Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.03.2006. In der Kunst triumphiert das Kollektiv, verkündet die NZZ von der Whitney-Biennale in New York. Im Standard denkt der Intellektuelle Jürgen Habermas über den Bedeutungsverlust der Intellektuellen nach. Der Tagesspiegel verortet das Problem des Theaters nicht in seiner Zügel- sondern in seiner Mutlosigkeit. In der Welt prophezeit Niall Ferguson den Krampf der Kulturen. Und die FAZ befürchtet eine Umerziehung der palästinensischen Gesellschaft.

Standard, 10.03.2006

Der Standard hat den ersten Teil der Dankesrede von Jürgen Habermas bei der Entgegennahme des Bruno-Kreisky-Preises abgedruckt (der zweite folgt morgen). Habermas spricht über die Intellektuellen, die an Bedeutung verlieren - erst durch das Fernsehen und nun durch das Internet: "Auf der einen Seite hat die Umstellung der Kommunikation von Buchdruck und Presse auf Fernsehen und Internet zu einer ungeahnten Ausweitung der Medienöffentlichkeit und zu einer beispiellosen Verdichtung der Kommunikationsnetze geführt. Die Öffentlichkeit, in der sich Intellektuelle wie Fische im Wasser bewegt haben, ist inklusiver, der Austausch intensiver geworden denn je zuvor. Andererseits scheinen die Intellektuellen am Überborden dieses lebensspendenden Elements wie an einer Überdosierung zu ersticken. Der Segen scheint sich in Fluch zu verwandeln. Die Gründe dafür sehe ich in einer Entformalisierung der Öffentlichkeit und in einer Entdifferenzierung entsprechender Rollen."

NZZ, 10.03.2006

Auf der Whitney-Biennale in New York, die dieses Jahr mit "Day for Night" zum ersten Mal ein Motto hat, triumphiert das Kollektiv, wie Andrea Köhler meldet. "Wie der amerikanische Kultautor J.T. LeRoy, dessen Identität kürzlich als die multiple Fiktion eines Familien-Ensembles geoutet wurde, ist Reena Spaulings ein artifizielles Gesamtkunstwerk, deren komplizierte Geburtsurkunde alle oben beschriebenen Fiktionsmöglichkeiten auf sich vereint; der Roman, in dem sie als Hauptfigur auftritt, wurde von der Bernadette Corporation, selbst ein Ableger der Reena Spaulings Gallery, im Internet generiert. Die Bernadette Corporation, die u. a. eine Mode-Linie, ein Magazin (made in USA) und ein Untergrund-Filmstudio in Berlin führt, hat sich inzwischen zu einem Konzern gemausert, der ihre Kapitalismus-Kritik vor manche Herausforderung stellt. Auf der Biennale hat sich diese in Form einer Ladenmarkise über dem Eingang der Ausstellungsräume manifestiert. Nun gut: Wir alle sind käuflich."

Weiteres: Khalid Al-Maaly schildert den arabischen Rückstand bei Buchübersetzungen. Markus Jakob zweifelt am Sinn der sittlichen Sauberkeitsinitiative in Barcelona.

Besprochen werden eine Aufführung von Benjamin Brittens Sinfonie für Violoncello und Orchester op. 68 in der Tonhalle Zürich sowie eine Architekturausstellung im Gelben Haus Flims.

Auf der Filmseite resümiert Michel Bodmer das 25. Sundance Festival. Ebs. berichtet über Entdeckungen auf dem Filmfestival Freiburg. Besprochen werden der Film "Peindre ou faire l'amour" von Arnaud und Jean-Marie Larrieu, Henrik Pfeifers Lessing-Verfilmung "Emilia" und Kristina Konrads Nicaragua-Film "Unser America".

Auf der Medien- und Informatikseite setzt S.B. auf Handybildschirme, aber keinen Rappen auf das von der Firma E-Ink entwickelte elektronische Papier, das die belgische Tageszeitung De Tijd nun testet. "ras" untersucht die Vermarktungsmaschinerie für Daniel de Roulets Geständnis des Brandanschlags auf ein Ferienhaus von Axel Springer. Und Stephan Russ-Mohl diskutiert die These des Kommunikationswissenschaftlers Klaus Merten, dass Lügen zur Verständigung einfach dazugehören.

