Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.09.2005. Auch in den Feuilletons geht der Wahlkampf in den Endspurt: Nicht Bildung sollte man abbauen, sondern Vorschriften, umreißt die SZ ihre Utopie einer traditionsgespeisten Erneuerung. Die taz erzählt, wie Joschka Fischer in Potsdam hunderte Passanten in Kundgebungshaft nahm. Die FR möchte die Wahlstimmen nach Condorcet-Methode auszählen lassen. In der Welt betrachtet Gerd Koenen eine unheilvolle deutsche Tradition: die schwärmerischen Sympathie für Russland. Die NZZ bewundert mutige Frauen, die auch dort lieben, wo nichts zu holen ist.

Welt, 17.09.2005

In einem interessanten Text erinnert der Historiker Gerd Koenen an die "vorpolitische schwärmerische Sympathie", mit der deutsche Intellektuelle in den dreißiger Jahren nach Russland blickten - und sich damit auch vom Westen abwandten. "Als einen negativen Indikator könnte man die Tatsache nehmen, dass sich das 'russische Berlin' der Emigranten mit seiner enormen Dichte an künstlerischen und intellektuellen Lebenskulturen bereits Mitte der zwanziger Jahre fast fluchtartig leerte. Das dürfte nicht nur soziale, sondern auch atmosphärische Gründe gehabt haben. 'Weiße' Emigranten, gleich ob Sozialisten, Liberale oder Monarchisten, jüdische Intellektuelle oder russische Adelige, wurden im Weimarer Deutschland noch schneller und radikaler als 'gewesene Menschen' behandelt, als das in Frankreich oder in Amerika der Fall war."

Weiteres: Richard Herzinger kennt die zehn goldenen Regeln des Wahlkampfs, darunter: "Lassen Sie sich nicht dabei erwischen, Verständnis für George W. Bush zu haben... Sprechen Sie sich vehement für 'Reformen', 'Modernisierung' und 'Erneuerung' aus, achten Sie aber penibel darauf, nicht den Eindruck zu erwecken, es werde sich dadurch für den einzelnen - oder gar für ganze gesellschaftliche Gruppen - irgend etwas ändern." In seiner Klartext-Kolumne attestiert Tilman Krause Schröder "Adel im Untergang".

Im Feuilleton beklagt Hans Zippert die unglaublich Tristesse des Wahlvorgangs: "Es handelt sich um eine Mischung aus Abgabe der Steuererklärung und Besuch einer ehemaligen Nachbarin im Altenheim."

SZ, 17.09.2005

Zum Abschluss der Serie "Der große Graben" entwirft Gustav Seibt eine Utopie der traditionsgespeisten Erneuerung: "Wissensballast wird abgeworfen, Forschung ersetzt Persönlichkeitsbildung, das Labor die Bibliothek, die Recherche die Anstrengung des Begriffs. Der soziale Konservatismus mit seiner materiellen Gefräßigkeit begünstigt so den Abbau geistiger Tradition. Das ist gefährlich, weil die Innovation, das revolutionäre Prinzip der entfesselten Technik, so unberechenbar ist. Wir können heute noch gar nicht wissen, welches Wissen wir morgen brauchen. 'Innovation', das wäre, recht verstanden, das schöpferische Leben der Gesellschaft selbst. Es braucht Tradition, diesen riesigen Speicher von Erfahrung und Phantasie. Was es nicht braucht, ist das deutsche Erzübel: Bürokratie, die schriftgewordene Angst. Nicht Bildung sollte man abbauen, sondern Vorschriften."

Weitere Artikel: Den Nachruf auf F.K. Waechter schreibt Kristina Maidt-Zinke. Alexander Kissler berichtet von einer Tagung in Marburg, die der Frage nachging, was vom vor hundert Jahren gegründeten "Gesamtarchiv der deutschen Juden" geblieben ist. Ein letztes Mal ist der österreichische Kabarettist Alfred Dorfer in Wahlkampfdeutschland - diesmal: München - unterwegs. Till Briegleb informiert über den Streit um das von Peter Tamm gestiftete "Deutsche Schifffahrtsmuseum" in Hamburg. Lothar Müller gratuliert der Germanistin Katharina Mommsen zum Achtzigsten. Auf einer Sonderseite zu aktuellen Kunstaktionen findet sich unter anderem ein Bericht zur diesjährigen "Artforum"-Messe in Berlin.

