Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.06.2005. In der FR erklärt Woody Allen, warum er keinen Film über den 11. September machen könnte. Die FAZ vermisst in Peter Handkes neuer Verteidigung Slobodan Milosevic' Genauigkeit und Seele. Die Welt rekapituliert das Zerwürfnis zwischen Marcel Reich-Ranicki und Joachim Fest. In der SZ beschreibt Richard Swartz die Länder des Balkans als Geiseln ihrer militärischen Apparate. Und außerdem konstatiert sie, dass Autoren nicht mehr mit Rotgrün in Verbindung gebracht werden wollen: "unangenehme Erinnerungen wie an einen One-Night-Stand unter Alkoholeinfluss"...

FR, 22.06.2005

In einem Interview gibt Woody Allen aus Anlass des Kinostarts seines neuen Film "Melinda und Melinda" Auskunft über Hollywood und europäisches Kino, den Mythos vom jüdischen Humor und die "Freiheit des Künstlers, nicht auf das Weltgeschehen zu reagieren". "Wenn so etwas passiert wie der 11. September gabelt sich meine Reaktion - in die eines Bürgers und die eines Künstlers. Als Bürger spende ich Blut im Krankenhaus und versuche die Politiker zu unterstützen, die ich für die Geeignetsten halte. Als Künstler fühle ich mich in keiner Weise gedrängt, dies zum Material meiner Arbeit zu machen. Ich weiß, es gibt eine Menge Künstler, die das lieben. Selbst wenn es überhaupt keine politische Krise gibt, suchen sie sich eine von vor hundert Jahren aus und schreiben darüber. Ich habe mich nie für Politik in der Kunst interessiert, nicht im Kino und nicht im Theater. Es sind menschliche Beziehungen, die mich interessieren."

Weitere Artikel: In einem Essay mit der Überschrift "Wir sind links" fragt sich Harry Nutt, ob die "schönen Zeiten des Dagegenseins" nun endgültig vorbei sind. Der Versuch einer Neubesinnung strapaziere in letzter Zeit wieder häufiger den von Richard Rorty geprägten Begriff der "kulturellen Linken". In Times mager porträtiert Martina Meister die algerische Autorin Assia Djebar, die vergangene Woche in die Academie Francaise gewählt wurde.

Besprochen werden Bücher, nämlich der Roman "Zwölf Ringe" von Juri Andruchowytsch, eine Studie über "Die ungleichen Brüder" Thomas und Heinrich Mann von Helmut Koopmann und das nachgelassene Libretto "der herr norrrdwind" von H.C. Artmann. In der Abteilung "Politisches Buch" lesen wir Rezensionen über die Autobiografie der Sozialdemokratin Susanne Miller, zwei Sammelbände zur Geschichte der Schwarzen in Deutschland, eine Studie über das "Prinzip Nachhaltigkeit", zwei Bücher von Peter Glotz und Jürgen Seifert mit Aufsätzen zur Politik, ein Fotoband von Loretta Lux und ein Band über Zeremonien im Heiligen Land (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

TAZ, 22.06.2005

Im Inlandsteil lesen wir einen Bericht über das Grundsatzurteil des BGH, mit dem dieser das Verbot des stark autobiografisch gefärbten Romans "Esra" von Maxim Biller bestätigte. Die Begründung: Mit der realitätsnahen Schilderung der Hauptfigur "Esra" verletze der Autor die Privatsphäre seiner Ex-Geliebten. In seinem Kommentar meint Dirk Knipphals, dass dieses Urteil ein "Einzelfall" bleiben müsse, gesteht allerdings durchaus "ambivalente Bewusstseinslagen": "So findet man die Wut der Klägerin verständlich - die im Roman ausgeplauderten Details gehen wirklich weit - und kann es dennoch nicht über sich bringen, ihr nun zum Sieg zu gratulieren. Schließlich ist jedes verbotene Buch ein verbotenes Buch zu viel. Auf der anderen Seite hat man aber auch Schwierigkeiten, sich in die hehre Rolle des enttäuschten Verteidigers der Literaturfreiheit zu werfen - Maxim Biller hätte sich keinen Zacken aus der Literatenkrone gebrochen, wenn er die Handlung seines Romans verfremdet hätte. So oder so stand man bei diesem Prozess mit einem Bein im Mist."

