Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.06.2005. In der SZ hält Navid Kermani der iranischen Jugend ihre Null-Bock-Haltung vor. Die FR schweift durch das literarische Leben der Ukraine. Die taz untersucht neuere Entwicklungen des herrschaftlichen Erbrechts. Die Welt will Büchersammler in Informationstechnologen verwandeln. Für die FAZ war Hans Christoph Buch bei einem Treffen von Intellektuellen in Sarajewo. In Steven Spielbergs "Krieg der Welten" hat die FAZ erlebt, wie Tom Cruise von einer Achtjährigen an die Wand gespielt wurde.

SZ, 29.06.2005

Der deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani (mehr) kommentiert den Wahlsieg der radikalen Islamisten. Er befürchtet auf der einen Seite, dass sich künftig "noch mehr Iraner in die Resignation zurückziehen oder gleich für das Exil entscheiden". Andere hingegen, so hofft er, würden "jetzt merken, dass sich eine bloße Null-Bock-Haltung, wie sie sich angesichts des Scheiterns der Reformer gerade in der Jugend ausgebreitet hatte, ihre Nöte noch viel größer macht. Sie werden zurückfinden zum politischen Engagement, und sei es, um die wenigen Freiheiten zu verteidigen, die sie in den letzten Jahren gewonnen haben."

Weiteres: Thomas Steinfeld berichtet von einer Tagung der Axson Johnson Stiftelse im mittelschwedischen Avesta, auf der es um die Suche nach dem "guten Imperium" ging. In einer Randspalte informiert "wms" über Bernard-Henri Levy (mehr), der in seiner wöchentlichen Kolumne in Le Point noch immer gegen das französische Nein zur EU-Verfassung "schäumt" und seinen Landsleuten zuletzt quasi einen Angriff auf Immanuel Kant vorgeworfen hat (mehr darüber hier, und hier der Originalbeitrag). Reinhard J. Brembeck berichtet von den Münchner Opernfestspielen über Claudia Mahnkes Inszenierung der Oper "Simplicius Simplicissimus" von Karl Amadeus Hartmann und den "schockierten" Eröffnungsvortrag von Jan Philip Reemtsma über Verdis "La Forza del destino". Tobias Kniebe machte auf dem Filmfest München einen Dokumentarfilm-Boom aus und diagnostiziert einen "Realitätsschock". Klaus Lüber resümiert eine interdisziplinäre Berliner Tagung über den Container als globales Objekt. In einem Interview spricht Brasiliens bekanntester Musiker Caetano Veloso (mehr) über Fußball, Musik und "die übrigen Götter" seines Landes.

Besprochen werden Steven Spielbergs H.G.Wells-Verfilmung "Krieg der Welten" ("Es gibt Momente und Sequenzen in diesem Film, die sind von eindringlicher Schönheit, sind ein Crashkurs ursprünglicher - manchmal zarter, manchmal grausamer - Kinoerfahrung, den man nicht zerreden sollte", meint Fritz Göttler), die Ausstellung "Momentane Monumente" über die Ausstellungsräume der Architekten Kühn Malvezzi in der Berlinischen Galerie und der Galerie Aedes und Bücher, darunter ein Band mit philosophischen Texten über den "Geist der Tiere", Adolf Muschgs Roman "Eikan, du bist spät" und ein Gesprächsporträt des Cellisten Siegfried Palm (siehe hierzu unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FR, 29.06.2005

Christoph Schröder porträtiert das rege literarische Leben in der Ukraine, das gegen allerlei Klischees zu kämpfen hat ("der böse Osten"). "Die Literaten, denen wir begegnen, treten mit Selbstbewusstsein auf. Oksana Sabuschko gibt die verruchte Diva, hat ein Buch geschrieben, dessen Titel übersetzt Feldforschungen des ukrainischen Sex lautet, hat damit Furore gemacht und eine junge Generation von Autorinnen inspiriert, die man bereits 'Sabuschkos Töchter' nennt. Die sind zwischen 15 (!) und 25 Jahre alt und schreiben über Sex und Drogen, ihre Bücher haben grelle Cover. Ihre Verlegerin Natalia Fomina vom Folio Verlag treffen wir in den Räumen des Goethe-Instituts. Auch Petro Matskevych, der Verleger von Ljubko Deresch, ist aus Lemberg angereist. Bei allen Differenzen (Folio produziert etwa 400 Titel pro Jahr; Matskevychs Verlag Calvaria kämpft stetig um seine Existenz) müssen beide mit ähnlichen Schwierigkeiten umgehen: Ein Buchmarkt existiert quasi nicht, Geld für Bücher haben nur wenige. Bei rund 45 Millionen Einwohnern arbeiten in der Ukraine rund 60 Verlage (6 000 in Deutschland) und 300 Buchläden (30 000 in Deutschland)."

