Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.08.2007. In der taz erklärt der Historiker Ulrich Herbert, wie Raul Hilberg unser Bild vom Holocaust verändert hat. Die FR wundert sich über die deutsche Schönfärberei der Lage im Irak. Die Welt beschreibt die feudalen Ambitionen der Stiftung Weimarer Klassik. In der NZZ beschreibt Georg Klein die Leiblichkeit noch der schönsten Neuronenblitze. Die SZ berichtet über den polnischen Streit um die angeblich wertezersetzenden Werke von Witold Gombrowicz.

Welt, 08.08.2007

In den Augen von Tilman Krause droht sich die Stiftung Weimarer Klassik in immer ehrgeizigeren Projekten zu verzetteln. Denn trotz der jüngsten Aufstockung ihrer Mittel sei ihr Zustand eher "dramatisch": "Der ehrgeizige Präsident Hellmut Seemann, der prominent in der Beletage des Stadtschlosses residiert, hegt noch ganz andere Ambitionen. Er will das Schloss zur 'neuen Mitte' machen, zur zentralen Einflugschneise für die Besucher, die dort, ähnlich wie unter der Glaspyramide des Louvre, ihren Parcours durch die Kunst- und Kulturstätten Weimars beginnen sollen. Das würde den Bau einer Tiefgarage nach sich ziehen, durch die man wiederum den Park an der Ilm (seinerseits ein Denkmal der Gartenarchitektur) beschneiden müsste. Die Idee ist in Weimar nicht unumstritten, weil damit - so meinen viele - das feudale gegenüber dem bürgerlichen Weimar eine historisch unangemessene Aufwertung erfahren würde."

Weiteres: Michael Pilz liefert Zahlen zum Niedergang der CD, den zuletzt das Prospect Magazin (mehr hier) konstatiert hat. Dank eifrigen Schwarzbrennens sei der deutsche Markt heute nicht mehr größer als der niederländische. In der Randglosse sieht Manuel Brug Gewitterwolken über Salzburg aufziehen: Nach Rolando Villazon haben nun auch Eilna Garanca und Anna Netrebko ihren Auftritt abgesagt. Claudia Lenssen schreibt zum Siebzigsten des Schaupielers Dustin Hoffman. Der Sänger Juan Diego Florez verrät Manuel Brug im Interview, wie man sicher das hohe C trifft. Matthias Kamann erinnert daran, dass die protestantischen Kirchen vor 60 Jahren mit dem "Darmstädter Wort" das erste klare Schuldbekenntnis der Deutschen abgaben. Peter Zander kündigt den ARD-Zweiteiler "Paparazzo" an.

NZZ, 08.08.2007

In einer sehr hübschen kleinen Hommage auf William Gibsons Roman-Trilogie "Neuromancer" kommt Georg Klein auch auf die theologischen Abgründe dieser noch auf Schreibmaschine erdachten Cyberspace-Vision zu sprechen: "'Das Fleisch, das spricht', also der Mensch, liegt in einem merkwürdigen Hader mit dem, was er als sein Eigenstes erkennt. Sosehr es seinen Scharfsinn auch in die Pflicht nimmt, das Gehirn kommt nicht umhin, sich einzugestehen, dass auch seine schönsten Neuronenblitze leibliche Phänomene sind. Und die 'Evolution der Maschinenintelligenz', die rasante Verbesserung der Maschinen in der Moderne, weiß zuletzt nichts Besseres, als den Leib, aus dessen Kerker sie wegwill, in einem technologisch generierten Raum erneut zu repräsentieren."

Weitere Artikel: Susanne Ostwald schreibt zum 70. Geburtstag von Dustin Hoffman. David Motadel bespricht Michael B. Orens bisher nur auf englisch erschienene Studie "Power, Faith, and Fantasy - America in the Middle East, 1776 to the Present". Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Im Wirtshaus" im Wien-Museum und einige Kinder- und Jugendbücher die sich mit der Nazizeit auseinandersetzen.

