Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.05.2007. In der SZ konstatiert Boris Groys im Streit um die sowjetischen Denkmäler eine Ethnisierung des Kommunismus. Außerdem erklärt Najem Wali, wie in syrischen Gefängnissen mit dem deutschen Stuhl gefoltert wird. In der taz wartet Klaus Theweleit auf eine iranische Pocahontas. Die Welt betrachtet die neue Avantgarde der Traditionalisten in der Architektur. In der FAZ schreibt Amos Oz über die palästinensischen Flüchtlinge. Und in der NZZ schreibt Ibrahim al-Koni über den Fluch des Erdöls - das Blut unserer Mutter.

NZZ, 11.05.2007

In der wirklich schönen Serie "An der Klimafront" schreibt heute der lybische Schriftsteller Ibrahim al-Koni über den Fluch des Erdöls: "Inzwischen sind die Ölquellen für die Menschen in der Wüste zu einer bodenlosen Grube, einem gefährlichen Abgrund geworden, und zwar dadurch, dass sie die Bewohner dieser jungfräulichen Region lähmten. Der vermeintliche Segen tötete in den Menschen nicht nur die instinktive Liebe zur Arbeit, sondern erschütterte in ihren Seelen auch die ethischen Werte. Das Erdöl hat einen Fluch über das Haupt der Menschen gebracht, denn diese Flüssigkeit ist niemals einfach nur Erdöl gewesen: Sie ist das Blut unserer Mutter, der Erde. Dieses hinaufzupumpen, heisst, ihr Innerstes anzutasten und ihre geheiligte Seele zu besudeln."

Urs Schoettli erinnert an den Indischen Aufstand vom Mai 1857, der den Indern aber nicht die Unabhängigkeit, sondern eine bittere Niederlage einbrachte. "Als 1837 Königin Victoria den Thron bestieg, wurden die indischen Besitzungen mit einer Bevölkerung von beinahe 100 Millionen Menschen durch nur 50.000 Briten regiert. Es stellt sich deshalb die berechtigte Frage, weshalb der Aufstand bei solch einem Missverhältnis von Herrschern und Beherrschten nicht erfolgreich war. Die Antwort findet sich in dem Prinzip, welches die Briten weltweit mit besonders großem Geschick umgesetzt hatten: divide and rule... Die Sikhs, die vor kurzem erst vom British Raj unterworfen worden waren, hatten keine Lust zu einem neuen Kriegsgang. Die Gurkhas hielten in unverbrüchlicher Treue zu ihren Zahlmeistern. In der Bombay and Madras Presidency regte sich kaum jemand, und in Delhi selbst wie auch bei manchem hinduistischen Raja wurde der symbolische Tribut, welchen die Aufständischen dem letzten Mogul leisteten, mit großem Argwohn gesehen."

Weiteres: Ulf Meyer berichtet, dass Singapur sich anschickt, von einer 'Shopping-Mall mit Nationalfahne' (Rem Koolhass) zu einer Kulturmetropole zu werden. Uwe Justus Wenzel war auf der Berliner Diskussion zu den Geisteswissenschaften im Feuilleton. Besprochen werden Rufus Wainwrights neues Album "Release The Stars" und Politische Bücher (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages 14 Uhr).

SZ, 11.05.2007

Im Interview mit Sonja Zekri erklärt sich der Philosoph Boris Groys den Streit um die sowjetischen Denkmäler in den osteuropäischen Ländern so: "Die ganze Auseinandersetzung hat damit zu tun, dass in allen Ländern Osteuropas ein wachsender Nationalismus zu verzeichnen ist. In Estland und Polen etwa wird dafür die kommunistische Vergangenheit herangezogen, die als Okkupation durch Russland gesehen wird. Alles wird in den Termini eines ethnischen Konfliktes zwischen Esten und Russen formatiert. Ich würde diesem Geschichtsbild nicht zustimmen, aber so ist es. Und je weiter diese Ethnisierung des Kommunismus geht, die meist zur Selbstentlastung praktiziert wird, desto mehr Spannungen müssen wir erwarten." Gottfried Knapp schlägt dagegen weitere sowjetische Ehrenmale zum Bildersturz vor.