In tazzwei ärgert sich Joachim Lottmann maßlos darüber, wie Marek Dutschke, der sich mit einer "mitreißenden Rede" um einen Listenplatz bei den Grünen bemüht hatte, ausgebuht wurde. "Wie eine Eiterbeule platzte mit einem Male auf, was seit Jahrzehnten im Verborgenen sich entwickelt hatte: der Alterungsprozess der Bewegung. Und gegen den drahtigen, fast schon ausgezehrten, jedenfalls 'hungrigen' Dutschke trat prompt ein typischer Grünen-Funktionär an, 32 Jahre älter als dieser, mit der üblichen Rhetorik und Wampe, dem üblichen Schwarzhemd der beleibten Endfünfziger, dem Cord-Sakko, und natürlich der gnadenlosen Einfallslosigkeit und Windschlüpfrigkeit deutscher Berufspolitiker. Mit seinem Zahlenchinesisch und einschläferndem Blabla riss er die Funktionäre, allesamt seine Generation, zu Beifallsstürmen hin, und hinter all der ausgespreizten Kompetenz lauerte die böse Drohung der Greise gegen den jungen Gegenkandidaten: Bloß weil er der Sohn von jemandem ist, kann der hier noch lange nix gewinnen!"

Im Kulturteil verabschiedet Till Briegleb den mit dieser Spielzeit scheidenden Intendanten des Hamburger Schauspielhauses Tom Stromberg und fragt sich, weshalb dessen "Erfolg erst so spät" gekommen sei. Benjamin Steininger resümiert den Workshop "Welt aus dem Container", auf dem in Berlin Experten aus Architektur, (Militär-)Geschichte, Kunst, Informatik, Theater, Logistik, Film, Kultur- und Medienwissenschaft über den Container als ein zentrales "Objekt der globalisierten Welt". Veronika Rall berichtet schließlich über die Beweggründe von Irene Bignardi, die Leitung des Filmfestivals von Locarno aufzugeben.

Und hier Tom.

FAZ, 22.06.2005

Peter Handke hat in der neuen Nummer von Literaturen eine neuerliche, die serbischen Verbrechen leugnende Suada veröffentlicht, in der er vor allem erklärt, warum er im Hager Milosevic-Prozess nicht als Zeuge aussagen mag, obwohl der verehrte Staatsmann ihn als solchen laden wollte (hier unser Resümee in der Magazinrundschau, Literaturen ist ab Freitag an den Kiosken). Matthias Rüb versucht sich einen Reim auf Handkes Text zu machen: "Handke erhebt den Anspruch, einerseits genauer zu sein als die Journalisten, von denen er bekanntermaßen keine hohe Meinung hat. Auf der anderen Ebene aber will der Wort-Künstler die tiefere Wahrheit der Geschehnisse ergründen, gleichsam die Seele der Geschichte ausleuchten, die den böswilligen oder auch nur unbedarften Wort-Handwerkern vom journalistischen Tagesgeschäft verborgen bleiben muss. Handke scheitert in seinem jüngsten Text abermals auf beiden Ebenen: weder Genauigkeit noch Seele."