Besprochen werden die neue Platte von Franz Ferdinand (besser als die erste), das "Museum Ritter" mit Kunst und Schokolade, gebaut von Max Dudler, Barbara Freys "hübsch fade" Baseler Inszenierung von Ibsens "John Gabriel Borkman", Nigel Lowerys "verjuxte" Aufführung von Kurt Weills "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny", auch in Basel, die Ausstellung "tod" im Palast der Republik,

Rezensionen finden sich zu György Konrads autobiografischem Roman "Sonnenfinsternis auf dem Berg", die Autobiografie des Komponisten Josef Tal, dem bei der Gelegenheit auch zum 95. Geburstag gratuliert wird. (Mehr in der Bücherschau ab 14 Uhr.)

Im Aufmacher der SZ am Wochenende erzählt Evelyn Roll von einem Mann, der es nicht schafft, aus der SPD auszutreten: "Nachts wurde er wach und konnte nicht wieder einschlafen. Er erinnerte sich an die vielen Situationen, in denen er aus der SPD austreten wollte. Wie Schäfchenzählen ging das: Als sie per Urwahl den Kandidaten bestimmen wollten. Als Oskar Lafontaine im Handstreich die Macht übernahm. Als derselbe Lafontaine erst ein Staatsamt übernahm und sich dann wieder davonschlich im Namen seiner Privatideologie. Als die anderen zur 140-Jahr-Feier Oskar Lafontaine aus der Geschichte retuschierten wie stalinistische Geschichtsklitterer."

Vorabgedruckt werden ein Auszug in einzelnen Sätzen aus Benjamin von Stuckrad-Barres (mehr) neuem Buch "Was. Wir. Wissen" und eine Erzählung von Dave Eggers (mehr) mit dem Titel "Nur er und ich und der Sand und das Pferd". Christine Brinck unterhält sich mit dem Ökonomen und Tony-Blair-Berater Richard Layard über das Glück - und wie man es erreicht: "Aus der Psychologie wissen wir, dass Menschen, die sich für andere interessieren und sich um sie sorgen, meistens ein glückliches Leben führen."

NZZ, 17.09.2005

Schlichtweg begeistert ist Barbara Villiger Heilig von Ibsens "John Gabriel Borkman", das Barbara Frey am Zürcher Schauspielhaus als "tragikomische Geschlechterdebatte" inszeniert: "Ein Riesenvergnügen mit Tiefenwirkung. Dass sich Nora und Hedda Gabler, ihre Männer links liegen lassend, immer schon gern feministisch gebärdeten, ist bekannt. Gunhild Borkman und Ella Rentheim nun als Frauen zu sehen, die altmodischerweise dort zu sehr lieben, wo nichts zu haben ist, mutet ungleich moderner an - und mutiger.

Weiteres: Vom Taumel des Überflusses wurde Sieglinde Geisel beim Literaturfestival Berlin erfasst, fand aber auch einige wichtige Fragen beantwortet: "Was ist das Geheimnis von Kalifornien? Was für Gedichte schreibt ein Araber aus Libanon über seine zweite Heimat Berlin? Welcher Humor prägt die bulgarische Literatur nach 1989?" Peter W. Jansen schreibt zum hundertsten Geburtstag der Garbo. Peter Hagmann resümiert das Lucerne Festival.

In der Beilage Literatur und Kunst freut sich der Sozialwissenschaftler Mark Lilla, dass in der amerikanischen Geschichtsschreibung nun das religiöse Moment stärker betont wird. Aldo Keel erzählt von der Sportbegeisterung der Norweger. Walter Raunig erinnert an Balthasar Springer, dem wir die ältesten deutschen Aufzeichnungen einer Indienreise verdanken. Vor fünfhundert Jahren war er als Passagier mit dem portugiesischen Seefahrer Francisco d'Almeida dorthin gereist.