Christine Dössel porträtiert den Dramatiker und Regisseur Nuran David Calis, den das Theater und eine Frau aus der Sozialbausiedlung Braunheide in Bielefeld gerettet hat. "Alles änderte sich durch Vera, 15, seine erste Liebe. Vera ging aufs Max-Planck-Gymnasium, diskutierte mit Leuten, die Marx und Engels lasen, und war überhaupt 'unfassbar schlau'. Das hat Nuran, den Arbeitersohn - Vater Gießer, Mutter Putzfrau, beide Analphabeten -, wahnsinnig beeindruckt. Als Vera ihn dann eines Tages mit ins Theater nahm, in eine Vorstellung von Schillers 'Kabale und Liebe', passierte es: 'Es war wie eine Erweckung. Als ich die Schauspieler da sah, wie sie sich abrackern und diese schöne Sprache sprechen, und dann geht der Vorhang zu, und sie kriegen Applaus... dieser Umgang unter Menschen... so zart. Ich war von dieser Zartheit und von dieser Empfindlichkeit des Raumes total erfasst. So etwas kannte ich nicht.'"

Weiteres: Johannes Willms registriert eine Welle an Veröffentlichungen von politischen Büchern in Frankreich, trotz des "lärmenden Schweigens" der Intellektuellen in diesem Bereich. Andrian Kreye begrüßt den gestern in Hamburg zum Dienst angetretenen Weltzukunftsrat. Hans Schifferle findet bei den Oberhausener Filmtagen unter anderem das vom Kanadier AA Bronson kuratierte Erotikprogramm erwähnenswert. Jonathan Fischer weiß von inneramerikanischem Zwist über die obszöne Rapper-Sprache. Christoph Kappes sucht nach Spuren der Literatur im Internet. Auf der Medienseite berichtet Elmar Jung von amerikanischen Zweifeln am Computer als Lernhilfe.

Auf der Literaturseite weist der Schriftsteller Najem Wali auf den in Beirut erschienen, "aufsehenerregenden" Bericht des syrischen Dichterkollegen Faraj Bayrakdar über seine Haft und Folter hin. "Und dann gibt es noch den 'deutschen Stuhl', für den einzig das Gefängnis 'Far' filastin' berüchtigt war. Der deutsche Stuhl? Das Gefängnis Far' filastin? Hat nicht eine deutsche Delegation dieses Gefängnis besucht, darunter Leute von BND, BKA und Verfassungsschutz, wie der Spiegel berichtete? Im Gegensatz zur deutschen Delegation, von der kein Wort über Folter in Syrien, nicht einmal in dem erwähnten berüchtigten Gefängnis zu vernehmen war, beschreibt Faraj Bayrakdar den 'deutschen Stuhl' in allen Einzelheiten. Aber trotz der Folter, der er ausgesetzt war, nennt er ihn den 'Nazistuhl' - um 'das deutsche Volk nicht zu beleidigen', wie er schreibt."

Besprochen werden Jürgen Goschs offenbar recycelte Inszenierung von Shakespeares "Wie es euch gefällt" in Hannover (dass Gosch seine vier Jahre alte Hamburger Idee eins zu eins übernimmt und als Premiere verkauft, macht Till Briegleb fast sprachlos: "Wahrscheinlich wird man lange nach einem vergleichbar dreisten Fall in der Theatergeschichte suchen müssen."), die Uraufführung von Jose Maria Sanchez-Verdus Oper "El viaje a Simorgh" in Madrids Teatro Real, und Bücher, darunter eine neue kritische Ausgabe von Honore de Balzacs Briefen aus den Jahren 1809 bis 1835 sowie der bisher nur auf englisch erschienene Aufsatzband "Global Challenges" der Philosophin Iris Marion Young (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

