Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.03.2005. In der taz ruft Zhou Fucheng: "1.000 Jahre Diktatur sind genug!" Die FR stellt fest: Eigentlich interessiert man sich gar nicht für Sartre, er wird nur dummerweise hundert, und Aron ist erst recht vergessen. Die NZZ versucht, den "Native Nazi" Jeff Weise zu verstehen. Die FAZ betrachtet erotische Szenen mit Jürgen Teller und Charlotte Rampling. In der SZ begutachtet der Schriftsteller Najem Wali das traurige Kulturleben in Bagdad.

TAZ, 30.03.2005

Auf der Tagesthemenseite porträtiert Georg Blume einen waschechten Anarchisten: den 94-jährigen emeritierten Philosophieprofessor Zhou Fucheng aus Sezuan. "Von seinem Zimmerchen mit Bett und Schreibtisch blickt er durch ein Holzfenster über einen künstlichen See auf ein restauriertes Hofhaus, in dem an diesem Tag US-Außenministerin Condoleezza Rice zu Gast ist. Vor seiner Haustür parken Polizeifahrzeuge. Auf seinem Schreibtisch liegt die Neue Pekinger Zeitung mit einem Foto von Rice auf der Titelseite. 'Wenn die KP das 60. Jahr nach Kriegsende wenigstens nutzen würde, um den Faschismus anständig zu analysieren, und zwar alle Sorten von Faschismus: den deutschen, italienischen, japanischen und chinesischen', sagt Zhou in Richtung Hofhaus. Dort, hinter dem See, weiß er die Mächtigen seines Landes zu Tisch mit Rice, er will sie in die Pflicht nehmen, das Thema Vergangenheit und Faschismus nicht nur auf dem Rücken seiner Generation verhandeln. 'In China gibt es heute noch Leute, die den Faschisten sehr ähnlich sind, auch wenn sie das nicht zugeben. Das merkt man daran, dass es bei uns immer noch keine Redefreiheit und Demokratie gibt. 1.000 Jahre Diktatur sind genug'."

Im Kulturteil schlägt sich Stephan Schlak in der Diskussion um die 68er auf die Seite von Rudi Dutschke. Alle anderen - von Enzensberger und Habermas bis Luhmann - gehe es nur im ihre "Anschlussfähigkeit" an die Bundesrepublik. "Dass 68 nicht in der Theorie eines Bielefelder Verwaltungsjuristen aufgeht, dass die rebellischen Jahre sich nicht einfach zivilisatorisch mit der satten Bundesrepublik verrechnen lassen - das ist das einzige Versprechen der Revolte, das sich noch nicht restlos verbraucht hat. Und so vertrauen wir einfach darauf, dass Rudi auch von der repressiven Ironie der taz nicht liberal integriert werden kann. Was an Dutschke heute fasziniert, ist nicht das bundesrepublikanisch Anschlussfähige, sondern das Unzeitgemäße, das angestrengt Ideologische - der rebellische Charme des Authentischen."

Weiteres: Sebastian Moll erklärt uns, warum George W. Bush den Fall Terri Schiavo politisch nicht instrumentalisieren konnte. Besprochen wird die Ausstellung "Don't worry, it will be better ?" mit Arbeiten des Schanghaier Videokünstlers Yang Fudong in der Kunsthalle Wien.

Schließlich Tom.

Weitere Medien, 30.03.2005

Zwanzig Jahre nach Hubert Fichtes Tod erscheint nun bei Fischer sein letztes Buch: "Psyche" setzt sich mit Geisteskrankheiten und Heilungsmethoden in Südafrika auseinander, ein faszinierendes Buch, meint Ulrich Gutmair in der Netzeitung: "Knapp zwanzig Jahre nach seinem Tod, im inoffiziellen Hubert-Fichte-Jahr, pünktlich zum siebzigsten Geburtstag des Autors, ist 'Psyche' nun in seiner ursprünglich vorgesehenen Fassung erschienen. Entgegen dem ersten Anschein ist dieses Buch alles andere als unzeitgemäß. Als Lob des Exotismus, dem eine Kritik der Idealisierung des Anderen vorangeht, ist es ein Beitrag zur Debatte darüber, wie der Westen mit den Anderen umgehen soll."
Stichwörter: Hubert Fichte, Südafrika

