Andre Kubiczek

Die Guten und die Bösen

Roman
Cover: Die Guten und die Bösen
Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2003
ISBN 9783871344688
Gebunden, 320 Seiten, 18,90 EUR

Klappentext

Spätestens seit Einzug der Regierung spielt Berlin verrückt: Medienleute, Politiker, Kulturschickeria. Und so bekommt Raymond Schindler, mit dreißig Frührentner und schwarz arbeitender Privatdetektiv, auf einen Schlag mehr Aufträge, als er verkraften kann. Für seine Kusine Nadine, die von einer Karriere als Schriftstellerin träumt, soll er ein Buch über die wilden Wendejahre schreiben, einen authentischen Bericht über die einstige Party-Generation, die nun mit Macht in die bürgerlich-intellektuellen Zirkel der vereinigten Stadt drängt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.06.2003

Des Guten und des Bösen zuviel tut Kubiczek nach Ansicht von Rezensent Friedmar Apel in seinem neuen Roman. Denn der ist nach Ansicht des Rezensenten zwar ein begnadeter Stilparodist und Sprachjongleur, der alle Tonlage beherrsche. Im vorliegenden Fall jedoch verliere er sich an "zu viel barocker Sprachartistik". Im Roman sieht der Rezensent das wiedervereinigten Berlin virtuell wie einen Falk-Plan aufgefaltet. Darauf verzeichnet die Orte, "an denen die kranken Nerven der Stadt sich vernetzen". Doch in den Bars, Sexclubs und Anarchistenkneipen trifft der Rezensent zwar eine Menge praller Figuren und spannende, chandlerartige Handlungsstränge, doch am Ende legt er das Buch mit der Hoffnung zur Seite, das der begnadete Erzähler Kubicek mit diesem bombastischen Berliner Feuerwerk nicht seinen Zündstoff bereits aufgebraucht hat.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 20.05.2003

Bloß keinen Berlin-Roman schreiben! Dessen Ruf ist ja noch schlechter als der des Pop-Romans, unkt Gerrit Bartels. Andre Kubiczek hat sich elegant aus der Affäre gezogen und einen "Berlinroman zweiter Ordnung" geschrieben. Was haben wir uns darunter vorzustellen? Eine Berlin-Parodie, erläutert Bartels. Als Parodie ist die "alte Berlinleier" wohl auch ziemlich gelungen: nur plakativer, grotesker, lustiger und besser verpackt als das, was man kennt. Kubiczek erweist dramaturgisches Geschick für Schnitte, Einführung neuer Figuren, Unterplots, lobt Bartels. Entertainment pur! Dennoch fand der Rezensent Kubiczeks Debütroman "Junge Talente" viel interessanter, da er im Ostberlin der achtziger Jahre spielt und damit Neuland betreten hatte. Bei "Die Guten und die Bösen" ist dagegen alles wohlbekannt und moralisch einwandfrei, spottet Bartels: hier der jung-dynamische, schräg-sympathische Osten, dort der alte bieder-bequeme Westen. Ist ja alles nur ein Witz, betont Bartels nochmals die Kubiczeksche Haltung, und verrät der Titel nicht auch einen gewissen Sinn für Ironie? Aber dahinter klafft denn doch bloß "die große Leere", befürchtet ein amüsierter, aber irritierter Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 29.04.2003

Wolfgang Schneider hat diesen "verwilderten Berlin-Roman" als kantiges Gegenstück zum Film "Good Bye, Lenin!" gelesen, von Rührung und Versöhnung könne bei Andre Kubiczek keine Rede sein, hier stehen sich noch die armen und die dekadenten Schweine, die Imbissbuden und Schuhboutiquen, der Müll und die Mülltrennung unversöhnlich gegenüber, feixt Schneider. Geschmackssicher geschmacklos inszeniert, findet er diese Parodie, über weite Strecken sehr vergnüglich und die Figuren treffend überzeichnet. Was ihn allerdings verwundert, ist, dass sich unter all den Chargen, die diesen Roman bevölkern, eine der "zartesten Liebesgeschichten der jüngeren deutschen Literatur" anbahnt. Und machmal will dem Rezensenten sogar scheinen, dass hier einer die bürgerliche Unmoral anprangert, wie es "seit Heinrich Böll" keiner mehr getan hat.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 01.04.2003