Weitere Artikel: In der Leitglosse improvisiert Mark Siemons über eine Strandvolleyballmeisterschaft mitten in Berlin. Michael Gassmann findet die Ausstellung "Mehr als nur Gäste" über das "demokratische Zusammenleben mit Muslimen in Baden-Württemberg" in Karlsruhe gut gemeint. "rmg" meldet, dass die Sammlung Rolf Ricke mit moderner Kunst aus den USA Nürnberg verlässt. Gerd Roellecke berichtet, dass der Bundesgerichtshof das Verbot von Maxim Billers Roman "Esra" bestätigt. Tilman Spreckelsen freut sich, dass Grimms Märchen ins "Weltdokumentenerbe" der UNO aufgenommen wurden. Marta Kijowska schreibt zum 25. Jubiläum des einst von Karl Dedecius gegründeten Deutschen Polen-Instituts. Jordan Mejias berichtet, dass das FBI die Leser amerikanischer Bibliotheken ausspioniert, um auf die Spur von Terroristen zu kommen. Robert von Lucius erzählt, dass sich die in Wendezeiten verehrte litauische Band Antis noch einmal zu einem Konzert vereinigt hat. Erna Lackner zieht eine Bilanz der Wiener Festwochen.

Auf der Medienseite bewundert Jürg Altwegg das starrsinnige Ausharren der französischen Journalistin Anne-Sophie Le Mauff in Bagdad, die im Irak bleibt, obwohl Dominique de Villepin sämtliche französische Journalisten flehentlich zum Gehen aufrief (auf dem Markt der Entführungen "sind Franzosen, deren Regierung mehr bezahlt als andere Staaten, offensichtlich ganz besonders begehrt und gefährdet", vermutet Altwegg). Und Michael Hanfeld meldet, dass das Bundesumweltministerium für sein Werbegebaren vom Bundesrechnungshof gerügt wurde.

Auf der letzten Seite trägt Renate Klett Impresseionen von einem Theaterfestival in der bulgarischen Stadt Varna zusammen. Und Günter Platzdasch berichtet von einem Treffen von Rockveteranen in Jena, die sich an den Einfluss der frühen Rolling Stones in der DDR erinnerten.

Besprochen werden Woody Allens neuer Film "Melinda und Melinda", eine Ausstellung über den dtv-Verleger Heinz Friedrich in München, eine Ausstellung mit romantischen Zeichnungen und Aquarellen in Braunschweig und ein Konzert bei dem vom Pinaisten Lars Vogt ausgerichteten Kammermusikfestival "Spannungen" in der Eifel.
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Welt, 22.06.2005

Uwe Wittstock rekapituliert das Zerwürfnis von Deutschlands "prominentesten" Publizisten Marcel Reich-Ranicki und Joachim Fest, das seines Erachtens auf einen von Fest im Jahr 1986 im FAZ-Feuilleton lancierten Artikel des Historikers Ernst Nolte zurückgeht, der den sogenannten Historikerstreit einleitete. "Der Streit zwischen Reich-Ranicki und Fest ist also mit Blick auf das Verhältnis der Deutschen zu ihrer Vergangenheit durchaus exemplarisch", schreibt Wittstock, selbst Verfasser einer Biografie über Marcel Reich-Ranicki. "Und es ist kein Wunder, wenn er jetzt erneut aufbricht. Denn Fest wird zur Zeit von Kritikern vorgehalten, er sei sowohl als 'vernehmender Lektor' als auch mit eigenen Büchern daran beteiligt gewesen, Speers inzwischen widerlegte Behauptung, von Hitlers Verbrechen an den Juden wenig gewusst zu haben, öffentliche Reputation zu verschaffen."

NZZ, 22.06.2005

Nichts Aufregendes heute: Alfred Cattani widmet dem italienischen Patrioten und Revolutionär Giuseppe Cattani, der heute 200 Jahre alt geworden wäre, ein ausführliches Porträt, Andrea Köhler berichtet von "Handy-Solisten" - das sind Menschen, die laut am Telefon mit sich selber reden, und Marc Zitzmann bedauert das Aus für das berühmte Pariser Kaufhaus "La Samaritaine".