FR, 30.03.2005

Eigentlich interessiert sich in Frankreich kein Mensch mehr für Sartre, meint Martina Meister. Sein Theater ist nicht mehr lebendig, sein philosophisches und literarisches Werk wird an den Universitäten nicht mehr studiert. Was ist also geblieben? "Was geblieben ist, 100 Jahre später, sind vor allem alte Feindschaften. Denn die ideologische Spaltung zwischen denen, die lieber mit Sartre irren als mit Aron Recht haben und denjenigen, die schon immer mit Raymond Aron Recht hatten, mit dem seinerzeit ebenso berühmten Soziologen und bürgerlichen Gegenspieler Sartres, dessen 100. Geburtstag dieser Tag fast klanglos vorbei ging, diese Spaltung scheint noch intakt zu sein. Als wäre der Kalte Krieg der Köpfe noch immer nicht vorbei. Der konservative Figaro titelt: "Sartre: Der Ekel?" und publiziert eine Reihe von Artikeln, die seine Philosophie, seine Prosa, seine Theaterarbeit und natürlich vor allem sein Engagement entmystifizieren sollen ... Die linke Tageszeitung Liberation ehrt ihren Gründungsvater hingegen mit einer 72 Seiten starken Beilage. Sartre revisited ... Der Ansatz ist hagiographisch, wenn auch nicht unkritisch. Man fragt sich nach der Lektüre allerdings, wie der unerbittliche Sartre die Tatsache kommentieren würde, dass Liberation heute allein Dank des Kapitals des Bankiers Rothschild überhaupt noch überlebt."

Weiteres: Gesa Lindemann meint zum Thema Patientenverfügung: "Weder Terri Schiavo in gesunden Tagen noch ihr Ehemann noch ihre Eltern können wissen, was die komatöse Terri Schiavo aktuell will." Doch "wenn sie nicht in der Lage ist, sich zu entscheiden, oder nicht dazu in der Lage ist, ihre Entscheidung mitzuteilen, so darf niemand anders an ihrer Stelle entscheiden". Verhungern und Verdursten lassen komme deshalb nicht in Frage. Besprochen wird die von Klaus Biesenbach organisierte Schau "Greater New York" im P.S.1.
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NZZ, 30.03.2005

Andrea Köhler versucht den "Native Nazi" Jeff Weise zu verstehen, der vor einer Woche im amerikanischen Bundesstaat Minnesota neun Menschen und danach sich selbst abknallte: "Anders als alle anderen Schulscharfschützen vor ihm war dieser Jugendliche nicht weißer Hautfarbe, sondern vom Stamm der Chippewa, ein Indianer, der sich - neben dem 'Kommunismus' - die 'Vermischung des Blutes' zur Zielscheibe seines Hasses nahm. Ein Native Indian als Native Nazi - das nennt man in der Psychologie 'Identifikation mit dem Aggressor'."

Weitere Artikel: Sieglinde Geisel stellt den Kindermann-Verlag vor, der sich auf Nacherzählungen von Klassikern für Kinder spezialisiert hat. Georges Waser liest Studien zu britischen Lesegewohnheiten. Beprochen werden eine Giorgio-Morandi-Ausstellung im Josef-Albers-Museum und einige Bücher, darunter Wolfgang Schivelbuschs historischer Essay "Entfernte Verwandtschaft - Faschismus, Nationalsozialismus, New Deal 1933-1939".

FAZ, 30.03.2005

Hans-Joachim Müller besucht das neue Kunstmuseum Stuttgart, das von kunstsinnigen Schwaben geradezu bestürmt wird. Hier der Grund: "Es war ein genialer Zug im Kunstspiel der Stuttgarter, den markanten Kubus, den sie sich mitten in die Stadt gesetzt haben, "Kunstmuseum" zu nennen. Ein Kunstmuseum gab es bislang nicht. "Kunstmuseum" signalisiert Erfindung, Neugründung. Dass es mal eine Städtische Galerie gegeben hat, die in Hinterräumen des Kunstgebäudes nie richtig in den Blick kam und irgendwann vollends aus dem Blick verschwunden ist, das muss man nicht wissen, wenn man das Kunstmuseum betritt. Hier herrscht Stunde Null."

Auf der letzten Seite schildert Ingeborg Harms eindringlich eine erotische und offensichtlich prächtig dekadente Fotoserie (hier ein Bild, hier noch eins), die der vierzigjährige Fotograf Jürgen Teller mit der sechzigjährigen Charlotte Rampling in der Königssuite des Pariser Hotels Crillon aufnahm: "Er pinkelt in eine Mokkatasse, schmiert sich das Maul mit Kaviar voll und streckt dem Betrachter seinen Hintern entgegen. Kurz, er benimmt sich wie ein Landsknecht, der einen Palast samt Schlossherrin in seine seelische Gewalt bekommen hat. Aufregend wird dieser Bildroman erst dadurch, dass das Machtverhältnis in der Schwebe bleibt. Wir haben es auf keinem Foto mit einer Herr-und-Knecht-Konstellation zu tun, sondern mit den Ambivalenzen einer so mutwilligen wie unbeholfenen Zärtlichkeit, die Ohnmacht und Lächerlichkeit von Anfang an riskiert."

Weitere Artikel: Lorenz Jäger schildert die Geschichte der Autorin Emma Dunham Kelley-Hawkins, eine Kitschautorin des 19. Jahrhunderts, die für eine Vorläuferin des schwarzen Feminismus gehalten wurde, bis sich herausstellte, dass die Autorin weiß war, womit sie wieder in Vergessenheit versinkt (hier der Artikel aus dem Boston Globe, den Jäger aufgreift). Gerhard Stadelmaier schreibt zum Tod des Schauspielers Hermann Lause. Robert von Lucius berichtet von den zahlreichen Geburtstagsfeierlichkeiten für Hans-Christian Andersen in Kopenhagen. Edo Reents gratuliert Eric Clapton zum Sechzigsten. Niklas Maak stellt ein originelles kleines Stadthaus des Architekten Jörg Ebers in der Berliner Auguststraße vor. Alexandra Kemmerer hat in Bielefeld eine Tagung über europäische Verfassungen verfolgt.

