Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.07.2006. In der Welt ruft Tariq Ramadan Muslime und den Westen zur Versöhnung auf. Außerdem definiert Hans Ulrich Gumbrecht den globalisierten Fußball. In der SZ sucht Hassan Khader nach einem Ort für die palästinensische Kunst. In der taz feiert Diedrich Diederichsen den guten alten Feind "Druck". Die FAZ liest Erich Kästners Kriegstagebuch. Die Berliner Zeitung bringt ein ausführliches Porträt über den in Berlin lebenden Künstler Olafur Eliasson.

Welt, 08.07.2006

In einem etwas inkonsistenten Text ruft der umstrittene Refom-Islamologe (oder -Islamist?) Tariq Ramadan Muslime und westliche Mehrheitsgesellschaften zur Versöhnung auf. "Gegenüber legitimen Ängsten können westliche Moslems die bestehenden Fragen nicht einfach kleinreden. Sie müssen vielmehr einen kritischen Diskurs entwickeln, in dem sie die Opferrolle zurückweisen und der statt dessen die radikalen, wörtlichen und/ oder kulturell bedingten Lesarten der (islamischen) Quellen kritisiert. Es ist darüber hinaus auch wichtig, dass sie die Verwirrung, die die Debatten um ihre Gesellschaften auszeichnet, in keiner Weise billigen: Soziale Probleme sind keine 'religiösen Probleme' und haben mit dem Islam als solchen rein gar nichts zu tun."

Weitere Artikel: Eckhard Fuhr wünscht der italienischen Mannschaft den Sieg bei der WM. Auch Tilman Krause meint, dass die Italiener verdient gewinnen werden, und ist trotzdem für die Franzosen. Thomas Brussig denkt in seiner WM-Kolume über "Deutschland danach" nach. Gerhard Gnauck berichtet über eine Danziger Vorführung von Volker Schlöndorffs Film über Solidarnosc, die aber noch nicht öffentlich war, und kann darum über den Film selbst noch nicht viel sagen. Uwe Wittstock hat der Trauerfeier für Robert Gernhardt beigewohnt. Einige Artikel widmen sich dem Kunstmarkt.

In der Literarischen Welt geht's auch um Fußball. Hans Ulrich Gumbrecht definiert den "globalisierten Fußball", wie wir ihn in den letzten Wochen sahen, als "ein Spiel, das die Räume für die Ballaufnahme enger macht und für Pässe in den freien Raum verschließt; ein Spiel, in dem Ballsicherung und das Warten auf momentane Fehler beim Gegner im Vordergrund stehen; ein Spiel, das für große Strategen wie Pele oder Beckenbauer keinen Platz mehr hätte, aber beschleunigende und dann wieder verlangsamende Katalysatoren wie Zidane braucht; ein Spiel vor allem, das körperliche Fitness und kollektive Intensität belohnt."

Im Interview mit Elmar Krekeler beteuert die Bachmann-Siegerin Kathrin Passig, ihre Erzählung ernsthaft als eine solche und nicht als Fake oder Hoax geschrieben zu haben, aber sie beteuert auch ihre Herkunft aus den achtziger Jahren und ihrer nicht totzukriegenden Popironie.

Besprochen werden unter anderem einige Bücher, die das Rauchen verteidigen. Der schönste Titel: "Rauchen kann ihre Zigarette verkürzen".

Berliner Zeitung, 08.07.2006

Ingeborg Ruthe porträtiert den isländisch-dänischen Künstler Olafur Eliasson, der in Berlin zu Erfolg kam und hier inzwischen ein reglrechtes "Kunstunternehmen" mit 20 Angestellten betreibt: "Eliassons Arbeiten stellen unseren Sinnesapparat auf die Probe. Und zwar ohne religiöses Pathos zu bemühen, wie es jetzt so Mode ist bei künstlerischen Großevents. Er verkehrt in seinen lautlos vor sich hin leuchtenden, spiegelnden, baumelnden Aufbauten recht sachlich Größenmaßstäbe ins Gegenteil, auch, indem er eigentlich Unsichtbares durch Farbe, Licht, Kinetik, also per Chemie und Physik, sichtbar macht. Da hängen bei einer Wasserkaskade im Stroboskoplicht plötzlich einzelne Tropfen wie eingefroren in der Luft."
Stichwörter: Berlin, Ólafur Elíasson