Außerdem: "sab" sieht in der Schließung des Fachbereichs Judaistik an der Frankfurter Universität einen "Traditionsbruch". Besprochen werden zwei Bücher: eine "Kulturgeschichte der Elektroenzephalographie" und ein Band über Velazquez' "Meninas" (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 22.06.2005

In einem sehr interessanten Text beschreibt der schwedische Schriftsteller Richard Swartz, wie schwer sich die Länder des Balkans tun, sich aus dem Klammergriff der militärischen Apparate zu befreien, die sich weigern, die Kriegsverbrecher Karadzic, Mladic und Gotovina auszuliefern und damit eine ganze Region als Geisel nehmen. "Aus Belgrad oder Zagreb heißt es immer wieder, dass man ihrer nicht habhaft werden könne, weil sie in den Untergrund abgetaucht seien und man nicht wisse, wo sie sich aufhielten. Vielleicht befänden sie sich sogar im Ausland. Aber das sind Lügen und Ausreden (Carla Del Ponte, Hauptanklägerin in Den Haag, drückt es diplomatischer aus, wenn sie sagt, dass Belgrad und Zagreb 'nicht genügend' mit dem Gerichtshof zusammenarbeiten). Hinter der Verlogenheit verbirgt sich allerdings weniger Trotz und Unvermögen als Angst. Die politische Klasse fürchtet den Konflikt mit Militär und Polizei; die Gesuchten - Karadzic ausgenommen - sind Generäle in Uniform, sie gehören dem militärisch-polizeilichen Apparat an und stehen unter seinem Schutz. Derjenige, der ihre Verhaftung anordnet, muss deshalb mit Befehlsverweigerung rechnen und damit, dass seine Machtlosigkeit offenbar wird."

Ijoma Mangold schildert, wie sich in der Berliner Republik Geist und Macht auf ganz "undemonstrative Art" näher gekommen sind. Einige Begegnungen müssen allerdings traumatisch gewesen sein: "Manche Autoren wollen partout nichts davon wissen, dass sie einmal einer Einladung von Joschka Fischer ins Außenamt gefolgt sind. Es schüttelt sie förmlich vor Widerwillen, wenn sie daran zurückdenken. Es sind unangenehme Erinnerungen wie an einen One-Night-Stand, zu dem man sich nur unter Alkoholeinfluss hat hinreißen lassen und der sehr demütigend war, und nun wollen sie nicht, dass irgendwer von ihrer schwachen Stunde erfährt. 'Der König empfängt seine Künstler, so war es', sagen sie. Und: 'Nein, ich möchte nicht, dass sie mich erwähnen.'"

Helmut Kerscher berichtet an prominenter Stelle, dass der Bundesgerichtshof das Verbot von Maxim Billers Roman "Esra" nun endgültig bestätigt hat. Alex Rühle meldet erfreut, dass die Unesco die Märchen der Brüder Grimm zum Weltdokumentenerbe erklärt hat. Franziska Augstein rekapituliert eine Münchner Tagung zur Geschichte der Juden in Italien. Henning Klüver erinnert an den Revolutionär Giuseppe Mazzini, der vor zweihundert Jahren geboren wurde.

G.K. lässt uns wissen, was die Bundeskulturstiftung in den nächsten Jahren fördern will: zum Beispiel Peter Steins Wallenstein-Inszenierung, die Restauration von Rainer Werner Fassbinders sechzehnstündigem Monumentalfilm "Berlin Alexanderplatz". Außerdem will sie einen Fond für deutsch-ungarische Projekte einrichten. Jürgen Otten unterhält sich mit dem Komponisten und Dirigenten Hans Zender über dessen neueste Oper "Chief Joseph". Fritz Göttler beschwert sich über die Schweigepflicht, die der Filmverleih UIP vor der Premiere von Steven Spielbergs "Krieg der Welten" den Kritikern auferlegt hat.

Auf der Medienseite erinnert Hans Leyendecker über all die Vorteile und Rabatte, die Journalisten gern bei Politikern geißeln, aber für sich selbst immer wieder in Anspruch nehmen.

Besprochen werden Bücher, darunter Louis de Bernieres' "Traum aus Stein und Federn" und Julien Gracqs "Witterungen II" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).