Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.05.2006. In der Welt plädiert der Historiker Norman Stone für die Aufnahme der Türkei in die EU, in der FAZ plädiert Alain Finkielkraut dagegen. Die NZZ berichtet über die Zerstörung von Baudenkmälern in Moskau. Die SZ beschreibt den Stand des "Dead Eye Problems" in der Animationstechnik.

Welt, 09.05.2006

Generell sieht der in Ankara lehrende britische Historiker Norman Stone im Interview mit Boris Kalnoky keine großen Hindernisse für eine Aufnahme der Türkei in die EU. "Es gibt genügend Leute, die erkennen können, dass die Türkei Riesenfortschritte macht. Und so überrascht es mich ein wenig, wenn da die Parade der Europäer auftaucht, die alles kritisieren. Die Skandinavier ärgern mich ganz besonders. Die Schweden zum Beispiel, ein Land, wo seit dem Wiener Kongress nichts mehr passiert ist. Da kommen sie hier an und predigen Minderheitenrechte. Bitte schön, die Schweden haben doch bis in die siebziger Jahre hinein Lappen kastriert. Sie haben etwa 80 000 Lappen kastriert mit der Begründung, sie seien kleinwüchsig und tränken zu viel."

Sven F. Kellerhoff stellt die überarbeitete Ausgabe des Gedenkbuches für die deutschen Opfer des Holocaust vor. Mit den 149.625 Namen sind nun alle Juden erfasst, die kurz vor Kriegsbeginn noch innerhalb des Deutschen Reiches lebten und ermordet wurden. "Allerdings bleiben immer noch Lücken: gerade für die ehemaligen Ostgebiete Schlesien und Ostpreußen sowie für jene jüdischen Emigranten, die aus dem Zielland ihrer Flucht (also vor allem Frankreich, Belgien und den Niederlanden) schließlich doch in die Vernichtungslager deportiert wurden. Wie hoch genau die Lücke ist, kann mit Hilfe der vorhandenen Quellen aber nicht mehr festgestellt werden."

Weiteres: Manuel Brug sieht Daniel Barenboim zukünftig öfter in Mailand, nachdem er als Chef des Chicago Symphony Orchestra aufhören wird. Die beiden britischen Schauspieler Glenda Jackson und Albert Finney werden heute siebzig, weshalb sie Gerhard Midding zusammen porträtiert. Matthias Heine schreibt zum Tod des Popmusikers Grant McLennan von den "Go Betweens". Und "hgr" meldet den Tod des türkischen Regisseurs Atif Yilmaz, der in 55 Jahren mehr als 100 Filme drehte.

Besprochen werden drei spanische Ausstellungen zur russischen Malerei in Madrid, Barcelona und Bilbao, Klaus Weises "bestechend subtile" Bonner Inszenierung von Neil LaButes "Wie es so läuft", die Aufführung von Jake Heggis' auf einem Tatsachenbuch und der Verfilmung basierende Oper "Dead Man Walking" (Eine andere, aber "durchaus gültige Art von Musiktheaterästhetik", meint Manuel Brug), Christiane Pohles "verhackstückte" Version der "Räuber nach Schiller" in München sowie Neil Youngs "schlechtes" Antikriegsalbum "Living With War".

FAZ, 09.05.2006

In einer Beilage zum Europa-Tag spricht der französische Philosoph Alain Finkielkraut über die Identität Europas, seine Grenzen und warum er gegen einen EU-Beitritt der Türkei ist: "Wer mit historischen Argumenten und der geographischen Zugehörigkeit dagegen ist, wird als Rassist dargestellt: Die Kritiker eines Beitritts der Türkei begehen eine Blasphemie gegen die Religion der Menschenrechte. Das hält man für gefährlich. Ich denke anders... Der Preis des Unheils, den Europa über das zwanzigste Jahrhundert gebracht hat, darf nicht seine Unbestimmtheit sein, nicht ein Verzicht auf jede Grenze. Die Vergangenheit ist nicht nur abschreckendes Beispiel. Wer sich dem Besten seiner eigenen Tradition verpflichtet und in ihrem Sinne handelt, ist kein schlechter Mensch. Die scheinbar so generöse Religion der Menschenrechte vergisst, dass die Verbrechen von Auschwitz keineswegs die ganze Welt betreffen. Der Film 'Im Tal der Wölfe' beweist es. Ich habe ihn gesehen. Er ist unglaublich dumm, Propaganda im Stile von Goebbels. Der Arzt im Foltergefängnis der Amerikaner wird als jüdischer Mengele dargestellt. Wer sich das erlaubt, will uns sagen: Auschwitz ist eure, ist europäische Geschichte."

In der Reihe "Wir vom politischen Archiv" stellt Martin Kröger den Personalfragebogen des Auswärtigen Amtes von Walther Rathenau vor, der bei der Frage nach der Konfessionszugehörigkeit schrieb: "Diese Frage entspricht nicht der Verfassung."

