Slavenka Drakulic

Keiner war dabei

Kriegsverbrechen auf dem Balkan vor Gericht
Cover: Keiner war dabei
Zsolnay Verlag, Wien 2004
ISBN 9783552052901
Gebunden, 200 Seiten, 17,90 EUR

Klappentext

Über Wochen und Monate hat Slavenka Drakulic die Verhandlungen sowohl vor dem Internationalen Kriegsverbrechertribunal in Den Haag als auch in Kroatien mitverfolgt, hat die Verhöre genauso wie den Alltag der Angeklagten beobachtet und erfahren, wie aus unauffälligen jungen Männern Mörder und aus Nachbarn Todfeinde wurden. Über die blutrote Spur, die die "ethnischen Säuberungen" von der Kraijna bis nach Sarajevo und in den Kosovo zogen, wird darin berichtet und über das Massaker von Srebrenica, wo innerhalb weniger Tage 7000 muslimische Männer ermordet und Tausende Frauen vertrieben wurden, über die gespenstischen Auftritte von Slobodan Milosevic und immer wieder darüber, "dass es keine Gerechtigkeit ohne Wahrheit gibt".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 29.11.2004

Eine "Typografie der Kriegsverbrecher" im Bosnien-Krieg sieht Bernhard Küppers in diesem Buch von Slavenka Drakulic. Auf "einprägsame Weise" führe die kroatische Schriftstellerin Verbrechen und Täter vor Augen, über die das Haager Tribunal verhandelt. In mehreren Porträts suche sie als Prozessbeobachterin Antworten zu geben, wie die Geschilderten zu Kriegsverbrechern wurden. Küppers berichtet unter anderem über den Fall Goran Jelisic, der zu Beginn des Bosnien-Kriegs in einem serbischen Lager muslimische und kroatische Gefangene auf besonders willkürliche Weise umbrachte. Viele Zeugen schilderten den Vertrauen erweckenden jungen Mann als jemanden, der keiner Fliege hätte etwas zuleide tun können. Drakulic könne sich Jelisic gar als Freund ihrer gleichaltrigen Tochter in der Schulzeit denken. Hier stelle sich die Frage: "Hatte sein Charakter eine pathologische Seite, die nur durch die Kriegsumstände hervortrat?" Küppers berichtet von einem überlebenden Gefangenen, der glaubte, Jelisic habe unter dem Einfluss von Drogen gestanden. Dieser Einschätzung stimme Drakulic in übertragenem Sinne zu: "Denn die unumschränkte Macht über Leben und Tod", zitiert der Rezensent die Autorin, "ist die stärkste Droge."
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 07.08.2004

Ausnehmend beeindruckt zeigt sich Heiko Hänsel von Slavenka Drakulics Essay über die Kriegsverbrechen auf dem Balkan, die die Autorin - "provokant" - aus der Perspektive der Täter deute. Er nennt Drakulic, die für dieses Buch fünf Monate lang täglich die Prozesse in Den Haag beobachtet und im Untersuchungsgefängnis Scheveningen recherchiert hat, eine "genaue Kennerin der Materie und der Debatten zu den jugoslawischen Nachfolgekriegen". Im Mittelpunkt von "Keiner war dabei" sieht er die Frage nach Schuld und Verantwortung. Drakulic nehme jeden Einzelnen, auch sich selbst, in die Verantwortung. Mit historischen Erklärungen geht sie sparsam um, sie zielt eher auf eine philosophische Deutung der Geschehnisse, berichtet Hänsel. Er hebt hervor, dass Drakulic die durch die Gerichtsprozesse vorgegebene Personalisierung der Täter nutzt und sich weit in deren Persönlichkeit vorwagt, um das "Warum" zu beantworten. In diesem Zusammenhang würdigt er das Kapitel "Ein Tag im Leben des Drazen Erdemovic", in dem Drakulic aus der Perspektive eines Täters die Ermordung von 1.200 muslimischen Männern in Srebrenica beschreibt, als "grausames Glanzstück" des Buches. "Die intellektuelle Aufrichtigkeit, mit der sie ihr Thema angegangen hat", resümiert Hänsel, "besticht und überzeugt."

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.06.2004

Karl-Peter Schwarz hat "ein außerordentlich wichtiges und zutiefst verstörendes Buch" gelesen, eines, das wohlfeile Gewissheiten zerschellen lässt. Denn wie sehr sind wir es gewöhnt, in den Mördern der Balkankriege fanatische Nationalisten zu sehen, und wie leicht fällt deshalb die Annahme, wir selber wären ganz anders. Slavenka Drakulics Erfahrungen beim Kriegsverbrechertribunal in Den Haag offenbaren eine andere Realität: Die Täter handelten nicht aus nationalistischer und auch sonst aus keiner Überzeugung, sie töteten, weil ihnen das Vermögen zur Empathie fehlte. Drakuli hat beobachtet, wie die Mörder verschiedener Herkunft in Gefangenschaft ohne Schwierigkeiten zu Kameraden wurden; sie alle hatten Menschen liquidiert, aber nicht aus Hass, sondern aus moralischer Indifferenz. Damit, so der Rezensent, schreibe die Autorin das verdrängte "Grauen" in die Wahrnehmung der Balkankriege ein - und das gehe über jeweilige Ideologien hinaus. Seit zwölf Jahren, schreibt Schwarz, versuche sich die kroatische Autorin dem "Ungeheuren", das in ihrer Heimat geschah, zu nähern. Die Stärke von Drakulics Texten bestehe in ihrem "außerordentlichen Einfühlungsvermögen" - es dient ihr dazu, Menschen zu entschlüsseln, die keines besitzen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 19.04.2004

Alexander Kluy zeigt sich von diesem Buch der kroatischen Autorin über die Verhandlungen über Kriegsverbrechen während des Balkan-Krieges vor dem Haager Gericht "tief erschüttert" und beeindruckt. Er preist die "intellektuelle Aufrichtigkeit" der Autorin und die "ungekünstelte und leichte Zugänglichkeit" des Buches und lobt, dass es auch was die heutige Situation von Südosteuropa betrifft, äußerst "aufschlussreich" ist. Die Autorin hat fünf Monate lang als Beobachterin an den Kriegsverbrecherprozessen vor dem Internationalen Gerichtshof teilgenommen und aus ihren Beobachtungen ein "herzabschnürendes" Buch zwischen "Reportage und Selbstauskunft" gemacht, so der Rezensent erschüttert. Insbesondere die genauen Beobachtungen so prominenter Angeklagter wie Slobodan Milosevic oder Biljana Plavsic haben Kluy als "scharf konturierte Porträts" beeindruckt. Dieses Buch sticht deshalb aus der Gruppe der bisherigen Texte über den Balkankrieg hervor, weil es gleichzeitig aus Sicht der Betroffenen und aus der distanzierten Perspektive der Beobachterin geschrieben ist, lobt der Rezensent. Er preist die "Erkenntnis" und die vielen "Einsichten", die das Buch vermittelt und zeigt sich gleichzeitig erschrocken über die "dünne Schicht", die einen zivilisierten, modernen Menschen vom Massenmörder trennt, wie das Buch verdeutlicht.