Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.05.2007. In der Berliner Zeitung stellen Kathrin Passig und Holm Friebe das nächste große Ding im Internet vor. In der FR sieht Carlos Fuentes den Plurikulturalismus der Mestizen als Symbol für die lang ersehnte Moderne in Europa. In Spiegel Online untersucht Gerd Koenen die Wege des linken Populismus in Lateinamerika. Die Welt warnt vor Heckenschützen in Internetforen. Außerdem erklärt Fatih Akin, warum er jetzt nicht gegen den G8-Gipfel protestieren kann. Die taz fragt nach der gesellschaftlichen Relevanz der allerneuesten Kunst.

Welt, 30.05.2007

Im Interview mit Peter Beddies erzählt Regisseur Fatih Akin von Cannes, seinem Treffen mit Martin Scorsese - und warum er nicht mit seinem Kumpel Jan Delay nach Heiligendamm fahren kann. Er muss nämlich in der Türkei einen neuen Dokumentarfilm drehen" "Das Dorf meiner Vorfahren, Camburnu, ist bedroht. In 'Auf der anderen Seite' habe ich dort einige Szenen gedreht. Aber nun will die türkische Regierung das Dorf platt machen und dort eine der größten Müllkippen Europas errichten. Ein unglaublicher Skandal... Auch wenn das Dorf eines Tages nicht mehr existiert, muss ich sagen können, ich habe alles probiert, ich war mit meiner Kamera dabei, als die Menschen die Erde gefickt haben. Deshalb soll der Film auch 'Müll im Garten Eden' heißen. Ich will zu jeder Jahreszeit da sein und drehen. Deshalb ist mir das wichtiger, als nach Heiligendamm zu fahren."

In der Randglosse verarbeitet Hendrik Werner die Meldung, dass in Dresden jetzt die weltweit erste SMS-Bibliothek entstehen soll. Werner erinnert auch an Cesare Borgia, der vor fünfhundert Jahren starb. Johanna Merhof widmet sich den Mädchen-Idolen No Angels und Avril Lavigne. Ulrich Weinzierl berichtet von den Salzburger Pfingsfestspielen, denen Riccardo Muti mit seinem neapolitanischen Programm kräftigen Aufwind gegeben hat. Uwe Wittstock schreibt zum Tod des Schriftstellers Wolfgang Bächler.

Besprochen werden zwei "Kabale und Liebe"-Aufführungen von jungen Regisseuren in Zürich und Berlin ("Niemals brachte das Leid der Spätpubertät größere Literatur hervor", spottet Matthias Heine), Volker Löschs "Medea"-Inszenierung in Stuttgart und die Ausstellung "Russlands Seele" in der Bonner Kunsthalle, die 150 Werke der Tretjakow-Galerie zeigt.

Im Forum warnt Brand eins-Redakteur Wolf Lotter vor Hetzern und Spinnern im Internet: "Nicht sinistre Geheimdienste und die Produkte anderer Hirngespinste bedrohen die Freiheit im Internet, sondern jene, denen es schlicht an Anstand und Mut fehlt, zu dem, was sie zu sagen haben, auch zu stehen. Blogs und Foren sind mittlerweile der Tummelplatz anonymer Heckenschützen. Längst sind es nicht mehr rechts- oder linksradikale Spinner, die sich in Verschwörungstheorien, Verleumdungen und Beleidigungen üben. Diese Leute haben der Masse an Schreibtischtätern, die sich heute hinter Pseudonymen und Kürzeln verbergen, nur Pate gestanden. Ihre Sprache kennt keinen Respekt - ihr fehlt also die Grundlage jeder Meinungsfreiheit. "

TAZ, 30.05.2007

Mit einem Beitrag von Brigitte Werneburg startet die taz heute eine Serie zur Frage, was Zeitgenossenschaft in der heutigen Kunst heißt. Sie schreibt: "Trotz aller Legitimationsmacht und Dominanz der Aufmerksamkeitsökonomie - der Kunst fehlt der Drive, wie man in den 60er- und 70er-Jahren sagte, als Zeitgenossenschaft noch ein Moment der Notwendigkeit definierte. Wer sich auf ihre Seite schlug, wusste: Das wird dein Leben (und sei es nur deinen Drogenkonsum) verändern. Aus dem aktuellen Anspruch der Kunst, kulturelles Leitmedium zu sein, folgt dagegen, auch alternativlos zu sein. Die Beschäftigung mit Kunst ist Ausweis wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolgs - kein Gegenvorschlag."

Besprochen werden Joachim Schloemers Inszenierung der Zemlinsky-Oper "Der Traumgörge" an der Deutschen Oper Berlin und Marco Mittelstaedts Film "Elbe".