Besprochen werden Philip Roth' neuer Roman "Verschwörung gegen Amerika", die Romane von Hans Christian Andersen und Prosaarbeiten von August Strindberg (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).
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TAZ, 17.09.2005

Jürgen Busche hat viele Wahlkampfveranstaltungen besucht und kann nur resümieren: das Wahlvolk verlor sich auf Plätzen, auf denen es, so sein Eindruck, nichts verloren hatte: "Die Wirklichkeit großer Wahlkundgebungen veranschaulicht folgendes Bild, nur ein Beispiel von vielen: In Potsdam wird Joschka Fischer erwartet. Dafür ist ein großes Terrain weiträumig abgesperrt. Auf dieses Terrain zu führt eine lange Fußgängerzone. Es ist ein Spätnachmittag. Passanten , die hier in Richtung Rednertribüne unterwegs sind, laufen unvermeidlich in die Kundgebung und verursachen dort ein Gedränge, wo etwa 200 bis 300 Kundgebungsbesucher dem Redner zujubeln. Die Öffnung zur Straße dahinter ist schmal. Wer da durch will, ist für einige Zeit in Kundgebungshaft genommen. Einige der Passanten bleiben auch freiwillig kurz stehen und hören zu. So entsteht der Eindruck, da wären tausende gekommen."

Weitere Artikel zum Thema Wahl, vor allem auf den "Themen des Tages"-Seiten: Eine Liste der 45 Gründe, "warum es mit Rot-Grün schön war", ein sehr lesenswertes Interview mit "Welt am Sonntag"-Chef Christoph Keese und dem Unternehmer Friedrich "I don't know these fucking Rahmenbedingungen" Küppersbusch.

Zur Kultur im strengen Sinne gibt es Besprechungen einer Theaterinszenierung der "Legende vom Manifest der Kommunistischen Partei" und der Meta-Ausstellung zu 50 Jahren documenta in Kassel.

In der zweiten taz bekennen diverse taz-Mitarbeiter - überraschungsfrei - politisch Farbe. Auch in Henning Kobers Deutschland-Kolumne geht es heute um die Wahlen. Clemens Niedenthal berichtet dagegen von der IAA in Frankfurt.

Im taz mag gibt Tom Schimmeck "Arschlochalarm": "Die Friedrichstraße ist die Schleimscheißermeile von Mitte, die Magistrale der 'Messagemacher', dieser Kamarilla der Lobbyisten, Werber, Marketingprofis, Public-Relations-Strategen, Kommunikationschefs und Eventmanager. Am oberen Ende, auf der Chausseestraße, wo einst Wolf Biermann die Weltrevolution herbeizuklampfen suchte, wuseln sie in der alten Lokfabrik. Die Zeiten ändern sich schnell. Biermann wurde 'Chef-Kulturkorrespondent' der Welt. Und in der Chausseestraße baut bald der BND. Ach, Berlin, wer hat dein Herz erobert?"

Weitere Artikel: Claudia Lenssen huldigt zu ihrem hundertsten Geburtstag einer "eine klaren, strengen Schönheit wie aus Marmor, Licht und Lack": der Garbo. Kai Biermann hat Döberitz besucht, ein Biotop zwischen Militärschrott.

Rezensionen gibt es unter anderem zu Uwe Timms neuem Buch "Der Freund und der Fremde" (Leseprobe), Nadeem Aslams Familienroman "Atlas für verschollen Liebende" und Ahmet Ühmits "herausragendem" Kriminalroman "Nacht und Nebel" und zu politischen Büchern, einer Studie über "Vertrauensleute des FDGB im DDR-Betrieb" und einem Band über den "Supergau Deutsche Einheit" (mehr in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Und Tom.

FR, 17.09.2005

Ralf Grötker schlägt vor, einfach ein bisschen anders zu wählen beziehungsweise die Stimmen anders zu zählen (nämlich nach der sogenannten "Condorcet"-Methode) - schon siegt am Sonntag Gerhard Schröder: "Viel muss nicht passieren, und ein kleiner Defekt im Wahlsystem wird es möglich machen, dass die CDU zwar von mehr Wählern als jede andere Partei auf Platz eins gesetzt wird, trotzdem aber die meisten Wähler Schröder gegenüber Merkel bevorzugen. Dieses Ergebnis stellt sich ein, wenn man die Präferenzen der Wähler für die Plätze zwei, drei und die folgenden Plätze mit einberechnet und auszählt, wie oft Wähler bei einem solchen Ranking einer Partei gegenüber einer anderen den Vorzug geben. Bei der Auszählung der Stimmen werden, auf der Grundlage der von den Wählern erstellen Ranglisten, dann sozusagen Zweikämpfe zwischen allen Möglichen Kombinationen von Kandidaten ausgetragen. Es gewinnt der Kandidat, der die Summe der Zweikämpfe für sich entscheidet und somit von der Mehrheit der Wähler unterstützt wird."