TAZ, 08.07.2006

In der WM-Beilage macht sich Diedrich Diederichsen, Spezialist für Poptheorie und also auch WM-Analyse, seinen Reim auf deutsche Party-Begeisterung von links bis rechts: "Gerade die Angst rauszufliegen, der mögliche Ausschluss, wurder in einer fast schon beatnikhaft-altjugendkulturellen Begeisterung für das Ergreifen der Chance, die man nicht hat, ausagiert, statt zur lähmenden Last zur Energiequelle. Und dieser neue Umgang mit dem guten alten Feind 'Druck', das ist tatsächlich das Typische unserer Epoche, erscheint Neoliberalen, Manegement-Esoterikern und anderen Übelkrähen genauso als ein längst fälliger Befreiungsschlag wie Dissidenten, Systemkritikern oder einfach den unzähligen Abgekoppelten und Verarschten, denen während er WM ständig ein emphatisches Modell des Einschlusses, des Mitmachens, ihrer Zulassung zum großen Gemeinsamen vorgetanzt wurde."

Weitere Artikel: Einen sehr schönen und sehr persönlichen Artikel über seinen WM-Sommer hat Detlef Kuhlbrodt geschrieben, der sich in einem Satz resümieren lässt: "Die WM war aber hier und jetzt und super." Henrike Thomsen vermisst bei der diesjährigen Ausgabe des Spreewald-Kunstevents Rohkunstbau nichts als das "Gesellschaftspolitische", das aber heftig. Susanne Messmer berichtet von WM-Begeisterung auch in China. Besprochen wird Madonnas Live-CD "I'm going to tell you a secret" (die Harald Fricke musikalische super findet, Madonnas Äußerungen auf der beiligenden DVD dagegen ziemlich gaga).

Auch im taz mag geht es um die WM - allerdings veröffentlicht im Dossier Reinhard Krause sein Tagebuch eines bekennenden Fußball-Ignoranten: "Gott sei Dank, morgen Nacht ist die WM AUS! AUS! AUS!". In weiteren Artikeln begeistert sich Klaus Hillenbrand für die Ausstellung "Ägyptens versunkene Schätze" im Berliner Martin-Gropius-Bau; Jan Feddersen fand die Zürcher Ausstellung "Gay Chic" ganz interessant - nur mit der Wirklichkeit der Homosexualität hat sie seiner Meinung nach nichts zu tun.

Besprochen werden Bücher, darunter Jonas Hassen Khemiris Roman "Das Kamel ohne Höcker" und Christoph Meyers Biografie "Herbert Wehner" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und Tom.
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SZ, 08.07.2006

Der palästinensische Publizist Hassan Khader berichtet von zum Scheitern verurteilten Plänen, der Kunst in Palästina einen stabilen Ort zu geben - zum Beispiel im Alkasaba-Theater: "Ich gehörte dem ersten Beratungsgremium des Theaters an, als es vor sieben Jahren von Jerusalem nach Ramallah umzog. Und ich erinnere mich gut an den damaligen Optimismus: Dem Theater stand ein mehrstöckiges Gebäude zur Verfügung, mit zwei Bühnen, einem Filmsaal und einem Cafe. (...) Man dachte daran, mit der Stadtverwaltung zusammenzuarbeiten, um Kapital und junge Unternehmer anzulocken. Sie sollten in einen ehrgeizigen Traum investieren: die Verwandlung des Viertels in eine Fußgängerzone mit einem kulturellen Raum, mit Galerien, Kinos, Restaurants, Bars und Straßencafes. (...) Natürlich wurde nichts davon wahr."

Weitere Artikel: Alexander Menden stellt zur Eröffnung Rem Kohlhaas' - wie stets ehrgeiziges - Bauprojekt des "Serpentine-Pavillon" in London vor. Über den Unsinn von Superwolkenkratzern schreibt nicht ganz ohne Faszination Klaus Englert. Johan Schloemann porträtiert Luca Giuliani, den neuen Rektor am Berliner Wissenschaftskolleg. Warum sich die Studenten in Frankfurt (Main) auch mit Gewalt gegen Studiengebühren zur Wehr setzen, versucht Thomas Steinfeld zu erklären. Im Interview spricht der saarländische Ministerpräsident Peter Müller über das erste deutsch-französische Schulbuch. Thomas Steinfeld berichtet von der Beerdigung des Dichters Robert Gernhardt. Gemeldet wird ein Gerichtsurteil des US-Supreme Court, aus dem hervorgeht, dass Gitarren kopiert werden dürfen.

Auf der Literaturseite werden zum Abschluss der Serie "Nachrichten von der Poesie" das Gedicht "The Love Interest" des US-Dichters John Ashbery im Original und in sechs Übersetzungen ins Deutsche abgedruckt. Von einer Münchner Veranstaltung, bei der die Autoren Hans Pleschinski (mehr) und Thomas Meinecke (mehr) über ihr Verhältnis zum historischen Roman sprachen, berichtet Klaus Birnstiel. Vermeldet wird ein Urteil, das fordert, dass Mängelexemplare auch tatsächlich Mängel haben müssen.