Wie lange hat der Rezensent nur Romane von Provinzlern zu lesen bekommen, die in Berlin ihre erste Liebe finden! Und immer nur gute erste Bücher! Nun hat Andre Kubiczek mit "Die Guten und die Bösen" sein zweites Buch vorgelegt. Ein Berlin-Roman? "In Gottes Namen, ja!" jauchzt Gustav Seibt, der seiner Begeisterung kaum Einhalt gebieten kann. Kubiczeks neuer Roman übertrifft in Seibts Augen "Junge Talente" bei weitem, er ist "grell, spannend, böse, komisch". Die Handlung spielt im nördlichen Prenzlauer Berg und Charlottenburg, das Personal umfasst eine dumm-blonde Moderatorin, einen abgehalfterten SPD-Politiker, einen arbeitslosen Privatdetektiv; Karrieren stürzen ab, Bomben fliegen in die Luft und sodomitische Neigungen auf. Der Autor lasse wirklich keinen Namenswitz (Bolemia Hetschel, Zigmund Fraud, Raymond Schindler), keine Geschmacklosigkeit und keine Unwahrscheinlichkeit aus, begeistert sich Seibt. Tinneff? Und was für welcher! Brillanter!

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 20.03.2003

Iris Radisch ist ganz aus dem Häuschen über diesen Berlin-Roman im "Breitwandformat", den sie den allgegenwärtigen "Pubertätsliteraten aus dem Ost-Ghetto" an Witz und Einbildungskraft genauso überlegen findet wie den Westberliner Stadtteilschreibern. Die Tonlage des Romans ist die "verzweiflungsgrelle Comedy", sein Personal sind westliche Topdogs und östliche Underdogs, die ihren überschüssigen Grips im Alkohol ersaufen, auf Westtussen hereinfallen und Züge wie Lebensläufe entgleisen lassen, jubelt die Rezensentin : Nicht edle Tristesse, sondern Groteske und Klassenkampf. Zugegebenermaßen kann man Radischs atemlosen Parforceritt durch die neudeutsche Literaturlandschaft nicht immer ganz folgen, er gipfelt in einer wunderbaren Bemerkung über die "intelligente Vulgarisierung der literarischen Mittel", die unbedingt festgehalten werden muss: "Abgesehen von den rasierten Eiern, an denen sich der Ostler gerne kratzt, sind es aber gerade die ungebremste Aggression und die irrlichternde soziale Kolportage, die dieser hohen primitiven Kunst Kraft und Farbe verleihen."

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 19.03.2003

Enttäuscht zeigt sich Hauke Hückstädt von Andre Kubiczeks zweitem Roman, der im Gegensatz zu seinem Vorläufer den Leser in die "zunehmende Gleichgültigkeit" treibe. Die Zutaten seien zwar breit gestreut und das Romanpersonal "nicht gerade unterbesetzt", dem Autor gelinge es aber nicht, diese Splitter zu einem Ganzen zusammenzufügen. So werden die guten Ansätze nicht "ernsthaft" verfolgt und bleiben folgenlos, "wie fast alles" an Kubiczeks Buch, kritisiert der Rezensent. Die ausgeprägte Vorliebe für "zweifelhaft gestaltstiftende Namensgebungen" mag er ja noch verzeihen, die unpassenden Vergleiche schmerzen ihn aber ebenso wie die andauernde "Brillanzhuberei". Kubiczek kommt nur zu sich, wenn er sein Personengefüge verlässt und etwa auf 14 Seiten das Testament eines seefahrenden Papageis entwirft, findet Hückstädt. Ansonsten gehe vieles unter in der Vermischung aller Genres, im "Gewühl im Wir-Gefühl".

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