Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.03.2005. In der SZ schmiedet die Taiwanesin Yu-hui Chen Sushi-Messer aus chinesischem Raketenstahl. Die NZZ rehabilitiert Macbeth. Die FAZ erzählt, wie Thomas Demand Bilder macht. Außerdem bringt sie aus Anlass des heute beginnenden Bibliothekartags ein Plädoyer gegen die Digitalisierung von Bibliotheken. In der taz antwortet Götz Aly auf die Kritik des Historikers J. Adam Tooze. Die Welt bringt eine Hitparade deutscher Geistesgrößen, die aber ein demografisches Problem haben.

FR, 15.03.2005

David Hermann hat im Bockenheimer Depot Monteverdis Barockoper "Orfeo" mit Sängern aufgeführt, die die Masken von Popstars tragen: Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison, Brian Jones, Madonna, John Lennon, Elvis Presley. Muss das sein? Es war "den Versuch wert. Mehr noch, es warf ein besonderes Licht auf ein mythisches Sujet, das die waghalsigsten Lesarten rechtfertigt, wenn sie wie hier mit durchdringendem Ernst realisiert werden", meint Hans-Klaus Jungheinrich. "Eigentümlich neu - und das war wirklich das Ereignis dieses Abends - hört man auf diese Weise auch Monteverdis Musik. Abgeschält scheint von ihr der 'historisierende' Gestus, die aristokratische Fremdheit einer hochartifiziellen, elaborierten, feudal kodifizierten Tonsprache. Wenn man Charon (mit humorig-sonorer Stämmigkeit: Magnus Baldvinsson) seine Klampfe wie ein Schild gegen Orpheus stemmen sieht, vernimmt man das begleitende Regal (ein Orgelregister) wie eine Gitarrenfloskel. Und die expressiven Aufbäumungen in der Partie des Orpheus klingen plötzlich wie die schrundigen, exaltierten Ausbrüche eines Rocksängers. Die Paradoxie ist umso größer, als der Dirigent Paolo Carignani und seine instrumentalen Formationen (Museumsorchesterstreicher, Bläser von 'Ecco la musica' und der 'Vivi Felice Barockmusikprojekte') kein Jota an zünftiger 'authentischer' Aufführungspraxis ablassen."

Weitere Artikel: Gemma Pörzgen hat den Erweiterungsbau der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem besichtigt. Unter der optimistisch anmutenden Überschrift "Staunen und Lachen" läutet Ina Hartwig den "Bücherfrühling" ein. Peter Michalzik verabschiedet den verstorbenen Münchner Verleger Karl Blessing (im Zusammenhang dieses Artikels wäre einmal ernsthaft zu untersuchen, was unter einer "langjährigen Heimatstadt" verstanden werden darf). In Times mager denkt Rudolf Walther im Vorfeld des "Job-Gipfels" über gängige "Selbsthilfe" in der Handwerkerbranche nach ("bar und ohne Rechnung"). Im Forum Humanwissenschaften beschreibt Jan Assmann, auf welche Motive und Quellen der biblische Sintflutbericht zurückgeht.

Besprochen werden Bücher, darunter zwei Publikationen, die sich mit Kunstraub und -fälschung beschäftigen: "Aktenzeichen Kunst. Die spektakulärsten Kunstdiebstähle der Welt" von Nora und Stefan Koldehoff und ein Band über den Streit um echte oder falsche Van Goghs der Sammlung Marijnissen (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 15.03.2005

Als "Groteske" wertet Robert Misik die gegenwärtige Dutschke-Debatte in der taz (hier die Beiträge von Klaus Meschkat und Wolfgang Kraushaar), deren "inquisitorische Rhetorik" dem "Triumphalismus eines Ensslin-Kassibers" kaum nachstehe. Deutlich genervt stellt er fest: "Jetzt entdecken auch die Reemtsmänner die Gewaltlockungen der Linken. Und ein paar grelle Analogien zwischen RAF-Jargon und dem Vokabular der Antiautoritären sollen dann gleich auch so etwas wie eine substanzielle Identität insinuieren. Da wird die Erbsenzählerei zur Wortklauberei, aber gewiss nicht zur 'Selbstvergewisserung' (Kraushaar) der Linken."

