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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.07.2006. In der FAZ entlarvt Alice Schwarzer das Kopftuch als Flagge des Islamismus. Die NZZ porträtiert den albanischen Schriftsteller Agron Tufa. Die SZ erklärt, warum sich Deutsche, Franzosen und Polen gar nicht verstehen können. Die taz erlebte Thomas Ostermeier in einem dionysischen Rausch. Die FR fürchtet, dass die Italiener heute vendetta per l'orso nehmen. Die Welt weiß jedenfalls jetzt schon. Der Fußball hat einen  karolingisch-römisch-deutschen Kern.

FAZ, 04.07.2006

Frank Schirrmacher unterhält sich mit Alice Schwarzer über die Zumutung des Islamismus und Islams für die westlichen Gesellschaften, und wie zu erwarten, bezieht sie in der Kopftuchfrage eine klare Position: "Das Kopftuch ist die Flagge des Islamismus. Das Kopftuch ist das Zeichen, das die Frauen zu den anderen, zu Menschen zweiter Klasse macht. Als Symbol ist es eine Art 'Branding', vergleichbar mit dem Judenstern. Und real sind Kopftuch und Ganzkörperschleier eine schwere Behinderung und Einschränkung für die Bewegung und die Kommunikation. Ich finde es selbstverständlich, dass wir uns an Ländern wie Frankreich ein Beispiel nehmen und das Kopftuch in der Schule und im Kindergarten untersagen, für Lehrerinnen und Schülerinnen."

Weitere Artikel: In der Leitglosse bezieht Edo Reents Kathrin Passigs Bachmannpreis-Erzählung "Sie befinden sich hier" auf die Klagenfurter Vorlese-Situation selbst und kann sich eines nochmaligen Anfalls von Heiterkeit nicht erwehren. Im Aufmacher meditiert Dirk Schümer über Italien vor dem Halbfinale. Gemeldet wird, dass Robert Gernhardts Nachlass zweigeteilt wird - der literarische Teil geht nach Marbach, der zeichnerische bleibt in Frankfurt. Henning Ritter gratuliert dem israelischen Publizisten Amos Elon (hier sein letzter Artikel aus der New York Review of Books über die Geschichte der israelischen Siedlungen) zum Achtzigsten. Oliver Jungen resümiert eine Pariser Konferenz über den Fremden im Mittelalter.

Auf der Medienseite porträtiert Jürgen Kalwa den ehemaligen amerikanischen Fußballer Eric Wynalda, der den Sport jetzt im amerikanischen Fernsehen populär macht. Michael Hanfeld berichtet, dass das ZDF eine FIFA-kritische BBC-Reportage absetzte, die morgen auf Arte laufen sollte. Hanfeld berichtet auch über ein Urteil des Berliner Kammergerichts, das in der Frage der Boulevard-Berichterstattung über das Privatleben Prominenter liberale Akzente setzt.

Für die letzte Seite ist Dietmar Dath in die Stadt Valdez in Alaska gereist, die ein recht öder Ort sein muss. Gina Thomas stellt die Firma Mythodrama vor, die sich für psychologische Schulungen von Managern an Shakespeare-Dramen orientiert - Betreiber der Firma ist Richard Olivier, der Sohn von Laurence Olivier. Und Britta Richter porträtiert Ingo Metzmacher, den künftigen Chefdirigenten des Deutschen Sinfonie-Orchesters.

Besprochen werden eine Aufführung der Oper "Aeneas in Karthago" des Mozart-Zeitgenossen Joseph Martin Kraus in Stuttgart, mit der der legendäre Stuttgarter Intendant Klaus Zehelein Abschied vom Haus nimmt, eine Live-DVD von Keith Jarrett, Ausstellungen über Fürst Pücklers Englandreisen um 1830 in Cottbus und Bad Muskau, Eugene d'Alberts Oper "Tiefland" in Zürich, und eine Ausstellung über die Kunst des Restaurierens in Potsdam.

TAZ, 04.07.2006

Katrin Bettina Müller kann einen Kurztrip zum Theaterfestival von Epidaurus und Athen nur empfehlen. "Ein neuer Festivalleiter, Yorgos Loukos, setzt auf mehr Internationalität und Verjüngung. Dazu gehört die Einladung vieler Tanztheaterproduktionen. Und die Einbeziehung von neuen Orten, wie einer leer stehenden Fabrik in einem runtergekommenen Industriegebiet auf dem Weg zum Hafen von Piräus. So kam es, dass dort, in einer verlassenen Möbelfabrik, ein Stück von Thomas Ostermeier (Regisseur und Intendant der Berliner Schaubühne) und der Choreografin Constanza Macras Premiere hatte, koproduziert von dem griechischen Festival. Und man weiß nicht: Ist es der Einfluss der Umgebung oder Ergebnis der erstmaligen Zusammenarbeit zwischen dem Regisseur und der Choreografin, dass ihre Inszenierung wie ein dionysischer Rausch daherkommt."

