Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.09.2003. Die FAZ kennt die Kopfgeldpreise für westliche Journalisten im Irak. Die SZ mag Filme am liebsten im Stand der Unschuld. Die NZZ tadelt die Plumpheit der Deutschen im geselligen Umgang. In der FR erzählt Jochen Schimmang, warum es sich nicht gelohnt hat, in Frankfurt zu studieren. Und die taz begeistert sich für Sofia Coppolas Film "Lost in Translation".

FAZ, 01.09.2003

Auf der Medienseite berichtet Souad Mekhennet aus dem Irak, wo der Krieg gegen Iraker, Amerikaner und alle anderen Ausländer gerade erst beginnt. "Die Nerven der Soldaten liegen blank. Für Autofahrer gilt höchste Vorsicht, wenn ein amerikanisches Armeefahrzeug in der Nähe ist. Wer einen Panzer überholt, wird ins Visier genommen." Mekhennet warnt alle Kollegen. "'Für jeden westlichen Journalisten und Unterstützer der Besatzer gibt es 7500 Dollar Kopfgeld', erzählte ein Mitglied des irakischen Geheimdienstes. 'Sie werden sehen, bald werden die ersten Journalisten-Unterkünfte Ziel eines Angriffs sein.' Die Täter stammen aus dem Umfeld der Anhänger Saddam Husseins genauso wie der Al Qaida. Die CIA hat ebenfalls davor gewarnt, daß Journalisten jetzt zu den bevorzugten 'soft targets' zählen.

Außerdem wundert sich Michael Hanfeld, dass der Spiegel der Welt - und damit dem Springer Verlag - bei den Recherchen zu Günter Wallraffs angebliche Stasi-Vergangenheit zur Seite springt. Dazu ein Interview mit Jan-Eric-Peters, dem Chefredakteur der Welt, der betont, wie wichtig die Causa Wallraff für Deutschland ist.

Im Feuilleton-Aufmacher beschäftigt sich der Lyriker und Essayist Thomas Kling (mehr) recht akademisch mit Gemäldegedichten, also dem diffizilen Zusammenspiel zwischen Lyrik und bildender Kunst. "Es geht also darum, das Bildkunstwerk zum Sprechen zu bringen, besser gesagt, ihm eine zweite - eine dichterische - Sprache zur Seite zu stellen."

Weitere Artikel: Nur im Netz erfahren wir, dass Charles Bronson gestorben ist. Frankreich diskutiert nun über die Abschaffung eines Feiertags zur Unterstützung der Altenpflege, und Jürg Altwegg zollt Premier Raffarin Respekt für diesen politischen Geniestreich. Auf einer Weimarer Tagung zur Geschichte der Klassikerpflege in der DDR hat Regina Mönch miterlebt, wie nach heftiger Diskussion am Ende doch alle friedlich beim Wein zusammensitzen. Michael Athen weilt in Venedig und lobt Lars von Triers Experimentalkino, Margarethe von Trottas "Rosenstraße" hingegen kann er nicht empfehlen. In Sachen Salzburger Festspiele liefert Gerhard Rohde einen optimistischen Rück- und Ausblick. "dp" belegt, dass die Italiener die Winkelzüge ihres Präsidenten Berlusconi als solche durchschauen, selbst wenn es um Fußball geht.

Auf der letzten Seite macht sich Andreas Rosenfelder lange Gedanken über die Zweischneidigkeit des Massen-Gentests an der Bochumer Universität. Und Niklas Maak verabschiedet Zdenek Felix, den scheidenden Direktor der Hamburger Deichtorhallen.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Plakaten um 1900 im Historischen Museum Wien, Armin Holz' enttäuschende Inszenierung von Oscar Wildes "Salome" in Berlin, die immer noch zu teuren "99-Euro Films 2", und Bücher, darunter Annette Schütterles Kafka-Autopsie "Franz Kafkas Oktavhefte", Bernd Kortländers Werksüberblick "Heinrich Heine" sowie Kurt Flaschs erster Band seiner Philosophiegeschichte (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

NZZ, 01.09.2003

Der ungarische Autor Laszlo Garaczi (mehr) meditiert kurzweilig über Gulasch, Schottenrock und die Allmacht der Klischees. "Ach ja, ich sollte noch hinzufügen, dass wir Ungarn sehr gern trauern und gerne den Kopf hängen lassen. Wir können auf höchstem Weltniveau bitter sein, daher wäre das ungarische Buch, wenn es eine entsprechende Börse gäbe, eine begehrte Aktie, und gäbe es eine diesbezügliche Sportart, würden wir einen Rekord nach dem anderen brechen. Daher möchte ich hier lieber gleich schliessen."

