Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.12.2003. Die FR lobt Ulla Berkewiczs zielbewusste Verantwortungsübernahme beim Suhrkamp Verlag. Die taz arbeitet sich zur Vaterlandsliebe hoch. Die NZZ erklärt, wo die Religion vom Sex zehrt und umgekehrt. Die FAZ ärgert sich über die erpresserischen Bayern. In der SZ feiert Fritz J. Raddatz den Fürsten der musikalischen Interpretation und Herzog der Theaterkritik: Joachim Kaiser.

SZ, 18.12.2003

"So aufgerissen sind unsere dummen Augen und wir murmeln, 'ein solches Wesen gibt es nicht', haben wir es mit Joachim Kaiser zu tun", schreibt Fritz J. Raddatz zum 75. Geburtstag des SZ-Doyens: "dem Fürsten der musikalischen Interpretation, der die Töne, denen er nachlauschte, in seiner Sprache nachhallen lässt; dem Herzog der Theaterkritiker, dessen früher Essay über Brechts 'Maßnahme' - eines von unendlich vielen Beispielen - sich auszeichnete durch gehärtete Präzision, deren das Stück - kalt und moralisch ungenau - entbehrt; dem wahren Kaiser der Literaturanalyse von Beckett bis zum jüngsten, wahrlich genialischen Aufsatz über Adorno in dieser Zeitung: das kann niemand außer ihm, so sorgfältig, so sittigend." (Hier kann man Martin Walsers Geburtstagsständchen für seinen Freund "Jochen" lesen und hier einen Geburtstagsbrief Wolfgang Wagners).

"Bis heute haben es die Vereinigten Staaten von Amerika nicht geschafft, sich öffentlich für die Sklaverei zu entschuldigen, weder bei den Nachkommen der Verschleppten in Amerika selbst noch bei den entvölkerten afrikanischen Staaten", lesen wir von Petra Steinfeld. "Was auch damit zu tun haben kann, dass dieses mächtige Land nicht weiß, was ein solches Schuldeingeständnis für die eigene Nation bedeutet... Nun hat Präsident Bush am Dienstag ein Gesetz unterzeichnet, das die Gründung eines Nationalen Museums für Afroamerikanische Geschichte und Kultur als Teil der Smithsonian Institution gestattet. Ohne große Zeremonie allerdings, schließlich war man mit einem gerade frisch Gefangenen sehr beschäftigt."

Weitere Themen: Holger Liebs freut sich, dass endlich auch München eine bedeutende Foto-Sammlung vorzweisen hat: gerade wurde die Siemens-Fotosammlung als Dauerleihgabe an die Pinakothek der Moderne übergeben. Reinhard J. Brembeck kommt zu dem Ergebnis, dass die ganze, vom Generalmusikdirektor der Berliner Lindenoper, Daniel Barenboim, und seinem Intendanten Peter Mussbach entfachte Aufregung um die Berliner Opernstiftung letztlich nicht mehr als ein Strohfeuer ist. Andrian Kreye berichtet von Protesten gegen die Ausstellung des Atombombers "Enola Gay" im neuen Luftfahrtmuseum bei Washington. Hans Jakob Meier schreibt zum Tod des französischen Kunsthistorikers Daniel Arasse. Fritz Göttler schreibt den Nachruf für die Hollywood-Schauspielerin Jeanne Crain. Und hier nennen die SZ-Filmkritiker zwölf Filme, für die sie dem ablaufenden Kinojahr dankbar sind.

Besprochen werden: Robert Bentons Philip-Roth-Verfilmung "Der menschliche Makel", Beat Fähs Uraufführung von Marianne Freidigs "Manana" am Staatsschauspiel Stuttgart, Elmar Fischers Film "Der fremde Freund", die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift "Fotogeschichte" über Dämmerungsfotografie, ein Konzert der koreanischen Cellistin Han-Na Chang in der Münchner Herkuleshalle (mehr hier) und Bücher, darunter Kerstin Ekmans Roman "Die letzten Flöße" und Johann Gottfried Herders "Italienische Reise" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

FR, 18.12.2003

Unseld-Biograf Peter Michalzik bricht eine Lanze für die neue Suhrkamp-Chefin, die ja auf einmal überall Ulla Unseld-Berkewicz heißt: Ulla Unseld-Berkewicz jedenfalls "hat klare Vorstellungen von dem, was sie will. Sie hat das Trauerjahr früh angekündigt und hat sich auch von Martin Walser und Ted Honderich nicht davon abbringen lassen, es einzuhalten. Sie ist eine durchsetzungsfähige Person vor allem dann, wenn es darauf ankommt. Sie hält jetzt alle wichtigen Positionen im Suhrkamp Verlag besetzt ... Sie verbindet einen Hang zum Symbolisch-Mystischen mit einer klaren und zielbewussten Verantwortungsübernahme. Möglicherweise liegt gerade in diesem Widerspruch ihre größte Stärke."

