Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.12.2003. Hans-Ulrich Wehler plädiert in der FAZ gegen eine Aufnahme der Türkei in die EU - genauso denkt Heinrich-August Winkler in der Welt. In China entdeckt die SZ, dass Raubkopien einen Beitrag zur Völkerverständigung leisten. Auch Richard Wagner erfreut sich in der FR an der subversiven Faszination von Raubkopien.

SZ, 19.12.2003

Kai Strittmatter wandelt durch das Land, in dem "nur der Betrug echt" ist, durch die "Fakerepublik und Worldwidewerkstatt" China. Vom Golfschläger bis zum Weißen Haus, von Rolex-Uhren bis zu den Armani-Hemden, vom Fußballspiel bis zum zwölften Harry-Potter-Band - hier gibt es nichts, was sich nicht fälschen ließe. Strittmatter gewinnt dem aber auch Positives ab: "Praktisch jeder Computer in China läuft mit Raubkopien; keiner, der sich DVDs anschaut, hat mehr als 7 Yuan (70 Cents) für das Stück bezahlt. Der Umkehrschluss bedeutet im Noch-Immer-Entwicklungsland China aber: Wären nur die Originale zu haben - fast alle müssten darauf verzichten. 'Mit Raubkopien habe ich die Pop-Geschichte nachgeholt, angefangen bei den Beatles', erzählt ein befreundeter Musiker. Die Raubkopiererei ist das mächtigste Programm zur Einführung von Chinas Massen in westliche Kultur, kein geringer Beitrag also zur Völkerverständigung."

Weitere Artikel: Andrian Kreye berichtet von einem Akt der Verzweiflung in Washington: dem Filibustern, eine Art Hinhaltetaktik. Damit wollen die Demokraten die Berufung neuer, konservativer Bundesrichter verhindern. Michael Winter wirft in der Reihe "Verblasste Mythen" einen Blick auf die zurzeit wichtigste, dabei vollkommen undurchsichtige Person des Verbrauchers. Siggi Weidemann kolportiert eine holländischen Studie, die im Auftrag von Ministerpräsident Jan Peter Balkenende feststellt, dass "Gesellschaft und Politik an falsch verstandenem Individualismus und bequemen Kollektivismus leiden". Jens Bisky war bei der Eröffnung des Hauses der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam. "tost" findet auch nach einem richterlichen Urteilsspruch die Rolle des umstrittenen dänischen Ökologen Björn Lomborg ("Apocalypse No!") nicht gänzlich geklärt. Und "shan" meldet, dass die Amerikaner im Frühjahr das Irak-Museum wieder eröffnen wollen.

Besprochen werden Didi Danquarts Inszenierung von Ilan Hatsors "Vermummte" in Freiburg, Stefan Heims Aufführung des "Don Carlos" in Linz, eine Regensburger Ausstellung über politische Propaganda zu Weihnachten, eine Lenbach-Schau in Leverkusen, eine Ausstellung zum Thema Körper und Buch in Wolfenbüttel, Jon Favreaus Jahresendzeitfilm "Buddy - der Weihnachtself" und Bücher, darunter der Briefwechsel zwischen Hermann Hesse und Hugo und Emmy Ball und überhaupt Neues zum "Leben, Universum und dem ganzen Rest" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Welt, 19.12.2003

Im Interview spricht der Historiker Heinrich August Winkler über die bisher "tiefste Krise" Europas. Polen hat als Dank für die Aufnahme die Verfassung platzen lassen, nächstes Jahr wird über die Aufnahme der Türkei verhandelt. Winkler ist dagegen und plädiert lieber für eine "privilegierte" Partnerschaft. "Ich halte es für einen Ausdruck schieren Wunschdenkens, zu glauben, das sei innerhalb weniger Jahre zu schaffen. Wenn wir über die politische Kultur Europas sprechen, dann meinen wir das Erbe des historischen Okzidents, in dem die Urform von Gewaltenteilung, die Trennung von weltlicher und geistlicher Gewalt, bereits im Mittelalter stattgefunden hat. Hier konnte sich der Prozess der Säkularisierung, Pluralisierung und Individualisierung in ganz anderer Weise entfalten als in der Türkei, wo wir es noch heute mit den Folgen einer in relativ kurzer Zeit vollzogenen Zwangssäkularisierung zu tun haben. Hier, und nicht im Gegensatz zwischen Christentum und Islam in abstracto, liegt das eigentliche Problem, das bei der Annäherung der Türkei an Europa zu bedenken ist."

