sein."

Weiteres: Elke Buhr porträtiert Mark Finkelstein, der sein House-Label Strictly Rhythm wieder aus der Versenkung holt. Der katalanische Schriftsteller Quim Monzo schreibt zum zweiten Mal aus Barcelona. Harry Nutt weist auf die Asien-Pazifik-Wochen in Berlin hin, die er ein wenig überfrachtet findet. Ina Hartwig klagt in einer Times mager, dass Manufactum die schönen Dinge immer schon vor einem selbst entdeckt.

Besprochen werden Lutz Hübners Stück "Blütenträume" über die neuen Alten am Essener Grillo-Theater und eine Ausstellung zur Geschichte des Frankfurter Städel-Museums ebenda.

NZZ, 19.09.2007

Joachim Güntner fasst die Reaktionen auf Kardinal Meisners "schiefer Predigt" zusammen und erkennt einen neuen "radical chic" unter deutschen Intellektuellen: "'Das Kunstwerk ist ein Pakt mit Gott.' Diese für moderne Geister unbekömmliche Behauptung stammt nicht von Kardinal Joachim Meisner, sondern von Nicolas Gomez Davila, einem kolumbianischen Denker, dessen christlicher Konservatismus ins Reaktionäre hinüberspielt. Davila, der 1994 starb, erfährt seit einiger Zeit eine bisweilen enthusiastische Anteilnahme durch Editoren und Rezensenten. In deutschen Feuilletons ist es chic geworden, Reaktionäre zu lieben, man stößt auf Wendungen wie 'bei meinem Lieblingsreaktionär G. K. Chesterton steht...'. Durch und durch liberale Zeitgenossen schwärmen so. Das ist der Reiz des Befremdlichen, Beißenden. Hier waltet eine intellektuelle Kulinarik, die umso leichter fällt, als die geliebten Reaktionäre erstens tot, also historische Figuren, und zweitens brillant sind." Beides kann Kardinal Meisner nicht in Anspruch nehmen.

Weitere Artikel: Peter Hagmann resümiert das Lucerne Festival und berichtet vom "heimlichen Höhepunkt": die Ankündigung des Baus der ersten, voll ausgebauten Salle Modulable der Welt. Andrea Köhler informiert über die neuen Bauprojekte am Ground Zero. Martina Wohltat besuchte das Festival Basel tanzt, auf dem es in diesem Jahr ziemlich skandinavisch zugeht. Sieglinde Geisel resümiert das Berliner Literaturfestival, auf dem die deutsche Literatur weniger, die Sparte "Literaturen der Welt" umso mehr überzeugen konnte.

Besprochen werden Bücher, darunter eine Neuausgabe von Ror Wolfs "Neunundvierzig Ausschweifungen" und Khaled Hosseinis Roman "Tausend strahlende Sonnen" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 19.09.2007

Alle debattieren jetzt über die Konvertiten, die vom Christentum zum Islam übergetreten sind, dabei gibt es weit mehr Muslime, "die ihre überlieferte Religiosität allmählich aufgeben und sich so weit assimilieren, dass sie ihrem Denken und Handeln nach kaum noch Muslime genannt werden können", meint der Autor und Übersetzer Stefan Weidner. "Das Problem besteht darin, dass uns die Mittel fehlen, diese Menschen zu erfassen oder in ihrer 'Konversion' überhaupt zu würdigen, weil unsere Gesellschaft nichts darstellt, zu dem man wirklich konvertieren könnte." Weil man aber auf die "Grundgesetzseite nicht wechseln kann wie in eine andere Religion, liegt der Schluss nahe, dass vor allem die Muslime es überhaupt nicht richtig können. In der Folge steht jeder noch so säkularisierte Muslim unter einem ständigen Rechtfertigungsdruck, werden Muslime, selbst wenn sie noch so säkularisiert sind, doch zunächst als Muslime wahrgenommen und damit auf ihre Herkunft verwiesen und zurückgewiesen. Man darf sich nicht wundern, wenn sie die Zurückweisung als guten Grund für eine echte Rückbesinnung begreifen."

Till Briegleb erinnert das von dem dänischen Büro Henning Larsen für 2010 geplante Spiegel-Hauptquartier in der Hamburger Speicherstadt an einen riesigen Bildschirm. Die Rede vom Null-Energie-Hochhaus stimme aber nicht ganz. "Mit einer hinterlüfteten Doppelfassade, Sonnenenergiesammler auf den Dachflächen und 400 Gründungspfählen, die sich die Erdthermik zunutze machen, wird auf regenerative Energien gesetzt. Da die Fernsehstudios, Küchen und Besprechungsräume aber trotzdem eine energieintensive Klimaanlage brauchen, entsteht hier die 'Gürtel-und-Hosenträger-Lösung'. Die umweltschonende Technik ersetzt nicht die konventionelle Klimaanlage, sondern verdoppelt nur den Technik-Aufwand. Das dient der Selbstdarstellung - nicht dem Umweltschutz."

Weitere Artikel: Christopher Schmidt glaubt nicht, dass die Kluft zwischen Kunst und Kommerz so tief und unüberbrückbar ist wie das im Jahrbuch von Theater heute behauptet wird. Uri Geller klagt gegen das von James Randi auf Youtube veröffentlichte Enthüllungsvideo über ihn, was Jean-Michel Berg veranlasst, vor dem exzessiven Gebrauch des Digital Millenium Copyright Acts zu warnen. Klaus Englert hört bei der Eröffnung des weltgrößten Architekturzentrums, der "Cite de l'Architecture et du Patrimoine", Nicolas Sarkozy über die wieder einmal geplante Erneuerung von Paris sprechen. Der russische Milliardär Alischer Usmanow kaufte bei Sotheby's in London die komplette Sammlung Mstislaw Rostropowitschs auf, meldet Johannes Boie. "dip" notiert, dass die Deutschen mehr Geld für Konzerte ausgeben. Jean-Michel Berg berichtet, was das Ende der Buchpreisbindung in der Schweiz bewirkt hat. Andreas Zielcke stellt die neue juristische Zeitschrift Myops vor.

Besprochen werden die deutsche Erstaufführung von David Hares Theaterstück "Zeitfenster" in Kassel, eine Ausstellung des kanadischen Videokünstlers Stan Douglas in Stuttgart, die Aufführung aller fünf Streichquartette von Jörg Widmann beim Festival "Klangspuren" bei Innsbruck, die Uraufführung von Widmanns Violinkonzert in Essen, das dritte Soloalbum des französischen Schlagzeugers Manu Katche, Rainer Kaufmanns auf einer Novelle von Martin Walser beruhender Film "Ein fliehendes Pferd" und Bücher, darunter Knud Romers Roman "Wer blinzelt, hat Angst vor dem Tod" und ein dreiteiliger Fotoband mit Bildern des Architekturfotografen Julius Shulman (dazu mehr in der Bücherschau ab 14 Uhr).