Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.05.2005. In der SZ fragt Ulrich Beck, ob postnationale Demokratien möglich sind. Die SZ bringt auch einen Aufruf deutscher Intellektueller an das französische Volk. Die FR untersucht rätselhafte Biografien von Juden in der SS und SSlern, die sich als Juden ausgaben. Die taz stellt eine neue Generation israelischer Comedians vor, deren Witze nicht mal vorm Holocaust halt machen. In der FAZ interpretiert Hans Christoph Buch die Verwüstung des Goethe-Instituts von Togo als Symptom der "Somalisierung" Afrikas.

TAZ, 03.05.2005

"Nicht unsere Witze sind geschmacklos, euer Faschismus war es." Robin Alexander beobachtet in Tel Aviv eine neue Generation junger Comedians, die auch beim Holocaust kein Tabu mehr gelten lässt. "Das wird beim Betrachten der wöchentlichen Sendung 'Pini Agadol' (wörtlich: 'Der große Penis') rasch klar. Hier singt Adolf Hitler ('Böser Diktator, guter Freund unserer Show') mit Anne Frank ein Duett zum alten Sonny-und-Cher-Hit: 'I Got You, Babe', hier gibt es eine Gastrokritik des jüdischen Restaurants Chez Mengele ('Sehr teuer, typisch Juden'). Mit so einem Programm würde man in den USA auf dem Index landen und in Deutschland im Gefängnis. In Israel, dem Land der Opfer, wird man damit Kult." Der subtile Witz der schwachen Minderheit hat ausgedient, sagt der Komiker Gil Kopatch. Das neue Selbstbewusstsein hat auch den Humor verändert. "Überhaupt nicht ängstlich, sondern geradeaus, laut und sogar aggressiv: 'Wer uns nervt', meint Kopatch, 'den stellen wir nicht mehr mit feinen Wortspielen bloß. Den treten wir feste in den Arsch.'"

Zum Abschluss der diesbezüglichen taz-Reihe fordert der Politologe Claus Leggewie fast leidenschaftlich die überfällige Historisierung der 68er-Bewegung. "Über 68 muss, bitte, nicht länger in dem beleidigten Tonfall geredet werden, den etwa die Tochter Ulrike Meinhofs (aus nachvollziehbaren Gründen) anschlägt; und rote Großväter sollten nicht länger vom Barrikadenkampf schwadronieren, bei dem die meisten ohnehin nur nachträglich zugegen waren. Historisierung kann 'Kampfgefährten' anregen, wohl gehütete Geheimnisse zu verraten, und 'Renegaten' zum Nachdenken bringen, bevor sie sich zum x-ten Male an der Regierungs- oder Bewegungslinken abarbeiten."

Im weiteren Feuilleton stellt Tobias Rapp den umstrittenen Berliner Rapper Fler vor, der seine Bekanntheit der im Genre bisher unerhörten Verwendung deutscher Symbole zu verdanken hat. Jan-Hendrik Wulf erfährt aus der Zeitschrift Vorgänge mehr über die Krise des Qualitätsjournalismus, die Vermischung von PR und Berichterstattung sowie die unaufhaltsame Trivialisierung. An den neuen Unterschichten sind nicht nur die Konservativen schuld, betont Robert Misik, auch die linken Theoretiker haben die Gleichheit schon lange verraten. Allerdings sieht er den Diskurs über die Ungleichmacherei auch schon wieder am Abflauen. Clemens Niedenthal glaubt in der zweiten taz nicht, dass irgendjemand Angst vor Münteferings sogenannter "schwarzer Liste" hat. Und Bernhard Pötter verwertet die Erlebnisse mit seinen Kindern für die Kolumne.

Im Medienteil weist Barbara Oertel zum Tag der Pressefreiheit darauf hin, wie schlimm die Zustände in Osteuropa immer noch sind. Nur die Ukraine lässt hoffen. In der einzigen Besprechung verfällt Katrin Bettina Müller bei der Eröffnung des Wolfsburger Tanzfestivals Movimentos durch die Compagnie Montalvo-Hervieu "schönen Träumen über Bewegungsähnlichkeiten von Mensch und Tier".

Und Tom.