Welt, 10.03.2006

Der Historiker Niall Ferguson widerspricht in einem für das Forum aus der L.A. Times übernommenen Artikel Samuel Huntingtons These vom Kampf der Kulturen. Die allermeisten Konflikte finden nämlich nicht zwischen, sondern innerhalb von Zivilisationen und Kulturen statt. "Wahrscheinlich bringt die Zukunft also eher viele lokal begrenzte Kriege - die meisten von ihnen ethnische Konflikte in Afrika, Südasien oder dem Nahen Osten - als einen globalen Zusammenprall der Wertesysteme. Tatsächlich würde meine Vorhersage lauten, dass genau diese zentrifugalen Tendenzen exakt jene Zivilisationen, die Huntington ausmachte, zunehmend auseinanderreißen. Kurzum: Kein Zusammenprall, sondern ein Zusammenfall der Zivilisationen. Statt 'Kampf der Kulturen' lies 'Krampf der Kulturen'." Hier der Originalartikel.

Weiteres: Herbert Lachmayer, Kurator der Mozart-Denkraums in der Wiener Albertina, klärt Ulrich Weinzierl über die vielen "mozartesken" Persönlichkeiten auf. "Als Mozart fünf Jahre alt war, saßen die Eltern vor einem Krokodil. Dem Vater muss klar gewesen sein, dass da etwas Monströses heranwuchs." Dass erst so wenige Musiker wieder nach New Orleans zurückgekehrt sind, liegt am giftigen Schlamm und an ihrer Armut, erklärt Uwe Schmitt. Eckhard Fuhr war dabei, als die frischgebackenen Autoren Julian Nida-Rümelin und Christopher Keese in Berlin für Bürgerlichkeit und Humanismus plädierten. Historisches Bewusstsein vermisst Berthold Seewald bei der bayerischen Regierung, die nun angeblich den gymnasialen Geschichtsunterricht zur Disposition stellen will. Nach einer Leibesvisitation durfte sich Hanns-Georg Rodek 35 Minuten aus Ron Howards "Sakrileg"-Verfilmung ansehen, und teilt nun mit, dass er nichts verraten darf.

Im Magazin porträtiert Thorsten Jungholt den allmächtigen Präsidenten des Weltfußballverbandes, Joseph Blatter. Und im Medienteil stellt Gerti Schön den Internet-Treffpunkt myspace.com vor, dessen Beliebtheit auch nach einem Pädophilie-Skandal zunimmt.

Besprochen wird das "asketische" Tanzstück "Six Piano Pieces" des niederländischen Choreografen Hans van Manen im Muziektheater von Amsterdam.
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Tagesspiegel, 10.03.2006

Peter von Becker macht sich Gedanken über Wahrheit und Wahn der jüngsten "Theaterdebatte" - über Schmuddeltheater hatten sich Gerhard Stadelmaier in der FAZ und Joachim Lottmann im Spiegel aufgeregt - und meint: "Der Spiegel spinnt, die Theater spinnen, Stadelmaier spinnt, alle spinnen. Das ist der Eindruck, den ein unbefangener Leser bei den jüngsten deutschen Theaterscharmützeln haben muss. Und tatsächlich verlaufen die Fronten zwischen dem Teufel und dem lieben Theatergott, zwischen stolzen Regieriesen (die sich noch demütig ingeniös in ein Werk vertiefen) und aufmüpfigen Zwergen (die deppert und säuisch darüber surfen) viel weniger klar, als es eine aktuell erhitzte oder gar verschwitzte Debatte suggeriert." Die Misere des gegenwärtigen Theaters liegt für Becker viel eher an seiner "weitgehenden Unfähigkeit ..., heute noch Macht und Mächtige anders als durch Karikaturen darzustellen".