TAZ, 11.05.2007

Pocahontas-Experte Klaus Theweleit erwartet gegenüber Sebastian Moll in Zukunft noch mehr Variationen des vielseitig verwendbaren Mythos. "Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass man eine Pocahontas aus dem Iran oder aus Afghanistan erfindet. In Afghanistan ist das ja schon versucht worden, mit den Bildern von Frauen, die sich von der Burka befreien und zur Wahlurne gehen. Wann immer kolonialistische Interessen verfolgt werden, wird das gerne mit dem Vorwand der Emanzipation verbrämt. Die Rhetorik von 'Freedom and Democracy' wird stets mit rassistischen Motiven untermauert. Und dafür eignet sich Pocahontas bestens."

Weiteres: Ines Kappert empfiehlt nachdrücklich, die Scherenschnitte der amerikanischen Künstlerin Kara Walker in Minneapolis oder New York zu sehen oder wenigstens den gelungenen Katalog "My Complement, My Enemy, My Oppressor, My Love" zu kaufen. Besprochen werden einige Mix-CDs.

Auf der Meinungsseite sieht der Schriftsteller Boualem Sansal im Gespräch mit Reiner Wandler Algerien "mit dem TGV-Zug in Richtung Gottesstaat" unterwegs. In der zweiten taz kündigt Adrienne Woltersdorf der Cafe-Kette Starbucks ihre Gefolgschaft auf. Woltersdorf kommt im Medienteil außerdem auf die Übernahmepläne von Thomson, Murdoch und Microsoft zu sprechen.

Und Tom.
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Welt, 11.05.2007

Der Architekt und Stadtplaner Robert Kaltenbrunner betrachtet den neuen Trend zum ästhetischen Konservatismus in der Architektur und stellt fest: "Modern am neuen Traditionalismus ist freilich, dass der Rückgriff auf historische Formen zur Avantgarde, zur Spitze der Bewegung erklärt wird. Und dass seine Protagonisten beständig auf der Suche sind nach dem Wahren, dem Gültigen und dem Schönen. Selbst das wäre wohl nicht weiter schlimm - wenn sie nicht glauben würden, es auch schon gefunden zu haben."

Weiteres: Eckhard Fuhr unterhält sich mit dem kanadischen Historiker Misha Aster über die Geschichte der Berliner Philharmoniker unter dem Nationalsozialismus, in der das Orchester recht freudig seine Freiheit gegen finanzielle Sicherheit eintauschte. Uta Baier berichtet über den Kunst-Streit zwischen dem Land Sachsen und den Nachfahren des einstigen Königshaus Wettin, das vor allem deshalb immer neue Rückgabe-Forderungen stellen kann, erklärt Baier, weil die staatlichen Museen kaum Provenienzforschung betrieben hätten. Erika Richter weist auf eine in verschiedenen Städten gezeigte Retrospektive hin, die sich mit Filmen über den Völkermord an den Armeniern beschäftigen, und zwar aus der Sowjetunion, wo das Thema ebenso tabu war wie in der Türkei. In der Randglosse widmet sich Peter Dittmar dem neuen Knatsch um die Oberammergauer Passionsspiele. Jörg Isert meldet, dass Roland Emmerich vom System Hollywood "enttäuscht" ist.

Besprochen werden eine Schau privater Sammlungen im Düsseldorfer Museum Kunst Palast, das "neue große Theater-Ding" "Stoning Mary" in der Berliner Schaubühne und eine Ausstellung zu Philip Guston im Kunstmuseum Bonn.

