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Michael Wildt

Die Generation des Unbedingten

Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes
Cover: Die Generation des Unbedingten
Hamburger Edition, Hamburg 2002
ISBN 9783930908752
Gebunden, 600 Seiten, 40,00 EUR

Klappentext

Am 27. September 1939 entstand unter der Führung von Reinhard Heydrich das Reichssicherheitshauptamt. Es verstand sich als Kern einer weltanschaulich orientierten Polizei, die ihre Aufgabe in der "Reinhaltung des deutschen Volkskörpers" sah. Es war die Kriegsjugend, der die "Bewährung an der Front" des Ersten Weltkriegs fehlte, aus der Heydrich die Führungskräfte rekrutierte - politisch engagierte junge Männer, die ihre sichere Existenz als Ärzte, Juristen oder Studienräte aufgaben. In der Forderung nach Abrechnung mit dem "morschen" Alten und dem Entwurf einer neuen Welt hatten sie zu einer "Generation des Unbedingten" zusammengefunden. Michael Wildt hat die Konturen dieser "Institution neuen Typs" herausgearbeitet. Seine Ergebnisse korrigieren die Auffassung vom Reichssicherheitshauptamt als reines "Verwaltungsbüro" und weisen seine aktive Rolle in der Vernichtungspolitik des Dritten Reiches nach.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 30.01.2004

Die in der Zeitgeschichtsschreibung lange herrschende Vorstellung, erst mit dem deutschen Überfall auf Polen habe sich der Nationalsozialismus radikalisiert, wurde in jüngerer Zeit mehr und mehr relativiert. Dass "Radikalisierung" im Nationalsozialismus mitnichten nur eine Frage der äußeren Umstände war, zeigt nun auch Michael Wildts über das Reichssicherheitshauptamt (RSHA). Wie Rezensent Norbert Frei berichtet, hat Wildt Lebensläufe und professionelles Selbstverständnis von 221 leitenden Mitarbeitern des unter der Regie von Reinhard Heydrich aus Gestapo, Kriminalpolizei und SD zusammengefügten RSHA untersucht. Die meisten dieser Männer waren keineswegs soziale Außenseiter und gestrandete Existenzen, sondern akademisch gebildete, ehrgeizige Aufsteiger aus der unteren Mittelschicht und aus dem Bürgertum - junge Juristen, Germanisten, Historiker, Publizistikwissenschaftlern und sogar Theologen, hinter deren "Maske der Sachlichkeit" sich der unbedingte Wille zur ideologischen Tat verbarg. Frei hebt hervor, dass Wildt bei keinem der Jungen, die im RSHA Karriere machen sollten, zu Beginn des "Dritten Reiches" irgendwelche Anzeichen für einen "eliminatorischen" Antisemitismus ausfindig machen konnte, "obwohl etliche von ihnen ein paar Jahre später die Mordaktionen der SS-Einsatzgruppen befehligten und einige sogar selber schossen".
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 10.07.2002

Insgesamt sehr angeregt und interessiert berichtet Christoph Jahr über diese monumentale Studie, die die Elite aus dem Reichssicherheitshauptamt erstmals eingehend untersucht. Einige Ergebnisse der Studie haben für Jahr einen eindeutig klärenden Charakter. So ist es für ihn unmöglich, nach Wildts Darlegungen noch von einem einheitlichen Tätertyp auszugehen. Von "Schreibtischtätern" gar könne man nun erst recht nicht mehr reden, denn bei Wildt stellt sich heraus, dass die Führer dieser "Behörde neuen Typs" von ihren leitenden Beamten eine klare Bereitschaft zur Tat verlangten - persönlichen Einsatz beim Massenmord eingeschlossen. Auch über die soziale Herkunft dieses Führungskorps lässt sich trotz der Ablehnung eines einheitlichen Tätertyps in der Studie einiges ablesen - so kommen nach Jahr die meisten dieser Beamten aus bürgerlichen Schichten und gehören der "Kriegsjugendgeneration" an, die noch zu jung war, um am Ersten Weltkrieg teilzunehmen. In seinem Resümee schlägt Jahr auch kritische Töne an - die Erkenntnisse aus Wildts Studie sind ihm nicht neu, deutlich will er den Einfluss Ulrich Herberts erkennen. Der Alltag des Völkermords bleibt ihm abstrakt, und die Radikalisierung der NS-Politik am Ende des Kriegs findet er zu kurz angerissen. Lesenswert bleibt Wildts Studie für ihn vor allem wegen des Verdienstes, "das verfügbare Wissen über die Terrorzentrale des NS-Staates zusammengefasst zu haben".

