Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.05.2007. In der FR erinnert György Dalos an Matthias Rust, der vor zwanzig Jahren mit seiner Cessna neben dem Roten Platz landete und das Moskauer Politbüro durcheinanderbrachte. Die FAZ zeigt sich tief beeindruckt von Sasha Waltz' Inszenierung des "Medea-Materials" in Luxemburg. In der New Republic diagnostiziert Paul Berman in einem riesigen Artikel über Tariq Ramadan einen "reactionary turn" in der intellektuellen Szene. Das Festival von Cannes hat die Kritiker in diesem Jahr begeistert - auch mit der Goldenen Palme für Cristian Mungiu zeigt man sich zufrieden. Alle Zeitungen bringen außerdem Nachrufe auf Jörg Immendorff.

Welt, 29.05.2007

Der Sieger von Cannes, der rumänische Regisseur Cristian Mungiu, freut sich im Interview mit Peter Beddies über seinen Erfolg: "Vor sechs Monaten wussten wir noch nicht einmal, wie wir den Film finanzieren würden. In Rumänien stehen die Finanziers nicht unbedingt Schlange, wenn man über Unschönes aus der Vergangenheit erzählt. Und dann ging alles ganz schnell. Wir konnten den Film machen. Kurz darauf war er dann auch schon in Cannes. Und die Kritiker schienen ihn zu lieben." Aber er betont auch, dass der rumänische Film viel zu lange im Westen unterschätzt worden sei. (Mehr zum rumänischen Kino hier oder hier)

Weitere Artikel: Hanns-Georg Rodek bilanziert das Festival und seine übrigen Gewinner. Vor dem G8-Gipfel denkt Michael Pilz über die Veränderung der Protestkultur nach. Dankwart Guratzsch empört sich über die die geplante Entmachtung des sächsischen Landesamtes für Denkmalpflege. Zur großen Ausstellung des Metropolitan Museums "Die schönsten Franzosen kommen aus New York" erinnert Wolf Lepenies daran, welches Entsetzen die moderne Malerei bei der Armory Show von 1917 ausgelöst hatte. Die Presse spottete damals, wie Lepenies zitiert, über die "dümmsten und hässlichsten Bilder, die es auf der Welt gibt".

Besprochen werden Michael Deutschs in Paris aufgeführtes RAF-Stück "Mensch oder Schwein" (bei dem Johannes Wetzel eine Menge "wolkigen Idealismus und revolutionäres Geschwätz" über sich ergehen lassen musste), der ZDF-Zweiteiler "Rommels Schatz" und ein Film zum G8-Gipfel, "Frühstück mit einer Unbekannten", der heute abend auf Sat1 läuft.

NZZ, 29.05.2007

Martin Walder bilanziert hoch zufrieden das Festival von Cannes, das in diesem Jahr hochkarätig glänzte: "Mit Filmen, die heikle oder politisch brisante Themen nicht scheuten und sich in Stil und zeitlichem Format an Ränder vorwagten, das Publikum fordern, im Erzählen aber zumeist auch 'abholen' wollten. Filmen, die aufwühlten, irritierten, im geglückten Fall zu Entdeckungsreisen in die Wahrnehmung selber wurden und in uns die Spuren hinterlassen haben, um derentwillen wir bei mediterranem Strandwetter ins Kino sitzen."

Claudia Schwartz schreibt den Nachruf auf den Maler Jörg Immendorff, der am Wochenende seiner schweren ALS-Erkrankung erlegen ist: "Die offizielle Rolle des Künstlers als moralische Instanz und Nervensäge passte nie so recht zu Immendorff, dem Düsseldorfer Kunstprofessor zwischen Rocker-Gehabe und Drogen-und- Nutten-Skandalen, der sich in schwarzes Leder warf, mit Gold schmückte und sich ärgerte, wenn ihn die einheimischen Medien als Malerfürsten belächelten, während er ausserhalb Deutschlands längst als einer der wichtigsten Gegenwartskünstler galt. Die These seines Lehrers Beuys von der gesellschaftlichen Wirkungsmacht der Kunst verfolgte auch Immendorff, wenngleich seine Bilder nicht auf die soziale Formung des Menschen abzielten, sondern auf politisches Handeln."