FR, 19.12.2003

Der Schriftsteller Richard Wagner sucht den neuen Untergrund: Party, Flashmob, Studentenproteste? "Je mehr die Eventkultur um sich greift und die Lebenswelt zu reglementieren beginnt, umso häufiger wird das Regelwerk selbst aufgegriffen, um das System zu unterlaufen. Die Mittel sind das Spiel und das Bild. Die Schrift wird zur Signatur, wie im Mittelalter. Bilder entscheiden über die Wahrnehmungsweise. Das Subversive ist zwar für tot erklärt, aber das Bedürfnis danach sitzt viel tiefer, als es mit einer Utopie zu erklären wäre. Noch durch die Graffiti an den renovierten Fassaden macht sich das Unbehagen an der Ordnung Luft. Die Chiffre Che bildet die Brücke von der Tradition zum neuen Ungehorsam. Ein erstes Aufbegehren gegen die allgegenwärtige Reglementierung war Napster. Die Raubkopie, wie man es in politisierten Zeiten nannte, hat eine besondere Faszination, für die der Antrieb nicht bloß das Geldsparen sein kann."

Weitere Artikel: Die Religionswissenschaftlerin Sigrun Anselm sinniert wie sich die Mühen der Arbeit verändert haben. In Times Mager denkt sich Sabine Horst die Hobbits Frodo und Sam als Globalisierungsgegner. Eine Meldung besagt, dass Brockhaus die Harenberg Verlage übernimmt. Besprochen werden die CD "The Essential Bruce Springsteen" und Bücher, darunter eine Studie des Hirnforschers Antonio R. Damasio: "Der Spinoza-Effekt. Wie Gefühle unser Leben bestimmen" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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TAZ, 19.12.2003

Dirk Knipphals erinnert uns daran, dass es sinnvoll wäre, vor dem Fest noch schnell "zwei, drei Kilo Speck" abzutrainieren: "Aber, wohlgemerkt! Es geht bei diesen Schrumpfungswünschen nur um Bewusstseinsphänomene und allerhöchstens um Übermaßabbau. Reales Schrumpfen findet niemand gut (außer bei Laptops und Multimediageräten)."

Sebastian Moll weiß, warum die amerikanischen Medien so "zahnlos" wirken: Nicht nur weil sie konservativ sind, sondern auch wegen ihrer "fast sklavischen und oft hölzern wirkenden Selbstverpflichtung zur Neutralität". Tobias Rapp widmet sich den neuen Alben der Isley Brothers. Für die tazzwei plaudert Jan Feddersen mit dem milde gewordenen TV-Rabauken Stefan Raab. Wir zitieren den Anfang: "'Herr Raab, finden Sie sich sexy? - 'Nee.' - 'Warum nicht?' - 'Habe ich nie drüber nachgedacht. Will ich auch nicht sein. Sexy? Wenn jemand sich schmierig-schnöselig-modisch anzieht, ist das irgendwie peinlich.'"

Und noch TOM.

NZZ, 19.12.2003

Marc Zitzmann schreibt ein hübsches Porträt des "Diener der Künste" Pierre Berge, früher Chef der Bastille-Oper und Manager von Yves Saint Laurent. "An einer anthologiereifen Stelle im zweiten unserer Gespräche sagt Berge: 'Ich möchte von niemandem Übles sagen, olalaaa . . .' Dann blickt er erwartungsvoll auf und fügt fast bittend hinzu: 'Aber ich könnte.' Die leicht fiebrige Intonation, das langgezogene 'aaa' und der funkelnde Blick verweisen auf die alte, genuin französische Tradition der medisance. Berge hat Kreise frequentiert - die der Noailles, der Rothschilds -, die noch (mindestens) einen Fuß im 19. Jahrhundert hatten: Üble Nachrede galt hier als eine Art Kunsthandwerk."

Weitere Artikel: Der irakische Exilschriftsteller Khalid al-Maaly kann es kaum glauben, dass die Nachricht von Saddam Husseins Verhaftung tatsächlich stimmen soll. Zwanzig Jahre lang gab es immer wieder Berichte über den angeblichen Tod des Diktators. Martin Krumbholz stellt den Regisseur und künftigen Stuttgarter Intendanten Hasko Weber vor. Den Weg und die Geschichte der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg zeichnet Martin Treml nach.

Auf der Filmseite beschreibt Gerda Wurzenberger ihre Eindrücke von der niederländischen Bestsellerverfilmung "Die Zwillinge". Geri Krebs hat auf dem 25. Internationalen Filmfestival Havanna "außer dem Aufblühen des brasilianischen Films" nur wenig Neues entdeckt. Til Brockmann weiß zu berichten, dass im neuen Film Kim Ki-duks "Spring, Summer, Fall, Winter ... and Spring" zwar wieder "Extreme menschlichen Treibens" beschrieben werden, doch diesmal in eher besinnlichen und poetischen Tönen". György Palfis düsteres Film-Idyll "Hukkle" hat Christoph Egger recht gut gefallen. Eine Besprechung widmet sich noch Barrie Koskys "Poppea"-Experiment im Wiener Schauspielhaus.