Besprochen werden ein Auftritt mit Schumann-Duetten von Dorothea Röschmann und Ian Bostridge im Münchner Prinzregententheater, die auf Max Beckmann reagierende Thomas-Demand-Ausstellung im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt (Main), Alejandro Agrestis Film "Das Haus am See" mit Keanu Reeves und Sandra Bullock, Inszenierungen von Xavier Dayers "Les Aveugles" und Christoph Willibald Glucks "Iphiegenie en Tauride" an der Opera de Paris sowie Tanja Langers Roman "Kleine Geschichte von der Frau, die nicht treu sein konnte" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Im Aufmacher der SZ am Wochenende schreibt Marcus Jauer über das Ende der WM-Party - und zwar in 7 Szenen über eine Person namens Deutschland in italienischer Haft. Eine Zeugin wird befragt "CARABINIERE: Deutschland? / MERKEL: Ist ein Sanierungsfall. / CARABINIERE: Also kennen Sie ihn? / MERKEL: Ich wollte ihm einmal dienen. / CARABINIERE: Aber jetzt? / MERKEL: Kann ich nur kleine Schritte."

Weitere Artikel: Abgedruckt wird eine Kurzgeschichte des Autors Eckhard Henscheid mit dem Titel "Von Steinmetzen und Skalpellarbeitern", die vor allem sprachkritisch gemeint ist. Tanja Schwarzenbach porträtiert die Fotografin Rachel Papo, die junge Soldatinnen in Israel beim Militärdienst fotografiert hat. Tobias Lehmkuhl stellt die Kompositionen des Berliner Hörspielmachers Hermann Bohlen vor. Auf der Historien-Seite schreibt Christoph Kohler über den "Fortschrittlichen Schweizer Fußballverband", während sich Joachim Köppner mit dem Besuch Liudprands, des Abgesandten von Kaiser Otto dem Großen, in Konstantinopel im Jahre 968 beschäftigt. Im Interview spricht der Schauspieler Richard Dreyfuss über "Berufung" und Einsichten in eigene Beschränkungen: "Ich bin leider nicht der Shakespeare-Schauspieler, der ich gerne wäre."

FR, 08.07.2006

Anlässlich der Ausstellung "Kult Bild" im Frankfurter Städelmuseum räsonniert Peter Iden auch über deutsch-italienische Kulturdifferenzen und meint, "dass die kunsthistorische Frage nach den Veränderungen der Funktion und, daraus folgend, der Erscheinung der frommen Bilder weniger dringlich ist in einem Land, dessen Gesellschaft - trotz aller dramatischen Wandlungen auch der italienischen Lebenswelt - nicht dazu tendiert, den Zusammenhang von Bildwerk und Religiosität intellektuell zu problematisieren: Weil sie ihn noch immer als gleichsam selbstverständlich 'lebt'. Engel und Heilige - gibt's die überhaupt? Südlich der Alpen wäre das eine eher absurde Erkundigung."

Weiteres: Karin Ceballos Betancur gibt sich in ihrer Bonanza-Kolumne die Schuld daran, dass Argentinien jetzt doch nicht Weltmeister wird. Besprochen werden eine Ausstellung mit einem Tanz-Video des Künstlers Günter Zehetner und eine Performance der Combo Los Van Van in Darmstadt. Besprochen wird Peter Stamms neuer Roman "An einem Tag wie diesem" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

NZZ, 08.07.2006

Im Feuilleton erinnert Roman Hollenstein an den Architekten Philip Johnson, der im letzten Jahr gestorben ist und in diesen Tagen 100 Jahre alt geworden wäre. Peter Hagmann gratuliert dem Dirigenten David Zinman zum Siebzigsten. Hans-Joachim Müller besucht das Privatmuseum der Sammlerfamilie Grässlin im Schwarzwald. Caroline Kesser hat sich die große Picasso-Austellung in Madrid angesehen. Aldo Keel informiert uns über den in Dänemark wenig freundlich aufgenommenen neuen Roman von Peter Hoeg. In den "Zeitbildern" schreibt Joachim Güntner über das Berliner Olympiastadion gestern und heute. (In Deutschland erscheinen die "Zeitbilder" in der gedruckten Ausgabe erst am Montag.)

In Literatur und Kunst erinnert Christine Wolter an Maria Gaetana Agnesi, eine Philanthropin des 18. Jahrhunderts. Albert Gier schreibt über eine Oper des heute vergessenen Komponisten Michele Carafa, die die Geschichte des "Figaro" fortsetzt.. Wilhelm Genazino betrachtet die Installation "Invisible Man" des kanadischen Künstlers Jeff Wall.

