Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.05.2007. In der FAZ gibt Neo Rauch Auskunft über sein malerisches Programm. Und sonst dominieren Cannes und die Journalistenschelte: Die taz ärgert sich über die hämische Suhrkamp-Berichterstattung der Kollegen, die SZ geißelt das grausame Seminardeutsch von Popjournalisten, die Welt wirft Herges Tim vor, nie einen Artikel geschrieben zu haben. Und Roman Polanski schickt laut FR sämtliche Journalisten zum Teufel.

TAZ, 22.05.2007

Nachdem Claus Grossner nun doch nicht in den Suhrkamp-Verlag einsteigt, kritisiert Jörg Sundermeier einige Kollegen für ihre unreflektierte Unterstützung des offenbar substanzlosen Revolutionärs. Grossner habe nur viel geredet. "'Wir können dem Verlag sehr viel beibringen', sagte er, der nie einen Verlag geführt hatte, er versicherte seinen Zuhörern, dass Ulla Unseld-Berkewicz 'als Geschäftsführerin überfordert' sei, sprach aber auch merkwürdige Dikta, wie jenes von Suhrkamp als der 'wohl bedeutendsten Brain-Ikone der deutschen Verlagslandschaft'. Merkwürdigerweise waren Teile des Feuilletons bereit, diesem Menschen, den das Fachmagazin Börsenblatt immerhin als einen 'ungeheuer egozentrischen Mann' erkannte, zu glauben; sie ergänzten dessen Angebereien noch mit Nachrichten wie jener, dass Unseld-Berkewicz den Verlag mithilfe einer 'Hexe' führe."

Thomas Burkhalter studiert in Mali am Beispiel von Bassekou Kouyate und seinem Münchner Produzenten Jay Rutledge von Outhere Records, wie mühsam es ist, die traditionelle Griot-Musik auf den Weltmarkt zu schaufeln. "Bei HMV, der größten britischen CD-Ladenkette, musste Rutledge 500 britische Pfund allein dafür zahlen, dass 'Segu Blue' sichtbar im Weltmusik-Abteil platziert wurde. Auch Amazon funktioniert ähnlich. Für ein paar hundert Euros zusätzlich preist der Internet-Händler die CD nun via E-Mail bei allen bisherigen Käufern malischer Musik als Kauftipp an. Und als britische Zeitungen und Magazine über Kouyate berichten wollten, musste Rutledge seinen neuen Star nach London einfliegen lassen." Von der ersten Verleihung des bundesweiten Weltmusikpreises "Creole" in Dortmund berichtet Natalie Wiesmann.

Weiteres: Die Versteigerung von Mammutskeletten bei Christies bringt Wolfgang Ullrich auf den Gedanken, dass bei Sammlern wie bei hippen Bobos die Rekombination von Bekanntem für Wertschöpfung sorgt. Cristina Nord lässt sich in Cannes von der pendelnden Kamera in Gus Van Sants "Paranoid Park" beruhigen, nachdem sie Robinson Devors Porträt von buchstäblichen Pferdeliebhabern gesehen hat. Ekkehard Knörer schreibt den Nachruf auf den "Ulysses"-Übersetzer und Autor Hans Wollschläger. Cord Riechelmann verwehrt sich gegen Ulf Poschardts in Vanity Fair geäußertes Verdikt vom "Ökospießer", der sich in Kreuzberg gegen eine McDonalds-Filiale wehrt.

Die taz feiert die Geburt des belgischen Comiczeichners Herge vor hundert Jahren gleich auf der Titelseite - hier scheint es einige hingebungsvolle Tim und Struppi-Fans zu geben. In der zweiten taz untersucht Gabriel Montua deshalb Tims Verhältnis zu den Deutschen.

Und Tom.

NZZ, 22.05.2007

Thomas David schreibt zum 100. Geburtstag des Schauspielers Laurence Olivier. Roman Bucheli berichtet von den 29. Solothurner Literaturtagen. Oliver Pfohlmann schreibt zum Tod des Schriftstellers und Übersetzers Hans Wollschläger.