Schließlich Tom.

FR, 30.05.2007

In einem Vortrag, den er bei der vom deutschen Außenministerium und der Akademie der Künste veranstalteten Konferenz "Perspektive Europa" halten wird, spricht Carlos Fuentes über Europa, Migration und Identitätsfragen in Europa und Südamerika. "Mexiko und Lateinamerika mit ihren tiefen Wurzeln in Spanien und Portugal haben die Pflicht, und sei es auch nur aus Gründen der Selbsterhaltung, ihre auswärtigen Beziehungen über den amerikanischen Kontinent hinaus auszuweiten. Wir leben neben einem verwundeten Riesen, der in Raserei ausbrechen und uns mit sich in den Abgrund reißen könnte. Europa erscheint uns immer mehr als ein Einflussfaktor im Bemühen um ein international ausgewogenes und gesundes politisches Klima." Die Europäer wiederum könnten von Lateinamerika lernen, denn der "Plurikulturalismus der Mestizen" könne durchaus als "Symbol für die so lang ersehnte Moderne gesehen werden".

Weitere Artikel: Harry Nutt berichtet über das Kunstfestival Art goes Heiligendamm, für das unter anderem die Künstlergruppe Raumlabor Berlin unter der Anleitung von Benjamin Foerster-Baldenius im Rostocker Osthafen eine Heiligendamm-Kopie errichtet hat. Tom Mustroph resümiert eine Diskussionsveranstaltung von 500 Globalisierungsgegnern aus 50 Ländern im Berliner Hebbel am Ufer. Judith von Sternburg besucht das wiedereröffnete Museum für Schöne Künste in Gent, das zum Auftakt eine "kuriose" Ausstellung mit belgischen Künstlerporträts zeigt. In Times mager schwant Christian Thomas nach einem Parisbesuch der Frankfurter Oberbürgermeisterin mit ausführlicher Schwärmerei für die Bauten des Architekten Jean Nouvel nichts Gutes. Tim Gorbauch schließlich weist in Kürze auf die Tour einer Band aus Missouri namens Someone still loves you, Boris Yeltsin (doch, doch) hin.

Besprochen werden der Auftritt von Justin Timberlake in der Frankfurter Festhalle, ein Inszenierung von Verdis "Falstaff" bei den Pfingstfestspielen im Festspielhaus Baden-Baden, und Bücher, darunter Wilfried Meichtrys Doppelbiografie über Iris und Peter von Roten (siehe hierzu unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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Spiegel Online, 30.05.2007

Im Interview mit Reinhard Mohr untersucht Gerd Koenen die Wege des linken Populismus in Lateinamerika, nachdem Hugo Chavez in Venezuela gerade die letzten freien Medien ausgeschaltet hat. Fidel Castro sei dabei Chavez' wahres Vorbild: "Manchmal hat man fast den Eindruck, als ginge das bis hin zur Vorstellung einer 'Seelenwanderung', einer geistig-ideologischen Machtübertragung. Der Geist des sterbenden Commandante ist in ihn, Chavez, übergangen. Dem entspricht aber auch eine materielle Realität: Venezuela hat Kuba Huckepack genommen."

Berliner Zeitung, 30.05.2007

Holm Friebe und Kathrin Passig stellen das nächste große Ding im Internet vor, nicht Netz 3D, sondern "Semantic Web". Es "verheißt, dass Computer die Daten, die sie verarbeiten, irgendwie verstehen und damit zum Beispiel besser gefilterte Antworten auf Suchanfragen oder weniger alberne automatische Übersetzungen liefern könnten. Dabei interessiert weniger, ob die Maschine ein eigenes Bewusstsein entwickeln kann, sondern wie man den blöden Geräten elementare logische Zusammenhänge begreifbar macht wie etwa den, wann mit 'Essen' die Stadt gemeint ist und wann die Tätigkeit. Strittig nur, ob sich die Ostroute (logisches Schlussfolgern) oder die Westroute (stures Auszählen von Worthäufigkeiten) als aussichtsreicherer Weg ins gelobte Land erweist. Bislang wird noch getrennt marschiert."