Weiteres: Christian Geyer kommentiert die Christiansen-Sendung mit George W. Bush. Dieter Bartetzko schreibt zum Tod der letzten Überlebenden des "Titanic"-Unglücks. Hubert Spiegel kommentiert den Plan der Frankfurter Buchmesse, in London eine fast gleichzeitige Konkurrenzmesse zur bisherigen London Book Fair zu eröffnen. (Mehr dazu in unserem neuen Virtualienmarkt.) Andreas Rosenfelder verfolgte eine Konstanzer Tagung zur Geschichte des Konstruktivismus. Andreas Kilb besuchte eine neue Berliner Ausstellung zur Geschichte des Olympiageländes. Jordan Mejias meldet, dass sich in Florida muslimische Studenten einer Universität gegen den Gastredner Salman Rushdie verwahrten. Kerstin Holm berichtet, dass Russland einige Stücke Beutekunst nun doch zurückgeben will. Wolfgang Schneider verfolgte ein europäisches Lyrikertreffen in Berlin. Der Juraprofessor Christoph Möllers schreibt über Bestrebungen, das Anwaltsmonopol in der Rechtsberatung aufzuheben.

Auf der Medienseite stellt Michael Reufsteck die neue Arztserie "Dr. House" vor. Auf der letzten Seite schwärmt Andreas Platthaus von einer Verkostung äußerst seltener deutscher Riesling-Auslesen aus den Jahren 1911 bis 1949. Heinrich Wefing hat eine Pressekonferenz zum ersten Jahrestag des Holocaust-Mahnmals verfolgt. Und Lisa Zeitz porträtiert den Dokumentarfilmer Charles Hobson, der sich mit der Geschichte der schwarzen Musik befasst.

Besprochen werden eine große Henri-Rousseau-Retrospektive im Pariser Grand Palais ("Ein solch opulentes Fest für Henri Rousseau hat es seit langem nicht mehr gegeben", schreibt Werner Spies), die Ausstellung "The Design Annual" in Frankfurt, die wiederentdeckte Oper "Sakuntala" von Franco Alfano in Rom und ein Konzert Michael Gielens und des SWR-Orchesters in Frankfurt.

NZZ, 09.05.2006

Am Ende der Veranstaltung "Heritage at Risk" in Moskau verabschiedeten die Teilnehmer ein "Moskauer Manifest", das die Zerstörung wertvoller Baudenkmäler anprangert, berichtet Klaus Englert. "Sämtliche Gebäude von Konstantin Melnikow, etwa sein legendäres Wohn- und Atelierhaus oder der berühmte 'Rusakow'-Arbeiterklub, wurden dem Verfall überlassen oder unsachgemäß renoviert. Stark beschädigt sind auch herausragende Bauwerke wie Le Corbusiers 'Centrosoyus', Moissej Ginsburgs Kommunenhaus und das Theater des Kinoschauspielers der Brüder Wesnin." Überraschenderweise unterzeichnete sogar Bürgermeister Luschkow, der zahlreiche Bauten hatte abreißen oder verkommen lassen, um seine "die Belle Epoque nachahmende Verfälschungsarchitektur" durchzusetzen.

Weitere Artikel: Christina Thurner annonciert die Movimentos-Festwochen in Wolfsburg. Alfred Schlienger stellt die neue Direktion und neue Pläne am Theater Basel vor.

Besprochen werden Mozarts "Don Giovanni" im Zürcher Opernhaus, Aufführungen während der Musica Antiqua Köln in Zürich, eine Ausstellung mit Ölskizzen von Tiepolo im Londoner Courtauld Institute, die Uraufführung von Helmut Oehrings Oper "Unsichtbar Land" in Basel und Bücher, darunter Iwan Turgenjews deutsche Korrespondenz und Maeve Brennans Roman "Mr. und Mrs. Derdon" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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FR, 09.05.2006

Rudolf Walther berichtet von einer Rede, die Jürgen Habermas zum 100. Geburtstag von Wolfgang Abendroth bei einer Tagung der IG Metall hielt. Thorsten Kluss schreibt über den Kannibalismus als kulturelles und psychologisches Phänomen. In Times Mager befasst sich Harry Nutt mit dem Fall Rentmeister. Hans Rentmeister, Generalsekretär des Internationalen Sachsenhausenkomitees, hat zugegeben, bis 1989 hauptamtlicher Stasi-Mitarbeiter gewesen zu sein.

Besprochen werden die große Caspar-David-Friedrich-Ausstellung im Museum Folkwang Essen und Tatjana Gürbacas Inszenierung von Philippe Hersants Oper "Der schwarze Mönch" in Leipzig.

TAZ, 09.05.2006

Christian Kortmann lässt kurz vor der WM nocheinmal Dampf ab über die autoritäre Fifa. "Große Bereiche des öffentlichen Lebens in Deutschland werden im Sommer den Regeln einer Besatzungsmacht folgen, die im Namen des Fußballs demokratische Grundrechte in Frage stellt: Die Fifa ist ein globales Kartell von Machtverflechtungen und Abhängigkeiten, das sich in jedem WM-Jahr in einem anderen Land materialisiert - und jedes Mal in expansiverer Form. Es setzt an den Spielorten ein Regime von Law and Order in Kraft, das den offiziellen Sponsoren Exklusivität zusichert und bereit ist, diese rigoros durchzusetzen."

