Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.09.2004. In der Zeit beschwert sich Christoph Hein: Nun haben wir schon den Schutzwall aufgemacht, und der Kapitalismus kommt trotzdem nicht. Kein Wunder, dass wir faschistisch wählen! In der FAZ schimpft der Germanist Thomas Anz über Feuilletonisten, die über Germanisten schimpfen. In der Berliner Zeitung versucht sich Gore Vidal an sein großes neues Thema zu erinnern - die Amnesie der Amerikaner. In der FR bekundet Natan Sznaider seine Verzweiflung über die Lage Israels und Palästinas. In der SZ hofft Marilyn Manson, dass den Amerikanern endlich das Lächeln vergeht. In der taz hofft Jeremy Rifkin, dass die Europäer endlich wieder anfangen zu lächeln.

Zeit, 30.09.2004

Christoph Hein ("Landnahme") hat den Schuldigen für die Missstimmung in den neuen Ländern gefunden. Es handelt sich um jenen alten Bekannten, gegen den man dort einst einen Schutzwall errichtete und dem man jetzt verübelt, dass er nicht zurückkehrt, den globalisierten Kapitalismus. "In Saigon zahlen die europäischen Arbeitgeber einen Stundenlohn von 6,5 Cent. Sie bezahlen damit weit mehr als die vietnamesische Bourgeoisie, die ihre Arbeiter leidglich mit 5,5 Cent entlohnt." Zur Strafe wählen die Ossis faschistisch: "1946, ein Jahr nach dem Zweiten Weltkrieg, sagte Thomas Mann, dass die Epoche des Faschismus noch lange nicht beendet sei. Ich las diesen Satz als junger Mann und verstand ihn überhaupt nicht, er erschien mir hysterisch und weltfremd zu sein, war doch der Faschismus gerade vollständig ... besiegt worden. Heute dagegen fürchte ich, dass Thomas Mann damals das Gelände lediglich sehr weit vorauserkundet hatte."

Weitere Artikel: Evelyn Finger mokiert sich in der Leitglosse ein wenig über das idealistische, netterweise von Axel Springer finanzierte Zeitschriftenprojekt Der Freund von Christian Kracht. Angela Merkel streitet mit Feridun Zaimoglu und der Anwältin Seyran Ates über die Frage der Aufnahme der Türkei in die EU ("Mir fällt schon auf", merkt Zaimoglu an, "dass Ihre Partei, wenn es um die Türkei geht, sehr kämpferisch wird in Sachen Menschenrechte, Demokratie und Emanzipation der Frau"). Gerhard Jörder porträtiert den Regisseur Stephan Kimmig und feiert seine Inszenierung des Stücks "The New Electric Ballroom" des Iren Enda Walsh, die zur Zeit in München zu sehen ist. Der Soziologe Martin Hartmann zeichnet im Vorfeld des 32. Soziologenkongresses in München ein düsteres Bild von seiner Disziplin, besonders in Detuschland ("was fehlt, sind anspruchsvolle Theorien") Michael Mönniger schreibt den Nachruf auf Francoise Sagan. Thomas Groß versucht in einem Artikel zur Popkomm die Konsequenzen der Digitalisierung auf Musik und Publikum zu ermessen ("Im Online-Shop der nahen Zukunft steht der restlos individualisierte Kunde dem totalen Angebot gegenüber. Das ist eine Freiheit, die erst einmal ausgehalten sein will.")

In der Glosse des Literaturteils nennt Ulrich Greiner die Auflagenzahlen einiger erfolgreicher und nicht so erfolgreicher Bücher der letzten Zeit - Christoph Heins "Landnahme" brachte es immerhin auf 50.000 Exemplare. Aufmacher des Literaturteils ist Hubert Winkels' Besprechung von Patrick Roths Erzählungsband "Starlite Terrace".

Empfohlen sei noch das Dossier, in dem Roland Kirbach am Beispiel der sächsischen Kleinstadt Weißwasser die Entvölkerung in den neuen Ländern beschreibt. Im Leben-Teil geht's um Mode. Anja Reich porträtiert hier die geheimnisumwitterte Chefin der amerikanischen Vogue Anna Wintour (Bild), über die gerade ein Schlüsselroman erschienen ist. Und Ilka Piepgras unterhält sich mit dem Modeschöpfer Olivier Theyskens.

