Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.09.2003. Die SZ erkennt in der Bayernwahl die Sehnsucht der Deutschen nach Bürokratie. In der FAZ will Jürgen Todenhöfer den USA dabei helfen, sich gesichtswahrend aus dem Irak zurückzuziehen. Die FR freut sich über die lebhafte Vertreibungsdebatte in Europa. Die taz widmet sich einmal mehr den schrumpfenden Städten.

SZ, 23.09.2003

Keine "Richtungswahl" sondern vielmehr Ausdruck der "Sehnsucht nach Bürokratie" interpretiert Gustav Seibt die Bayernwahl. "Hält man Schröder und Stoiber als Politikertypen gegeneinander, verdichtet sich der Kontrast zum Bild: Hier der improvisierende, manchmal taschenspielerisch geschickte, auf den Stimmungen surfende, von Coup zu Coup eilende, hakenschlagende Bundeskanzler Schröder; dort der unglamouröse, oft staubig wirkende, unbrillante, aber grenzenlos fleißige, ja beflissene, bestens informierte bayerische Ministerpräsident Stoiber. Wenn man höher greifen will: hier die charismatische, dort die bürokratische Form der Regierung. Die Bayern haben sich wieder einmal für eine zwar in Loden auftretende, aber durch und durch bürokratische Politik entschieden, mit all den Vorzügen, um deretwillen Bürokratie einmal erfunden wurde: überparteiliche Sachlichkeit, Gemeinwohlorientierung, Unpersönlichkeit, Effizienz, Verlässlichkeit, Freiheit von Ideologie, in einem Wort Sicherheit."

Bernd Graf war einer von 1000 Journalisten aus ganz Europa, den "die Firma Microsoft an einen schönen Ort geflogen [hat], um eine Party für ihren Spielecomputer Xbox steigen zu lassen". Aus Juan les Pins an der Cote d'Azur ist diesbezüglich zu erfahren, dass das neue Motto "It's Good To Play Together" lautet, wodurch "das Bild eines vielleicht verführten, unkommunikativ vor seiner Box ballernden Einzelspielers verwischt und stattdessen der Selbstwert der sozialen Interaktion des Spiels hervorgehoben" werde. Blutrünstig blieben die Spiele allemal - wenn auch "tatsächlich innovativ und grafisch fantastisch umgesetzt".

Thomas Steinfeld kommentiert die Entscheidung für einen Juristen als neuen Generalsekretär des Goethe-Instituts, Andreas Schlüter, der zuletzt Geschäftsführer der Bertelsmann-Stiftung war: "Könnte es sein, dass es im Goethe-Institut jemanden gibt, der die auswärtige Kulturarbeit aus ihrer Umklammerung durch das Auswärtige Amt lösen will?" Gert Kähler erklärt, wie Hamburg "die Architektenausbildung optimieren" will, die eine Kommission unter dem ehemaligen Ersten Bürgermeister Klaus von Dohnanyi im Rahmen einer "Strukturreform für Hamburgs Hochschulen" vorgelegt hat. Alexander Kissler beschwärmt die "schmählich unbekannte" Band Willard Grant Conspiracy, die derzeit auf Deutschlandtournee ist ("Meisterwerk an Meisterwerk"). Volker Breidecker rekapituliert einen Vortrag des Philosophen Friedrich Niewöhner im Frankfurter Jüdischen Museum über Adornos Empfindlichkeit bezüglich sämtlicher Äußerungen über "das ausgewählte Volk", der "in die routinierten Feierlichkeiten zum Adorno-Jahr einige Momente der Beunruhigung" gebracht habe. Helmut Mauro berichtet vom Festival für zeitgenössische Musik "Klangspuren" im österreichischen Schwaz, und Ralf Berhorst resümiert das "reich bestückte und gut besuchte" 3. Internationale Berliner Literaturfestival. In Burkard Müllers verdienstvollen Italien-Erhellungen geht es heute um "Miss Italia": "Als Faustregel gilt: "L'altezza e mezza bellezza", Höhe ist die halbe Schönheit". Und in der "Zwischenzeit" lauscht Harald Eggebrecht auf Streuobstwiesen den unterschiedlichen Aufprallplopps von Boskop und Co.

Besprochen werden eine Ausstellung im dänischen Humblebaek, die Roy Lichtenstein als Bilderverdoppler" zeigt, eine Schau des Berliner Filmmuseums über Luchino Visconti, ganz begeistert ist Helmut Schödel von Klaus Händls Stück "(wilde) - der mann mit den traurigen augen" beim Steirischen Herbst in Graz ("gehört zu den besten Stücken dieser Saison") und die deutsch-kubanische Kino-Beziehungskiste "Heirate mich" von Uli Gaulke und Jeannette Eggert.