Auf der Medienseite berichtet Michael Hanfeld, dass Sat 1 eine politische Talkshow in Konkurrenz zu Sabine Christiansen plane. Nina Rehfeld schildert die Erfolge der Schauspielerin Kirstie Alley mit ihrer Show "Fat Actress" im amerikanischen Fernsehen. Frank Kaspar meldet, dass Stefan Weigls Hörspiel "Stripped - ein Leben in Kontoauszügen" den Hörspielpreis der Kriegsblinden gewann. Und Gina Thomas erzählt eine peinliche Geschichte über den BBC-Chef Mark Thompson, der gerade durch Massenentlassungen hervortritt und der in früheren Zeiten einen Mitarbeiter gebissen haben soll.

Auf der letzten Seite erzählt Dirk Schümer neueste Episoden aus dem Machtkampf an der Mailänder Scala. Und Christian Geyer porträtiert den jungen Verleger Andreas Rötzer, der den Verlag Matthes & Seitz übernommen hat.

Besprochen werden Mira Nairs Verfilmung von Thackerays "Jahrmarkt der Eitelkeiten, die Oper "Rosenthals Söhne" von Leonid Dessjatnikow nach einem Libretto von Wladimir Sorokin in Moskau, Elena Kats-Chernins Oper "Iphis" in Freiburg und ein Dokumentarfilm über den Sänger Klaus Nomi.

SZ, 30.03.2005

Wegen "Anstiftung zur religiösen Zwietracht" in der Ausstellung "Vorsicht Religion" ist der Direktor des Sacharow-Zentrums, Jurij Samodurow, von einem Moskauer Gericht zu einer Geldstrafe von umgerechnet 2.800 Euro verurteilt worden. Immerhin nicht zu drei Jahren Haft, wie der Staatsanwalt, aufgestachelt von der orthodoxen Kirche, gefordert hatte. Einen Grund zur Erleichterung sieht Sonja Zekri aber nicht: "Eine neue Seite im gesellschaftlichen und politischen Leben sei aufgeschlagen, sagte Samodurow: Erstmals fixiere ein Gericht die Trennung in 'normale', russische Kunst und 'fremde', dem Westen nahe stehende. Der liberale Radiosender Echo Moskwy fragte: 'Ist das Inquisition? - Es sieht danach aus.'"

Der Schriftsteller Najem Wali schildert das Elend der irakischen Kulturszene, die heute, zwei Jahre nach dem Krieg, ziemlich kraftlos darniederliegt: Kinos und Theater sind geschlossen, Festivals dienen wieder dem Herrschaftskult, viele Künstler sind emigriert oder korrumpiert: "Das Chaos, die Korruption und der Terrorismus, von den Mühen des täglichen Lebens und der Dauerkrise ganz zu schweigen, machen den Intellektuellen ihre neuerliche Ohnmacht bewusst. Natürlich sind durch die Abschaffung der Diktatur dem Kulturleben keine Zensur und keine sonstigen äußerlichen Fesseln mehr angelegt, die einzigartige Möglichkeit, lang aufgeschobene Vorhaben endlich anzugehen, ist theoretisch eröffnet. Doch die Intellektuellen resignieren, weil sie nichts von all dem beeinflussen können, was sich tagtäglich vor ihren Augen abspielt, weder das sinnlose Sterben noch das Bandenunwesen noch das Erstarken religiös-extremistischer Milizen."

Zu lesen ist Susan Sontags Vorwort zu Halldor Laxness' Roman "Am Gletscher", in dem sie das Buch als "irrwitzig originelles, missmutiges, zum Schreien komisches Werk" preist und über Sinn und Form des Romans nachdenkt. Oliver Herwig berichtet von James Turells Vorghaben, einen Krater in Arizona zum "größten Land- und Lichtkunstwerk unserer Zeit" umzumodeln. Thomas Steinfeld huldigt Gitarrengott Eric Clapton zum Sechzigsten. "chs" schreibt zum Tod des Schauspielers Hermann Lause. Jürgen Otten freut sich, Stanislaw Moniuszkos polnischer Nationaloper "Halka" auf einer deutschen Bühne zu sehen.

Auf der Plattenseite unterhält sich Jörg Königsdorf mit dem britischen Geiger und Barockspezialisten Andrew Manze, der uns seine Herangehensweise an historische Musik so erklärt: "Natürlich nützt einem der Instinkt nichts, wenn man kein Hirn hat." Besprochen werden John Eliot Gardiners "Cantata Pilgrimage" auf CD und Mendelssohn-Aufnahmen des Emerson Quartetts.