Besprechungen gelten der Kunstbiennale von Sao Paulo, Heiner Müllers "Germania", inszeniert von Dimiter Gottscheff in Berlin, Jane Campions Film "In the Cut" (mehr hier) und Pedro Almodovars Film "La mala educacion" (mehr hier).

FAZ, 30.09.2004

Der Professor für Neuere deutsche Literatur Thomas Anz hält eine hübsch feurige Rede wider die Germanistenschelte, die der Jahrestag ausgelöst hat. "... manche Einwände sind so haltlos, dass einem als Betroffenem schon mal der Kragen platzen kann. 'Im Streit um einen deutschen Lesekanon schwieg die Germanistik', behauptet Die Zeit. Als ob es in dem Fach nicht längst vor der Kanon-Konjunktur in den Feuilletons und Verlagen eine intensive und noch heute anhaltende Kanon-Debatte gegeben hätte. Was da zum Beispiel vor acht Jahren bei dem großen DFG-Symposion 'Kanon Macht Kultur' an Einsichten erreicht war und wenig später publik gemacht wurde, ist von den Feuilletons, die sich des Themas später annahmen, nie eingeholt worden."

Weitere Artikel: Im Aufmacher annonciert Jordan Mejias den ersten Band der autobiografischen "Chronicles" von Bob Dylan. Ein Auszug war in Newsweek abgedruckt (mehr hier, inklusive Links zu Hörproben aus dem von Sean Penn gelesenen Hörbuch) und "die Sensation dabei ist, dass er jeder poetischen Mystifikation abgeschworen und uns die Wahrheit und nichts als die ungeschminkte Wahrheit vorgelegt haben will". Mark Siemons trauert um die Quelle- und Neckermann-Kataloge, die der Karstadt-Konzern einstellen will: Nie wieder wird der "lesende Verbraucher ein zurechenbares Gegenüber finden, an das er sich inmitten der unheimlichen Ambiguitäten des Kapitalismus halten kann". Der Melancholiker Michael Gassmann erzählt von der langen Nacht der Klaviere beim Beethovenfest in Bonn. Kmp. schreibt einen kurzen Nachruf auf den "Pionier des indischen Romans in englischer Sprache", Mulk Raj Anand (mehr hier). Ulrich Olshausen schreibt über das Festival Son Cuba in Darmstadt. Jürgen Kaube war bei einer Tagung der katholischen Görres-Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaft in Osnabrück. Frankreichs Kultur und Forschung bekommen im nächsten Jahr deutlich höhere Subventionen - warum das nicht überall positiv gesehen wird, erklärt Jürg Altwegg. Martin Kämpchen berichtet über Querelen anlässlich des Kulturfests zum 350. Geburtstag des Taj Mahal.

Auf der Kinoseite meldet Michael Althen, dass die CDU/CSU-Bundestagsfraktion zu einer exklusiven Vorführung des "Untergangs" eingeladen wurde, um im letzten Satz Bernd Eichinger eine mitzugeben. Eine Meldung verkündet, dass der Europäischer Filmpreis an Liv Ullmann geht (mehr hier). Auf der letzten Seite beschreibt Andreas Rossmann bis auf den "Verschraubungspunkte der Schalungsbretter" Tadao Andos Bau für die Sammlung Langen auf der Raketenstation Hombroich vor (Thomas Kling lebt dort). Irene Bazinger kann sich über Thomas Flierls Rettung des Berliner Caroussel-Theaters nicht so recht freuen, wenn sie seine "Empfehlungen" für die künstlerische Ausrichtung des Theaters liest. Und Andreas Platthaus porträtiert den Theologen Hubert Wolf, der heute abend den Communicator-Preis des Stifterverbands der Deutschen Wirtschaft verliehen bekommt.

Besprochen werden eine Ausstellung der "Effeschiaden" Fritz Schweglers in der Düsseldorfer KunsthallePedro Almodovars Film "Schlechte Erziehung" (von Andreas Kilb mit bewegenden Worten gefeiert) und Errol Morris "bewegender" Dokumentarfilm "The Fog of War" über den ehemaligen amerikanischen Verteidigungsminister Robert McNamara: "McNamara bleibt keine Antwort schuldig; nur ganz am Ende, in einer mit 'Epilog' betitelten Einstellung, die McNamara am Steuer seines Wagens zeigt, bekommt er drei Fragen gestellt, denen er ausweicht. Darunter: Ob er sich schuldig fühle? Er braucht nicht zu antworten, denn das hat der Film mehr als hundert Minuten lang klargemacht: Robert McNamara fühlt sich nicht schuldig. Schuld ist eine Kategorie für Verlierer", schreibt Andreas Platthaus. Auf der Kinoseite gibt es außerdem das vielleicht beste Interview mit dem Regisseur.

