Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.05.2007. In der FAZ begrüßt Orhan Pamuk die säkularen Demonstrationen in der Türkei. In einem seiner zahlreichen Interviews, diesmal in der FR, schwärmt Feridun Zaimoglu von der konservativen Ethno-Avantgarde der Neo-Musliminnen. In der Welt stellt Arnold Schwarzenegger ein hundertprozentiges Elektroauto vor, das sogar seinen wasserstoffgetriebenen Hummer in den Schatten stellt. Die taz suchte bei der Berliner "Manon"-Premiere mit Anna Netrebko vergeblich nach einem Neobürgertum. Die Premiere selbst löst bei den Kritikern eher missmutige Reaktionen aus. Hat die Klassik jetzt endgültig vorm Pop kapituliert?, fragt etwa die SZ.

TAZ, 02.05.2007

Dirk Knipphals schildert seine Erfahrungen mit einer Premiere der Oper "Manon" von Jules Massenet an der Berliner Staatsoper, die zur "großen Anna-Netrebko-Show" geriet. "Heimlich war man ja, ehrlich gesagt, auch gekommen, um mal nachzuschauen, ob es so ein neues, kulturreligiös in der Feier von Anmut und Schönheit vereintes Kulturbürgertum möglicherweise tatsächlich geben könnte, das vor allem der Spiegel unter dem Kulturchef Matthias Matussek aufdringlich herzuschreiben versucht. Wird es aber nicht... Ein neuer bürgerlicher Geist ist aus solchen Mischformen aus Hoch- und Eventkultur eher nicht zu erwarten - viele der Zuschauer wirkten schlicht auch zu intelligent, als dass man ihnen unterstellen wollte, sie würden sich wer weiß was darauf einbilden, dass es ihnen gelingt, einen Anzug oder ein Kleid anzuziehen und sich in einer Oper halbwegs zu benehmen."

Alexander Cammann berichtet über die Verleihung des Heinrich-Mann-Preises an den Literaturwissenschaftler und Merkur-Herausgeber Karl-Heinz Bohrer. Katrin Bettina Müller bespricht eine Inszenierung des Stücks "Stoning Mary" der Theaterautorin Debbi Tucker Green an der Berliner Schaubühne. Und Christian Semler führt durch die Ausstellung "Fahnen der Geschichte" im Deutschen Historischen Museum in Berlin.

Schließlich Tom.

Welt, 02.05.2007

Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger bekennt, dass es ziemlich schwierig ist, seinen Parteifreund Bush in Sachen Umweltschutz zum Handeln zu bewegen. Er setzt deshalb lieber auf die Industrie: "Ein Beispiel: Tesla Motors hat ein hundertprozentiges Elektroauto mit einer Reichweite von 400 Kilometern entwickelt. Es erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von 225 km/h und beschleunigt in vier Sekunden von null auf hundert. Es würde jeden Porsche stehen lassen. Oft sind sparsame Autos sparsam im Design. Sie sehen einfach besonders aus. Sie sind nicht die Sorte Autos, das der Terminator fahren würde! So wie ich wollen viele einen sexy Sportwagen mit Schaltknüppel. Aber wir wollen auch grün sein." Bisher fährt er einen Hummer mit Wasserstoff.

Manuel Brug lässt sich nach Vincent Patersons Berliner "Manon"-Inszenierung mit "Sexgöttin" Anna Netrebko dazu hinreißen, von der "rassigen Russin" zu schreiben. Hendrik Werner trauert um Ulrich Wickerts Sendung "Wickerts Bücher", die Ende des Monats eingestellt wird. Hildegard Stausberg berichtet von einer Konferenz der Konrad-Adenauer-Stiftung zum europäischen Umgang mit Castros Kuba.

Besprochen werden die letzte Konzerttorunee von Blumfeld, eine Retrospektive des Deutschen Historischen Museums zu DDR-Image-Filmen und eine Schau zum Deutschen Werkbund in der Münchner Pinakothek der Moderne.

