Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.03.2004. In der SZ versucht Timothy Garton Ash, das Alte Europa aufzuwecken. Die FAZ ruft dem abtretenden spanischen Ministerpräsidenten Aznar ein paar sehr strenge Worte hinterher. Die NZZ schwärmt vom Berliner Wissenschaftskolleg. Die FR rettet den Osten.

SZ, 15.03.2004

Die SZ gibt es jetzt nach kostenloser Registrierung als E-Paper. Funktioniert nicht immer, also öfter probieren.

In der SZ denken zwei Autoren über die Folgen des Terrors von Madrid nach. Der Historiker Timothy Garton Ash (mehr) glaubt, dass die Anschläge Europa enger zusammenschweißen werden. Und endlich aufwecken. "Fast eintausend Tage lang haben Europäer und Amerikaner in verschiedenen Epochen gelebt. Europa hat sich nach dem 11. September nicht so verändert, wie die Vereinigten Staaten es taten. Wir fühlten uns nicht in der Weise im Krieg wie die Amerikaner. Ist das nun anders? Wird unser Ruf 'Wir sind alle Spanier' länger gelten? ... Seien wir ehrlich. Wir Europäer haben nach dem 11. September zu lange friedlich geschlafen."

Der spanische Schriftsteller Manuel Rivas (mehr) versucht, Worte für den spanischen Schmerz zu finden: "Es gibt Fische, die ihre Jungen im Mund ausbrüten. Jetzt wissen wir, wo sich die Worte versteckt haben. Wo sie Unterschlupf fanden. Im Schmerz brüten die Münder die Worte von neuem aus. Sie bedeuten, was sie früher bedeuteten, aber jetzt haben sie eine Bedeutung mehr. Die Worte sind Überlebende, die auch im Namen der Toten sprechen."

Tobias Kniebe berichtet stimmungsvoll von den Dreharbeiten zu einem Musik-Dokumentations-Spielfilm in Hamburg, bei dem Jürgen Vogel echte Rockkonzerte gibt und überhaupt niemand mehr weiß, was echt und was Einfall des Regisseurs ist. "Zum Beispiel der ältere Herr, der sich in Wilhelmshaven ungefragt an den Tisch setzte. Er erzählte so überzeugend von seiner verlorenen Liebe, dass Heike Makatsch weinen musste -erst hinterher erfuhr sie, dass er ein Mime vom Ohnesorg-Theater war."

Weitere Artikel: Bernd Feuchtner würdigt Zukunft@BPhl, das Nachwuchs- und Erziehungsprogramm der Berliner Philharmoniker. Jens Bisky begrüßt Karin von Welck als mutmaßliche neue Hamburger Kultursenatorin. G.K. freut sich, dass Griechenland nicht mehr auf die Rückgabe der Elgin Marbles durch Großbritannien beharrt (hier die Seite der griechischen Rückgabekampagne). Kathrin Lauer informiert über den Protest von 84 ungarischen Literaten gegen den Antisemitismus in den eigenen Reihen. Um die Zukunft ihrer Disziplin besorgte Geisteswissenschaftler haben ein "Bändchen" herausgegeben (Dorothee Kimmich u.a.: "Universität ohne Zukunft?"), dass Stefan Rebenich zu einer Suada über die "völlig verfehlte", da marktwirtschaftlich orientierte Hochschulpolitik animiert. Elegische Weltflucht beobachtet Jörg Häntzschel bei den Künstlern auf der Whitney Biennale sowie der Armory Show in New York. Und Detlef Esslinger denkt auf der Medienseite darüber nach, wie angreifbar Zeitungen in Parteieinhand sind.

Besprochen werden Peter Konwitschnys "plattgebügelte" Version der "Zauberflöte" in Stuttgart, Constanza Macras Tanzexplosion "Back to the Present" in den Berliner Sophiensälen ("Macras ist die Bombe von außen. Ihre Explosion ist das schon lange unvertraut gewordenen Gelächter in einer von Defiziten regierten Bühnenlandschaft."), die Uraufführung von Martin Heckmanns' "High-Speed-Groteske" "Kränk" in Berlin, Sören Voigts "traumhafter" Film "Identity Kills", und Bücher, darunter die von Thomas Böhm herausgegebene Annäherung an das Phänomen der Autorenlesung "Auf kurze Distanz" sowie Edward Careys phantastischer Roman "Alva & Irva" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

NZZ, 15.03.2004

Joachim Güntner hat das Berliner Wissenschaftskolleg besucht und schwärmt nun von den Freiheiten der dort für jeweils ein Jahr "umsorgten" Wissenschaftler: kein Leistungsprinzip, kein Erfolgsdruck, nur der reine "Luxus einer souveränen geistigen Existenz". Nur wenige Stolpersteine säumen den Weg eigenbrötlerischer Fellows, amüsiert sich Güntner: "Wissenschafter mit Hang zum Eremitendasein tragen schwer an den rituellen Tafelrunden. Die gute Küche im Kolleg ist nichts, was sie trösten könnte. Bekenntnisse der Art 'Habe gelitten unter den langen Mittagessen' finden sich in den Annalen des Hauses ebenso häufig wie gegenläufige Einsichten folgenden Tenors: 'Die gemeinsamen Mittagessen waren genau der richtige Zwang, der die Degeneration von Einsamkeit in Vereinsamung verhinderte.'"