Besprochen werden Giuseppe Verdis Oper "Simon Boccanegra" in Frankfurt a. M. und Bücher, darunter Lilian Faschingers Wien-Roman "Stadt der Verlierer" und Vladimir Tasics Debütroman (Leseprobe) "Abschiedsgeschenk" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 22.05.2007

Daniel Kothenschulte war dabei, als in Cannes Roman Polanski bei einer Pressekonferenz der Kragen platzte. Da saßen 31 Regisseure und eine Regisseurin - "von A wie Angelopoulos bis Z wie Zhang Yimou" - um ihre Kurzfilme zur Anthologie "Chacun son cinema" vorzustellen, "'und Sie stellen nichts als leere Fragen', schalt er die Journalistenschar, die sich bis dahin tatsächlich durch Fragen von auffallender, aber durchaus branchenüblicher Beschränktheit hervorgetan hatte. (...) Roman Polanski hatte auf die Frage, warum er nicht öfter in Filmen mitspiele, noch recht freundlich geantwortet. Damit war nun Schluss: 'Es ist der Computer, der Sie auf dieses Niveau heruntergezogen hat', erregte er sich, 'Sie schreiben ja gar nicht mehr. Sie kopieren sich Ihre Texte irgendwo aus dem Internet zusammen und schicken Sie dann Ihren Redakteuren. Ich habe genug davon, gehen wir doch lieber etwas essen.'"

Weiteres: Antje Hildebrandt besucht Christoph Amendt, der das wiedergeborene Zeit-Magazin betreut. Stefan Keim meldet sich von den Ruhrfestspielen Recklinghausen, mit Stücken von George Tabori, Johann Wolfgang von Goethe und Oliver Bukowski. Das einzige verwertbare Ergebnis der Berliner Razzia gegen potenzielle G8-Störer sind die Personendaten, meint Rudolf Walther. Harry Nutt skizziert in Times mager die seit jeher problematische touristische Gemengelage in Heiligendamm.

Besprechungen gibt es zu Christof Loys Inszenierung der Verdi-Oper "Simon Boccanegra" an der Oper Frankfurt, Nicolas Stemanns Fassung von Elfriede Jelineks Theatertext "Über Tiere" am Deutschen Thetaer Berlin, Händels Oper "Radamisto" in der Version von Marco Arturo Marelli an der Hamburgischen Staatsoper, und Lutz Hachmeisters Analyse des politischen Journalismus in der Berliner Republik "Nervöse Zone" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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Welt, 22.05.2007

Holger Kreitling schreibt zum hundertsten Geburtstag von George Remi alias Herge. Und auch wenn Kreitling ihn für "Tim und Struppi" zu "Europas größten Comic-Künstler" erklärt, möchte er doch klargestellt wissen, dass Tim alles mögliche sei, nur kein Reporter. "Nie sehen wir ihn schreiben. Tim erlebt nur. Seine Dienstreisen bleiben ohne Folgen. Schnell, schnell, Tim hat keine Zeit, selbst wenn er stets ruhig bleibt."

Weiteres: In Cannes hat sich Hanns-Georg Rodek zwei Terrorismus-Filme angesehen: Michael Winterbottoms "A Mighty Heart" über die Ermordung des Wall-Street-Journal-Reporters Daniel Pearl und Barbet Schroeders "L'Avocat de la Terreur", ein Porträt des berüchtigten französischen Anwalts Jacques Verges. Uwe Wittstock verarbeitet in der Randglosse die Meldung, dass Claus Grossner sein Geld nicht bezahlt hat, um über die Medienholding Winterthur bei Suhrkamp einzusteigen: "Was ihn nicht zuletzt deshalb in ein bizarres Licht rückt, da er am vollmundigsten über eine Neubestimmung des Kurses bei Suhrkamp und seine persönliche Rolle dabei spekulierte." Im Interview mit Uta Baier erklärt Gabriele Sand, Kuratorin der Hannoveraner Ausstellung "Made in Germany", warum es keine deutsche Kunst gibt, sondern nur in Deutschland produzierte: "Das Leben in einem Land verändert die Kunst nicht." Peter Dittmar schreibt über die Eröffnung des Museum für Klosterkultur in Paderborn säkularisiertem Stift Dahlheim. Hans-Jörg Schmidt berichtet von dem Furor, den Architekt Jan Kaplicky mit seinem Entwurf für die neue Nationalbibliothek in Prag entfacht hat, darunter auch bei Präsident Vaclav Klaus.