Weiteres: Die Werte sind bei Kirche und Staat in den falschen Händen, meint der Philosoph Ulrich Ruschig. Jan Hendrik Wulf blättert in Zeitschriften und liest Artikel zu deutschen Vertriebenen und Massakern in Osteuropa. Martin Altmeyer referiert eine Frankfurter Tagung der Sigmund-Freud-Gesellschaft zu Ehren Alexander Mitscherlichs. In der zweiten taz befragt Michael Aust die Anthropologin Veronika Bennholdt-Thomsen, wie ein frauenbeherrschtes Dorf in Mexiko dem Machismo trotzt. Michael Brake kommentiert den dritten Rechtsstreit zwischen Computerhersteller Apple und Beatles-Nachlassverwalter Apple Corps.

Und hier noch TOM.

Tagesspiegel, 09.05.2006

Klaus Hartung denkt darüber nach, wie die WM das Berliner Stadtbild verändert - mit all ihren Großleinwänden, Werbeumhüllungen und Adidas-Arenen: "Der Ruf ist bekanntlich dem teuer, der ihn nicht hat. So verteidigen wir zusammen mit Flierl unser wunderbares Stadtbild, dessen Mangel uns ansonsten nicht kratzt. Das Unerfreuliche an den Großereignissen ist, dass sie uns auf uns selbst zurückwerfen, auf unser gebrochenes Verhältnis zur Stadt, auf unser brüchiges Stadtbild, unser diffuses Zentrum mit seinen versifften Leerräumen... Jede Hauptstadt der Welt hätte sich bei einem solchen Großereignis in Szene gesetzt, sich schön gemacht. Wir (um vom Senat nicht zu reden) wissen gar nicht so genau, was das heißt. Die deutsche Hauptstadt und ihre aufregende Geschichte, Berlin, die Metropole, in der immer noch alles Anfang ist - das hätte die Stadt zeigen können. Aber initiativ wird die Stadt nur mit einem Minimalprogramm: eine tiefgestaffelte Hooligan-Abwehr und eine 'Anti-Schmuddelkampagne'. Schmuddeltelefon: 75 92 27 80."
Stichwörter: Klaus Hartung, WM

SZ, 09.05.2006

Bernd Graff berichtet von einer Stuttgarter Konferenz zum Stand der Technik der digitalen Animation. Möglich ist inzwischen alles, nur ein Problem ist noch geblieben: das "dead eye problem": "Welchen immensen Aufwand die Belebung der Gesichter bedeutet, belegte das Referat von Mark Sagar. Er arbeitet für die neuseeländische Weta Digital Ltd. und hauchte King-Kong den Odem ein, was vor allem eine akribische Übersetzungsarbeit war. Denn King Kongs Mimik wurde von einem Menschen gespielt: Dem Schauspieler Andy Serkis wurden die Szenen mit Naomi Watts gezeigt, Serkis sollte darauf reagieren. Die Programmierer übertrugen dann Serkis Reaktionen auf die Affenphysiognomie, vernachlässigten die Nase, akzentuierten Mund und Augen, um vor allem King Kongs Blinzeln den human touch der Sympathie zu verleihen."

Weiteres: Zum dreißigsten Todestag von Ulrike Meinhof hat Heribert Prantl noch einmal die Schriften von Horst Herold gelesen, dem Erfinder der Rasterfahndung und wohl "besten Polizisten, den Deutschland je hatte". Dorothee Müller hat auf einer Frankfurter Möbelmesse die Besten der Besten des High-End-Design erlebt: "Die spanische Firma Artquitect richtet das Badezimmer als barockes Boudoir ein. Wanne wie Waschbecken sind schwarz lackiert und stehen auf geschwungenen Dackelbeinen. Darüber wachen zwei Pferdeköpfe mit Blumenbouquets im Schädel." Rebecca Casati plaudert mit Neil Diamond über sein neues Album "Twelve Songs", die Einsamkeit und die Selbsttherapie. Jens Christian Rabe resümiert eine SZ-Veranstaltung zu Europa im globalen Wettbewerb. Susan Vahabzadeh schreibt zum Siebzigsten des Schauspielers Albert Finney.

Hans Leyendecker schildert auf der Medienseite einige Beispiele für das prekäre Verhältnis von Presse und Justiz.

Besprochen werden die Uraufführung von Ruedi Häusermanns "faszinierend vielschichtigem, scheinbar leicht hingetuschtem Klangspiel 'Gewähltes Profil: Lautlos'", Jake Heggies rührseliges Opernstück "Dead Man Walking" in Dresden und Bücher, darunter Biografien zu den Kaisern Kontantin und Julian, Iain Levisons Roman "Betriebsbedingt gekündigt" und Jan Philipp Reemtsmas "Über Arno Schmidt" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).