Barbara Spengler-Axiopoulos berichtet in einem Schauplatz von oft universitär gebildeten Osteuropäerinnen, die sich in Südeuropa - besonders in Griechenland - als Dienstmädchen verdingen, um ihre Familie daheim zu ernähren: "Die Primärtugenden der Dienstmädchen aus dem 19. Jahrhundert 'Hören, Sehen und Schweigen' gelten auch heute noch. Je diskreter und umsichtiger sich die Frauen verhalten, desto beliebter sind sie. Dennoch sind sie nicht nur bemitleidenswerte Opfer. Gerade bei den gebildeten Frauen fällt die intelligente Strategie auf, mit der sie ihr Leben planen." Und Hanno Helbling porträtiert den am 13. März verstorbenen Kardinal Franz König (mehr hier).

Besprochen werden Peter Konwitschnys (mehr hier) Inszenierung der "Zauberflöte" in Stuttgart, Christine Jeffs' Filmbiografie über die amerikanische Dichterin Sylvia Plath ("ein trockenes, einfallsloses 'biographical picture', das elegant alle epigonalen Fettnäpfchen, aber auch sämtliche Fragen umschifft, die man an das Leben und Werk der Amerikanerin 41 Jahre nach ihrem Tod noch einmal hätte stellen können", meint Alexandra Stäheli) und eine Aufführung von Renate Burckhardts "Vom Fallen und Fliegen" am Theaters Biel Solothurn.

TAZ, 15.03.2004

Der Sprachwissenschaftler und Kritiker der US-Außenpolitik Noam Chomsky (mehr) geißelt im Interview auf der Tagesthemenseite natürlich die Zerstörung der amerikanischen Demokratie durch die Neoliberalen, macht aber auch interessante Äußerungen zu den Grenzen der Wissenschaft. "Ich habe nichts gegen Theorien. Wenn es welche gäbe, wäre ich froh. Aber abgesehen von sehr begrenzten Gebieten, gibt es kein tiefgründiges Verstehen. Selbst der Großteil der Naturwissenschaften ist deskriptiv. Und wenn man sich mit menschlichem Verhalten beschäftigt, wird nichts verstanden. Es ist zu kompliziert! Man kann es mit einer schwerfälligen Stimme beschreiben, um wichtiger zu klingen."

Im Feuilleton widmet sich Christoph Twickel in einem Stimmungsbericht den Zeichen, die das trauernde Madrid bestimmen. Jan Süselbeck verfolgt die Debatte im Bundestag zur auswärtigen Kulturpolitik und staunt über den neuen Schmusekurs. Als "modellhaften Ritt durch 40 Jahre westdeutsche Geschichte" empfindet Christiane Kühl die mittlerweile elfte Fassung von Volker Ludwigs und Detlef Michels Stück "Eine linke Geschichte" im Berliner Grips Theater.

Ein Jahr nach der Verkündung der Agenda 2010 (mehr) beschäftigt sich die taz in acht Gastbeiträgen mit dem Zustand der Republik. In der zweiten taz vergleicht Wladimir Kaminer (mehr) russische und deutsche Verdrängungsmechanismen. "In Russland reden die Politiker gern von kriminellen Oligarchen, hier von unwilligen Arbeitslosen, die dem Staat die Kohle klauen, um sich in Miami zu sonnen." DGB-Chef Michael Sommer warnt davor, die Gewerkschaften zu marginalisieren, Martin Kannegiesser vom Arbeitgeberverband hält die Reformmüdigkeit für fatal, und der tschechische Botschafter Boris Lazar freut sich, wenn es Deutschland besser geht. Auf der Meinungsseite gibt Christian Semler schließlich Entwarnung: Bürgersinn und republikanische Tugenden sind hierzulande einfach nicht totzukriegen.

Auf der Medienseite beäugt Peter Unfried 1860-Präsident Karl-Heinz Wildmoser, der nach seinem Gefängnisaufenthalt eine Glaubwürdigkeitskampagne gestartet hat. Und Steffen Grimberg kündigt weitere Kürzungen bei der FR an.