Weiteres: Gerrit Bartels macht sich keine Sorgen um den Verlag und die Marke Suhrkamp. Jochen Schmidt erzählt von seiner jugendlichen Begeisterung für Samuel Beckett, der den gleichen Humor hatte wie die Macher der Lukas-Arts Adventure-Spiele für den C 64. Andreas Becker blickt auf das diesjährige Open-Air in Roskilde zurück. Robert Misik stellt die von Wissenschaftlern der Universität von Utah aufgebrachte und "leider wissenschaftlich nicht unprofunde" These vor, dass aschkenasische Juden wegen einer veränderten Gensequenz intelligenter sind. Besprochen wird Per Pettersons Roman "Pferde stehlen".

In der WM-taz besucht Georg Löwisch Alfred Draxler, den lieben Kollegen und Sportchef von Bild. Das Blatt tut sich mit der Weltmeisterschaft offenbar schwer. "Die große Stunde der Zeitung wirkt wie eine Schrecksekunde, in der Draxler und seine Jungs etwas Unerhörtes beobachten müssen: eine WM ohne Bild."

Und Tom.

NZZ, 04.07.2006

Hansgeorg Hermann porträtiert den albanischen Schriftsteller Agron Tufa (mehr hier), der in satten, oft bösen Bildern von der Zeit des postkommunistischen Rattenrennens erzähle. "In der Novelle 'Die Wohnung' betritt der Leser mit Tufa ein elendes Miethaus, ein unheimlicher Verwalter führt durch das verkommene Labyrinth - der Hausmeister namens Vektor, dessen knotige Finger Tür um Türe öffnen. Sei es Moskau oder Tirana - es ist die postkommunistische Zeit, die Tufa hier beschreibt, in der organisiertes Verbrechen und korrupte Politik gemeinsam über die Stadt herfallen, um deren einzig verbliebenen Schatz an sich zu reißen - Immobilien. Zum Sinnbild des Schachers um Geld und Einfluss wird die völlig verrottete Wohnung im Erdgeschoss dieses üblen Hauses. Dort stinkt es nach verfaultem Gemüse, Schimmel überzieht schleimig die Wände. Tufas Menschen hausen in den tiefen Kellern ihrer Seele."

Joachim Güntner munkelt nach dem Weggang des Suhrkamp-Geschäftsführers Rainer Weiss über interne Querelen und konstatiert: "Das Modell einer Verlagsleitung im Team, das man nach dem Tod von Siegfried Unseld einzig für möglich hielt, ist vom Tisch, die alten autokratischen Verhältnisse sind restituiert."

Weiteres: Der Basler Historiker Georg Kreis stellt drei Europa-Museen vor, die in den nächsten Jahren in Brüssel, Marseille und Aachen realisiert werden sollen. Ueli Bernays berichtet vom offenbar recht bunten Auftakt des Jazzfestivals Montreux. Besprochen werden Tomas Gonzalez' Roman "Am Anfang war das Meer" und Bücher über die Liebe zur Gitarre (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).
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FR, 04.07.2006

Vor dem heutigen Spiel Deutschland-Italien erklärt Peter Michalzik die Aufstellung: Während die Italiener "vendetta per l'orso", Rache für Bruno, nehmen wollen, müssen sich die Deutschen an ihrem Komplex abarbeiten: dem "Neid auf den italienischen Mann" - das behauptet jedenfalls Mittelfeldspieler Gennaro Gattuso. In Times mager weiht Christian Thomas den Dortmunder Fußballtempel. Ina Hartwig berichtet von einem Vortrag in der Proust-Gesellschaft, bei dem Edi Zollinger schwindelerregend viele Bedeutungsschichten in den "Metamorphosen des Turms von Roussainville-le-Pin" freilegte.