Besprochen werden Bücher, darunter Thomas Langs Roman "Am Seil" und Bücher über Gottfried Benn.

FAZ, 08.07.2006

Tilman Spreckelsen berichtet über die Veröffentlichung von Erich Kästners Tagebuchnotizen aus Kriegszeiten, die ihm als Stoff für später nie geschriebene Romane dienen sollten: "Kästner gibt den Beobachter, der Berichte von Exekutionen in Polen in der gleichen Stillage notiert wie das Pech, das ein befreundeter Gastronom beim versuchten Einkauf größerer Mengen Sekt hatte. Er besucht weiterhin seinen Stammtisch, unterhält sich mit Nazigegnern wie mit Nazis und laviert zwischen Schreibverbot und publizistischer Arbeit für die Ufa unter Pseudonym."

Weitere Artikel: Michael Jeismann kommentiert die Entscheidung Jacques Chiracs, weder die Überreste Alfred Dreyfus' noch die Marc Blochs ins Pantheon aufzunehmen. Jürgen Dollase besucht für seine Gastro-Kolumne das Borchardt in Berlin. Dieter Bartetzko gibt seinem resignierten Unmut darüber Ausdruck, dass die Stadt Frankfurt doch immer noch was zum Abreißen findet - diesmal handelt es sich um einen ehemaligen Gasthof im klassizistischen Landhausstil von1890. Robert von Lucius beschreibt, wie Schriftsteller mit Migrationshintergrund die schwedische Literaturszene aufmischen und nennt Namen wie Jonas Hassen Khemiri oder Johannes Anyuru. Wolfgang Sandner gratuliert dem Dirigenten David Zinman zum Siebzigsten. Joseph Croitoru liest Osteuropa-Zeitschriften, die sich mit dem 50. Jahrestag des Ungarn-Aufstands befassen. Gerhard Rohde ist nicht zufrieden mit den diesjährigen Manifestationen des Festivals von Aix-en-Provence auch nicht mit dem "Rheingold" unter Simon Rattle. Kerstin Holm erinnert an den sowjetischen Maler Alexander Dejneka, der gern Sportler darstellte. Gina Thomas besucht einen Anbau von Rem Kohlhaas zur Serpentine Gallery im Londoner Hyde Park. In der Reihe "Wir vom politischen Archiv" stellt Ursula Gehring-Münzel einen Brief Konrad Adenauers an Außenminister Stresemann aus dem Jahr 1925 vor, in dem Adenauer um Unterstützung für einen Protest gegen die französische Besatzungspolitik in Köln bittet. Ursula Harter würdigt die Verdienste des Fürsten Albert von Monaco um die Ozeanografie. Und Jochen Meyer geht einem Leserbrief an Franz Kafka nach.

Auf der Medienseite porträtiert Monika Osberghaus den Isländer Magnus Scheving, der bei Super RTL die sehr erfolgreiche Kindersendung "Lazy Town" verantwortet. Und Michael Hanfeld schildert den neuesten Stand im Streit zwischen Bundesländern und EU um die Finanzierung von ARD und ZDF. Nicht online gestellt ist eine Richtigstellung, die wir der Vollständigkeit halber zitieren wollen: "In unserem Artikel 'Wollüstig, egoistisch und durchtrieben' (FAZ vom 28. Juni) ist es beim Zitieren des Chefredakteurs des deutschen Playboy, Stefan Schmorte, leider zu einem Fehler gekommen. Die ihm zugeordneten Zitate stammen nicht von Herrn Schmorte und entsprechen auch nicht seinem Verständnis von der Ausrichtung des Magzins. Wir bedauern das Versehen."

Besprochen werden eine große Rodin-Ausstelung in Dresden, eine Ausstellung über vergessene Malerinnen der Avantgarde zur Weimarer Zeit in Hamburg und Bücher, darunter Sybille Bedfords Roman "Ein trügerischer Sommer (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite stellt Eleonore Büning einige neue CDs der Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle vor und lobt besonders die Einspielung von Schostakowitschs 14. Sinfonie. Außerdem geht's um eine neue CD von Frank Black, eine CD der Dixie Chicks und um Schumann-Einspielungen von Ragna Schirmer.

In der Frankfurter Anthologie stellt Walter Hinck ein Gedicht von Gottfried Keller vor.

"Nationalität
Volkstum und Sprache sind das Jugendland,
Darin die Völker wachsen und gedeihen,
Das Mutterhaus, nach dem sie sehnend schreien,
Wenn sie verschlagen sind auf fremden Strand.
Doch manchmal werden sie zum Gängelband,
..."