FAZ, 03.05.2005

In Togo wurde das Goethe-Institut abgebrannt, und nach Hans Christoph Buch (mehr hier) war das kein spontaner Wutausbruch, "sondern der Versuch eines politisch bankrotten Regimes, den Volkszorn aufs Ausland zu lenken und neutrale Vermittler zum Sündenbock eigener Verfehlungen zu machen." Buch interpretiert die Ereignisse als Symptom einer in Afrika grassierenden "Somalisierung": "Ein diktatorisches Regime tritt ab, doch statt der vom Volk erhofften Demokratie breiten Chaos und Anarchie sich aus - nicht im Sinne der fröhlichen Utopie von 1968, sondern als Kampf aller gegen alle, den nur der Stärkste überlebt. In diesem Kampf werden alte Rechnungen beglichen und totgeglaubte ethnische Konflikte wiederbelebt, wobei der Bürgerkrieg zum Stammeskrieg degeneriert. Der dabei zutage tretende Hass ist freilich nicht naturgegeben, sondern ist von machtgeilen Warlords zuvor künstlich erzeugt worden."

Weitere Artikel: Im Aufmacher unternimmt die Kinderbuchexpertin Monika Osberghaus eine tour d'horizon durch den Markt und fordert die Verlage auf, nicht nur fantasielose Fantasy im Gefolge der Harry-Potter-Romane zu publizieren. Der Zoologe Cord Riechelmann erklärt den Antikapitalisten, was es mit der Heuschrecke und besonders der Locusta migratoria auf sich hat. In der Leitglosse belehrt uns "rm.", dass es Gulasch und keinesfalls Goulasch und dass es eigentlich sogar Pörkölt heißt. Eberhard Rathgeb besucht für die Serie "Aus deutschen Hörsälen" eine Vorlesung über die Vegetation Mitteleuropas des Professors Klaus Dierßen in Kiel. Andreas Kilb bespricht eine Ausstellung über das Kriegsende im Deutschen Historischen Museum, und Jürgen Kaube vergnügte sich bei der Jahrestagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Salzburg, wo es um den immer größeren Einfluss der englischen Sprache ging.

Auf der Medienseite prangert Matthias Rüb die Serbien- und Kosovo-Berichterstattung im ZDF, besonders des Redakteurs Hans-Ulrich Gack und des freien Journalisten Franz Josef Hutsch als revisionistisch im Sinne der serbischen Nationalisten an. Heike Hupertz fand die Schiller-Balladen in der Schiller-Nacht bei 3sat genauso langweilig, wie sie laut Vorurteil immer schon waren. Und Jürg Altwegg berichtet, dass beim französischen Sender Canal Plus mit Hilfe des französischen Geheimdienstes die Telefone abgehört werden und dass einzelne Mitarbeiter sogar mit Hilfe von Prostituierten und platzierten Rauschgifttütchen desavouiert werden sollten.

Auf der letzten Seite berichtet Jordan Mejias, dass das berühmte New Yorker Plaza Hotel zu einem banalen Luxusappartmenthaus umgewandelt werden soll. Monika Osberghaus erlebte bei einer neuen Gripstheater-Produktion den Terror der Pädagogik und rät Eltern und Kindern dringend vom Besuch ab. Und Hubert Spiegel wundert sich, dass der letzten Band der großen Hesse-Gesamt-Ausgabe vor schütterem Publikum und in Abwesenheit der Verlegerin stattfand: "Zu Lebzeiten Unselds wäre das vollkommen undenkbar gewesen. Wer nach Veränderungen bei Suhrkamp fragt, bekommt hier ein Indiz geliefert. Man muss es nur noch deuten."

Besprochen werden Alessandro Scarlattis Oper "Telemaco" zur Eröffnung der Festspiele in Schwetzingen, Gerhart Hauptmanns Stück "Vor Sonnenaufgang" in Armin Petras' Münchner Inszenierung, und eine Ausstellung mit Fotos von Michael Bry in Regensburg.