In einer Replik reagiert Götz Aly auf Vorwürfe des Wirtschaftshistoriker J. Adam Tooze vom vergangenen Samstag (hier), wonach die in seinem Buch "Hitlers Volksstaat" (Leseprobe) verwendeten Zahlen zur deutschen Kriegsfinanzierung "nicht stimmten und das Ergebnis grober Rechenfehler seien". Dazu Aly: "In der Sache geht es um die Frage, wie es sich um die steuerliche Belastung der Deutschen in der Zeit zwischen dem 1. September 1939 und dem 8. Mai 1945 verhielt, wie sich der Kriegshaushalt zusammensetzte, wie das Verhältnis von laufenden Kriegseinnahmen und Kreditaufnahme zu beurteilen ist. Ich setze den Anteil der externen Kriegseinnahmen - Einnahmen also, die den besetzten Staaten, Zwangsarbeitern und verfolgten Juden abgepresst wurden - mit ca. 70 Prozent an, Tooze hält dem entgegen, es seien ca. 25 Prozent Kriegslasten gewesen. Die Differenz erklärt sich zu einem erheblichen Teil leicht: Ich spreche von den Kriegseinnahmen; der Kritiker geht von den gesamten Kriegsausgaben aus. Die Verwechslung bildet die Grundlage seiner Polemik. Wie jeder weiß, können Einnahmen und Ausgaben, zumal im Krieg, weit auseinander klaffen."

Weitere Artikel: Dirk Baecker überlegt, was es für Soziologen noch zu beobachten und zu denken gibt, wenn schon selber beobachten und ihr Tun reflektieren. Zu lesen ist außerdem ein Nachruf auf Karl Blessing, den Chef des Blessing-Verlags, der im Hause Bertelsmann für die Bestseller zuständig war. Besprochen wird die große Werkschau des Bildhauers Georg Herold in der Kunsthalle Baden-Baden, der gern mit Dachlatten arbeitet und in dessen Arbeit "ein Wittgenstein'scher Sprachspielwitz, ein Kunstwitz" im Vordergrund steht. Und in tazzwei polemisiert Familienexperte Bernhard Pötter heute aus Anlass des Weltverbrauchertags artfremd über Konsumenten.

Schließlich Tom.

SZ, 15.03.2005

In einem Essay beschreibt die taiwanesische Journalistin und Schriftstellerin Yu-hui Chen das seltsame "Geschwisterverhältnis" von Taiwan und China: der große Bruder verprügele den kleineren und wundere sich über die Abneigung. "Die Raketenbedrohung gehört zum alten Ritual des Umgangs miteinander. Das hatte früher sogar etwas liebenswert Skurriles. Das war damals, zu Maos Lebzeiten, als man sich noch gegenseitig mit Raketen beschoss. Tonnenweise. Irgendwann einigte man sich darauf, dass die eine Seite an geraden, die andere an ungeraden Tagen die Raketen abschießen darf. Und Sonntag war Waffenruhe. Heute noch werden auf der Insel Kinmen, einst äußerster Militärposten Taiwans und nur einen Kilometer vom Festland entfernt, als Souvenir scharfe Sushi-Messer aus dem chinesischen Raketenstahl geschmiedet. Neu an der jetzigen Krise ist, dass China nun per Verfassungsänderung den Raketenabschuss gesetzlich geregelt hat. Sollte Taiwan die Unabhängigkeit ausrufen, können ohne Vorwarnung geschätzte vier Minuten später die ersten Bomben in Taipeh einschlagen. Ich habe mich mein Leben lang nach Vaterliebe gesehnt, aber ich verzichte jetzt gerne darauf. Zur Hölle mit dem Patriarchat alter Männer."

Weitere Artikel: Marcus Jauer war bei der Vorstellung des Buchs "Hitlers Bombe" und analysiert das Kalkül des Verlag, die "Rechercheleistungen" des Historikers Rainer Karlsch in den Schatten des irreführenden Titels zu stellen, und der Wissenschaftshistoriker Dieter Hoffmann erklärt, warum der Autor durchaus "kein Spinner" sei, es eine deutsche Atombombe aber dennoch nie gegeben habe. In einem Interview bezieht Götz Aly detailliert Stellung zum Vorwurf des Wirtschaftshistorikers J. Adam Tooze, er habe sich bei der Berechnung der deutschen Kriegskosten "verrechnet".