FR, 10.03.2006

Der NDR will ein Anstellungsverbot für "gesperrte freie Mitarbeiter" bei unabhängigen Produktionsfirmen durchsetzen, berichtet Jörn Breiholz auf der Medienseite. "Dazu zählen Journalisten, die bereits viele Jahre lang und mit festen Verträgen für den NDR gearbeitet haben: Fernseh- und Rundfunkreporter, mit denen der NDR so genannte Rahmenverträge abgeschlossen hatte. Da der NDR aber seine Mitarbeiter mit Rahmenverträgen spätestens nach 15 Jahren aus einem 'programmlichen Abwechslungsbedürfnis' und aus Angst vor Festanstellungsklagen austauscht, sollen sich auch Produktionsfirmen diesem Diktat unterwerfen."

Im Feuilleton findet Rudolf Walther die "mediale Aufregung" über die Vogelgrippe einfach "zynisch". In Times Mager schüttelt Peter Michalzik den Kopf über die "willkürliche und überflüssige Regelungswut", mit der an einer Urheberrechtsnovelle gearbeitet wird, die dem Autor eines Theaterstücks oder dessen Erben Schmerzensgeld garantiert, wenn in einer Aufführung sein Stück verändert wird.

Besprochen werden Ausstellungen von Monica Bonvicini und Valie Export zum Thema Architektur und Geschlecht in der Leipziger Galerie für Zeitgenössische Kunst, zwei Aufführungen in Stuttgart: eine Goethe-Bearbeitung von Volker Lösch und eine Don-Quijote-Variation von Soeren Voima und die Ausstellung früher Lithografien und Radierungen von Max Beckmann, Zeitgenossen und Vorgängern im Frankfurter Städel.

SZ, 10.03.2006

Tobias Moorstedt stellt die Online-Communities MySpace, Friendster, Tribe und Orkut vor, in denen sich Millionen von amerikanischen Teenagern tummeln, einige Popstars wie Madonna und die Arctic Monkeys und manchmal auch ein brasilianischer Drogenring. "Nur zu gerne berichten die Nutzer in ihren Profilen über ihre Gruppenzugehörigkeit, Vorlieben und Wünsche. In den Nutzungsbedingungen des Services Orkut ist festgelegt, dass alle Texte und Einträge geistiges Eigentum der Firma sind. Proteste dagegen gab es kaum. Die Masse der Nutzer, so Salon.com-Autor Andrew Leonard, 'gehört zur ersten Internet-Generation, die sich daran gewöhnt hat, dass ihr Leben ein offenes Buch ist'."

Weiteres: Johan Schloemann spricht mit dem Historiker Gerhard A. Ritter über den zur Reform anstehenden Föderalismus: "In Brüssel spricht man vom 'German vote' - also von den Deutschen, die sich nie rechtzeitig entscheiden können, weil die Abstimmungsprozeduren von Bund und Ländern so kompliziert sind." Der griechische Komponist Mikis Theodorakis erklärt seine Theorie der "kosmischen Harmonie" mit Heraklit, Anaximander und recht irdischen Vergleichen: "Die Melodie, die sich auf den Lippen der Völker zu einem Lied verwandelt, ist wie ein schönes nacktes Mädchen am Strand unter der leuchtenden Sonne." Alexander Kissler berichtet von der anglikanischen Pfarrerin Julie Nicholson, die ihren Dienst quittiert hat, weil sie dem Selbstmordattentäter Mohammed Sidique Khan nicht vergeben will, der bei den Attentaten vom 7. Juli auch ihre Tochter tötete. Arnd Wesemann meldet, dass in den Schulen von Berlin und Nordrhein-Westfalen Tanzen jetzt in den Unterricht aufgenommen wird.

Besprochen werden eine Retrospektive zu Simeon Solomon in der Münchner Villa Stuck, Steve Martins Remake des "Rosaroten Panthers", Rebekka Kricheldorfs Stück "Landors Phantomtod" in Mannheim und Bücher, darunter Iwan Turgenjews Briefwechsel mit deutschen Verlegern "Werther Herr!" und Antonio Lobo Antunes' Roman "Guten Abend ihr Dinge hier unten" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

TAZ, 10.03.2006

Die Kunst der Beleidigung im Pop hat eine lange Geschichte, meint Klaus Walter und zählt ein paar hübsche Beispiel auf. Besprochen werden "Tausend kleine Tänze", eine CD der Oliver Twist Kooperation ("Der Soundtrack zum großen Aufbegehren, bei dem niemand mitmacht", jubelt Guido Kirsten), und CDs mit britischem HipHop.