Auf der Medien- und Informatikseite geht es um Liebe. "Das Internet hat mittlerweile ... in puncto Partnersuche und Paarbildung mit den traditionellen Bereichen der Kontaktanbahnung Arbeitsplatz und Freizeit gleichgezogen", stellt Elsbeth Tobler fest. Aber auch das Bedürfnis nach Qualität und Sicherheit wachse. Ein Auswahl von websites (von der Redaktion geprüft?) ergänzt den ausführlichen Artikel.

Weiteres: Seth stellt pädagogisch wertvolle Computerspiele vor. Und eine Meldung besagt, dass Linus Torvalds am Donnerstag die Version 2.6 des Linux-Kernels fertiggestellt und zur kostenlosen Nutzung freigegeben hat.

FAZ, 19.12.2003

Hans-Ulrich Wehler, der Autor einer weithin gelobten "Deutschen Gesellschaftsgeschichte", plädiert in einem größeren Artikel gegen eine Aufnahme der Türkei in die EU, über die ab nächstem Jahr verhandelt werden soll. Eines seiner Argumente sieht er in einem antiwestlichen Impuls des Islams: Unter den Weltreligionen könne "allein der Islam offenbar einen Kernbestand von religiösen Überzeugungen mobilisieren, die gegen die Gefahr der Überwältigung durch die westliche Moderne zu einem radikal antiwestlichen Fundamentalismus gesteigert werden können. Wo bleibt nur eine innerislamische Aufklärung oder Reformation, die sich solcher Probleme endlich annimmt?"

Gerhard Stadelmaier fordert die Hörer zum Boykott jener neumodischen "Kultur"-Radios auf, die die klassische Musik unter Zuhilfenahme unserer Gebührengelder zu quotengerechtem Appetizerformat verhackstücken: "'Da werden Sie aufwachen!' kräht die muntere, aber sonst durch nichts ausgewiesene Moderatorin - eine Fanfare von Telemann, dann einen finnischen Tango, dann eine Ouvertüre von Nicolai, dann eine Rockgitarren-Nummer, hierauf den zweiten Satz aus einem Mozart-Streichquintett, darauf Oscar Petersons Klavier-Jazz-Perlen, dann einen doppelchörigen Bläsersatz von Gabrieli, unterbrochen von Verkehrsnachrichten, vermischten Meldungen oder gar Feuilletonschauen." Der Perlentaucher würde so etwas nie tun!

Weitere Artikel: Hans-Christoph Buch schildert die brenzlige Lage in Haiti, wo die Studenten kurz vor demm 200. Jahrestag der Revolution gegen das abgewirtschaftete Drogenregime des Präsidenten Aristide protestieren. Mark Siemons kommentiert die Haftentlassung Egon Krenz'. Lorenz Jäger freut sich, dass der Papst Mel Gibsons umstrittenem Film über die Passion Jesu durch einen lapidaren Satz - "It is as it was" - sein Plazet gab. Dieter Bartetzko berichtet, dass Archäologen 33.000 Jahre alte Elfenbeinschnitzereien gefunden haben. Frank Pergande schreibt zur Eröffnungen des Hauses für Brandenburgisch-Preußische Geschichte in Potsdam. Niklas Maak schreibt zum Tod des französischen Kunsthistorikers Daniel Arasse. Joseph Croitoru liest arabische Zeitungen und Zeitschriften, die sich mit der Festnahme Saddam Husseins befassen. Ursula Böhme unterhält sich mit dem Dirigenten und Alte-Musik-Spezialisten Christopher Hogwood.

Auf der letzten Seite besucht Wolfgang Pehnt die Architekturlandschaft Steiermark. Andreas Rossmann greift Gerard Mortiers Kritik an der Kulturpolitik in NRW auf und findet die in der Welt geführten Klagen des abtretenden Ruhrtriennale-Leiters übertrieben. Jürg Altwegg porträtiert den französischen Rechtsanwalt Jacques Verges der einst Terroristen des FLN und Klaus Barbie verteidigte und der sich nun um ein Mandat für Saddam Hussein bewirbt.

Auf der Medienseite unterhält sich Michael Hanfeld mit Gabi Bauer, die ihre ARD-Talkshow mangels Publikum aufgibt.

Besprochen werden eine Ausstellung mit antiken Porphyr-Statuen im Louvre, ein Konzert der Weakerthans in Donaueschingen, Veit Helmers Film "Tor zum Himmel" und einige Sachbücher, darunter das nun übersetzte Buch des Butlers von Lady Di, "Im Dienste meiner Königin".