Weiteres: Rüdiger Suchsland hat mit "Krieg der Welten" wieder mal einen typischen Steven-Spielberg-Film gesehen, "eine Mischung aus Horror- und Katastrophenfilm, angereichert mit den üblichen Spielberg-Zutaten". Und in Times mager schließt Daniel Kothenschulte anlässlich der Pressevorführung von Spielbergs Film fiktionale Ebene und paranoide Realität kurz. Silke Hohmann berichtet über das US-Urteil gegen Internet-Tauschbörsen, das selbst das Anbieten von Filesharing-Programmen für den "autorisierten Austausch" unter Strafe stellt. Gemeldet wird der Tod der Pianistin und John-Cage-Muse Grete Sultan, die im Alter von 99 Jahren in New York gestorben ist.

Besprochen werden ansonsten Bücher, darunter Jorge Sempruns Roman "Zwanzig Jahre und ein Tag", eine "Meditation" des Schriftstellers Philippe Jacottet über Giorgio Morandi und Politische Bücher, zum Beispiel Jan Philipp Reemtsmas Studie über "Folter im Rechtsstaat" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Welt, 29.06.2005

Uwe Wittstock porträtiert die Deutsche Bibliothek in Frankfurt, die, wenn es nach dem Willen der Bundesregierung geht, demnächst Deutsche Nationalbibliothek heißen wird. Nach dem Zusammenschluss mit der Deutschen Bücherei in Leipzig wird hier das gesamte Wissen der Bundesrepublik erfasst und gesammelt. Für die Bibliotheksmitarbeiter bedeutet dies einen gewaltigen "Mentalitätswechsel", erklärt Wittstock, "die sich eben nicht mehr, wie früher, vor allem als Büchersammler betrachten können, sondern lernen müssen, sich als Informations-Technologen zu verstehen".

Weitere Artikel: Carl Graf Hohenthal gruselt sich bei dem Gedanken, dass Pink Floyd am Samstag beim Londoner Live8-Konzert erstmals wieder gemeinsam auftreten könnte. Der neue Steven Spielberg-Film "Krieg der Welten", der morgen startet, stößt beim Rezensenten auf positive Resonanz, und auch die Kündigung des Tarifvertrags für Orchestermitglieder durch den deutschen Bühnenverein findet vorsichtig Anklang, da, so wird vermutet, auf diese Weise Privilegien abgebaut und Musiker noch fleißiger werden könnten.
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TAZ, 29.06.2005

In tazzwei erklärt Michael Rutschky unter der Überschrift "Die Rechte hats im Griff" in Form einer "Lagertheorie", warum das so ist: "Während die Linke aus Tradition ihre Leidenschaft in der Opposition auslebt, inszeniert sich die Rechte als selbstverständliche Regierungsmacht." Rutschky denkt sich das so: "Indem die Rechte wie selbstverständlich die Regierungsmacht beansprucht, weil sie ihr ja seit je zustehe, referiert sie auf Zeiten, da diese Macht gar nicht demokratisch gestiftet, sondern ge- und vererbt, gern auch mit Gewalt erobert wurde. Die Rechte ist der Herr im Haus, der aus dieser Position weder durch Söhne und Töchter noch durch Knechte und Mägde vertrieben werden kann - oder anders: Wenn ein Sohn oder eine Magd ihn vertreibt, ist halt dieser Sohn oder diese Magd der Herr im Haus."