Deutschland im Erziehungsnotstand. Schlechte Noten für deutsche Eltern vergibt Joachim Güntner. "Plump im geselligen Umgang, unbedarft in Fragen von Distanz, Höflichkeit und Rücksichtnahme, sind sie in hohem Masse unfähig, ihren Kindern Grenzen zu setzen." Valerie Rhein plädiert für eine Beteiligung von Frauen am jüdischen Gottesdienst; die Halacha, das Religionsgesetz (Antworten auf alle religionsspezifischen Lebensfragen hier), würde es erlauben. "Wo ein rabbinischer Wille ist, ist ein halachischer Weg."

In der einzigen Besprechung begeistert sich Jörg Restorff über die "perfekten und betörenden" Videoinstallationen des Amerikaners Bill Viola im Gasometer Oberhausen.





FR, 01.09.2003

Der Schriftsteller Jochen Schimmang erzählt, wie er zuerst dem faszinierenden Gerücht der Frankfurter Schule, und dann Frankfurt selbst erlegen ist. Dabei ist ihm allerdings ein kleines Malheur passiert: "Als ich das erste Mal nach Frankfurt kam, im März 1969, lebte Adorno noch, und er war der Grund, warum ich in dieser Stadt studieren wollte. Niemand konnte ahnen, dass er ein knappes halbes Jahr danach tot sein würde."

Thomas Winkler verwirrt uns mit seiner eigenen Verwirrung über Philip Boa und sein neues Album "C 90". Kostprobe: "Dies könnte ein Abgesang werden. Oder die Ankündigung einer Wiederauferstehung. Oder beides. Wahrscheinlich beides. Es käme nicht überraschend. Phillip Boa ist jemand, der problemlos gleichzeitig deprimiert und arrogant wirken kann, wenn er mit leiser, aber auch ein wenig spöttischer Stimme sagt: 'Mich faszinieren die Widersprüche'."

Weitere Artikel: Ole Frahm hat sich auf dem Internationalen Berliner Comicfestival getummelt und freut sich, dass endlich davon abgelassen wurde, Comics zu Literatur machen zu wollen, und anstatt dessen nun seine Eigenart gefeiert wird. In Times mager sinniert Peter Iden über die Aura-Problematik. Es wird gemeldet, dass die "Danziger Forderungen", die vor 23 Jahren die freien Gewerkschaften in Polen begründet haben, von der UNESCO in das "Weltgedächtnis" aufgenommen wurden, und schließlich dass der französische Schauspieler Michel Constantin gestorben ist.
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TAZ, 01.09.2003

Cristina Nord fasst den fünften Tag des Filmfestivals von Venedig zusammen und überschlägt sich vor Begeisterung für Sofia Coppolas zweiten Film "Lost in Translation". Klaus Walter hat mit wachsendem Erkenntnisgewinn die neue Ausgabe der Zeitschrift "Testcard" gelesen, die den "linken Mythen" gewidmet ist. Gabriele Wittmann berichtet vom Auftakt des Sommerfestivals "Laokoon" in der Hamburger Kampnagelfabrik. Michael Braun hat sich den italienischen Nebensachen zugewandt, denn im Sommerloch werden Nebensachen bekanntlich zu Hauptsachen. Wie zum Beispiel die interessanteste Nebensache der Welt: das Wetter.

Steffen Grimberg spricht mit Arte-Präsident Jerome Clement über die Zukunft des Kanals und sein Ansehen in Deutschland und Frankreich. Kathrin Schneider porträtiert die ghanaische Schriftstellerin Amma Darko, die als Asylbewerberin einige Zeit in Deutschland lebte, dann abgeschoben wurde und zur Enttäuschung ihrer Familie "nicht mit einem Auto, sondern nur mit einem Stapel beschriebenen Papiers nach Ghana zurückkehrte".

Und schließlich TOM.

