Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.04.2006. In der SZ warnt der amerikanische Historiker Daniel Goldhagen vor dem totalitären politischen Islam, der an allen Schauplätzen der Politik in die Offensive gegangen sei. In der Welt erklärt Wolf Biermann, warum ihm beim Deutschlandlied zum Kotzen und zum Fluchen und zum Weinen wird. Die FAZ möchte das Ehegattensplitting durch ein Familiensplitting ersetzen. Dimiter Gotscheffs Inszenierung "Das große Fressen" an der Berliner Volksbühne fällt durch: Die FR verleiht ihm das Etikett "visionärer Bofrost-Totalitarismus", die Welt ist gelangweilt vom nihilistischen Blablabla im Wohlstandstheater.

SZ, 28.04.2006

"Der politische Islam ist totalitär, aggressiv, will andere unterwerfen und ist felsenfest von seiner Überlegenheit und der Bestimmung zu herrschen überzeugt, er ist intolerant, erfüllt von Groll und hat zu bestimmten Aspekten der Realität nur noch schwache Bezugspunkte. Aber vor allem kennzeichnen ihn zwei Dinge: Er heiligt seine Grundsätze, Gefühle und Ziele, indem er sie in Allah verwurzelt, dem sklavische, buchstäblich geistlose Hingabe gebührt. Und sein Todeskult, gepaart mit offen gezeigter archaischer Blutrünstigkeit", schreibt der amerikanische Historiker Daniel Goldhagen in einem gepfefferten Beitrag im SZ-Magazin, der in ähnlicher Form schon in The New Republic erschienen ist: "Der politische Islam befindet sich jetzt vollständig in der Offensive. Er ist auf dem Vormarsch an den drei wichtigsten Schauplätzen der Politik: auf den Straßen, in den Schaltzentren der Macht und an den Kriegsfronten."

Der britische Historiker Tony Judt kommentiert den "Sturm der Entrüstung" und den Vorwurf des Antisemitismus, den ein Essay mit dem Titel "The Israel Lobby" in der Literaturzeitschrift London Review of Books ausgelöst hat; in den beiden Hauptthesen des Essays geht es um die "andauernde unkritische Unterstützung Israels durch US-Regierungen". Judts Fazit: "Künftigen Generationen von Amerikanern wird es nicht mehr einleuchten, weshalb eine imperiale Macht wie die USA ihr Ansehen durch die enge Verknüpfung mit einem kleinen, umstrittenen Mittelmeerstaat aufs Spiel setzt. Bereits heute wundert sich die Welt darüber, dass Amerika in dieser Angelegenheit auf die Kommunikation mit der internationalen Gemeinschaft verzichtet." Mit Antisemitismus habe das "rein gar nichts" zu tun.

Thomas Steinfeld bescheinigt dem Goethe-Institut "wilhelminische Tölpelei" und prophezeit ihm, an einer "Anmaßung" zugrunde zu gehen "Im dritten Stock des Goethe-Instituts scheint man wirklich der Überzeugung zu sein, ganze Völkerschaften im Nahen Osten oder in Asien warteten darauf, über das 'reziproke Subsidiaritätsprinzip' in der Kulturvermittlung nach deutschem Muster aufgeklärt zu werden."

Weiteres: In einem wunderbaren Interview geben Gerhard Polt und die Biermösl Blosn Auskunft über Edmund Stoiber als Rindsroulade, Satire als Medizin und ihr neues Stück "Offener Vollzug". Stefan Koldehoff kommentiert den Vorwurf an die Berliner Museen, mit öffentlichen Mitteln die Wertsteigerung privater Sammler zu betreiben.

Besprochen werden die Ausstellung "Wohin gehen wir?", in der die Kunstsammlung von Francois Pinault im Palazzo Grassi in Venedig präsentiert wird, Ibsens "Rosmersholm" und "Die Brüder B." von Arne Sierens am Schauspiel Nürnberg, Erwin Wagenhofers Dokumentarfilm "We feed the world" über globale Ernährung, Daniel Catans Oper "Florencia en el Amazonas" in Heidelberg und Bücher, darunter William T. Vollmanns Roman "Huren für Gloria" und eine Biografie über Oskar von Miller, den Gründer des Deutschen Museums in München (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Welt, 28.04.2006