Rezensiert werden die "Selbstthematisierung" der Frankfurter Literaturwissenschaftlerin Christa Bürger und Norbert Elias' Betrachtungen über "Sport und Spannung im Prozess der Zivilisation" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 23.09.2003

Klaus Bachmann kommentiert den deutsch-polnischen Streit um das geplante Zentrum gegen Vertreibung. "Wer die Leserbriefspalten polnischer Zeitungen studiert, kommt zu dem Schluss, dass die Debatte über das Vertreibungszentrum sogar emotionaler und verbissener geführt wird als der Streit um die Anerkennung der polnischen Westgrenze in den Jahren 1990 und 1991." Doch möglicherweise liege in der Auseinandersetzung auch eine Chance: "Sind wir also - nach der europaweiten Debatte um den Österreich-Boykott von 1999 - Zeugen einer zweiten 'europäischen Debatte', die uns einen Schritt weiter in Richtung europäische Öffentlichkeit bringt?"

Claus Leggewie resümiert einen Wiener Kongress des in Kanada gegründeten Netzwerks aus Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft Metropolis, auf dem Visionen einer "multikulturellen Stadtbürgerschaft" diskutiert wurden. Alexander Kluy empört sich über den geplanten Abriss des ehemaligen Ostberliner Diplomatenviertels in Pankow. In der Kolumne Times mager räsoniert Christian Schlüter anlässlich der Bayernwahl über die Gleichung "Volkspartei = Entpolitisierung". Und "H.K.J." würdigt in einem Nachruf die "beharrliche Unangepasstheit" des österreichischen Schriftstellers Helmut Eisendle.

Besprochen werden die Ausstellung "Baustellen der Subversion" mit Arbeiten unter anderem von Manfred Pernice, Bruce Nauman, Fischli/Weiss und Georg Herold im Kunstmuseum Wolfsburg und eine Schau des Schweizer Designers Ruedi Baur in der Galerie der Kölner International School of Design (KISD) . Außerdem das neue Buch von Christa Wolf "Ein Tag im Jahr. 1960 - 2000" (mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

TAZ, 23.09.2003

Die taz hat's mit den Schrumpfstädten. Nach einem Bericht über das Projekt "Shrinking Cities" der Bundeskulturstiftung im August informiert Daniel Dahm heute noch einmal über die Problematik. "Die Zivilgesellschaft wird nach und nach als Ausgleichsfaktor marktökonomischer Folgekosten und staatlicher Einsparungen missbraucht. Die Menschen der Stadt sollen selbst leisten, was der 'Markt' und die Kommunen im globalen Wettbewerb nicht mehr schaffen. Die zivilgesellschaftlichen Kräfte werden in der Gewährleistung der alltäglichen Daseinsgrundfunktionen und -bedürfnisse zur Sicherung des Status quo des Wohlfahrtsstaats aufgezehrt, und so können kaum 'Plus-Effekte' aus bürgerschaftlichem Engagement in die Gesellschaft und die Volkswirtschaft zurückfließen. Anstelle eines kooperativen Miteinanders marktlicher, staatlicher und ziviler Akteure werden sie mit dem Keulenargument der Wettbewerbsfähigkeit gegeneinander ausgespielt. Und lassen es gelähmt zu."

Georg M. Oswald rechnet vor, dass die CSU am Sonntag eigentlich 75 Prozent errungen hat (die Nichtwähler nämlich eingerechnet). "GBA" ergänzt literarische Preise und liefert einen Beleg für deren Halbwertszeit. Und auf der Medienseite berichtet Ralf Leonhard von einer "grotesken Schlammschlacht", die sich der österreichische Verleger Hans Dichand (Neue Kronenzeitung) und die Essener WAZ-Gruppe liefern. Ersterer wirft letzterer vor, mit der Mafia unter einer Decke zu stecken.

Besprochen werden Giorgio Agambens Fortführung seines Essays "Homo sacer", "Was von Auschwitz bleibt", Ernst Augustins Roman "Die Schule der Nackten", eine bisher nur auf englisch erschienene Monografie zum Werk des britischen "Cultural-Studies-Doyens" Stuart Hall, Birgit Müllers Studie "Die Entzauberung der Marktwirtschaft. Ethnologische Erkundungen in ostdeutschen Betrieben", und eine Untersuchung über Varianten des Wohlfahrtsstaats "Der deutsche Sozialstaat im internationalen Vergleich" (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

Und hier TOM.
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NZZ, 23.09.2003

Christina Thurner ist begeistert von den Beiträgen bedeutender weiblicher Choreografinnen beim Festival "Basel tanzt": Kulturelle und Geschlechterunterschiede "ergänzen einander in ihrer jeweiligen Besonderheit, ob sie nun harmonieren, sich miteinander auseinandersetzen, sich auflehnen oder auch gelassen nur noch ein wenig triezen". Zum achtzigsten Geburtstag des mit "mit unauffälliger Brillanz" agierenden Kunsthändlers und Auktionators Eberhard W.Kornfeld stimmt Martin Meyer eine Hymne an. Und Reiner Martin macht sich Gedanken über die Wirtschaftlichkeit von Enterprise-Resource-Planning-(ERP-)Systemen - auch "integrierte betriebswirtschaftliche Software" genannt und verweist auf sein eigenes Buch zum Thema.