SZ, 01.09.2003

Nach dem Attentat auf die Moschee in Nadschaf beobachtet Petra Steinberger mit Sorge, welche Logik dem sogenannten irakischen Volkswiderstand zugrunde liegt: "Saddam war furchtbar. Er unterdrückte uns und brachte uns um. Jetzt herrscht Chaos - weil uns Saddam nicht mehr unterdrückt und umbringt, werden wir uns wohl gegenseitig bekämpfen und umbringen. Und die amerikanischen Besatzer (alle anderen zählen nicht) sind nicht willens oder nicht in der Lage, für Sicherheit zu sorgen."

Susan Vahabzadeh gerät ins Schwärmen über das Festival von Venedig und Filmfestivals im Allgemeinen: "Das Schönste an Filmfestivals ist vielleicht, dass die Filme, die man dort zu sehen bekommt, noch rein und unbefleckt sind - wie eine Schneekugel, die einen Berg hinunterrollt, und bei jeder Vorführung bleibt ein wenig haften, Erwartungen, Sehnsüchte, erfüllte und unerfüllte Hoffnungen. Bei den großen Festivals aber treffen sie noch im Stand der Unschuld auf ihr Publikum, können Emotionen wecken, die keiner im Saal erwartet hat." Vom Schwärmen mal abgesehen: Filme hat Vahabzadeh natürlich auch gesehen, und besonders Sofia Coppolas "Lost in Translation" hat es ihr angetan.

Weitere Artikel: Hermann Unterstöger amüsiert sich über das Einwanderungsland Bayern und seinen Umgang mit den "Zuagroasten". Robert Jütte denkt über Körperbewusstsein und Gesundheitsreform nach. Fritz Göttler vermutet, dass Mel Gibsons umstrittener Film "The Passion" es keineswegs auf theologische Thesen abgesehen hat, sondern lediglich für das "ganz normale" große Publikum bestimmt ist: "Um es zu begeistern für die Geschichte eines jungen Mannes, der seinen Prinzipien treu bleibt bis in einen blutigen, grausamen Tod." Für Dirk Peitz hängt der langsame Niedergang der Club-Kultur mit seiner alternenden DJ-Riege zusammen. Volker Breidecker beklagt sich über das, was sich hinter der zukünftigen Berliner Stadtschloss-Fassade abspielen soll. Jürgen Berger berichtet über den horrenden Sparkurs, der den Hannoveraner Bühnen abverlangt wird. Wolfgang Schieder berichtet über die kürzlich im "Corriere della Sera" aufgedeckte Zusammenarbeit zwischen dem amerikanischen Office of Strategic Services (OSS) und dem Monsignore Giovanni Battista Montini, dem späteren Papst Paul VI. Helmut Schödel erzählt von einer skurrilen Empfang für den Dirigenten Zubin Mehta im Anschluss an die Salzburger Festspiele. Außerdem wird gemeldet, dass der franzözische Schauspieler Michel Constantin gestorben ist.

Auf der Medienseite porträtiert Jochen Temsch Luise Otto, eine der ersten deutschen Frauenrechtlerinnen. Juan Moreno entscheidet, dass man Dieter Bohlens Superstarshow nicht sehen muss, sie aber dennoch sehen sollte, "nur um sich einige Dinge zu fragen", zum Beispiel: "Warum dürfen talentfreie Menschen über Talent entscheiden?"

Besprochen werden Stockhausens "Sonntag" aus dem Schöpfungs-Zyklus "Licht" in Salzburg, Antoine Fuquas neuer Film "Tränen der Sonne" (mehr hier) und Bücher: Ulrich Wickerts Krimi "Der Richter aus Paris", Friedmar Apels Roman "Das Buch Fritze", Gerd Althoffs Studie zur "inszenierten Herrschaft" im Mittelalter, Anke Werners und Janos Stekovics' Buch über historische Parks in Sachsen-Anhalt, Barbara Holland-Cruz' Studie "Die alte neue Frauenfrage", zwei Bücher zu den deutsch-israelischen Beziehungen - Henning Sietz' "Attentat auf Adenauer" und Niels Hansens "Aus dem Schatten der Katastrophe" - und ein Sammelband über Leonardo da Vinci.

Und schließlich: der internationale Überblick über die Ausstellungen im September.