Weiteres: Paul Kretz erinnert an den Kabarettisten, Künstler und Politiker Alfred Rasser, der vor hundert Jahren geboren wurde. Besprochen werden zwei Aufführungen von Verdis "Falstaff" in Bern und bei den Pfingstfestspielen Baden-Baden und Bücher, darunter Werner Bräunigs nachgelassener Roman "Rummelplatz" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
Stichwörter: Jörg Immendorff, Led

FAZ, 29.05.2007

Sehr beeindruckt hat Eleonore Büning Sasha Waltz' Präsentation von Pascal Dusapins Oper "Medee-Materiau" nach Heiner Müller in Luxemburg: "In einigen atemraubenden Momenten scheint es tatsächlich zu gelingen, dass sich die Gattungsgrenzen auflösen und der uralte Traum vom Gesamtkunstwerk wieder lebendig wird, in fließender Synthese von Ton und Geste, Bewegung, Wort und Bild. Ist es Zufall, dass sich diese Kreativität in einer freien, nichtsubventionierten Theaterproduktion entfaltet, die nun auf Tournee geht, sich vermietet und frischen Wind bringt an subventionierte Häuser?"

Der in der Türkei lebende Finanzmanager David L. Edgerly verteidigt die islamisch orientierte Partei AKP des amtierenden Premiers Erdogan gegen die Demonstrationen der Säkularisten: "Angesichts der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse in der modernen Türkei ist kaum vorstellbar, dass das Land jemals einer engstirnigen religiösen Doktrin erliegen wird. Aber schon die Furcht vor einer solchen Entwicklung mobilisiert die säkulare Elite, die ihre Interessen gefährdet sieht."

Weitere Artikel: Verena Lueken kommentiert die Palmen von Cannes und zeigt sich insgesamt sehr zufrieden mit dem Festival. Jürgen Kaube glossiert die Entlassung einer katholischen Religionslehrerin durch die Kirche - sie hatte sich erfrecht, ohne Erlaubnis der Kirchenoberen Vertretungen in anderen Fächern zu bestreiten. Niklas Maak schreibt zum Tod Jörg Immendorffs. Jügen Kesting verabschiedet den Bremer Intendanten Klaus Pierwoß. Richard Kämmerlings berichtet vom neuen LAN-Literaturfestival in Berlin. Ingeborg Harms wirft einen Blick in deutsche Zeitschriften, die sich unter anderem mit Hitler in Bayreuth befassen. Auf drei Seiten werden Kulturveranstaltungen im Juni annonciert.

Auf der DVD-Seite geht's unter anderem um Editionen von Filmen Emmanuel Guiberts, Christopher Nolans und Richard Linklaters. Michael Althen empfiehlt außerdem einige Kassetten mit Romy-Schneider-Filmen. Auf der Medienseite empfiehlt Wolfgang Sandner eine innovative Fernsehinterpretation von Berlioz' "Symphonie fantastique" mit der Sinfonietta Cracovia unter John Axelrod heute Nacht auf Arte. Karl-Peter Schwarz erzählt, wie sich der rumänische Präsident Traian Basescu mit Hilfe des Internets ein modernes Image verschaffte. Für die letzte Seite beobachtete Swantje Karich ein Star-Wars-Fantreffen in Los Angeles. Regina Mönch beichtet von einer neu eröffneten zweiten Scientology-Filiale in Berlin, die bei den Berlinern aber auf wenig Gegenliebe stößt. Und Verena Lueken porträtiert den rumänischen Regisseur Cristian Mungiu, den glücklichen Gewinner der Goldenen Palme.

Besprochen werden Konzerte und Ausstellungen zum 300. Todestag Dietrich Buxtehudes in Lübeck, ein Auftritt der Band Built to Spill in Frankfurt und eine Ausstellung über Martin Walser und die Kunst in Überlingen am Bodensee.
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Weitere Medien, 29.05.2007

In der New Republic publiziert Paul Berman einen riesenhaften Essay über Tariq Ramadan, in dem er auch auf die vom Perlentaucher und von signandsight.com lancierte Bruckner-Buruma-Debatte eingeht. Berman konstatiert einen "reactionary turn in the intellectual world" und spricht damit einige Autoren an, die gegen Ayaan Hirsi Ali polemisierten. Wir zitieren der Eile halber auf englisch: "Something like a campaign against Hirsi Ali could never have taken place a few years ago. A sustained attack on an authentic liberal dissident crying out against injustices in remote parts of the world and even in the back streets of Western Europe, a sustained attack that appears nearly to have erased the very mention of women's oppression and the struggle for women's rights from discussion--no, this could not have happened yesterday, except on the extreme right. This is a new event."