TAZ, 08.08.2007

Auf der Wissen-Seite schildert Gabriele Lesser die seltsamen Zustände am Willy-Brandt-Zentrum in Breslau, das vom DAAD kofinanziert wird. Seine Rektoren wollen sämtliche Mitarbeiter entlassen. "Sie reklamieren für sich die alleinige Entscheidungshoheit über die Personalpolitik am Zentrum. Da sie die Ende September freiwerdenden Stellen nicht öffentlich neu ausschreiben, kommt der Verdacht auf, dass die Rektoren entweder die Posten mit 'ihren Leuten' besetzen oder aber das Zentrum still und heimlich schließen wollen "

Der Zeithistoriker Ulrich Herbert erinnert im Kulturteil an Raul Hilberg und dessen Umwälzung unseres Bildes vom Holocaust: "Aus den Akten ergab sich ein ganz anderes Bild, als es in der Öffentlichkeit der Zeit - und langer Jahrzehnte danach - kolportiert wurde. Schon das Ausmaß des Mordgeschehens, quantitativ wie territorial, die unglaubliche Vielfalt von Einzelmaßnahmen, die in die Hunderttausende gehende Zahl derer, die daran mitwirkten, ließ Vorstellungen von einem geheimen Geschehen, in das außer Hitler nur noch wenige Vertraute eingeweiht gewesen wären, als ganz absurd erscheinen."

Weitere Artikel: Brigitte Werneburg beklagt die zunehmend "beknackter" werdenden beziehungsweise in Cinemascope daherkommenden Einladungen zu Kunstevents aller Art. In tazzwei wird der Songwriter Lee Hazlewood verabschiedet, der unter anderem den Klassiker "These Boots" für Nancy Sinatra schrieb. In einer beißenden Satire kommentiert Ariel Magnus außerdem die Meldung, wonach immer mehr Kinder von Holocaust-Überlebenden die Finanzierung einer Therapie durch den deutschen Staat fordern ("Als Enkel einer Auschwitz-Überlebenden und dazu noch Sohn ihrer Tochter habe ich Anspruch auf eine doppelte Therapie.")

Besprochen wird der Roman "Das ewige Leben der Albaner" der italienischen Videokünstlerin Ornela Vorpsi (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und hier Tom.
Anzeige

FR, 08.08.2007

Im Aufmacher wundert sich Arno Widmann darüber, dass es in Deutschland Mode wird, die Lage im besetzten Irak schönzureden. "Das Leben der Iraker, so heißt es in dem Artikel, werde 'auf eine bestimmte Art immer normaler'. Man muss davon ausgehen, dass das stimmt. Nur was stimmt, wenn das stimmt? Es heißt nichts anderes, als dass das Bomben und Gebombtwerden im Irak zur Normalität gehört. Einem Attentat zum Opfer fallen, gehört zur 'bestimmten Art' der irakischen Realität des Jahres 2007."

Weitere Artikel: Der Schriftsteller und Publizist Navid Kermani stellt ein Projekt des spanischen Künstlers Josep-Maria Martin in Porz vor, bei dem er in einem Wohnwagen die Lebensgeschichten unterschiedlichster Gesprächspartner zu notieren hatte. Peter Iden informiert über den sensationellen Erfolg des Buchs "La Casta" (die Kaste) in Italien, in dem zwei Journalisten das politische System des Landes durchleuchten. Als "so sexy und so tief" würdigt Sylvia Staude in ihrem Nachruf den Songwriter Lee Hazlewood. Und in Times mager kritisiert Harry Nutt die Bildunterschrift in einem Bildband des Taschen Verlags zu dem berühmt gewordenen Foto von Friederike Hausmann, die sich um den sterbenden Benno Ohnesorg kümmert.

Besprochen werden zwei CDs des Cellisten Daniel Müller-Schott mit Einspielungen von Bach und Brahms und Bücher, darunter "Kalteis", das zweite Buch von Andrea Maria Schenkel der Autorin des Überraschungserfolgs "Tannöd" (siehe dazu unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 08.08.2007