Besprochen werden Christof Loys' Inszenierung von Verdis "Simon Boccanegra" in Frankfurt, die Uraufführung von Violeta Dinescus Komposition "Babel 2007", Nicolas Stemanns Jelinek-Inszenierung "Über Tiere" am Deutschen Theater in Berlin und ein "Nabucco" in Magdeburg.

FAZ, 22.05.2007

Neo Rauch bereitet für das Metropolitan Museum eine kleine Ausstellung vor, für die er eigens 14 neue Gemälde geschaffen hat. Im Gespräch mit Jordan Mejias gibt er Auskunft über sein Verhältnis zur Tradition und sein malerisches Programm: "Ich will nicht auch noch innerhalb dieser Leinwandgevierte den Zusammenbruch, die totale Sinnentleerung, den maximalen Exzess zelebrieren, sondern eine Formel finden, die es uns ermöglicht, das Unfassbare, das Schreckliche zu beherrschen, ohne daran zugrunde zu gehen. Malerei ist eine herrschaftliche Geste. Ich versuche, die Herrschaft zu erlangen über die unbeherrschbaren Dinge dieser Welt."

Verena Lueken schreibt in ihrer Cannes-Kolumne über Michael Winterbottoms Film "A Mighty Heart", in dem Angelina Jolie die Ehefrau des von Islamisten geschlachteten Journalisten Daniel Pearl spielt - produziert hat Brad Pitt. Am Gestus des an Originalschauplätzen gedrehten Films äußert Lueken leise Zweifel: "Die Frage stellt sich doch, was es bedeutet, wenn zunehmend Spielfilme, gedreht mit dem Anspruch höchstmöglicher Authentizität, ein paar Jahre nach den Ereignissen die Rolle des historischen Zeugnisses übernehmen; wenn wir Angelina Jolie sehen und denken, dies sei ein Dokumentarfilm, und nicht mehr erkennen können, wo die Fiktion beginnt."

Weitere Artikel: Kerstin Holm weiß neue Episoden aus der russischen Kunstzensur zu berichten: Einige Werke, die in einer Ausstellung der Städtischen Galerie Dresden zur russischen Gegenwartskunst gezeigt werden sollten, wurden vom russischen Zoll mit unverhohlen politischen Argumenten einkassiert. Michael Hanfeld informiert nach der Ermordung dreier deutscher Soldaten über Risiko und Notwendigkeit journalistischer Arbeit in Afghanistan. Hannes Hintermeier glossiert die Ablehnung einer Skulptur für den Fischbrunnenplatz im niederbayerischen Flecken Eggenfelden - das Werk des Bildhauers Joseph Michael Neustifter zeigte eine Fischdose. Gina Thomas erinnert an Laurence Olivier, der in diesen Tagen hundert Jahre alt geworden wäre. Heinrich Wefing meldet, dass der Architekt Andreas Meck den Wettbewerb für ein Bundeswehr-Ehrenmal gewonnen, an dem im Einsatz getöteter Soldaten gedacht werden soll. Matthias Hannemann beobachtete die Auftritte chinesischer Musikensembles beim Würzburger Musikfest. Gerhard Rohde gratuliert dem Regisseur Alfred Kirchner zum siebzigsten.

Auf der Medienseite werden eine Dokumentation über Rommel heute im Zweiten und eine Dokumentation über einen möglicherweise zu Unrecht im amerikanischen Gefängnis festgehaltenen Deutschen ebenfalls im Zweiten empfohlen.

Auf der letzte Seite erzählt Andreas Rossmann, wie es dazu kam, dass der berühmte Architekt Peter Zumthor in der Eifel eine kleine, von außen trutzig wirkende, von innen als "Schatzhaus des Lichts" wirkende Feldkapelle (Bilder) für den Heiligen Bruder Klaus entwarf. Joachim Müller-Jung staunt über immer neue Wirkungen die dem einst als Potenzmittel lancierten Viagra in ganz anderen Feldern als der Sexualität zugeschrieben werden. Und Christian Schwägerl berichtet über eine Aktion von Greenpeace-Aktivisten, die vor dem Brandenburger Tor tote Wale und Delphine präsentierten, um gegen Kollateralschäden des Fischfangs zu demonstrieren.