TAZ, 29.05.2007

"Die Kunstwelt hat einen ihrer vielseitigsten und intelligentesten Protagonisten verloren", schreibt Wolfgang Ulrich zum Tod des Malers Jörg Immendorff. "Es gibt kaum ein anderes Werk der neueren Kunstgeschichte, in dem der bürgerliche Kunstbegriff so deutlich und so schön decouvriert wird. Dennoch wirkt die Kritik nicht aggressiv oder böse. Dazu ist sie zu comicartig, vor allem aber ist sie Selbstkritik und als solche erstaunlich ehrlich: 'Mein Leitfaden war der Egoismus', heißt es auf demselben Bild. Auf anderen Blättern zitiert Immendorff Mao und bekennt sich zu dessen Auffassung, der Künstler habe als ein 'Rädchen und Schräubchen' im Kollektiv der Arbeitenden aufzugehen (und gerade kein Außenseiter zu sein).

Christian Broecking zeichnet ein Porträt des Avantgarde-Komponisten Louis Andriessen, der die niederländische Musikszene revolutioniert habe: "Die Avantgarde hat mit einer widerständigen Haltung zu tun - gegen den Terrorismus der Unterhaltungsindustrie. Im Widerspruch zu Boulez ist Andriessen der Meinung, dass die meisten der so genannten erweiterten Techniken in der modernen Instrumentalmusik vom Free Jazz und von der improvisierten Musik kommen. Er höre sehr genau, wenn Musiker komplexe neue Musik interpretieren und es dabei nicht schaffen, sich mit ihr zu identifizieren - dann spielen sie nur die Noten. Und das habe eben keinen Soul."

Weiteres: Cristina Nord bilanziert das Filmfestival von Cannes: "Nichts als Tod, Verlust, Trauer." Besprochen werden Sasha Waltz' Operninszenierung "Medea" in Luxemburg und die Dresdner Ausstellung "Learning from Moscow", die die vom russischen Zoll beschlagnahmten Bilder kritischer Bilder durch Fotokopien ersetzt hat.

Auf der Meinungsseite kritisiert Eberhard Seidel den Publizisten Ralph Giordano für seine vehementen Äußerungen zum Bau der Kölner Moschee: "Giordano spricht den Muslimen in Deutschland generell ab, Teil dieser Gesellschaft zu sein. Er möchte Muslimen das Grundrecht auf freie Religionsausübung aberkennen, zu der auch der Bau sakraler Bauten gehört. Das ist ein Aufruf zum Rechtsbruch und zur Diskriminierung einer religiösen Minderheit."

Und Tom.

FR, 29.05.2007

Erinnert sich noch jemand an Matthias Rust? Vor zwanzig Jahren flog er mit seiner Cessna nach Russland und landete auf dem Roten Platz um die ins Stocken geratenen Abrüstungsverhandlungen wieder zu befeuern. György Dalos beschreibt, was dann passierte: Gorbatschow berief einen Krisenstab ein. "Der Verlauf der Sitzung lässt sich im Wesentlichen anhand der im vorigen Herbst in Moskau veröffentlichten Protokolle des Politbüros rekonstruieren. Der Rat der Götter macht aus heutiger Sicht einen recht ratlosen Eindruck. Nach der Anhörung der beiden Marschälle, deren Erklärungen man nicht als aufzeichnungswürdig erachtete, äußerte sich jedes Mitglied des hohen Gremiums zur Sache. Ministerpräsident Rischkow forderte die Ablösung des Chefs der Luftabwehr sowie die Abdankung des Verteidigungsministers - es ist unklar, warum er diese feine Distinktion in der Art und Weise des Hinauswurfs für notwendig hielt. Der greise Gromyko, damals noch formal Staatschef, schlug ganz im Geiste der alten Schule eine radikale Lösung vor: 'Grenzverletzer gehören abgeschossen, und im gegebenen Fall muss Rust mit der möglichst strengsten Strafe belegt werden.' Außenminister Schewardnadse: 'Wäre ich an Stelle des Verteidigungsministers, würde ich selber abdanken.'"