FR, 03.05.2005

60 Jahre nach Kriegsende entdeckt man in Deutschland Lebensgeschichten, die sich jeder "historischen Eindeutigkeit entziehen", schreibt Harry Nutt. Als Beispiel nennt er Eliah Goldberg, den SS-Mann, der sich nach dem Krieg eine jüdische Kaufmannsbiografie zulegte (seine Geschichte wurde von Dani Levy verfilmt), den "liberalen Germanisten Hans Schwerte, der erst 1995 als Hans Schneider, SS-Hauptsturmführer im 'Ahnenerbe', enttarnt wurde", und Eleke Scherwitz, vermutlich ein Balte jüdischer Herkunft, der bei der SS Karriere machte und das Rigaer Lager Lenta leitete. Anita Kugler hat ihm eine ausführliche Biografie gewidmet (Leseprobe). "Die klaren Konturen der nationalsozialistischen Machtstrukturen beginnen an den osteuropäischen Rändern zu verschwimmen. Zu keinem Zeitpunkt ist Scherwitz ein Repräsentant der 'Generation des Unbedingten' wie sie der Historiker Michael Wildt in seinem Porträt der nationalsozialistischen Macht entwirft. Als Leiter der Lenta, in der Luxusgüter für SS-Offiziere hergestellt werden, beschäftigt Scherwitz jüdische Handwerker, die er, so lange es ging, vor den Schrecken eines Lagerdaseins bewahrte." Dennoch bleibt Scherwitz "trotz aller Einzelheiten, die Kugler zutage gefördert hat, widersprüchlich und rätselhaft", nicht mal sein richtiger Name steht unzweifelhaft fest.

Weitere Artikel: Robert Kaltenbrunner denkt über den Wert historischer Bausubstanzen nach: "Erhalten und Modernisieren stellen eine dialektische Einheit dar, deren Antipoden nicht einseitig betont oder vernachlässigt werden dürfen." In Times Mager staunt Adam Olschewski über die Wiedergeburt des Bassisten Henry Grimes, eine Schlüsselfigur des Free Jazz, der 1967 verschwand und 2002 von einem Journalisten in einem "abgeschabten Hotelzimmer" in LA gefunden wurde.

Besprochen werden die 3. Triennale der Fotografie in Hamburg, die Ausstellung "Dubuffet und Art Brut" im Düsseldorfer Museum Kunst Palast und die "abenteuerlich schlechte" Uraufführung von "Das Dunkel im Glas des Polen Tomasz Urbanski" in Bremen.
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Welt, 03.05.2005

Im Feuilleton beschreibt Wolf Lepenies, welche Vorstellungen nach 1945 über die Zukunft Deutschlands herrschten. Henry Morgenthau etwa plädierte für eine komplette De-Industrialisierung Deutschlands. "Die deutschen Emigranten in den USA beurteilten den Morgenthau-Plan unterschiedlich. Hannah Arendt nannte es einen Sieg der Nazi-Ideologie, wenn die Alliierten ohne Skrupel das 'Recht des Stärkeren' praktizieren sollten. Albert Einstein sprach sich nicht nur für die Entindustrialisierung Deutschlands aus. Er sah in einer Verringerung der deutschen Bevölkerungszahl die gerechte Strafe für die systematische Entvölkerung großer Teile Europas. 'Mir fällt nicht viel ein, was dagegen zu sagen wäre', schrieb Thomas Mann zurück an Einstein." Mann hatte noch eine andere Idee. "Als die Deutschen mit dem Ende des Nationalsozialismus ihre Freiheit verspielt und durch den Holocaust ihre Nation moralisch zu Grunde gerichtet hatten, erinnerte Thomas Mann an Goethes Worte, die Deutschen müssten wie die Juden in alle Welt zerstreut werden ... 1945 wünschte er die endgültige Entpolitisierung Deutschlands."

NZZ, 03.05.2005

Als den F. Scott Fitzgerald unserer Tage hat die Washington Post den amerikanischen Schriftsteller Colson Whitehead schon bezeichnet. Thomas Leuchtenmüller, der Whiteheads neuen Essayband "Der Koloss von New York" rezensiert, sieht aber auch Parallelen zu John Dos Passos' "Manhattan Transfer" von 1925: "Nochmals darf man, einem Neuankömmling gleich, an der Hand eines Erfahrenen durch Straßen des 'Big Apple' ziehen und Häuser betreten, um in Köpfe und Töpfe der Einheimischen zu schauen. Und erneut signalisiert das scheinbar beliebig Kombinierte den steten Kreislauf von Sein, Werden und Vergehen des Molochs am Hudson River. Dos Passos und Whitehead plädieren für die Autonomie des Individuums, indem sie kollektive Formen der Narration offerieren. Ihr New York ist eher anonyme Bedrohung als zu bewältigende Herausforderung."