"Die Milliarde Euro, um die man sich vermeintlich im Vermittlungsausschuss verrechnet hat, wäre recht und billig in eine geistige Frischluftanlage investiert", findet Harry Nutt in der Kolumne Times Mager, "aber auf Geist, der sich nicht rechnet, will dieser Tage niemand setzen."

Weiteres: Ina Hartwig begrüßt die Neuzugänge in der Jury des Klagenfurter Literaturwettbewerbs und kommentiert den Frust ausscheidender Mitglieder wie Thomas Steinfeld. Besprochen wird eine Märklin-Ausstellung in der Tübinger Kunsthalle ("Kindheitsträume ins Monumentale gesteigert").

TAZ, 18.12.2003

Pünktlich zum Fest der Liebe (und von der CDU inspiriert) hat sich Christian Semler mit den Schwierigkeiten befasst, die es den Deutschen bereitet, ihr Vaterland zu lieben. "Liebe ist wunderbar, verordnete Liebe ist schrecklich. Warum soll ich meine Eltern lieben? Weil mir nichts anderes übrig bleibt? Was den väterlichen Part anbelangt, war schon Dr. Freud entschieden anderer Meinung. Wenn es hingegen nach Frau Dr. Merkel ginge, sollen wir jetzt außerdem noch unser Vaterland lieben. Oder zumindest ein liebevolles Verhältnis zu ihm entwickeln, wie der Generalsekretär von Dr. Merkel, Laurenz Meyer, präzisierte. Eigentlich geht es aber nicht darum, sich zur Vaterlandsliebe hochzuarbeiten. Sie ist schon in uns. Wir müssen nur die Fesseln lösen, die uns daran hinderten, sie auszuleben. Insofern beugen wir uns nicht unters Joch des Sollens, sondern folgen dem Gesetz der Natur ... Diese therapeutische Anweisung an die Deutschen stößt, ähnlich den Begleitzetteln vieler Medikamente, auf Verständnisschwierigkeiten."

Gerrit Bartels kommentiert die Rückkehr des Ullstein Verlags nach Berlin: "Die Wirtschaftsverwaltung begrüßte den Umzug schon im gewohnten Überschwang 'als positives Signal für den Verlagsstandort Berlin'. Den Status 'einer großen Verlagsstadt' erzielt Berlin jedoch so schnell nicht mehr: nicht nach den Aderlässen der letzten Jahre und nicht dadurch, dass Verlage wie am Reißbrett von hier nach da und wieder zurück geschoben werden. Ein kreatives, geschäftsförderndes Umfeld erneuert sich da nur langsam."

Besprochen werden Robert Bentons Verfilmung von Philip Roths Roman "Der menschliche Makel", Veit Helmers Spielfilm "Tor zum Himmel" und eine Retrospektive für den Fernseh- und Videogaleristen Gerry Schum in der Kunsthalle Düsseldorf.

Und hier TOM.
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Stichwörter: Berlin, Philip Roth

Welt, 18.12.2003

Dirigent Daniel Barenboim sagt noch einmal in einem Interview mit Volker Blech, was er von der Berliner Opernstiftung hält: "Ich habe nicht versucht, die Stiftung zu torpedieren. Wie ich dazu stehe, ist klar. Die Stiftungsidee ist blauäugig oder eine Lüge."

Außerdem schreibt der niederländische Schriftsteller Leon de Winter einen Brief an den "lieben Joschka Fischer", in dem er ihm Scheinheiligkeit vorwirft. Der Grund: Fischer hätte den USA nicht zur Verhaftung Saddam Husseins gratulieren dürfen, da er ja zuvor die amerikanischen Methoden des Regimewechsels abgelehnt hatte.

NZZ, 18.12.2003

In einem ganzseitigen Artikel schreibt Jonathan Fischer über "schwarze Popmusik zwischen Soul und Gospel, Sex und Religion, Ekstase und Erlösung": "In der schwarzen Kirche hatte alles seinen Ursprung genommen. Und ohne die schwarze Kirche wäre es auch heute düster bestellt um den Gospel-Bastard Pop: Fünfzig Jahre nachdem Ray Charles 'Jesus' gegen 'Baby' ausgetauscht hat, rekrutiert sich der Großteil von Amerikas R'n'B-Nachwuchs immer noch aus ihren Reihen, drängen Hunderte von Talenten aus den Bibelstunden in die Klubs. Ein folgenschweres Verwandtschaftsverhältnis: Stets durchdringen und beeinflussen sich Gospel und R'n'B aufs Neue - musikalisch, moralisch, materiell: Die Religion zehrt vom Sex und der Sex von der Religion."

