Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.10.2006. Jürgen Habermas hat keine Zettel gegessen, auch und gerade keine Zettel aus seiner Hitlerjugendzeit. So das einhellige Urteil unserer Feuilletons nach harter Recherche. Die FAZ nennt die diesbezügliche Cicero-Geschichte "dämlich". Und in der SZ erzählt Hans-Ulrich Wehler wie's wirklich war. Die NZZ findet die Begeisterung für Blogs und Blogger naiv. In der taz erklärt György Dalos, warum weder Rechte noch Linke den Aufstand der Ungarn gegen die Sowjets 1956 für sich reklamieren können. Die FR ist enttäuscht von den Memoiren von Altkanzler Gerhard Schröder.

SZ, 27.10.2006

Andreas Zielcke will von den NS-Vorwürfen gegen Jürgen Habermas nichts wissen. Jürgen Busches Cicero-Beitrag sei "Infamie", Joachim Fests Passage in seinen Erinnerungen "wider besseres Wissen" geschrieben worden. Danach soll Habermas einen Zettel verschluckt haben, auf dem möglicherweise Belastendes stand. Als Zeugen der Verteidigung zitiert Zielcke den Historiker Hans-Ulrich Wehler. "Habermas sei kein HJ-Führer gewesen; schon wegen seiner Körperbehinderung hätten die Nazis ihn nie und nimmer eine Vorgesetztenfunktion übernehmen lassen. Tatsächlich habe der damals etwa 14-Jährige innerhalb der HJ für Jugendliche Kurse zur Ersten Hilfe gegeben, für die er als 'Feldscher' ausgebildet worden sei. Zu seinen Aufgaben als Leiter dieser Kurse habe es gehört, Kursteilnehmer, die den festgelegten Stunden fernblieben, mit sogenannten 'Aufforderungsschreiben' zu pünktlicher Anwesenheit zu mahnen. Diese Schreiben seien vorgefertigte Formulare gewesen, in die der Kursleiter lediglich die Daten des Teilnehmers eintrug, versehen mit seiner Unterschrift." Einen solchen Zettel erhielt Wehler, der habe ihn Habermas später zugeschickt, und das war's schon. Verschluckt habe Habermas nie was.

Weitere Artikel: Unter einem prächtigen Totenkopf aus dem Jahr 1600 evoziert Gustav Seibt aus gegebenem Anlass die christliche Wirkungsgeschichte des menschlichen Schädels als Symbol für den Tod. Reinhard Brembeck und Fritz Göttler sprechen mit dem Regisseur William Friedkin über seine Inszenierungen von Richard Strauss' "Salome" und Wolfgang Rihms "Das Gehege" an der Bayerischen Staatsoper. Thomas Medicus erinnert an die selige Zeit von 1961 bis zum Mauerfall, als West- und Ostberlin von ihren jeweiligen Regierungen mit Subventionen überschüttet wurden. Für Robert Stockhammer sollte der Streit um das französische Verbot der Leugnung des Genozids an den Armeniern auch in Deutschland zu einer Diskussion über die rechtliche Gleichbehandlung aller Genozid-Leugnungen führen. Tobias Moorstedt schaut bei den Lemonheads vorbei, die bald auch durch Deutschland touren. In Heidelberg musste jetzt das Theater wegen baulicher Mängel geschlossen werden, meldet Jürgen Berger.

Besprochen werden Roger Donaldsons Film "Mit Herz und Hand", und Bücher, darunter Gerhard Schröders erste Bilanz "Entscheidungen", die von Karstadt angeregte "Chronik 125 Jahre Deutschland" sowie die Originalfassung von Mary Shelleys "Frankenstein" auf Deutsch (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

NZZ, 27.10.2006

Auf der Medien- und Informatikseite findet S.B. die Begeisterung für Blogs und Blogger bestenfalls naiv. Statt Bürgerjournalismus ziehen in die Blogosphäre zunehmend PR und Werbung ein: "Im Auftrag der Software-Firma Mindjet hat die Zürcher PR-Agentur Jenni Kommunikation Bloggern mit Wohnsitz in der Schweiz Gratisexemplare der Mindmanager- Software angeboten. Jeder fünfte Schweizer Blogger habe das Angebot angenommen, heißt es in einem von der PR-Agentur im Namen von Mindjet verschickten Erfolgsbericht. "Die Blogger begrüßen es, von uns als Zielgruppe und als Meinungsbildner erkannt zu werden."

Heribert Seifert empfiehlt begeistert Gerhard Henschels "Gossenreport": wenigstens einer, der die Bild-Zeitung nach wie vor verabscheuungswert findet.

Im Feuilleton resümiert Joachim Güntner die deutsche Unterschicht-Debatte. Jürgen Ritte stellt französische Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt vor und fragt sich, warum Jacques Roubauds Multiroman "Nous, les moins-que-rien, fils aines de personne" (Wir, die Nichtse und Niemandes Söhne) für keinen der großen Literaturpreise nominiert wurde.