Morgen wird die Stadt Höxter Wolf Biermann die "Corveyer Hoffmann-von-Fallersleben-Plakette" verleihen. Die Welt druckt heute schon seine Dankesrede, in der er sich vor allem daran erinnert, was sein kommunistischer Vater in Hamburg durchstehen musste, weil er nicht mit den Nazis singen wollte: "Aus der Perspektive meines Lebens kann das berühmteste Lied des Dichters Hoffmann von Fallersleben nichts Gutes, nichts Angenehmes bedeuten... Sogar dann, wenn ich nur das nackte noble Kaiser-Quartett höre, ist mir zum Kotzen und zum Fluchen und zum Weinen. Denn ich muss dabei an meine Großeltern John und Louise Biermann denken, an meine Onkels, an meine Tante Rosi Biermann und ihren Sohn Peter, an andere Cousins und Cousinen. Sie alle, ohne eine einzige Ausnahme, wurden im November 1941 von der Moorweide am Bahnhof Dammtor nahe der Alster in Eisenbahnwaggons verfrachtet und nach Minsk deportiert in das Juden-Ghetto und dann dort im Stadtwald von Soldaten in die Grube geschossen."

Reinhard Wengierek hat sich an der Berliner Volksbühne Dimiter Gotscheffs Inszenierung "Das Große Fressen" angesehen - und war weidlich gelangweilt von all dem "Fressen, Furzen, Ficken und Verrecken". Also ein allgemeineres Wort zu Volksbühne: "Da wird es immer ungemütlicher im Land, da ringt ein Hartz-IV-Millionenheer um ein bisschen Glück und starrt verzweifelt auf die Implosionen der sozialen Marktwirtschaft - aber im gutsituierten Wohlstandstheater am Rosa-Luxemburg-Platz ergötzen sich extrem trainierte und hochdotierte Mimen in wohlfeil nihilistischen Schaumschlägereien. Und dennoch spreizt sonderlich diese Volksbühne unentwegt sich als brisant zeitgenössisches Kunstinstitut... aber kein ordentliches Drama kommt auf die Bühne, kein akutes Thema, kein packender Konflikt. Bloß Blablabla."

Weiteres: Auch wenn Uta Baier zugibt, dass schon schlechtere Kunst mit Steuergeldern gekauft worden ist, findet sie den Kauf von Andy Warhols "Big Electric Chair" durch Berlins Staatliche Museen seltsam: "Wie immer herrschen, wo Generaldirektor Peter-Klaus Schuster das Sagen hat, Desinformation und Geheimniskrämerei." Hanns-Georg Rodek hält Eli Roths Film "Hostel" für einen Ausdruck extremer Paranoia gegen alles Fremde: "Wo früher Eltern Kinder warnten, in den Wald zu gehen, warnt Hollywood Amerikaner davor, den Stars-and-Stripes-Boden zu verlassen." Besprochen werden die Ausstellung "Xi'an - Kaiserliche Macht im Jenseits" mit Grabfunden und Tempelschätzen aus China in der Bonner Kunsthalle und das neue Album "Oceana" des Trompeters Till Brönner

NZZ, 28.04.2006

Auf der Medienseite nimmt sich Heribert Seifert die deutschen Medien und ihre Berichterstattung zum Überfall auf Ermyas M. in Potsdam zur Brust. "Wenn auch nur der Verdacht besteht, dass Gewalttaten einen neonazistischen Hintergrund haben könnten, werden Zeitungen, die sonst einen betont moderat-permissiven Stil im Umgang mit gesellschaftlichen Konflikten pflegen, zu Kampfblättern, die sich im Überschwang ihrer Empörung selbst von der Beachtung journalistischer Handwerksregeln suspendieren."

Weiteres im Medienteil: Bei der WM wird die inoffizielle Berichterstattung durch Zuschauer und ihre Fotohandys ungekannte Ausmaße annehmen, prophezeit Detlef Borchers. Die neue Erfolgsserie des amerikanischen Bezahlsenders HBO handelt von den Problemen eines modernen Polygamisten, berichtet "snu". "mau" kann die harmlose wie umstrittene Zeichentrickserie "Popetown" nur in einem Punkt verurteilen: "Ihre Witze sind nicht lustig." "set" schreibt über die wirtschaftlich erfolgreiche, moralisch aber ambivalente Rolle von Kontaktplattformen im Internet. Die größte Festplatte der Welt kommt mit 750 GB derzeit von Seagate, weiß S.B.