Sabine Haupt feiert mit dem Genfer Kinder- und Jugendtheater "Am Stram Gram" dessen 30-jähriges Bestehen. Ursprünglich ein Kind der antiautoritären Pädagogik der siebziger Jahre, hat es sich mittlerweile "zu einem im französischen Sprachraum führenden Haus entwickelt. Ein Grund für diese beeindruckende Bilanz ist das ständige Bemühen um eine Synthese von pädagogischen und künstlerischen Ansprüchen."

Besprochen werden die Ausstellung "International Arts and Crafts" im Londoner Victoria & Albert Museum, ein Erzählband von Dimitre Dinev sowie Willem Frederik Hermans' Roman "Die Tränen der Akazien" (mehr dazu in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 03.05.2005

"Stemmt Euch dagegen, dass Frankreich den Fortschritt verrät!", rufen deutsche Intellektuelle ihren französischen Kollegen in einem Offenen Brief zu, den die SZ in Auszügen druckt und der auf Französisch in Le Monde erschien. "Europa fordert Mut. Ohne Mut kein Überleben. Nicht für Frankreich. Nicht für Deutschland. Nicht für Polen." Unterzeichnet haben unter anderem Klaus Harpprecht, Wolf Biermann, Günter Grass, Jürgen Habermas und Gesine Schwan.

Der Soziologe Ulrich Beck wendet sich im Aufmacher gegen das, was er als neonationale Lebenslügen bezeichnet: Die Vorstellung, dass Demokratie nur nationalstaatlich und deshalb nicht in Europa möglich ist, wie es etwa Ralf Dahrendorf mit seinem Diktum "Je mehr EU, desto weniger Demokratie" formulierte. "Europa bedarf der Kritik, zweifellos, aber keiner realitätsblinden, nostalgischen Kritik, die auf Lebenslügen aufbaut. Wir benötigen eine kritische Theorie der Europäisierung, die zugleich radikal neu ist und doch in der Kontinuität europäischen Denkens und europäischer Politik steht. Eine solche Theorie muss die schlichte Einsicht zu Ende denken: Gemeinsame Lösungen bringen mehr als nationale Alleingänge. Das Europa der Differenz gefährdet nicht, sondern erneuert, verwandelt, öffnet die europäischen Nationen und Staaten für das globale Zeitalter. Ein solches Europa kann sogar zu einer Hoffnung für die Freiheit in einer turbulenten Welt werden."

Holger Liebs will noch abwarten, ob sich hinter Label Leipzig mehr als "steigende Öl-auf-Leinwand-Preise" verbergen, ist aber von dem neuen Domizil der Leipziger Galerien in der Baumwollspinnerei im Stattteil Plagwitz überzeugt: "Überall blättert hier der Putz ab, die rostigen Träger aus dem Gründerjahr 1884 stehen wie klapprige Skelette in den Hallen, so manche Scheibe ist noch eingeschlagen. Und auf dem Dach von Halle 14 blüht Schnittlauch."

Weiteres: Der Philosophie-Professor Julian Nida-Rümelin umreißt Perspektiven der Universitäten. In einem Interview mit Alexander Menden empfiehlt der Dirigent Lorin Maazel seine Oper "1984", die heute in London uraufgeführt wird, als 100 Jahre umfassendes Musik-Panorama. Jörg Häntzschel berichtet, dass nun auch die New Yorker Polizei Bedenken gegen die ground-zero-Pläne angemeldet hat.

Bernd Graff begutachtet das aufgepeppte Apple-Betriebssystem Mac OS X , genannt Tiger (unleashed): das Amaturenbrett ist ihm zu bunt, in Ordnung der "Automator", begeistert ist er von der neuen Suchfunktion "Spotlight". Ira Mazzoni betrachtet neueste Trends der Landschaftsarchitektur ("Wild ist toll"). Caroline Neubaur war auf einer Tagung zu "Raum und Zeit" in der Psychoanalyse. In der "Zwischenzeit" huldigt Harald Eggebrecht dem Trenchcoat.

Besprochen werden eine "kongeniale" Ausstellung zu Walter Kempowskis "Echolot" im Kieler Stadtmuseum und Bücher, darunter Jan Kjärstads Roman "Der Entdecker" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).