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 20.06.2002

Der Hamburger Historiker Michael Wildt hat eine Untersuchung vorgelegt über eine Gruppe von 221 führenden Personen des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA), berichtet der Rezensent Gerhard Paul. Das wichtigste Ergebnis dieses Buches besteht seiner Ansicht nach in der Erkenntnis, dass die Planer und Vollstrecker des systematischen Massenmordes - soweit sie diesem Amt zugehörten - keine "Schreibtischtäter" waren. Wildt entwerfe, über eine Analyse der jeweiligen konkreten beruflichen Tätigkeiten, das Bild einer im Gegenteil deutlich handlungsorientierten Gruppe aus dem Mittelstand: junge Akademiker mit dem Selbstverständnis von "Revolutionären, für die nur die Tat zählte". Wildt beschreibt nicht nur die "Generation des Unbedingten", so der lobende Rezensent, sondern es gelingt ihm erstmals eine umfassende Darstellung der komplexen und dennoch sehr flexiblen Behörde des RSHA als weltanschaulich begründete und von Reinhard Heydrich geplante "Superbehörde einer kämpfenden Verwaltung". Ein anderes Ergebnis der Untersuchung: Die meisten Führungspersonen "passten sich nach 1945 den neuen Bedingungen an" und konnten ihren alten Berufen nachgehen, mit Rückendeckung von Politikern wie Theodor Heuß und Carlo Schmidt. So auch Hans Rössner vom Piper Verlag, der Hannah Arends "epochales Buch " über Eichmann nach deren Tod 1976 nicht mehr neu aufgelegt habe. Ein wichtiges Buch, das auf einer breiten Quellenbasis erstellt wurde, findet der beeindruckte Rezensent, das jedoch die Frage stellt, "wie die deutsche Gesellschaft trotz der Bürde dieser Männer zur Demokratie finden konnte".

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 18.06.2002

Mit seinem Buch über das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) legt Michael Wildt nach Einschätzung von Rezensent Micha Brumlik eine "bahnbrechende Studie" vor. Wildt, der laut Brumlik souveräne Kenntnis sämtlicher Quellen sowie des aktuellen Forschungsstandes beweist, geht darin der grundsätzlichen Frage nach den kausalen Faktoren der Vernichtungspolitik nach - und kann sie nach Ansicht von Brumlik auch plausibel beantworten. Wildt greife dafür auf zwei "vermeintlich veraltete" Begriffe der Soziologie zurück: zum einen auf den Begriff der "Institution", mit dem er darlege, dass es "neben intentional handelnden Personen hier und anonym wirkenden Strukturen dort noch ein Drittes, nämlich mit Macht ausgestattete Kooperationszusammenhänge von Handelnden" gebe. Zum anderen auf den Begriff der "Generation", mit dem er erkläre, "warum Menschen derart ungeheuerliche Massenmorde planten und ausführten". So kann Wildt detailliert nachweisen, so Brumlik, dass gerade beim maßgeblich an der Vernichtung der Juden beteiligten RSHA nahezu alle Beteiligten einer bestimmten Generation angehörten, die über gemeinsame prägende Lebenserfahrungen verfügte, einen gehobenen akademischen Abschluss sowie einen hohen Grad an Fanatisierung aufwies. Darüber hinaus geht Wildt den Karrieren nach, die diese Schreibtischtäter, die auch zum Teil auch selbst mordeten, nach dem Krieg in der BRD dank prominenter Unterstützung machen konnten - "letztlich verwunderlich ist vor allem eines", schreibt Brumlik abschließend, "dass die Bundesrepublik trotz dieser Aufbaugeneration eine halbwegs erfolgreiche Demokratie werden konnte".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 29.04.2002

Wirklich zufrieden ist Peter Longerich nicht mit der Studie von Michael Wildt über mehr als 200 Akteure des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA). In dem umfangreichen Werk gehe der Autor den Hintergründen, Ausbildungsgängen und Entwicklungen dieser Nationalsozialisten nach und verdeutliche, dass die Charakterisierung dieser Täter als "Schreibtischtäter" zu kurz greife. Das ist für den Rezensenten aber nichts Neues. Vor einigen Jahren hatte bereits Ulrich Herbert in einer "bahnbrechenden Studie" über den RSHA-Spitzenfunktionär Werner Best zahlreiche der von Wildt aufgestellten Thesen und Ergebnisse nachgewiesen, weiß Longerich. Die vorliegende Studie findet der Rezensent daher zwar "plausibel", aber "weder besonders originell noch überraschend". In seiner ausführlichen und detaillierten Besprechung zählt der Rezensent noch eine ganze Reihe weiterer Mängel dieser Abhandlung auf. Trotzdem aber würdigt er die "Akribie" Wildts und lobt auch dessen "informative Abschnitte" über den Aufbau des RSHA in den Ostgebieten. Allerdings ist es dem Autor nicht gelungen, so Longerich, "wirklich neue und entscheidend weiterführende Erkenntnisse" über das RSHA zu präsentieren.
Michael Wildt, geboren 1954, ist Professor für Deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts mit Schwerpunkt im Nationalsozialismus an der Humboldt-Universität zu Berlin. Neben etlichen Studien zum Nationalsozialismus ist er mit einer ... mehr lesen
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