Helmut Mayer notiert wenig erfreuliche Erkenntnisse aus dem von Ursula Caberta herausgegebenen "Schwarzbuch Scientology". Johann Georg Reißmüller beschreibt tschechische Szenen um sein Elternhaus (vermuten wir wenigstens) 1945, 1964 und 1992. In der Leitglosse geißelt "jom." den Erfolg der Glückspille Ritalin (mehr hier und hier). Verena Lueken schreibt zum Siebzigsten von Dustin Hoffman. Julia Spinola resümiert erfreut das Programm des neuen Konzertchefs der Salzburger Festspiele Markus Hinterhäuser. Richard Kämmerlings amüsiert sich beim "Haldern Pop"-Festival am Niederrhein und stellt dabei fest, was Indie nicht ist: Jan Delay. Kerstin Holm meldet, dass Hitler "eine geheime Schwäche für russische klassische Musik" hatte. Der Historiker und Schriftsteller Arno Lustiger schreibt den Nachruf auf seinen Cousin, den Kardinal Jean-Marie Lustiger: "Ihje schmo wesichro baruch leolam wa'ed." Lauter Schutzheilige von Peter Handke erlebte Anton Thuswaldner beim Handke-Fest in Gmunden. Christian Schwägerl stellt das neue Institut für integrative Lebenswissenschaft in Berlin vor, in dem Geistes- und Naturwissenschaftler debattieren wollen, "bis der Sofaplüsch brennt".

Auf der Medienseite berichtet Nina Rehfeld über die Hintergründe des Mordes an dem amerikanischen Journalisten Chauncey Bailey: Ein Mitglied der "Your Black Muslim Bakery" in Oakland hat sich als Täter bekannt. Auf der letzten Seite stellt Karen Krüger den ersten deutschen Imam Max Heidelberger vor. Matthias Hannemann porträtiert den "Sherlock Holmes der Genealogie", Ralf Jahn.

Besprochen werden eine Ausstellung zur Geschichte der Kreuzzüge auf dem österreichischen Schloss Schallaburg, Bahman Ghobadis Film "Half Moon" über kurdische Musiker und die Ausstellung "Anmut und Würde - Bücher und Leben um 1800" im Frankfurter Goethe-Museum.

SZ, 08.08.2007

Thomas Urban erläutert den seit Wochen in Polen schwelenden Streit um Lektürelisten für Gymnasien, an denen die Regierung zu zerbrechen droht und in dessen Zentrum der Schriftsteller Witold Gombrowicz steht. "Dass der Streit um einen Schriftsteller diese politische Dimension annimmt, wäre wohl ein Novum in der Geschichte der europäischen Demokratien. Der Führer der Nationalkatholiken erklärte also, er möchte den Gymnasiasten nicht länger wertezersetzende Werke zumuten, darunter eben auch die Gombrowiczs, des wohl berühmtesten polnischen Schriftstellers des 20. Jahrhunderts, eines Theater- und Sprachexperimentators. Giertych sieht durch den Skeptiker und Freigeist, der seine homosexuellen Neigungen nie verborgen hatte, sein Ziel gefährdet, die Jugend zu 'Ordnung, Disziplin und Vaterlandsliebe' zu erziehen. Die fundamentalistische Familienliga gab somit die Parole aus: 'Giertych oder Gombrowicz!'"

Weitere Artikel: Jens Bisky informiert über die Risse in den Stelen des Berliner Mahnmals für die ermordeten Juden Europas, in einem beigestellten Interview erklärt deren Architekt Peter Eisenman die Normalität des Alterns von Beton. Sonja Zekri berichtet über die Reue des Historikers Michael Ignatieff für sein Plädoyer für den Irak-Krieg (mehr hier). Christopher Schmidt porträtiert den Theaterschauspieler Joachim Meyerhoff. Paul-Philipp Hanske informiert über einen neuen Trend zum Remixen zu Unrecht - und Recht - vergessener Songs für heutige Dancefloors. Ingo Petz beklagt die bauliche Zerstörung der weißrussischen Stadt Hrodna. Burkhard Müller räsoniert anlässlich des bevorstehenden Lokführerstreits über die zwei Seiten der "Beamtenmedaille". Fritz Göttler gratuliert Dustin Hoffman zum 70. Geburtstag. Zu lesen ist außerdem ein Nachruf auf die schwedische Schriftstellerin Anja Lundholm.

Besprochen werden Francois Ozons neuer Film "Angel", Aufführungen von Werken des italienischen Komponisten Giacinto Scelsi bei den Salzburger Festspielen und Bücher, darunter der Roman "Die unerbittliche Pünktlichkeit des Zufalls" von Simon Ings und eine neue Ausgabe der Memoiren von Robert de Montesquiou (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).