Weiteres: Bert Rebhandl erlebte Steven Spielbergs Film "Krieg der Welten" als "düsteres Märchen". Auf der Meinungsseite philosophiert Renee Zucker über die "Weisheit der alten Frau", genauer: die Menopause. Im Kulturteil berichtet Annett Busch für Bewegungs- und Sportmuffel aller Art über die "Borderline Academy", zu der sich im Surferparadies Tarifa an der spanischen Südspitze vergangene Woche 150 Künstler, Theoretiker und Performer zu einer "Mischung aus Grenzcamp und Festival, Begriffsbildungssitzung und Strandurlaub" trafen. Gerd Bauder würdigt das letzte, postum erschienene Album des Jazzbassisten Jimmy Woods.

Auf der Medienseite informiert Steffen Grimberg über einen Prozess in den USA, in dem heute entschieden wird, "wo und wie lange zwei JournalistInnen in den Knast müssen, weil sie auf Zeugnisverweigerungsrecht beharren".

Und hier Tom.

Berliner Zeitung, 29.06.2005

Einen "Museumspoker" vermutet Sebastian Preuss hinter dem "ausgerechnet jetzt" in der überregionalen Presse lancierten Museumsprojekt des Duisberger Investors Hans Grothe, der bereits das neue Kudamm-Eck und gleich nebenan ein siebzehnstöckiges Hochaus erbaute. Als dritte Immobilie erwarb Grothe eine ehemalige Schule an der Joachimsthaler Straße, in der er seine Anselm Kiefer-Sammlung und eine private Kunstakademie unterbringen will. "Doch hat Grothe - unbenommen - auch hier ein wirtschaftliches Ziel: einen 42 Meter hohen Neubau im Hinterhof, der das denkmalgeschützte Backsteingebäude schwer bedrängen würde. Kommerz ermöglicht Kunst, und Kunst nobilitiert den Kommerz", kommentiert Preuss. Doch die zuständige Charlottenburger Bezirksversammlung hat Grothes Bebauungsplänen nicht zugestimmt und begrenzte den Neubau auf eine Höhe von 26 Metern. Grothe will aber 30 Meter, weiß Preuss und fragt: "Will er mit dem Museum als Köder die Zustimmung zu seinen Bauplänen ertrotzen? Um die harte Haltung des Bezirks noch aufzuweichen, bedürfte es wohl einer Intervention von oben. Schwer zu glauben, dass Grothe noch nicht seinen guten Kontakt zum Regierenden Bürgermeister - oder seinen noch besseren Draht zum Kanzler - bemüht hätte."
Stichwörter: Bauplan, Anselm Kiefer

NZZ, 29.06.2005

Alexandra Stäheli sieht in Steven Spielbergs Blockbuster "Krieg der Welten" vor allem einen Angriff auf die Sinne, der freilich auf Sinn verzichtet: Warum das geschehe, was im Film geschieht, würde der Zuschauer zwar nicht erfahren, "wie es allerdings vor unseren Augen geschieht, das fragen wir nicht mehr, das fühlen all unsere Sinne nur noch begrifflos in diesem Frontalangriff auf die Rezeptoren: In schier dreidimensionaler Unmittelbarkeit reißt da nach einem vermeintlichen Blitzeinschlag vor unseren Füßen der Asphalt auf, birst die Straße in Sekundenschnelle zu einem splitternden Kegel auf, aus dem dann die Aliens in ihren stählernen Stelzenmobilen hervorschießen. Dröhnend suchen sie sich ihre Opfer in den Reihen der Zuschauer, deren Körper von einem sorgfältig getunten Sounddesign vibrierend am Kinosessel angeschweißt scheinen." So bescheinigt sie dem Werk einen "fast banalen Positivismus: Was ist, das ist - und zwar hypergenau."

Weitere Artikel widmen sich den ersten Architekturgesprächen (mehr hier) in Luzern und der Stiftung Weimarer Klassik, die sich in einem "lamentablen Zustand" befindet, wie Joachim Güntner schreibt. Unter den rezensierten Büchern befinden sich Adolf Endlers Romanwerk "Nebbich" und Michel Winocks Studie über "La France et les Juifs" (siehe unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 29.06.2005