Alexander Kissler resümiert die Münchner Tagung von 15 Trägern des Alternativen Nobelpreises im Goethe-Institut. Gottfried Knapp denkt anlässlich der Bonner "Tutanchamun"-Ausstellung über Rekordbesucherzahlen nach. In der Popkolumne erklärt Karl Bruckmaier, warum Krieg auf MTV ist und was ein Schlitten namens damit zu tun hat. Jürgen Otten berichtet über das Berliner Festival MaerzMusik. skoh informiert, dass die US-Regierung nun 25,5 Dollar an ungarische Holocaust-Überlebende und ihre Nachfahren zahlt, deren Vermögen nach 1945 im Zuge des so genannten "Goldzugs" von US-Soldaten beschlagnahmt worden waren. jüsc räsoniert über die Internetplattform rentagerman.de. In der Zwischenzeit denkt Joachim Kaiser über den "Jugend-Schwindel" nach, wonach "Interesse und Anteilnahme" eines jungendlichen Publikums am Kulturbetrieb "als Argument für Verharmlosung und Banalisierung" herhalten müssten. Und in einem Interview erläutert der Choreograph William Forsythe die Perspektiven für seine in Berlin neu gegründete Company.

Besprochen werden Victor Hugos "Lucretia Borgia" am Schauspiel Frankfurt, eine Inszenierung von Lortzings "Wildschütz" an der Stuttgarter Staatsoper, Rob Bowmans Film "Elektra" und Bücher, darunter eine Studie über die Wandlungen des Mythos "Adam und Eva", der Band "Nietzsches Spazierstock" mit Gedichten, Prosa und der Tragikkomödie "Heil Hitler" von Rolf Hochhuth, Nina Jäckles Romandebüt "Noll" und die Orient-Reisebriefe des Malers Wilhelm Gentz. (mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr)

Außerdem präsentiert die SZ heute ihre Literaturbeilage. Aufmacher ist ein Text von Per Olof Enquist zum Grenzverkehr zwischen Wissenschaft und Glauben.
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Welt, 15.03.2005

Von wegen Jugendkult: "Alte Literaten beherrschen das öffentliche Gespräch!" Das hat zumindest Eckhard Fuhr aus einem Ranking deutscher Geistesgrößen erfahren. Demnach hat der Wirtschaftswissenschaftler Max A. Höfer Datenbanken durchforstet und im Internet gegoogelt. Das offenbar rein empirische Ergebnis: Auf Platz eins rangiert Dichter Günter Grass, auf Platz zwei der Denker Harald Schmidt. Martin Walser kommt auf Platz drei. Insgesamt liegt das Durchschnittsalter auf den ersten hundert Plätzen bei 67 Jahren.

Hier die Top 50.

Tagesspiegel, 15.03.2005

Die kroatische Journalistin und Schriftstellerin Slavenka Drakulic erhält morgen den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung, ihr Kollege Bora Cosic überreicht der "Sehnsuchtskämpferin" schon einmal ein Bukett: "Ich habe Slavenka Drakulic vor etwa 20 Jahren in der Redaktion eines Zagreber Verlags kennen gelernt. Sie kam auf eine ungestüme Art hereingestürzt, wie die Widerspenstige aus der Komödie von Shakespeare. Ich dachte, sie werde ihren Regenschirm am Kopf des Verlegers zerschmettern, ihn mit ihrer eleganten Handtasche niederschlagen. Sie polterte und schimpfte, schlug mit der Hand auf den Tisch. Er hatte ihr nicht rechtzeitig ihr Honorar bezahlt, sie war gekommen, um für ihr Recht zu kämpfen. Es war eine karnevaleske Szene. Wo werden solche Mädchen geboren, von welchen Müttern?"

NZZ, 15.03.2005

Macbeth? Guter Mann. In Schottland versucht eine Gruppe Parlamentarier, den Namen des mutmaßlichen Königsmörders reinzuwaschen, berichtet Georges Waser. Macbeth ist Opfer einer jahrhundertelangen Rufmordkampagne geworden. "Shakespeare (hier seine Version) hatte beim Geschichtsschreiber Raphael Holinshed geborgt, dieser bei Boethius, und Boethius seinerseits bei Andrew of Wyntoun, der schon 1406 von einem Macbeth schrieb, dem Hexen im Traum die Zukunft gedeutet hätten. Andrew of Wyntown war Domherr in St. Andrews - ein Schotte also. Doch die Macbeth- Anhänger sind um eine Antwort nicht verlegen: Bereits der Clan um Malcolm Canmore, ein mit der Sippe des Siegers von Pitgaveny rivalisierender Stamm also, habe in Chroniken den Namen Macbeths beschmutzt - Shakespeare aber sei derjenige, der Macbeth weltweit in Misskredit gebracht habe."