Auf den Forumsseiten zeigt Grünen-Politiker Cem Özdemir keinerlei Verständnis für die Kraftmeierei des türkischen Militärs. Die AKP habe bisher die Türkei nicht islamisiert, sondern, im Gegenteil, für Europa geöffnet: "Der autoritären Militärführung geht es nicht nur um eine angebliche Aufweichung der laizistischen Staatsordnung. Die Generäle und die jüngeren Offiziere werden auch von der Angst getrieben, dass ein EU-Beitritt ihre Macht erheblich einschränken würde."

FR, 02.05.2007

Anlässlich der heute stattfindenden Islam-Konferenz verteidigt der Schriftsteller Feridun Zaimoglu in einem Interview noch einmal die "deutsche Ethno-Avantgarde": "Es gibt gläubige Frauen, die Kopftuch tragen und die keines tragen. Sie begreifen den Glauben als Privatsache und das ist ein gutes Zeichen. Diese jungen Neo-Musliminnen, die in geradezu viktorianischer Sittsamkeit über die Straße gehen, perfekt geschminkt und auf hohen Absätzen, sind für mich diejenigen, die die deutsche Prägung des Islam forcieren. Es sind Frauen, denen man keinerlei Sprachdefizite nachsagen kann, Akademikerinnen, studierte, selbstbewusste Mädchen. Wir sollten sie als diese Avantgarde sehen statt sie in alte Schubladen zu stecken."

Noch etwas außer Atem ist der Feuilletonchef der FR nach dem Frankfurter Konzert von Beyonce. "Man sieht, wie das Publikum mit der Sängerin die Luft verströmt und wie es lange vor ihr wieder nach Luft schnappen muss. Sie macht uns zu Komplizen, zu weit unterlegenen allerdings. Während Beyonce bei arabisch überdehntem Gesang gar nicht mehr herunterkommt von dem sich endlos weitenden Ton, zeigen die riesigen Leinwände rechts und links an der Decke der Halle in Großaufnahme ihre ausatmenden, aussingenden Brüste."

Besprochen werden der Auftritt von Helge Schneider ebenfalls in Frankfurt, Jürgen Goschs Inszenierung von Shakespeares "Wie es euch gefällt" in Hannover, Johann Strauss' Operette "Die Fledermaus" am Deutschen Theater Berlin und das Sequel "Spider-Man 3" von Sam Raimi. In Times mager denkt Hans-Jürgen Linke schließlich über den tieferen Sinn von nach Konzerten überreichte Blumensträuße nach.
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Berliner Zeitung, 02.05.2007

Wolfgang Fuhrmann liegt nach der Manon-Premiere vor Anna Netrebko auf den Knien. "... man muss sagen, so wie Netrebko die Manon singt und spielt in den Momenten, in denen sie ihre Träume erfüllt glaubt, wie sie strahlt, lacht und flirtet, das macht ihr wohl derzeit keine Sängerin nach; in solchen Momenten zeigt Netrebko-Manon tatsächlich, nach den bekannten Worten Guy de Maupassants, alles, 'was das weibliche Wesen an Liebenswürdigkeit, Verführungskraft und Schamlosigkeit zu bieten vermag'. Es sind auch ihre sängerischen Höhepunkte. Netrebkos Sopran verströmt eitel Wohllaut, und die glamouröse Glätte und Geschmeidigkeit der Tonproduktion fügt sich umstandslos zum glanzvollen Auftritt. Gerade weil ihr Gesang kein Du meint und eigentlich auch kein Ich kennt, dürfen sich alle Herren angesprochen fühlen."

Außerdem: Wim Wenders erinnert sich im Interview an die Dreharbeiten zu "Der Himmel über Berlin".