Und Tom.
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FR, 15.03.2004

Im Feuilleton analysiert Dieter Rulff in einem Grundsatzartikel die politische Lage, um schließlich eine Leitidee für das sozialdemokratische Regieren von heute zu entwerfen. Harry Nutt schimpft in Times mager über den bürokratischen Automatismus, wie er in der Auswärtigen Kulturpolitik in den vergangenen Wochen zu beobachten war. Karin von Welck soll neue Hamburger Kultursenatorin werden, wie gemeldet wird.

Der Osten hinkt hinterher, befindet die FR und widmet ihm flugs eine Sonderseite. Kurt Biedenkopf, ehemaliger Ministerpräsident von Sachsen, mahnt im Interview zur Geduld. "Ich habe immer gesagt, das dauert eine Generation." Das Grundproblem kennt er auch. "Das eigentliche Defizit im Osten ist die Zerstörung der bürgerlichen Mittelschicht durch den Kommunismus." Christoph Seils liefert einen Stimmungsbericht aus der Stadt Brandenburg, und prophezeit zudem, dass die neuen Bundesländer mit der EU-Osterweiterung endgültig zur Transitwüste verkommen. Schön zu lesen ist auf der Medienseite Karin Wilkens Porträt des Shakespeare-Lesers Christoph Keese, der als Chefredakteur der Financial Times Deutschland zur Welt am Sonntag wechselt.

Eine einsame Besprechung widmet sich Peter Konwitschnys Inszenierung von Mozarts Zauberflöte in Stuttgart ("Das wurde dann doch noch eine starke Sache.")

FAZ, 15.03.2004

Noch ohne das Wahlergebnis in Spanien zu kennen, entlässt Paul Ingendaay den spanischen Ministerpräsidenten Aznar mit strengen Worten: "Die letzten Tage der Amtszeit von Ministerpräsident Aznar könnten zum Grab seines Nachruhms werden. Aznar hat den einen Terrorismus benutzt und den anderen verdrängt. Kaum jemand hat mehr dazu beigetragen, die Spanier zu spalten, und das nicht allein durch politische Taten: Es reichten kalkulierte Beleidigungen, Herabsetzungen und das penetrante Herumfuchteln mit den Requisiten des ranzigsten Patriotismus, mit dem sich die Regierungspartei zur einsamen Hüterin von Recht und Wahrheit aufspielte."

Weitere Artikel: Das Rubens-Jahr beginnt. Niklas Maak hat sich in Antwerpen eine große Ausstellung über Rubens' Sammlung und seine eigenen Kopien anderer Maler angesehen. Ilona Lehnart annonciert einen Festakt der Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit dem Bundeskanzler höchstpersönlich als Festredner - Anlass ist, dass die Stiftung Caspar David Friedrichs "Watzmann" als Leihgabe weiterhin behalten darf, obwohl es als Raubkunst gelten muss - versteht man Lehnart richtig, so haben die Eigentümer einer Entschädigung zugestimmt. Andreas Rosenfelder beobachtete in Köln eine Demonstration von Verteidigern des Kopftuchs. Christian Geyer glossiert die Äußerung eines Papstsprechers, der Mel Gibsons "Passion"-Film als "Transkription" des Neuen Testaments sieht und darauf kühn schloss: Wenn der Film "antisemitisch wäre, dann wären es auch die Evangelien". Michael Jeismann resümiert eine Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung zum Thema Flucht und Vertreibung, auf der auch nach einer Alternative zu einem Zentrum gegen Vertreibungen in Berlin gesucht wurde. Wolfgang Sandner gratuliert dem Jazzpianisten Joachim Kühn zum Sechzigsten.

Auf der letzten Seite betreibt Tom Holert eine Diskursanalyse der Metapher vom "brain drain". Und Patrick Bahners knüpft an einen Vortrag des Erzbischofs von Canterbury Rowan Williams in Bonn einige fromme, den anglikanischen Protestantismus betreffende Fragen wie: "Kann die via media zum Heil führen?"

Auf der Medienseite empfiehlt Hans-Dieter Seidel den Fernsehfilm "Die Ärztin" mit Anja Kling. Und Jörg Thomann erinnert in der Reihe "Stimmen" an die Stimme des Radiomoderators Lutz Bertram, der über eine Stasi-Affäre stolperte.

Besprochen werden eine "Zauberflöte" unter Peter Konwitschny und Lothar Zagrosek in Stuttgart, eine Dramatisierung von Sven Regeners "Herr Lehmann" in Wiesbaden, eine "Kassandra"-Choreografie der Schwestern Keersmaeker in Brüssel und Richard Donners Film "Timeline".