Im Feuilleton stellt Hans-Jörg Neuschäfer vier Romane vor, die zur Entstehung des Bilds von Barcelona als "Stadt der Wunder" beigetragen haben. Gabriele Detterer attestiert Frankfurt am Main, wo derzeit eine "Schlacht ums Fachwerk" geführt wird, einen neuen Hang zur architektonischen Nostalgie. In einer Rede für die Architekturfakultät der ETH Zürich spricht Iso Camartin unterstützt von einem Bibelvers von der Aufgabe der Architekten, ihren Kunden "Begleitapostel des Glücks" zu sein.

Besprechungen widmen sich einem von der chinesischen Choreografin Chiang-Mei Wang und dem Afrikaner Koffi Koko gestalteten Tanzabend am Luzerner Stadttheater und Yannis Kokkos' "oberflächlich klassizistischer" Inszenierung von Mozarts "La clemenza di Tito" in Genf.
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FR, 28.04.2006

Das Etikett "visionärer Bofrost-Totalitarismus" verleiht Petra Kohse Dimiter Gotscheffs Inszenierung von "Das große Fressen" an der Berliner Volksbühne. Anders als in den 70er Jahren, in denen Marco Ferreris Film ein Schock gewesen sei, liefe die Kritik an der Konsumgesellschaft heute ins Leere. "Am Ende der Arbeitsgesellschaft und in Zeiten von Metrosexualität und privater Altersvorsorge ist man froh, wenn man überhaupt einen Job hat, schläft allein und kauft die Bio-Produkte bei Plus. Überfluss gibt es nach wie vor, aber gewissermaßen nicht in Toplage als Bataille'sche Fantasien oder Schlemmergelage, sondern mehr downtown in Form von Seriellem, Schund und Simulation. Der Exzess und die Verfeinerung stellen keinen Wert mehr dar. Subversiv wäre, ihr zu huldigen." Bei Gotscheff werde zwar auch "gefressen und gestorben", nicht jedoch am Fressen. "Zwar gibt es einige finale Stopfszenen, mit Pudding oder Eiern, aber denen geht keine erlesene Völlerei voran, sondern nur permanent missmutiges Nagen an Gurken, Baguette oder Broilern am Spieß."

Weiteres: Nach Bezug des Neubaus von Christoph Mäckler geben Leiter Daniel Birnbaum und Kuratorin Nikola Dietrich Auskunft über die Herausforderungen des neuen Portikus-Hauses in Frankfurt. Christian Thomas kommentiert in Times mager den geplanten "Ehrenkodex" im Fußball, mit dem künftig fingierte Fouls und Schwalben geächtet werden sollen.

Besprochen werden das neue Album "Verbotene Früchte" der Hamburger Band Blumfeld, eine "etwas zu schöne, aber sorgfältige" Nürnberger Uraufführung von Luca Lombardis Oper "Prospero" anlässlich des Jahrhundertjubiläums des Opernhauses und eine dreiteilige Installation der Kölner Künstlerin Silke Schatz mit dem Titel "Radical Self - Wurzelkind" im Bomann-Museum in Celle.

TAZ, 28.04.2006

Auf den Kulturseiten spricht Jochen Distelmeyer, Sänger der Hamburger Band Blumfeld, die heute ihr neues Album "Verbotene Früchte" veröffentlicht, über Einflussangst, politische Militanz und Naturlyrik: "Ich singe, was ich sehe. Nicht nur inhaltlich auf textlicher Ebene, sondern auch musikalisch. Anders gesagt: "Der Apfelmann" (ein Songtitel, Red.) will für jeden Baum das Beste. Egal, ob er nun von atonaler Musik, Blues oder Rock begleitet wird. Das beschäftigt mich. Das finde ich interessant."

Weiteres: Besprochen wird die erste Ausstellung unter Leitung der neuen Direktorin des Frankfurter Kunstvereins Chus Martinez mit Videoarbeiten von Esra Ersen. In der tazzwei hält es Cosima Schmitt für nötig, einige deutliche Worte zu dem Cicero-Text zu verlieren, in dem Tagesschausprecherin Eva Herman die Emanzipation für einen Irrtum erklärte. Ebenfalls in tazzwei kommentiert Peer Schader den Wirbel um die MTV-Comic-Serie "Popetown", die derzeit zwar noch keiner kennt, gegen die aber schon mal vorsorglich im Namen des Herrn gewettert werde. Und hier ein Link zur Seite 1, die zeigt, wie man sich die Lage schön reden respektive schreiben kann.