NZZ, 02.05.2007

In der Reihe "Was ist eine gute Religion?" skizziert der Philosoph Michael Theunissen die Tücken des Christentums. "Christliche Religion ist in einen Dunstkreis gehüllt. In Ländern, die für christlich gelten, gibt es mehr Gleichgültigkeit gegen Christliches als etwa bei den Muslimen gegen den Islam. Dazu kommt im Falle der christlichen eine besonders tiefgreifende Diskrepanz von Religion selbst und Religionsausübung. Ihre bestallten Diener begnügen sich oft damit, es den Anwälten des allgemein als gut Angesehenen gleichzutun und zum Beispiel Frieden zu predigen, ohne ein einziges Wort über das Eigentümliche am Frieden eines Christen zu verlieren. Kein Wunder da, dass vielen ihre Religion zur Sitte verkommt, trotz sonntäglichem Kirchgang. All das folgt aus dieser Religion selbst."

Weitere Artikel: Dirk Pilz berichtet über Querelen bei der Vergabe des Europa-Preises für Theater in Thessaloniki: Ausgezeichnet werden sollten Peter Zadek und Robert Lepage. Weil Zadek jedoch nicht zur Verleihung kommen konnte, wurde ihm der Preis wieder aberkannt. Her. meldet, dass Madeleine Schuppli neue Direktorin des Aargauer Kunsthauses Aarau wird.

Besprochen werden Massenets "Manon" in der Lindenoper Berlin mit Netrebko, Villazon und Barenboim (Marianne Zelger-Vogt fand die Inszenierung von Vincent Paterson "effekthascherisch bis zum Kitsch, vordergründig, in der Personenführung summarisch"), eine Ausstellung über mongolische Mode in der Stuttgarter IfA-Galerie und Bücher, darunter Günther Rühles 1283 Seiten langes Mammutwerk über "Theater in Deutschland 1887-1945" und Kinder- und Jugendbücher (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 02.05.2007

Hubert Spiegel interviewt Orhan Pamuk zu seiner beginnenden Lesereise durch Deutschland. Pamuk spricht auch über die jüngsten Demonstrationen in der Türkei: "Ich bin sehr erfreut, dass die Anhänger einer säkularen Türkei sich so eindrucksvoll zu Wort gemeldet haben, und noch mehr freut es mich zu sehen, dass so viele Frauen den Laizismus und Säkularismus verteidigen und für ihr Recht eintreten, ihre Kleidung selbst zu bestimmen und zu tragen, was immer ihnen gefällt und was immer sie wollen." Aber: "Wir können die säkulare Türkei nicht ohne Demokratie und Menschenrechte verteidigen. Es wäre ein Fehler, in dieser Situation den Schutz des Säkularismus von der Armee zu erhoffen."

Weitere Artikel: Regina Mönch berichtet über Kritik an der Zusammensetzung des "Koordinierungsrats der Muslime". Jürgen Kesting ist nicht recht zufrieden mit Anna Netrebkos Darbietung in Jules Massenets "Manon" an der Stattsoper Berlin ("Der kühl-gleißende Sopran Anna Netrebkos hat inzwischen Spinto-Qualitäten, die den Soloszenen Manons mit all ihren zarten Facetten - Zerbrechlichkeit, Sensibilität, Lebenslust, Sinnlichkeit - nicht mehr entsprechen"). Dirk Schümer glossiert die Vergabe Europäischer Theaterpreise in Thessaloniki. Jordan Mejias resümiert das PEN World Voices Festival in New York. Der Münchner Jurist Markus Heimann erörtert die Frage, inwieweit der Begriff der "Toleranz" für die Integration juristisch relevant ist. Karin Leydecker besucht ein von dem Architekten Helmut Striffler entworfenes Gymnasium in Remchingen. Michael Gassmann resümiert ein Symposion zum Thema "Heilige Liturgie - Raum" in der Abtei Weingarten. Kerstin Holm notiert das Erstaunen der Russen über die jüngste chinesische Kunst, der in Moskau einige Ausstellungen gewidmet sind. Jörg Bremer berichtet, dass Ernst Tugendhat das Preisgeld des Meister-Eckhart-Preises der Identity Foundation an ein palästinensisches Gymnasium überwies. Gerhard Rohde gratuliert dem Dirigenten Philippe Herweghe zum Sechzigsten. Heinrich Wefing besuchte ein Berliner Symposion über den Wiederaufbau von Schlössern.