Weitere Artikel: Hans-Jürgen Linke nimmt Abschied von F.K. Waechter, dessen Werk "das Leben für viele ein bisschen besser und reichhaltiger oder überhaupt erst erträglich gemacht" hat. Daniel Kothenschulte erinnert zum hundertsten Geburtstag an die Göttliche, Greta Garbo. Im Interview spricht Anouk Niklisch über ihre Puccini-Trilogie in Mainz. Elke Buhr berichtet von der Berliner Popkomm. Ina Hartwig denkt nach, über die Literaten und die Politik. In der "Bonanza"-Kolumne findet es Karin Ceballos Betancur schade, dass sie sich bei der Wahl nicht der Stimme enthalten kann. Gemeldet wird, wer es auf die "Shortlist" zum Deutschen Buchpreis geschafft hat. Auf der Medienseite berichtet Eva Schweitzer, dass die Mehrheit der US-Zeitungen bei der Wahl Angela Merkel favorisiert.

Besprochen werden ein Konzert der Stipendiaten der Ensemble-Modern-Akademie und eine Inszenierung der Männer-WG-Komödie "Butterbrot" in Frankfurt.

FAZ, 17.09.2005

Auf der ganzen ersten Seite unternimmt die Redaktion den Versuch einer "qualitativen Lesersoziologe", indem sie darüber spekuliert, welcher Leser welchen Bestsellers wohl welche Partei wählen könnte (also: "Sakrileg" - CDU, "Der Schwarm" - SPD). Fragen könnte man auch, welche Hybrid-Partei die Leser der FAZ-Comic-Klassiker wählen, als dessen dritter Band nun "Prinz Eisenherz" erscheint, wie uns Andreas Platthaus auf einer Doppelseite klarmacht. In der Randglosse verzeichnet L.J. eine "Proletarisierung der Informationselite". Andreas Platthaus nimmt Abschied von F.K. Waechter, dem "größtem Satiriker von allen" (mehr hier). In der Nacht zu Freitag ist er in Frankfurt am Main gestorben. Jürgen Dollase gibt in seiner "Geschmackssachen"-Kolumne einige Hinweise darauf, was die Politik von der Gourmandise lernen könnte. Patrick Bahners berichtet von einer Wahlveranstaltung am Kasseler Goethe-Gymnasium. Stefan Weidner gratuliert der Germanistin Katharina Mommsen zum Achtzigsten.

Auf den Seiten der ehemaligen Tiefdruckbeilage widerlegen die beiden Evolutionsbiologen Axel Meyer und Hubert Markl die Lehre der Kreationisten vom intelligent design. Hans Maier schreibt über den Augsburger Religionsfrieden. Die Medienseite erklärt die Funktionsweise der Wahlstudios, sichtet die französische Presse, die sich sehr rege für den deutschen Wahlkampf zu interessieren scheint, und erinnert noch einmal an die laut Michael Hanfeld zu Unrecht gefloppte Serie "Das Kanzleramt".

Besprochen werden Barbara Freys Ibsen-Inszenierung "John Gabriel Borkman (über deren "Würde und Witz" selbst Gerhard Stadelmaier nur staunen kann), Hans Werner Henzes "The Bassarids" am Kölner Opernhaus und auf der PlattenseiteAufnahmen von Händels Oper "Rodelinda", Funny van Dannens Balladen "Nebelmaschine" und Paul McCartneys neues Album "Chaos and Creation" ("schönster sinnfreier Luxus", meint Andreas Obst).

Und Bücher, darunter Jonathan Safran Foers "Extrem laut und unglaublich nah" (das Hubert Spiegel für einen Geniestreich etwas zu herzlos findet), Arno Geigers (für den Buchpreis nominierter) Roman "Es geht uns gut", Anne Webers "Gold im Mund" und Kinderbücher (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

In der Frankfurter Anthologie stellt Ruth Klüger Robert Gernhardts Gedicht "Couplet von der Erblast" vor:
"Spätantike Männerkreise
Haben Jesu Wort verbogen
Haben seine frohe Botschaft
Korrumpiert und umgelogen...."