In Sarajewo nahmen Intellektuelle - vor allem französische - das Abkommen von Dayton kritisch unter die Lupe, berichtet der Schriftsteller Hans Christoph Buch. Doch dem eigentlichen Problem standen sie machtlos gegenüber: In der "gescheiterten Polizeireform, die das Nein zur EU-Kandidatur Bosnien-Hercegovinas veranlasste" manifestiere sich nun der Sieg der von Milosevic initiierten ethnischen Säuberung der jugoslawischen Teilrepubliken: "Die bosnischen Serben weigern sich, der Schaffung einer einheitlichen Polizeitruppe zuzustimmen, die Straftäter ungeachtet ihrer ethnischen Zugehörigkeit über Stadt- und Kantonsgrenzen hinweg verfolgen darf. Das ist keine akademische Frage, denn ähnlich wie in den anderen Teilen des ehemaligen Jugoslawien ist das organisierte Verbrechen der größte Kriegsgewinnler, der vom Kollaps der staatlichen Ordnung profitiert und das politische Vakuum für seine Zwecke nutzt, wobei die grenzüberschreitend operierende Mafia häufig mit der Polizei unter einer Decke steckt."

Weitere Artikel: Christian Geyer mokiert sich über Oskar Lafontaines taz-Interview. Jürgen Kaube mokiert sich über die Europa-Abgeordnete Silvana Koch-Mehrin (FDP). Martin Otto berichtet einigermaßen süffisant über ein Urteil des Verwaltungsgerichts Berlin, wonach der Lehrer Karl-Heinz Schmick zu einer Gehaltskürzung verurteilt wurde, weil er im Geschichtsunterricht "verschiedene Diktatoren des zwanzigsten Jahrhunderts verglichen" und so den Eindruck hinterlassen habe, "die Verbrechen des Nationalsozialismus zu relativieren". Katja Gelinsky berichtet über zwei Gerichtsurteile in den USA zum Verhältnis von Staat und Religion. Eberhard Rathgeb hat die Vorlesung "Schöpfung, Schöpfer und Geschöpf (creatio, creator, creatura)" des Theologen Johann Anselm Steiger in Hamburg gehört. Gustav Falke berichtet, wie die Universität Jena den Philosophen Dieter Henrich ehrte. Eine kurze Meldung aus Russland unterrichtet uns davon, dass Michail Schwydkoi von der Agentur für Kultur und Film seinen Minister Alexander Sokolow wegen Verleumdung verklagen will, weil der ihm Korruption unterstellt hat.

Auf der Medienseite berichtet Jürg Altwegg über einen Skandal im Schweizer Fernsehen: Eine todkranke Frau ließ sich im Einverständnis mit dem Arzt live bei ihrem Kampf um ein neues Herz filmen und starb bei der Operation. Paul Ingendaay erzählt, wie die sozialistische Regierung Spaniens das Staatsfernsehen reformieren will. Michael Hanfeld meldet mit Genugtuung, dass der Fernsehfilm "In Sachen Kaminski" den höchstdotierten deutschen Produzentenpreis bekommen hat, obwohl der SWR so wenig an den Film glaubte, dass er ihn auf der 23-Uhr-Schiene versteckt hat: Es geht um den Kampf, den ein "minderbegabtes Elternpaar" um seine Tochter führt.

Auf der letzten Seite beschreibt Tilman Spreckelsen die Sanierung von Wielands Gut Oßmannstedt. Christian Schwägerl bezeichnet ausgerechnet die in der FAZ viel gescholtenen Niederlande als Vorbild für die Sterbehilfe, und zwar vor allem auf zwei Gebieten: der Palliativmedizin, bei der die Schmerztherapie im Vordergrund steht, und der Hospizarbeit. Und Andreas Rossmann porträtiert den Chef der nordrhein-westfälischen Staatskanzlei, und in dieser Funktion auch Kulturminister, Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff.

Besprochen werden eine Ausstellung von Jeff Wall im Basler Schaulager, ein Konzert von Chuck Berry in der Alten Oper Frankfurt und im Aufmacher Steven Spielbergs Film "Krieg der Welten", vor dem sich Verena Lueken gern mehr gefürchtet hätte, aber immerhin: zu Dakota Fanning, der jugendlichen Hauptdarstellerin, "stellen wir bewundernd fest, dass sie trotz einiger maßlos altkluger Sätze, die das Drehbuch ihr aufgibt, Tom Cruise mitunter ohne Anstrengung an die Wand spielt".