Auf der Medienseite darf sich Bild-Chefredakteur Kai Diekmann im Interview mit Michael Hanfeld ausführlich über den geplanten Umzug seiner Redaktion nach Berlin und weitere Vorzüge seiner Zeitung äußern. Nina Rehfeld berichtet über den Erfolg der Anti-Michael-Moore-Dokumentation "Manufacturing Dissent". Für die letzte Seite porträtiert Erwin Seitz die im Gespann arbeitenden Köche Dieter Müller und Nils Henkel vom Schlosshotel Lerbach in Bergisch Gladbach. Patrick Bahners gratuliert Karl-Heinz Bohrer zum Heinrich-Mann-Preis. Und Karl-Peter-Schwarz würdigt die Verdienste des Adalbert-Stifter-Vereins um die deutsch-tschechische Versöhnung.

Besprochen werden Michael Thalheimers Inszenierung der "Fledermaus" am Deutschen Theater in Berlin, Millers "Handlungsreisender" in München und eine Ausstellung des preußischen Parademalers Franz Krüger in Berlin.

SZ, 02.05.2007

Auch Wolfgang Schreiber sieht in Vincent Patersons Inszenierung von Jules Massenets Oper "Manon" unter dem "feurigen" Dirigat von Daniel Barenboim an der Berliner Staatsoper vor allem das "Traumpaar der deutsch-amerikanischen Opernpopkultur" Anna Netrebko und Rolando Villazon geschickt in Szene gesetzt. "Die Aufführung an der Lindenoper bestätigt das, was man vielfach beobachtet: Popularisierung der Klassik, Kapitulation der klassischen Musikkultur vor dem Pop, verdeckt oder ganz offen mit ihm im Schulterschluss. Denn Pop bedeutet Glamour, Sex, Geschäft, Werbung, Pop ist fundamental für die Medien und für die Einschaltquote. Nicht unbedingt auch für die Kunst. Während des 'Manon'-Vorspiels... öffnet sich für einen Moment der goldglänzende, Music-Hall-taugliche Vorhang und zeigt Anna Netrebko unverbrämt als attraktiven Lockvogel - wie sie vor dem Spiegel ihr Make up noch einmal korrigiert. Will sagen: Das Erscheinungsbild ist bestimmend. Körperliche Schönheit, perfekte Kultur der Oberfläche ist auch für die Operndiva längst Pflichtaufgabe."

Weitere Artikel: Stefan Koldehoff kommentiert die "schnelle, geräuschlose und undurchsichtige" Kür Hermann Parzingers zum Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Anne Linsel berichtet von der Verleihung des Europäischen Theaterpreises in Thessaloniki, der Peter Zadek wegen Nichterscheinens aberkannt worden war. Johannes Willms erklärt die notorisch schwache Position der politischen Mitte Frankreichs, der "immer die Zerreibung" drohe. Tobias Kniebe porträtiert den "Superproduzenten" Timbaland, der jetzt sein erstes eigenes Album vorlegt. Eva-Elisabeth Fischer schreibt über den Start der Bayerischen Ballettwoche mit Mahler und John Adams. Florian Welle resümiert eine Augsburger Tagung zum Thema Stoffe und ihre kulturelle Aneignung. Zu lesen ist außerdem ein Nachruf auf den Architekten Edgar Wisniewski.

Besprochen werden die Ausstellung "Dürer und Italien" in der Scuderie del Quirinale in Rom, Johann Strauss' Operette "Die Fledermaus" am Deutschen Theater Berlin, eine Inszenierung von Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden" im Münchner Residenztheater, Susanna Grants Film "Lieben und Lassen", ein Kölner Konzert des Jazz-Saxophonisten Wayne Shorter, und Bücher, darunter der erstmals in deutscher Sprache erschienene Roman "Heilig Blut" von Gisela Elsner und eine Ausgabe mit nachgedruckten Texten von Imre Kertesz (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).