Schließlich Tom.
Stichwörter: Hiphop, Pop, Klaus Walter, Twist

FAZ, 10.03.2006

Die Hamas arbeitet an einer kompletten Umerziehung der palästinensischen Gesellschaft, schreibt Joseph Croitoru. Dabei geht es nicht nur um Politik. "Im Westen, auch hierzulande, wird häufig übersehen, dass die islamischen Fundamentalisten in den vergangenen Jahrzehnten eine eigenständige Kultur geschaffen haben, um die islamische Tradition, wie sie sie verstehen, zu bewahren und zu pflegen." Besonders deutlich tritt "die Vermengung von Nation und Islam in den Kampfliedern der Hamas zutage, am eklatantesten in jenen, die die Selbstmordattentäter verherrlichen und mittlerweile als komprimierte Audiodateien über das Internet weltweit Verbreitung finden".

Weitere Artikel: "Es gibt einen Flamenco für Faule und einen Flamenco für Liebhaber." Beim Flamencofestival im andalusischen Jerez de la Frontera fand Paul Ingendaay eher letzteres. Söhne suchen ihre Väter - viel finden sie dabei aber nicht, stellt Tilman Spreckelsen fest, der für die Familienserie zahlreiche neue Bücher und Filme zum Thema durchforstete. Das Konzert von Linkspartei-Mitglied Konstantin Wecker in einem Halberstädter Gymnasium wurde auf Verlangen der NPD abgesagt, berichtet Lorenz Jäger. Dieter Bartetzko stellt einige Einzelbauten vor, die dem verwüsteten Düsseldorf "wenigstens ein wenig Gesicht geben". Abgedruckt ist ein Auszug aus Volker Weidermanns Buch "Lichtjahre. Eine kurze Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis heute". Peter Steins ungekürzter "Wallenstein" wird nicht auf einem Schiff gespielt, nicht in einem Riesenzelt in Böhmen, nicht am Wiener Burgtheater und auch nicht in Frankfurt, sondern in einer Berliner Halle, meldet Gerhard Stadelmaier. Eine kurze Meldung informiert uns außerdem, dass es den Rolling Stone jetzt auf chinesisch gibt. In der ersten Ausgabe findet sich ein Interview mit Blixa Bargeld, der erklärt, "Berlin atme seit dem Mauerfall die gleiche Einsamkeit und Langeweile wie San Francisco; das heutige Peking dagegen sei wie das frühere Berlin: 'Das wird das kulturelle Zentrum der Welt.'"

Private Spender gesucht! Die überprüfte Abschrift von Beethovens "Missa solemnis" wird verkauft, meldet WWS. Das Beethoven-Haus würde sie gern kaufen, kann aber nur einen Teil der Summe aufbringen (mehr hier).

Auf der Medienseite berichtet Jürg Altwegg über chaotische Versuche des französischen Kultur- und Kommunikationsministers Renaud Donnedieu de Vabres, Autorenrechte im Internet zu regeln. Melanie Mühl singt eine Hymne auf die Moderatorin des 3sat-Magazins "Kulturzeit", Tina Mendelsohn. Joachim Müller-Jung legt ein gutes Wort für die Katze ein, die seit der Vogelgrippe als gefährlich gilt. Christian Schwägerl stellt das Siemens-Mobiltelefon "Katharina das Große" vor, das es dem Nutzer ermöglichen soll, "trotz nachlassender Sehkraft und Feinmotorik mobil zu telefonieren". Die Historikerin Annie Duprat erklärt im Interview, dass Marie-Antoinette (über die Sofia Coppola einen Film drehen will) nicht halb so schlimm war, wie immer behauptet wird.

Besprochen werden "Notre histoire..." im Pariser Palais de Tokyo, eine Ausstellung mit Werken junger französischer Künstler, Leos Janaceks "Schicksal" am Staatstheater Kassel und Bücher, darunter Erik Tawaststjernas jetzt ins Deutsche übersetzte Sibelius-Biografie (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).