Und weil wir das gestern nicht bemerkt haben: auch Patrick Bahners' Rezension des Jane-Campion-Films "In the Cut" ("Susanna Moores Thriller aus dem Jahre 1995 war das Manifest einer radikalfeministischen Anti-Hermeneutik") ist online zu lesen.

NZZ, 30.09.2004

R.E.M.-Gitarrist Peter Buck plaudert im Interview über die neue CD der Gruppe und über Politik: "Die Rechte hat zum Kulturkrieg ausgerufen. Sie meint, Degenerierte wie wir müssten ausgemerzt werden. Aber das werden sie nie schaffen; da kann der Präsident noch so viel Macht haben, da kann der Senat noch so weit nach rechts rutschen. Es wird nie gelingen, einen Marilyn Manson aus dem Business zu vertreiben."

Weiteres: Paul Jandl findet wenig Heiligmäßiges im Leben von Karl I., Österreichs letztem Kaiser, der selig gesprochen werden soll. Besprochen werden die Rubens-Ausstellung in Braunschweig, die zweite Solo-CD des Rappers Talib Kweli und Habib Tengours Roman "Der Fisch des Moses" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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SZ, 30.09.2004

"Jetzt fangen Sie schon wieder mit Bush an!" pariert der amerikanische Schockrocker Marilyn Manson eine entsprechende Interviewfrage von Oliver Fuchs. "Der Mann ist doch gar nicht so wichtig. Und außerdem als Mensch eher uninteressant. Amerikas Problem ist, dass die Amerikaner sich selbst mehr hassen als je zuvor. Und dass sie es gar nicht merken, weil im Fernsehen immer alle lächeln. Aber es gibt Hoffnung."

Bernd Graff stellt uns das ASSIST-Program des US-Verteidigungsministerium vor, eine Hardware für die Uniform, die alle physischen und Kontext-Daten des GI registriert und an einen zentralen Server übermittelt.: "Gedacht ist ASSIST dann als ein zweistufiges System, das zum einen sämtliche Lebensimpulse und Wahrnehmungen seines Trägers übermitteln soll. Zum anderen soll es als ein von seinem Träger unabhängiger Automatismus eine eigene Situations- und Datenanalyse betreiben. Es soll eigenständig und lernfähig sein, soll selber Objekte klassifizieren und Freund-Feind-Muster erkennen. Man erwartet von ihm, dass es Wissen aufbaut und Erfahrung sammelt. Dass es also reift. Unabhängig von seinem Transport-Wirt, dem Soldaten."

Weitere Artikel: Willy Winkler beklagt das Ende des Quelle-Katalogs. Alexander Menden hat Chris Kentis und Laura Lau zu ihrem nervenzerfetzenden Film "Open Water" befragt. Anläßlich des 100. Geburtstags von Grahame Greene erinnert Fritz Göttler daran, dass der Schriftsteller zeitweise auch Filmkritiker war, und wundert sich, warum seine in englischer Sprache unter dem Titel "The Pleasure Dome" erschienen Kritiken nie in Deutschland veröffentlicht worden sind. Karl Forster gratuliert Udo Jürgens zum siebzigsten Geburtstag ("Simmel wurde wenigstens von einem der Literaturpäpste mit Achtung geadelt. Bei Udo Jürgens versagte den Edlen der Musikbeurteilung die Feder. Und das ist vielleicht doch ein Versäumnis.")

Besprochen werden Pedro Almodovars neuer Film "Schlechte Erziehung", Jane Campions Film "In the Cut" (für Tobias Kniebe der herzloseste Film aller Zeiten: "Von Frauen produziert, von Frauen geschrieben, von einer Frau inszeniert, mit einem weiblichen Star. Kein Mann hatte hier das Geringste zu sagen." Das ist wirklich schlimm!), eine Ausstellung über die Kultur in der antiken Weltstadt Karthago im Badischen Landesmuseum Karlsruhe, Stephen Sondheims Musical-Thriller "Sweeney Todd" in der Komischen Oper Berlin, eine Ausstellung mit Arbeiten der Schweizer Architekten Diener & Diener in der Münchner Pinakothek der Moderne und Bücher, darunter Gisbert Jänickes "wunderbare" Neuübersetzung des finnischen Nationalepos "Kalewala" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 30.09.2004