Sebastian Moll berichtet vom Herausgeber einer lokalen Nachrichtenwebsite in den USA, der zwei Journalisten aus Indien einstellte, um über Ereignisse in Pasadena zu berichten: "Die beiden Tele-Reporter werden von MacPherson und dessen Kollegen in Pasadena mit Informationspaketen für ihre Geschichten versorgt: Niederschriften von Interviews, Hintergrundinformationen, in manchen Fällen Videos. Die Stadtverordnetenversammlungen von Pasadena können sie sich teilweise sogar per Webcast live im Internet anschauen." Die beiden Reporter kosten 2000 Dollar, während zwei amerikanische Journalisten 9000 Dollar gekostet hätten.

Weiteres: Daniel Kothenschulte resümiert glücklich das Filmfestival in Cannes: "Cannes im sechzigsten Jahr, das bedeutete: Man kam, um zu feiern und fand sich schon am ersten Wettbewerbstag gefangen vom verstörend-betörenden Sog der Kunst. Die letzten großen Filmfestivals, insbesondere die vergangene Berlinale, hatten einen fast vergessen lassen, dass es so etwas überhaupt gibt." Elke Buhr schreibt zum Tod des Malers Jörg Immendorff.

SZ, 29.05.2007

Schafft das Urheberrecht ab und zerschlagt die Kulturmonopolisten, fordert Joost Smiers, Politikwissenschaftler und Leiter der Forschungsstelle für Kunst und Ökonomie an der Kunsthochschule Utrecht: "Die Abschaffung des Urheberrechts würde zu einem bedeutenden Machtverlust der heutigen Kulturindustrie führen, doch bedeutet dies nicht zwangsläufig, dass ihre Herrschaft ein Ende hätte. Etablierte Unternehmen würden weiterhin Produktion, Distribution und Marketing von Kulturgütern fest in ihrer Hand behalten. Das ist ja gerade ein Grund für ihren anhaltenden Erfolg: die absolute Macht über Kunstwerke, von deren Herstellung bis hin zum Endverbraucher. Und dieses Distributionsmodell bestimmt auch, welche Filme, welche Bücher und welche Theaterproduktionen wir rezipieren. Darum muss der Kulturmarkt stärkeren Wettbewerbsregeln unterworfen werden. Die großen Firmen müssen verkleinert werden, so dass einzelne Unternehmen keinen entscheidenden Einfluss mehr darauf haben, was wir sehen, hören, lesen."

Weitere Artikel: Jutta Göricke schreibt den Nachruf auf den Maler Jörg Immendorff. Susan Vahabzadeh resümiert die Preise in Cannes: "Die Palme für Rumänien geht in Ordnung, aber die Jury hat die Preise, zwei mehr als üblich, mit der Gießkanne verteilt und so ohnehin den halben Wettbewerb prämiert." Christiane Schlötzer berichtet von einer Tagung über die türkische Identitätskrise, zu der die CDU Journalisten und Experten aus der Türkei, Israel, Ägypten und Jordanien eingeladen hatte. Frank-Rutger Hausmann resümiert das Schweriner Arno-Breker-Projekt. Willi Winkler schreibt zum Tod des Dichters Wolfgang Bächler. Auf der Medienseite lässt sich Christoph Hickmann von FR-Chefredakteur Uwe Vorkötter erklären, welche Erwartungen an das neue Tabloidformat geknüpft sind, in dem die FR ab morgen erscheinen wird.

Besprochen werden Anton Dvoraks Oratorium "Stabat Mater" mit Nikolaus Harnoncourt und dem br-Orchester in München, die Uraufführung von Herbert Achternbuschs "Einklang" bei den Ruhrfestspielen, das neue Album von Wir sind Helden ("Diese Band hat keinen Stil, also bemüht sie sich auch um keinen", schreibt Dirk Peitz), Domenico Cimarosas "Il ritorno di Don Calandrino" bei den Salzburger Pfingstfestspielen, DVDs von Paul Verhoeven, Deepa Mehta und Andrew V. McLaglen und Bücher, darunter Jonathan Lethems neuer Roman "Du liebst mich, du liebst mich nicht" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).