FR, 11.05.2007

Bei den Oberhausener Kurzfilmtagen haben Daniel Kothenschulte wie immer die Nebenreihen überzeugt, zum Beispiel das "Kinomuseum", ein vom Londoner Kurator Ian White betreutes Programm. "'Ich bin das Museum, Sie sind das Museum', eröffnet er jedes einzelne Programm der in vier Tagen zu einer Art Kultveranstaltung avancierten Reihe, von der Festivalchef Lars Henrik Gass zum Abschluss anerkennend sagt, man wisse immer noch nicht, worum es dabei eigentlich gehe. Das ist für sich genommen nichts neues für die Oberhausener Rahmenprogramme, die dort seit längerem die Wettbewerbe überragen. Die Neuerung bestand darin, dass hier nicht mehr einem aktuellen Wissenschaftsdiskurs zugearbeitet wurde, sondern das Publikum in eine offene und höchst anregende Assoziationskette eingeweiht wurde."

Ina Hartwig kolportiert in einer Times mager, dass Martin Walser am kommenden Mittwoch zu einer Ausstellung über Ignatz Bubis im Jüdischen Museum in Frankfurt erwartet wird. Besprochen werden in einem Schwung Neuauflagen von Truman Capotes "Kaltblütig" und "Baum der Nacht" sowie Gerald Clarkes Biografie über den Autor.

FAZ, 11.05.2007

Im Interview auf der letzten Seite spricht die Bundestagsabgeordnete Kristina Köhler über den Ärger, den Ibrahim El Zayat, der Präsident der islamismusverdächtigen "Islamischen Gemeinschaft in Deutschland" (IGD, Website), als ungeladener Besuch bei der Islamkonferenz auslöste. Sie hätte ihn rausgeworfen, versichert Köhler, aber man habe wohl einen Eklat vermeiden wollen. Nicht weniger problematisch findet sie allerdings, dass der "Koordinierungsrat der Muslime" seine Zustimmung zum ausgehandelten Wertekonsens wieder zurückgezogen hat: "Offensichtlich weichen die Passagen so weit von den Interessen ihrer Mitglieder ab, dass der Spagat mit dem deutschen Staat nicht gelingt. So traurig diese Entwicklung ist: durch die ablehnende Haltung des Dachverbandes wissen wir nun eindeutig, dass der Schutz unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung für ihn nicht selbstverständlich ist."

Der israelische Schriftsteller Amos Oz fordert, dass der israelische Staat sich endlich dem Problem der palästinensischen Flüchtlinge stellt: "Es ist an der Zeit, offen anzuerkennen, dass wir an der palästinensischen Flüchtlingskatastrophe beteiligt waren. ... Es ist unsere Pflicht, bei der Wiederansiedlung der Flüchtlinge mitzuwirken - im Rahmen eines Friedensabkommens und außerhalb der künftigen Friedensgrenzen Israels."

Weitere Artikel: Gina Thomas stellt fest, dass die Schriftsteller Großbritanniens angesichts des angekündigten Rücktritts von Tony Blair gewiss nicht Trauer tragen. In der Leitglosse kommentiert Jürg Altwegg das doppelzüngige Verhältnis Nicolas Sarkozys zur französischen Vergangenheit. Von einem Salzburger Symposion zu Igor Strawinsky und dem Tanz berichtet Gerhard R. Koch. Joseph Hanimann stellt den Siegerentwurf des Architekten Jean Nouvel für die neue Pariser Philharmonie vor. Jürgen Kaube gratuliert dem Verfassungsrechtler und ehemaligen Leiter des Berliner Wissenschaftskollegs Dieter Grimm zum Siebzigsten. Auf der letzten Seite porträtiert Christian Geyer den emeritierten Soziologen Franz-Xaver Kaufmann.

Besprochen werden die Ausstellung der Fotografin Re Soupault im Berliner Martin-Gropius-Bau und eine venezianische Ausstellung zum Verhältnis des Malers John Singer Sargent zur Lagunenstadt.

Besprochen werden Anke te Heesens Kulturgeschichte der Zeitungsausschnitte, Thomas Sören Hoffmanns Einführung "Philosophie in Italien" und gleich drei Neuübersetzungen von Romanen Joris-Karls Huysmans (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).