"Die Luft ist dick in diesem Land", schreibt der israelische Soziologe Natan Sznaider. "Erinnerungen an 1995 werden wach, als Rabin ermordet wurde und der damals schon hinkende Friedensprozess aus den Fugen geriet. Seither versuchen alle Nachfolger Rabins, Frieden zu schließen, und zwar innerhalb der israelischen Gesellschaft. Nicht nur, dass der Friedensprozess auch durch palästinensischen Terror und israelische Unerbittlichkeit ins Schwanken kam, er verlor die Legitimation bei Israelis und Palästinensern. Gewalt wurde durch noch mehr Gewalt ersetzt. Die israelischen Repressalien gegen die Palästinenser wurden immer schärfer, die Bevölkerungen auf beiden Seiten unbeweglicher, Politik jenseits der Politiker nicht mehr tragfähig. Dazu kam die wachsende Überzeugung, dass der Staat Israel im Endeffekt nichts zur Normalisierung jüdischer Existenz beigetragen hat. Während die zionistischen Vordenker glaubten, dass der Antisemitismus mit der politischen Souveränität Israels verschwinden würde, hat sich nun gezeigt, dass es sich nur um eine Atempause für die Antisemiten handelte. Die Judenvernichtung wurde umgedacht in eine globale Katastrophe, in der die Rolle von Tätern und Opfern beliebig austauschbar wurde. Israel wurde in die Zeit vor seiner Gründung zurückgeworfen."

Weitere Artikel: Inge Günther hat den palästinenschen Schriftsteller Raja Shehadeh ("Fremd in Ramallah") in seinem Haus in Ramallah besucht. "Wo und wann ist eigentlich das H verloren gegangen? Das H in Kaufhaus. Kauf aus. Eigentlich ganz einfach," räsoniert Alexander Kluy in der Kolumne Times Mager. Besprochen werden Künstlerkurzfilme, die die Frankfurter Schirn in Aufttrag gab.

Berliner Zeitung, 30.09.2004

In der Berliner Zeitung unterhält sich Natasche Freundel mit Gore Vidal, der aus Anlass des Literaturfestivals in Berlin weilt. Die erste Frage lautet so: "Sie schreiben über die 'Vereinigten Staaten der Amnesie'. Was ist denn mit der Erinnerung der Amerikaner passiert?" Und die Antwort: "Hab' ich vergessen."


Stichwörter: Berlin, Gore Vidal

TAZ, 30.09.2004

Es gibt ihn, den europäischen Traum, ruft Jeremy Rifkin (mehr) auf der Meinungsseite in einem Interview den Europäern zu, die seiner Ansicht nach unter einem Unterlegenheitskomplex leiden. "Bleiben wir bei den Fakten: Die EU umfasst 450 Millionen Menschen, aus 25 Ländern. Das ist nicht bloß ein wirtschaftlicher Fakt, sondern ein politisch unerhörter Prozess des Zusammenschlusses. Die EU ist die größte Volkswirtschaft der Welt - um 100 Milliarden Dollar stärker als die USA. Die EU ist die größte Exportmacht der Welt. Sie hat den größten internen Markt. 61 der 150 größten Unternehmen kommen aus Europa, aus den USA nur 50. Die wichtigsten Banken kommen aus Europa. Es dominiert die Luftfahrt- und die Chemieindustrie. Klar, die USA dominieren in anderen Bereichen, aber es stimmt einfach nicht, dass Europa es mit den USA nicht aufnehmen kann."

Im Kulturteil schildert Meike Jansen den Auftritt der Modedesignerin Lisa D beim transart-Festival in Trient. Katrin Bettina Müller freut sich über die frei gewordenen Energien der Choreografin Sasha Waltz, die sich aus dem Leitungsteam der Berliner Schaubühne zurückgezogen hat. Tobias Rapp hat beobachtet, wie Politrapper und deutsche Reggae-Sänger auf der Popkomm den Imagewechsel suchen. In der taz zwei gratuliert Jan Feddersen Udo Jürgens zum Siebzigsten.

Besprochen werden Pedro Almodovars neuer Film "Schlechte Erziehung", Jane Campions Film "In the Cut" (mit Meg Ryan) und Roman Krals Film "Musica Cubana".

Schließlich Tom.