Birgit Sonna verbeugt sich vor Deutschlands bedeutendster Sammlerin zeitgenössischer Kunst Ingvild Goetz, die in ihrem Münchner Privatmuseum nun eine Doppelschau gestemmt hat. Videokünstler (unter anderem) Doug Aitken laboriert im Untergrund, im Hauptbau wartet Richard Prince, der sein Material aus Starrummel und Werbung bezieht (mehr). "Ein grosses Geheimnis um die Suggestion von Bildern schleicht sich in unseren Köpfen ein, wenn wir selbst subkulturelle Ikonen aus dem Biker-Milieu mit einem Mal als brillant und kunstwürdig empfinden." Besprochen werden außerdem Nigel Lowerys Inszenierung von Albert Lortzings Spieloper "Wildschütz" in der Staatsoper Stuttgart (Marianne Zelger-Vogt bewundert Lowerys "virtuosen Balanceakt zwischen den Ebenen schierer Spiellust und politischen Hintersinns"), Peter Bichsels Sammelband "Kolumnen, Kolumnen" sowie ein von Nilüfer Göle und Ludwig Ammann herausgegebene Aufsatzsammlung zu Muslimen im öffentlichen Raum "Islam in Sicht" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 15.03.2005

Thomas Demand (Bilder) lebt in Berlin, hatte aber in Berlin niemals eine Ausstellung wie jetzt im New Yorker Moma, bedauert Niklas Maak: "Die Berliner müssen nun nach New York reisen, um einen ihrer interessantesten Künstler kennen zu lernen." Eindringlich beschreibt Maak Demands Methode, nach bekannten Fotos Papiermodelle zu bauen: "Demand begann 1993, meist nach einer Fotovorlage aus Zeitungen oder Büchern, mit Pappe und Glanzpapier immer aufwendigere, oft lebensgroße Modelle von Räumen oder Landschaften zu bauen. Unglaubliche Pappwelten entstanden in seinem Berliner Atelier - und verschwanden wieder; Demand macht von seinen Modellen jeweils ein Foto, danach wird die Bastelarbeit zerstört. Worin er den Zeremonienmeistern des Barock ähnelt, die ebenfalls mit ungeheurem Aufwand eine Kulissenwelt nur für einen Festabend, für einen kurzen Moment der perfekten Illusion schufen."

Heute beginnt der 94. Deutsche Bibliothekartag. Der Konstanzer Bibliothekar Uwe Jochum schreibt aus diesem Anlass ein Plädoyer gegen die Digitalisierung von Bibliotheken, die er ohnehin nur als modische Kehrseite einer "grotesken finanziellen Unterversorgung" der deutschen Bibliotheken sieht: "So muss man wissen, dass das Bibliothekssystem der Harvard University mit einem jährlichen Anschaffungsetat von 26,5 Millionen Dollar ausgestattet ist und über 1.300 Personalstellen verfügt, während die Berliner Staatsbibliothek als wichtigste deutsche Bibliothek mit einem Etat von knapp neun Millionen Euro und 815 Personalstellen auskommen muss. Damit käme Berlin ins Mittelfeld der amerikanischen Universitätsbibliotheken, zwischen Platz 40 und 50. Abseits der deutschen Hauptstadt sieht es noch düsterer aus: Engagierte Neugründungen wie Bielefeld oder geschichtsträchtige Häuser wie Heidelberg fänden sich jenseits der mit Platz 113 endenden Rangliste amerikanischer Universitätsbibliotheken."

Weitere Artikel: Henning Ritter gratuliert dem Kulturhistoriker Carl Schorske, dem Autor des berühmten Buchs "Fin de siecle Vienna" zum Neunzigsten. Als Erfolg wird gemeldet, dass Sabine Kuegler, Autorin des umstrittenen Buchs "Dschungelkind" nach einem kritischen FAZ-Bericht ihre Website veränderte. Marta Kijowska gratuliert dem Slawisten Reinhard Lauer zum Siebzigsten.

Auf der Medienseite plädiert der Politologe Stefan Appelius gegen die geplante Novellierung des Pressefusionsrechts. Und Jörg Thomann besucht die Website wm2006.deutschland.de.

Für die letzte Seite besucht Ernst Horst die Neufassung des Ludwig-Musicals in Füssen. Jürg Altwegg kommentiert die Übernahme der einst gloriosen Fluggesellschaft Swiss durch die Lufthansa. Und Anita Boomgaarden meldet, dass Stalin in russischen Meinungsumfragen immer noch sehr positive Werte erhält.

Besprechungen gelten Schillers "Räubern" in Köln, Lortzings "Wildschütz" in Stuttgart, einer "Hamlet"-Inszenierung Arpad Schillings in Wien und Monteverdis "Orfeo" in Frankfurt.