Besprochen werden Verdis "Othello" an der Wiener Staatsoper, William Forsythes Installation "Heterotopia" in Zürich und eine Ausstellung des kanadischen Konzeptkünstlers Iain Baxter in der Villa Arson in Nizza.

Auf der Filmseite schreibt Geri Krebs über die jüngsten spanischsprachigen Filmproduktionen, die sie beim 54. Filmfestival San Sebastian gesehen hat. Andre Amsler gratuliert dem Zürcher Filmpionier Rene Boeniger zum Neunzigsten. Und che. erinnert an den vor hundert Jahren geborenen Schauspieler Sigfrit Steiner. Besprochen werden Gela Babluanis Film "13 (Tzameti)" und Marcelo Mangones Film "La demolicion".

TAZ, 27.10.2006

Auf der Meinungsseite erklärt György Dalos, warum weder Rechte noch Linke den Aufstand der Ungarn gegen die Sowjets 1956 für sich reklamieren können. "Die Studenten zogen am 23. Oktober 1956 vor das Rundfunkgebäude, um ihre Solidarität mit der polnischen KP zu bekunden. Sie hatten noch nicht mal Megaphone dabei. Sie forderten vorsichtig 'ungarisch-sowjetische Freundschaft auf Basis der Gleichrangigkeit'. Dann kamen die Arbeiter aus den Außenbezirken hinzu - und schlossen sich der Demo an. Das hat den Charakter des Ganzen verändert. Nun wurde gefordert: 'Wer Ungar ist, zieht mit uns.' Das Nationale kam vor dem Sozialen. Die Studenten haben die Kontrolle über die Demo verloren. Ich erinnere mich daran, dass es sowieso kaum Kontrollen auf der Straße gab: keine Staatssicherheit, keine Polizei auf der Straße. Die Polizei war sowieso nicht ausgebildet für solche Einsätze. Sie hatte noch nicht mal Gummiknüppel. Die gab es erst später, unter Kadar. Sie hießen 'komprimierter Marxismus', oder 'Kadarwurst.'"

Im Kulturteil kommentiert Dirk Knipphals kurz das Habermas-Bashing in Cicero. Cristina Nord hat auf der Viennale Dschungelfilme gesehen.

Besprochen werden Michaela Melians Dia-/Sound-Installation "Föhrenwald" in den Berliner Kunst-Werken, Sacha Baron Cohens Film "Borat" und CDs von Animal Collective, Urlaub In Polen und The Early Years.

Schließlich Tom.
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Welt, 27.10.2006

"Genial einfach" findet Gerwin Zohlen die Idee, nicht die fertigen Häuser, sondern die Inspirationsquellen des Architekten Oswald Mathias Ungers in der Neuen Nationalgalerie in Berlin auszustellen. "In bequemer Breite und räumlicher Ausdehnung wandert man hier entlang an Architekturmodellen aus Holz und Alabastergips, rastet am Modell des Pergamon-Museums, das Ungers erweitert, grübelt über dem der Hamburger Galerie der Gegenwart, die manchen - immerhin! - an den Gefühlen gerissen hat, und staunt über die strahlend weißen Hochhäuser; man streift hinüber zu den "Ikonen", den Modellen vom Parthenon in Athen, dem Pantheon in Rom und dem Kenotaph für Newton von Louis-Etienne Boulee, die Ungers sich von Bernhard Grimm bauen ließ, verliert sich in einem Modell aus Kork und Terrakotta aus dem 18. Jahrhundert, das den Konstantinsbogen in Rom wiedergibt."

Weiteres: Hendrik Werner sucht nach der richtigen Variante der Habermas'schen Verschluckvorfalls. Michael Stürmer sammelt geschichtlich-kulturelle Splitter rund um den Totenkopf. Christian Seel lässt sich von Ulrich Deppendorf, Fernsehdirektor beim WDR, über die Notwendigkeit von Schmonzetten am Freitag aufklären. Besprochen wird Jerry Lee Lewis' "seltsames" Album "Last Man Standing".

Tagesspiegel, 27.10.2006

Heuchlerisch findet die Juristin Sibylle Tönnies die Aufregung um die Fotos deutscher Soldaten, die in Afghanistan mit einem Totenschädel und blankem Schwanz posierten: "Von jeher stellt das Militär blutjunge Kerle an die Waffen (die Genfer Konvention erlaubt das Einziehen von Fünfzehnjährigen). Von jeher macht sich das Militär die Gehorsams- und Sterbebereitschaft zunutze, die das Ergebnis von Unreife ist. Will man diesen Vorteil nutzen, so darf man sich andererseits nicht über frivole Verspielheit beklagen. Denn alles kann man nicht haben: die nützliche Unreife und die nötige Abgeklärtheit, die verbietet, mit einem Schädel dummes Zeug zu machen."