Besprochen werden die Ausstellung "Japans Schönheit, Japans Seele" in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn, eine Saurier-Ausstellung im Natural History Museum in London und Bücher, darunter die bisher nur auf französisch erschienene Feminismusschelte von Elisabeth Badinter "Fausse route", Jean-Philippe Toussaints Roman "Sich lieben" und Nuruddin Farahs Roman "Yesterday, Tomorrow" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 23.09.2003

Wolfgang Schneider ist hoch erfreut: Dem Berliner Literaturfestival ist es offensichtlich gelungen, ein lebendiges Bild von der Weltliteratur zu vermitteln: "Der Lyriker Raymond Federman rappte, die Irin Nuala Ni Dhomhnaill sang von nackten Männern und Meermenschen, Navid Kermani lud zur Neil-Young-Nacht, bis die Polizei bei den Rückkopplungsorgien wegen Ruhestörung einschritt." Und Schneiders Moral von der Geschicht: "Courage ist die Mutter solcher Projekte, die natürlich immer auf Kleinmut und Bedenkenträgerei treffen."

Der CDU-Politiker Jürgen Todenhöfer, der sich unermüdlich für einen Dialog mit der arabischen und islamischen Welt einsetzt, analysiert das "Fiasko" des Irak-Kriegs und kommt zu folgendem Schluss: "Wir Europäer sollten ein schrittweises Disengagement der Vereinigten Staaten partnerschaftlich, gesichtswahrend und ohne Häme unterstützen. Die amerikanische Regierung hat mit dem Krieg gegen den Irak einen desaströsen Fehler begangen. Das ist kein Grund, sie jetzt allein zu lassen." Todenhöfer schlägt außerdem einen ständigen Sitz der moslemischen Staaten im Sicherheitsrat der UN vor.

Weitere Artikel: Eberhard Rathgeb stellt die in einer bibliophilen Ausgabe erschienenen, bisher unveröffentlichten Tagebücher Samuel Becketts von seiner Hamburg-Reise im Jahr 1936 vor. Beckett setzt sich unter anderem mit Emil Nolde und intensiv mit der deutschen Literatur auseinander. Christian Geyer beschwert sich in der Leitglosse, dass Edmund Stoiber auf Rat eines Wahlkampfmanagers die "Leute nicht mehr Leute nannte, sondern notabene dazu übergegangen war, sie in 'Menschen' beziehungsweise in 'Bürgerinnen und Bürger' umzutaufen". In einer Meldung wird ein Manifest von 60 Wissenschaftsakademien vorgestellt, das sich gegen ein reproduktives Klonen und für ein therapeutisches Klonen einsetzt. Wolfgang Sandner würdigt die neu zustande gekommene Liaison zwischen Christoph Eschenbach und dem Philadelphia Orchestra, das der Dirigent mit neuer, amerikanischer, aber auch romantischer Musik ins 21. Jahrhundert führen wolle. Oliver Tolmein berichtet über die Ermittlungen Luis Moreno-Ocampos, des Chefanklägers des neuen Internationalen Strafgerichtshofes, gegen Menschenrechtsverletzungen und internationale Geldtransfers im Kongo. Joseph Croitoru berichtet über Behinderungen an archäologischen Forschungen durch ultraorthodoxe Juden in Israel. Giuseppe Veltri schreibt zum Tod des jüdischen Philsophen Emil Fackenheim.

Drei bedeutende Menschen werden sechzig: Antonio Tabucchi (Gratulation: "rtg"), György Dalos (Gratulation: Hermann Kurzke), Julio Iglesias (Gratulation: Dieter Bartetzko).

Auf der Medienseite versucht Felicitas von Lovenberg zu erklären, "warum die Fernsehserie 'Friends' bedeutend ist". Und Heike Hupertz bedauert: "Die 'Emmys' gehen fast immer an die Falschen." Auf der letzten Seite erzählt ein erleichterter Thomas David, dass der Literaturwissenschaftler und Shakespeare-Forscher Harold Bloom von einer Bypass-Operation genesen ist und nun wieder in Yale lehrt. Und Andreas Rossmann resümiert fortdauernde Urheberrechtsstreitigkeiten um Marcel Breuers Stahlrohrhocker "B 9"

Besprochen werden eine Ausstellung über den Architekten Vincenzo Scamozzi, einen Nachfolger Palladios im Palazzo Barbaran da Porto in Vicenza und zwei Uraufführungen, nämlich Klaus Pohls "Kanari" und Klaus Händls "Wilde".