Besprochen werden ein Billy-Joel-Konzert in Frankfurt, ein Barockfest ebenfalls in Frankfurt, Wilfried Minks Inszenierung von Neil LaButes "Woyzeck"-Adaption im Schauspielhaus Zürich und Bücher, darunter Cees Nootebooms Erzählungen "Der verliebte Gefangene" und Jayne-Ann Igels Band "Traumwache" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Welt, 04.07.2006

Das Imperium schlägt zurück, freut sich Michael Pilz und konstatiert zumindest im Fußball einen alteuropäischen Rollback. "Der globalisierte Fußball bleibt ein kulturelles und mediales Phänomen. In Thailand gab es einen Toten nach dem Spiel der Italiener gegen die Australier. Kaum zu halten scheint die schöne These des globalisierten Fußballspiels, die davon ausgeht, dass der Sport in England und Europa rustikal begründet und in allen Winkeln dieser Welt verfeinert wurde. Erst in Südamerika, danach in Afrika, zuletzt in Asien, selbst in der Karibik. Sie sind alle nicht mehr hier bei der WM in Deutschland. Unter sich sind jetzt Deutschland, Frankreich und Italien, das EU-Mitglied Portugal wirkt fast schon wie ein Exot. Alteuropa, der 1.200 Jahre alte karolingisch-römisch-deutsche Kern, hat sich durchgesetzt. Die Länder im Reich Karl des Großen (in dem ja auch eine spanische Mark existierte) machen die WM unter sich aus." In seiner Kolumne warnt Thomas Brussig konsequenterweise vor den sehr alteuropäischen Italienern.

Weitere Artikel: Rainer Haubrich erfährt von dem Architekten York Stuhlemmer, der in den vergangenen zehn Jahren Pläne des Berliner Schlosses sichtete, dass die drei Baumeister Schlüter, Eosander und Böhme sehr individuell gewirkt haben: So könne man sogar bei den 49 Adlern auf dem Hauptgesims drei Typen unterscheiden. Gerhard Gnauck fragt sich, ob das neue Buch des amerikanischen Soziologen Tomasz Gross über das antisemitische Pogrom im polnischen Kielce 1946 eine ähnliche Debatte wie die über Jedwabne auslösen wird. Gabriela Walde erinnert sich beim Warten in der Berliner Newton-Stiftung an Veruschka alias Vera von Lehndorff.

In der einzigen Besprechung winkt Manuel Brug Klaus Zeheleins letzte als Intendant verantwortete Inszenierung "Aeneas in Carthago" von Joseph Martin Kraus als "überholtes Regietheater von der gestrigen Konfektionsstange" durch.

SZ, 04.07.2006

Was ist Europa? Auf einer Tagung des Berlin-Brandenburgischen Instituts für Deutsch-Französische Zusammenarbeit mit Deutschen, Polen und Franzosen hat Franziska Augstein es nicht erfahren. "Das französische Konzept der Laizität ist für Polen schlichtweg absurd. Der französische Begriff 'services publiques' ist mit 'öffentlicher Dienst' unzureichend übersetzt; andere Länder haben kaum eine Vorstellung davon, was das überhaupt sei. Als die Deutschen Minderheitenrechte in der EU-Verfassung festschreiben wollten, hielten Franzosen das für eine tautologische Verirrung: Ihr Konzept der Republik bürgt in ihren Augen dafür, dass es im Staat keine Minderheiten, sondern bloß gleichberechtigte Bürger gibt. Catherine Lalumiere erzählte von Gesprächen, bei denen die Franzosen sich gegen den Begriff der Minderheitenrechte wandten und zu ihrer Entgeisterung lediglich von Rumänen und Türken herzlich unterstützt wurden. Die polnische Rechtsprofessorin Irena Lipowicz berichtete, ein Franzose habe ihr im Scherz angekündigt: Wenn Polen dem deutschen Wunsch nach der Aufnahme von Minderheitenrechten in die EU-Verfassung nachgebe, werde Frankreich die Oder-Neiße-Grenze für ungültig erklären."

Weitere Artikel: Wolf Kampfmann resümiert die 16. Jazz Baltica in Salzau. Klaus Lüber erzählt vom Konzeptkunstwerk "Google Will Eat Itself". Im Interview versucht der Aktionskünstler Santiago Sierra seine Kunst zu erklären. Und in der "Zwischenzeit" überlegt Evelyn Roll, ob ihre gute Laune gar nicht von der WM, sondern vom guten Wetter kommt.

Besprochen werden die "Aeneas in Karthago"-Oper von Joseph Martin Kraus in Stuttgart, die Uraufführung von Chick Coreas Klavierkonzert "The Continents" bei den Mozartfestspielen in Wien, die Ausstellung "Leuchtende Bauten" im Kunstmuseum Stuttgart, David Slades Filmthriller "Hard Candy" und Bücher, darunter Istvan Eörsis "Im geschlossenen Raum" und zwei Benn-Biografien (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).