Und hier Tom.

FAZ, 28.04.2006

"Edle Materialien, klare Linien, keine Experimente." Dirk Schümer ist von der Kunstsammlung des französischen Wirtschaftsmagnaten Francois Pinault, die ab jetzt im renovierten Palazzo Grassi in Venedig gezeigt wird, durchaus angetan. "Mit Carl Andres stumpfen Metallplatten, die beim Betreten leise scheppern, ist der Innenhof respektvoll ausgelegt - ein Werk der minimalistisch-eisigen sechziger Jahre wie so viele andere. Da finden sich ästhetisierende Durchblicke wie bei Donald Judds perspektivischen Metallkästen, die sich auf die gegenüberliegende Ca Rezzonico verjüngen. Oder eine Suite dreier intimer Kabinette, die Richard Serras rauchgeschwärzte Holztafeln neben Brice Mardens tönerne Farbflächen stellen. Und allein nach den drei seltsam heiteren Großformaten von Mark Rothko aus den frühen fünfziger Jahren würde sich jeder Kurator die Finger lecken."

Dass die Mittelschicht kinderlos bleibt, ist das eigentliche Problem, das der Familienbericht der Bundesregierung (pdf) aber verschweigt, meint Andreas Kilb in seiner Analyse, und sinnt auf Abhilfe. "Der Name der heiligen Kuh, die geschlachtet werden muss, ist nur allzu bekannt. Das Ehegattensplitting, einst als Anreiz zum Heiraten begründet, stellt heute in Bildungsschichten das stärkste Hindernis für Familiengründung dar. Wer verheiratet, Doppelverdiener und kinderlos ist, hat den Gipfel seiner Möglichkeiten erreicht und schafft sich lieber ein Ferienhaus an als teuren Nachwuchs. Eine Familien- und Bevölkerungspolitik, die ihren Namen verdiente, müsste dieses vergiftete Steuergeschenk durch ein Familiensplitting ersetzen, bei dem nicht der Höchstverdiener belohnt, sondern der Familienhaushalt durch Freibeträge für jedes seiner Mitglieder entlastet wird."

Weiteres: Das British Council, eine mit dem Goethe Institut vergleichbare Organisation, gibt (vorbildlicherweise?) nur zehn Prozent seines Budgets in Westeuropa aus, meint Heinrich Wefing in seinem Artikel über die anstehende Verlagerung der auswärtigen Kulturpolitik in die Wachstumsregionen China, Südostasien und die arabisch-muslimischen Länder. Patrick Bahners gratuliert dem "deutschen Historiker Roms" Arnold Esch zum Siebzigsten. Jordan Mejias überreicht der Schriftstellerin Harper Lee Glückwünsche zum Achtzigsten. Zum hundertsten Geburstag des Mathematikers Kurt Gödel wünscht sich Dietmar Dath in der Leitglosse eine kompetentere Verwendung der Gödelschen Unvollständigkeitssätze. Andreas Rossmann trauert um die nun einem Kongresszentrum weichende Villa Dahm in Bonn.

In ihrem Resümee der Erfurter Kinderfilmtage auf der Medienseite wünscht sich Monika Osberghaus mehr Pragmatismus und Optimismus im deutschen Jugendfernsehen.

Die letzte Seite wird von Melanie Mühls Interview mit Claudia Woll bestimmt, Mutter der Schauspielerin Felicitas Woll und Managerin einer achtzehnköpfigen Großfamilie. Hannes Hintermeier stellt Kristof Wachinger vor, der seit 1954 den kleinen Langewiesche Brandt-Verlag bei München leitet. Und Mark Siemons liest den nur mehr online veröffentlichten voraussichtlichen Schlusspunkt in der bisher erstaunlich öffentlichen chinesischen Debatte um die Rolle des Boxeraufstands.

Besprochen werden Dimiter Gotscheffs Theaterversion von Marco Ferreris Film "Das große Fressen" an der Berliner Volksbühne ("Alles Schaum, nichts Wein", klagt Irene Bazinger), Alexander Schülers Debütfilm "Rendezvous", eine Ausstellung mit zehn neuen Werken von Lucien Freud und Frank Auerbach im Londoner Victoria und Albert Museum, und Bücher, darunter Lionel Shrivers Roman "Wir müssen über Kevin reden".