NZZ, 30.05.2007

Besprochen werden die Paul-Poiret-Ausstellung im Metropolitan Museum in New York, Bong Joon-Hos Monsterfilm "The Host", der in Amerika neu verfilmt werden soll, Verdis Oper "Luisa Miller" in der Bayerischen Staatsoper München, die Ittinger Pfingstkonzerte und Bücher, darunter Martin Dehlis Biografie über Alexander Mitscherlich und Rachel Seifferts Roman "Danach" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 30.05.2007

Nach den neuesten Büchern "kämpferischer Atheisten" wie Richard Dawkins und Christopher Hitchens sowie einem Spiegel-Titel bringt uns Andrian Kreye auf den Stand der wissenschaftlichen Glaubensforschung. Hier gibt es zwei Schulen: die evolutionspycholgische und die darwinistische Schule, die zum Beispiel der Anthropologe Scott Atran vertritt: "Warum, so fragte er in seinem Buch 'In Gods We Trust', sind Gesellschaften bereit, einen hohen Preis für den Glauben zu bezahlen, der sie wertvolle Ressourcen wie Zeit, Kraft und Material koste? Welche Gefahr für das Überleben konnte mittels Glauben abgewendet werden? Welche Funktion hatte der Glauben für den Einzelnen und für das Kollektiv? Und warum hatten Glaubensgemeinschaften traditionell bessere Überlebenschancen? Bald schon kam die darwinistische Glaubensforschung zu dem Ergebnis, dass der Glaube zwar fest im Bewusstsein des Menschen verankert und kein reines Produkt kultureller Einflüsse und Erziehungen sei. Eine Funktion, die den Glauben als evolutionären Vorteil definiert, fanden sie indessen nicht. So kamen sie zum Schluss, der Glaube müsse ein Nebenprodukt der Evolution sein, das seine ursprüngliche Funktion längst eingebüßt habe."

Weitere Themen: Christian Jostmann stellt das neueröffnete Museum für den Aktionskünstler Hermann Nitsch im niederösterreichischen Mistelbach vor. Matthias Kolb erklärt, inwiefern die Homosexuellen-Parade die lettische Gesellschaft spaltet. Ralf Dombrowski resümiert das diesjährige Moers Festival. Chka schließlich informiert über ein Projekt der British Library, die E-Mails als Menschheitsgedächtnis archiviert; in der Kategorie "Humor" sei man vor Erfindung der E-Mail bisher allerdings "anderes gewohnt" gewesen.

Besprochen werden David Finchers Film "Zodiac - Die Spur des Killers", das Auftaktkonzert der Welttournee von The Police in Vancouver, Verdis Schiller-Oper "Luisa Miller" an der Bayerischen Staatsoper, Schnitzlers "Der einsame Weg" in Bochum, Lucia Rochettis Minidramen-Oper "Der Sonne entgegen" am Musiktheater im Revier und Bücher, darunter Michael Pauens Studie "Was ist der Mensch?" und der Roman "Die Optimisten" von Andrew Miller (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 30.05.2007

Im Aufmacher schildert Mark Siemons das Körper-Verhältnis der Chinesen, die in Parks nicht joggen, sondern rückwärtsgehen, den Rücken an Bäumen reiben und anschließend krächzen. Heinrich Wefing glossiert ein neues Showformat der Firma Endemol - drei Kandidaten bewerben sich um die Niere einer moribunden Spenderin, deren Sympathie sie gewinnen müssen. Richard Kämmerlings wurde von der FAZ eine Reise nach Vancouver spendiert, damit er dort ein Konzert der eigens exhumierten Gruppe Police verfolgen konnte. Gina Thomas verfolgte in Dresden eine hochbesetzte Tagung über die Lage der Museen in der Welt, bei der auch der greise Historiker Eric Hobsbawm einen Vortrag hielt. Joseph Hanimann resümiert eine Konferenz über Migration und Integration in Paris. Der Verwaltungsrichter Markus Scheffer betrachtet in einem längeren Artikel die juristischen Implikationen im Streit um die Dresdner Waldschlösschenbrücke, die auch für andere Weltkulturerbestätten von Belang sind.

Auf der Medienseite erwarten sich Leif Kramp und Stephan Weichert eine Verbesserung der Programmqualität in Privatsendern durch systematische Auswertung der Internetkommentare von Zuschauern zu Sendungen. Gina Thomas meldet, dass Rupert Murdochs Einfluss auf die britische Medienlandschaft aus kartellrechtlichen Bedenken untersucht wird. Und Jürg Altwegg berichtet, dass der Zürcher Tages-Anzeiger die Berner Zeitung kauft. Auf der letzten Seite beobachtet Lisa Nienhaus eine ideologische Aufrüstung der Rockszene von Grönemeyer bis "Wir sind Helden" vor dem G8-Gipfel. Jordan Mejias porträtiert den amerikanischen Satiriker Christopher Buckley. Und Jürg Altwegg berichtet über die Vorstellung von Joseph Ratzingers "Jesus"-Buch in Paris.

Besprochen werden Verdi-Inszenierungen in Baden-Baden und München, die Ausstellung "Laboratorium Lack - Baumeister, Schlemmer, Krause 1937-1944" in Stuttgart, David Finchers Film "Zodiac" und eine Ausstellung mit Quilts der Amish-Leute in München.