FR, 27.10.2006

Richard Meng liest die Memoiren des Altkanzlers Gerhard Schröder: "Die 516, mit breitem Weißrand versehenen Textseiten sollen so etwas sein wie das Destillat seines Politikerlebens. Die ultimative Selbst-Erklärung, entstanden nach Erinnerungsgesprächen mit seinem langjährigen Sprecher Uwe-Karsten Heye, der den Text dann großteils verfertigt hat. Ein Vorstoß 'zum Grund' der Dinge, so jedenfalls Schröder. Um so enttäuschender - man kann auch sagen: verständlicher -, dass sich kaum ein Schröderscher Gedanke verändert hat. Alles war richtig so."

Weitere Artikel: Peter Michalzik kommentiert die Gerüchte um Habermas' Essgewohnheiten. Christian Thomas meditiert über Totenkopfschändung in Geschichte und Gegenwart. Besprochen wird William Forsythes Choreografie "Heterotopia" in Zürich.

FAZ, 27.10.2006

In einer Geschichte für Cicero hat der Journalist Jürgen Busche eine offensichtlich alte Legende aufgewärmt: Jürgen Habermas soll einen Zettel aus seiner Hitlerjugendzeit, der ihm nach dem Krieg von seinem HJ-Kameraden Hans-Ulrich Wehler zugesteckt wurde, verschluckt haben. Alles eine bloße Legende, schreibt Christian Geyer, der bei Habermas und Wehler nachgefragt hat, und nennt den Cicero-Titel über Habermas "dämlich": "Soll hier im Windschatten der Affäre Grass eine Habermas-Suggestion erzeugt werden? Wie billig, wie abgeschmackt, wie geschichtsklitternd. Busche kann dem Gerücht nicht ein einziges neues Faktum hinzufügen, das es auch nur in die Nähe der Verifizierbarkeit rücken würde. Statt dessen sieht er in einer aberwitzigen Logik in den Dementis von Habermas und Wehler den 'Kern der Geschichte bestätigt' und mutmaßt, auf dem Papier müsse noch anderes als das Vorgedruckte gestanden haben - Kompromittierendes."

Jürgen Dollase versucht in einem Interview mit dem Documenta-Leiter Roger M. Buergel herauszufinden, warum dieser den Koch Ferran Adria nach Kassel einladen will, stößt aber nur auf das in der Kunstszene übliche Diskursgelee: "Was mich am Kochen interessiert - auch aus einer anthropologischen Perspektive -, ist die Begegnung mit Andersheit, das Moment der Verstehensirritation, auch durchaus dieses Moment der Negativierung von Wahrnehmungsmodi."

Weitere Artikel: Michael Hanfeld interviewt zu den von unseren Jungs arrangierten Vanitas-Motiven den in Afghanistan tätigen Bundeswehrarzt Reinhard Erös, der eine Verletzung der Gefühle bei den Taliban diagnostiziert. Ebehard Rathgeb bekennt in der Leitglosse sein Schlottern und Zähneklappern angesichts der kommenden Winterzeit. Edo Reents hofft auf neue Förderer für die Kafka-Ausgabe des Stoemfeld-Verlags, nachdem die DFG abgesagt hat. Claudia Bröll stellt den Komiker Sascha Baron Cohen vor, dessen Film "Borat - Kulturelle Lernung von Amerika um Benefiz für glorreiche Nation von Kasachstan zu machen" auch in Deutschland anläuft. Der Rechtshistoriker Michael Stolleis schlägt in einem ganzseitigen Artikel vor, die bereits 1946 verabschiedete Verfassung des Landes Hessen gründlich zu renovieren. Claudia Stapp spricht mit dem indischen Regisseur Karan Johar, dessen Bollywood-Film "Kabhi Alvida Naa Kehna - Never Say Goodbye" jetzt auch in Deutschland anläuft. Gemeldet wird, dass Salman Rushdie seine Archive - darunter die Tagebücher aus der Fatwa-Zeit - an die amerikanische Emory-Universität verkauft hat.

Auf der Medienseite unterhält sich Franziska Bossy mit dem Schauspieler Rudolf Kowalski, der im ZDF einen neuen Fernsehkommissar spielt. Jordan Mejias berichtet über einen Werbespot, in dem der Parkinsonkranke Schauspieler Michael J. Fox zur Wahl von Politikern aufruft, die die Stammzellforschung unterstützen. Und Jürg Altwegg berichtet, dass ein Vorabdruck aus den Memoiren des Altkanzlers Gerhard Schröder nicht im Ringier-Verlag (wo Schröder Bezüge erhält), sondern in der Weltwoche erschienen ist (kann man hier lesen). Auf der letzten Seite schreibt Joachim Müller-Jung über die erste Transplantation eines ganzen Gesichts in Großbritannien. Und Andreas Kilb staunt über den Wirbel um die Memoiren des Altkanzlers Gerhard Schröder.

Besprochen werden William Forsythes Choreografie "Heterotopia" in Zürich, ein "Fidelio" in Valencia und das Videospiel "Just Cause".

Drei Seiten weisen überdies auf Veranstaltungen im November hin.