Besprochen werden eine neue Choreografie von Pina Bausch in Wuppertal, Verdis "Simon Boccanegra" in der Regie Christof Loys an der Oper Frankfurt und der Kinderfilm "Herr Bello".

SZ, 22.05.2007

In Cannes hat Tobias Kniebe den ersten Kandidaten für die Goldene Palme erblickt, Import/Export von Ulrich Seidl. "Sein letzter Spielfilm 'Hundstage', der 2001 auf dem Festival in Venedig für Aufsehen sorgte, liegt nun schon sechs Jahre zurück - aber soviel Zeit braucht es wohl einfach, bis wieder ein echter Seidl fertig ist: mit Laienschauspielern, die einem mit ihrer Leinwandpräsenz den Atem nehmen; mit absurden Schauplätzen aus der Wirklichkeit, die der Regisseur nach seinem ureigenen Moralkodex kein bisschen verändert hat; und mit einer Vermischung des Inszenierten und Dokumentarischen, das alle Grenzen sprengt. 'Import/Export' ist echte Schwerstarbeit, ein Film, der den Schneestürmen in der Ukraine ebenso abgerungen ist wie der österreichischen Krankenhausbürokratie oder dem Schamgefühl seiner Protagonisten - aber gerade daraus entsteht eine Wucht, die sich anders wohl nie erreichen ließe."

Auf der Medienseite hält Dirk Peitz alle Musikzeitschriften grundsätzlich für überflüssig. Während aber die kostenlose Intro die Flucht nach vorne antrete und immer besser zu lesen sei, würden bei Spex die journalistischen Tugenden vernachlässigt. "Letztlich wurde damit ein bereits herrschendes Missverständnis der Diederichsen-Nachfolger im deutschen Popjournalismus bestätigt: Sie halten die akademische Sprache ihrer Vorgänger fälschlicherweise für einen Aufruf zum nachlässigen Schreiben. Ein eher plumper antijournalistischer Reflex ist da zu spüren, doch die Folge davon sind grausames Seminardeutsch und unfreiwillige Parodien auf klassische journalistische Formen wie Porträt oder Reportage."

Weitere Artikel: Andrian Kreye studiert den Bericht des amerikanischen Außenhandelssekretariats zur weltweiten Situation der Urheberrechte und notiert einen zunehmend militärischen Jargon gegenüber "Schurkenstaaten" wie Russland oder China. Andreas Dorschel empfiehlt, Musik einmal kreativ zu hören. Johannes Willms stellt Frankreichs neue Kulturministerin Christine Albanel vor, die gleichzeitig Regierungssprecherin wird. Don DeLillos Versuch, in seinem vergangenen Woche in den USA erschienenen Roman "Falling Man" üper den 11. September die Weltpolitik zugunsten des baren Erlebens zu ignorieren, hätte fast geklappt, meint Jörg Häntzschel. Harald Eggebrecht spendiert sich und seinen Kinoerlebnissen mit dem vor bald hundert Jahren geborenen John Wayne eine "Zwischenzeit". Ebenso alt ist der belgische Comiczeichner Herge, der von Alex Rühle für die Schöpfung von "Tim und Struppi" geehrt wird. Tanjev Schultz gratuliert dem Politologen und Friedensforscher Ernst-Otto Czempiel zum Achtzigsten. Als erster geladener katalanischer Schriftsteller hat Sergi Pamies die Teilnahme an der Frankfurter Buchmesse abgesagt, weiß Javier Caceres.

Besprochen werden Nicolas Stemanns Inszenierung von Elfriede Jelineks Theatertext "Über Tiere", die am Deutschen Theater in Berlin zur Abrechnung mit den "viktimisierenden Hardcore-Feministinnen" der ersten Stunde gerate, und Bücher, darunter Michael Gieseckes kulturvergleichende Mediengeschichte "Die Entdeckung der kommunikativen Welt", Helga Grebings "Geschichte der Arbeiterbewegung" sowie Mahmood Mamdanis Überlegungen zu den Wurzeln des globalen Terrors "Guter Moslem, böser Moslem" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).