Tobias Burghardt berichtet von einer "unverhofften Aufbruchstimmung", die mit dem neuen Staatspräsidenten Nestor Kirchner in Argentinien Einzug gehalten hat und die der Schriftsteller Ricardo Piglia wie folgt kommentiert: "Ich habe den Eindruck, dass die Regierung Themen auf eine Weise anspricht, wie es in Argentinien seit langem nicht der Fall war, denn sie macht soziale Widersprüche sichtbar, die zuvor totgeschwiegen wurden. Argentinien war eine homogene Realität, die stets einen Feind besaß: in der Zeit der Militärs das Übliche, wie wir wissen der Kommunismus; unter Alfonsin der militärische oder gewerkschaftliche Putsch; unter Menem das Gespenst der Hyperinflation und der Tradition, denn das Land sollte modernisiert werden und die Andersdenkenden lebten in der Vergangenheit. Jetzt spricht man endlich über Konflikte."

Besprochen werden die "aufwendige" Ausstellung "SchauSpielRaum - Theaterarchitektur" des Architekturmuseums der Technischen Universität München, das Gastspiel des Kölner Kammerorchesters in der Zürcher Tonhalle, John Barths (hier) Mammutroman "Der Tabakhändler", Sten Nadolnys Familienporträt "Ullsteinroman" und die mit "einen gewissen surrealen Thrill" daherkommenden frühen Erzählungen der italienischen Schriftstellerin Elsa Morante (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 18.12.2003

Bayern hat seine "erpresserische Kraft" überschätzt und jetzt wohl endgültig die Deutsche Kulturstiftung gekippt, ärgert sich in der Leitglosse Rh. "Bayern hat den vor einigen Jahren vom ersten Kulturstaatsminister Michael Naumann als Verfassungsfolklore bezeichneten föderalen Starrsinn auf die Spitze getrieben und darauf bestanden, dass das Veto eines einzigen Bundeslandes ausreicht, um jeden Vorschlag aus dem Hause der Kulturstaatsministerin zu kippen. Diese Forderung ließ das Projekt nun endgültig scheitern, veranschaulichte das zähe Fusionsverfahren (es kostete über die Jahre ziemlich viel gutbezahlte Zeit zahlreicher Beamter) doch gleichzeitig, wie es dann immer sein würde, wenn sich Länder und Bund gemeinsam um die Kultur bemühten." Zur Strafe wird der Bund jetzt sein Geld aus der Länderstiftung abziehen.

Weitere Artikel: Verena Lueken schreibt über das Goethe-Institut in Kabul, dessen Leiterin Renate Elsaesser höchsten Respekt genießt. "'Allem, was Sie tun', sagt der Minister mit Augen nur für sie, 'gewähre ich unbesehen meine Einwilligung.'" Zum Dank versetzt sie das Goethe-Institut jetzt nach Melbourne. Gina Thomas stellt den britischen National Arts Collections Fund vor, eine Stiftung die sich aus Gebühren und Schenkungen finanziert und mit ihrem Geld Kunstwerke vor dem Verkauf ins Ausland bewahrt. Kerstin Holm porträtiert den Geiger und Dirigenten Wladimir Spiwakow, der sich mit Konzertreihen um die "Horizonterweiterung der Moskauer Elite hochverdient" macht. Dirk Schümer berichtet, dass die katholische Kirche mit dem neuen Embryonenschutzgesetz in Italien ihre Vorstellungen zur "künstlich unterstützten Vermehrung" ungebrochen durchsetzen konnte. Edo Reents gratuliert Keith Richards zum Sechzigsten.

Auf der Kinoseite stellen neun deutsche Regisseure ihre schönsten Kinomomente 2003 vor. Michael Althen erfüllt sich mit der DVD den Traum von der eigenen Filmbibliothek und empfiehlt besonders Ekkehard Knörers Website jump-cut mit einer "sehr verdienstvollen Liste" von Filmen mit deutschen Untertiteln, die im Ausland erhältlich sind. Auf der Medienseite porträtiert Michael Hanfeld den "ersten Mann" des Privatfernsehens, den Vorstand von Pro 7-Sat 1 Jürgen Doetz. Und Frank Kaspar kündigt eine "Afrikanische Woche" beim SWR 2 an. Auf der letzten Seite porträtiert Christian Geyer den Präsidenten der Freien Universität Berlin Dieter Lenzen. Gustav Falke hält ein Seminar über Herder und den Dialog der Kulturen. Und Martin Thoemmes hat herausgefunden, dass Willy Brandts Vater 1912 und 1913 in der Straße lebte, in der das Buddenbrookhaus steht.

Besprochen werden Robert Bentons Verfilmung des Romans "Der menschliche Makel" von Philip Roth ("Das einzige, dem man trauen kann, ist der Sex, weil er die Sehnsüchte der Menschen zum Vorschein bringt, und hier haben Anthony Hopkins und Nicole Kidman ihre besten Momente", verspricht ein entzückter Andreas Kilb), eine Ausstellung der slowenischen Künstlergruppe Irwin in Hagen, eine Ausstellung zur Frühzeit der Fotografie im Technischen Museum Wien und Shakespeares "Heinrich IV." im New Yorker Lincoln Center: Kevin Kline als Falstaff "lauscht in seinem Monolog über die Ehre deren vielfältigen Verflüchtigungen und lässt mit viel Charme aus Lügen - Lügen blühen", schreibt Jordan Mejias.