Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.04.2003. In der Zeit erinnert der irakische Oppositionelle Kanan Makiya die friedensbewegten Europäer daran, dass die Iraker schon vor dem Angriff der USA bekriegt wurden: von ihrem Diktator. In der FAZ findet Arundhati Roy den Irakkrieg unsportlich. Die SZ druckt ein "Stoßgebet des Verschonten" Ingo Schulze. In der FR beobachtet Hanno Loewy die Sorgen der Amerikaner. Die NZZ würdigt den schmutzigen Strich des Comic-Zeichners Gary Panter.

Zeit, 03.04.2003

Der in Amerika lebende irakische Oppositionelle Kanan Makiya erklärt den friedensbewegten Europäern, warum die Bomben auf den Irak "wie Freiheitsglocken" in seinen Ohren klingen. "Für die Iraker hat die Abwesenheit des jetzigen, von Amerika geführten Krieges keineswegs Frieden bedeutet. In all den Jahren bevor die erste Cruise Missile in einem Unterschlupf der irakischen Führung detonierte, haben die Menschen des Iraks bereits einen anderen Krieg durchlebt. Sie leben seit 1980 im Krieg - seit Saddam Husseins sinnlosem Angriff auf den Iran. Seither sind eineinhalb Millionen Iraker eines gewaltsamen Todes gestorben. Zwischen fünf und zehn Prozent der Bevölkerung sind infolge der Entscheidungen ihrer eigenen Führung umgekommen." Große Sorgen macht sich Makiya allerdings, ob die USA nach dem Krieg wirklich eine Demokratie aufbauen wollen. Wie schwierig das werden könnte, erklärt er weiter in seinem Tagebuch (hier und hier, alle Tagebücher hier), dass die Zeit in Auszügen aus der New Republic übernommen hat.

Claude Lanzmann erzählt im Interview, warum er Joshua Lerner, der 1943 beim Aufstand in Sobibor zum ersten Mal in seinem Leben einen Menschen getötet hatte, mit "Sobibor" einen eigenen Film widmen wollte: "Vor allem aber wollte ich Lerner aus der Vernichtungsgeschichte ("Shoah", die Red.) herauslösen. Er war nicht das wehrlose Opfer, sondern er hat den Tod getäuscht. Deshalb musste er seine eigene Erzählung bekommen."

Weitere Artikel: Astrid Frohloff, ehemalige Nahost-Korrespondentin und jetzige Moderatorin der Sat.1-Nachrichten, schildert die PR-Strategien der Militärs, die eine Berichterstattung immer mehr erschweren. Birgit Glombitza porträtiert Meryl Streep, die gerade in zwei Filmen ("Adaptation" und "The Hours") zu sehen ist. Thomas Groß porträtiert die Band "White Stripes" (Jack White ist ein Milchgesicht, das keine Erziehungsanstalt von innen gesehen hat, die eigene Familie ausgenommen"). Claudia Herstatt erzählt wie Köln seine Position als Kunst- und Kunstmarkmetropole halten will. In der Kolumne fragt sich Peter Kümmel, ob John Updikes "Rabbit" nicht das ein "pre-emptive portrait" George W. Bushs ist. Theo Sommer schreibt den Nachruf auf Rudolf Walter Leonhardt.

Besprochen werden Elia Suleimans Film "Göttliche Intervention", die Ausstellung "Kunst der Frechheit" in der Frankfurter Schirn, eine Ausstellung expressionistischer Bauträume in Bremen und die Neu-Eröffnung der Münchner Kammerspiele mit einem "Othello" nach Shakespeare, Luk Perceval und Feridun Zaimoglu ("Das Publikum, selig im neu-alten Haus, buhte hemmungslos und applaudierte enthemmt", schreibt Michael Skasa).

Reinhard Baumgart bespricht im Aufmacher des Literaturteils Eike Schönfelds neue Übersetzung von J.D. Salingers "Der Fänger im Roggen" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr). Im Dossier liefert Thomas Kleine-Brockhoff "Szenen aus einem Land im Ausnahmezustand" (nicht der Irak, sondern die USA).

SZ, 03.04.2003

Angesichts sterbender Soldaten im Irak-Krieg schreibt der Schriftsteller Ingo Schulze ein 'Stoßgebet des Verschonten': "Ich habe es letztlich dem Zufall zu verdanken, nie vor die Alternative: schießen zu müssen oder erschossen zu werden, gestellt worden zu sein. Als ich für 18 Monate Soldat der Nationalen Volksarmee war und es am Morgen des 13. Dezembers 1981, an dem das Kriegsrecht in Polen verhängt wurde, ohne die üblichen Vorwarnungen Alarm gab, wusste niemand von uns, ob wir aufbrachen, um den Genossen der polnischen Armee brüderlich zur Seite zu stehen, oder ob wir uns wieder mal für ein paar Stunden die Zeit im Wald vertreiben sollten. Damals musste ich mir eingestehen, selbst schuld an meiner Lage zu sein. An diesem Morgen, kurz vor meinem 19. Geburtstag, begriff ich, welchen Fehler ich damit begangen hatte, weder den Wehrdienst verweigert noch einen Ausreiseantrag gestellt zu haben."

Im Rahmen der SZ-Aktion "Schriftsteller suchen Extreme" schreibt der Autor Steffen Kopetzky über das Kölner Bordell "Pascha": "Wir irrten durch die Gänge, in denen überall die unglaublichsten Frauen auf Barhockern saßen und einen nahezu um den Verstand brachten, bis wir schließlich eine bildschöne junge Nutte kennen lernten und die Verhandlungen aufnahmen - wie sich herausstellen sollte, reichte unser Geld nicht mehr für zwei vollständige Kopulationen aus. Einer würde sich selbst Erleichterung verschaffen müssen. Wir warfen eine vor sich hin muffelnde Münze, und dann legten wir, jeder auf die ihm bestimmte Weise, los."

Weitere Themen: Alex Rühle geht der Frage nach, weshalb derzeit keine Krankheit die Künste so stark beschäftigt wie Alzheimer: "wahrscheinlich deshalb ... weil sie unser Bild vom Menschen als einem selbstbestimmten Subjekt in ihrem Verlauf so gnadenlos dekonstruiert, indem sie an den fleischlichen Ursprung des Verstandes erinnert, daran, dass das Gehirn, wie Jonathan Franzen schreibt, 'der mit Abstand komplexeste Gegenstand ist; und zugleich ist er ein Klumpen Körpermasse." Wolfgang Schreiber erzählt die Geschichte, die Musik und Krieg miteinander haben. Franziska Augstein drischt mal wieder auf die USA ein, die den Nahen Osten als "Blinde" neu ordnen wollten. (Kein Wunder, anders als Schröder hat Bush ja auch keine deutschen Journalisten als Berater!). Hans Schifferle war beim Filmfest "Diagonale" in der diesjährigen Kulturhauptstadt Europas Graz. Reinhard J. Brembeck stellt Christian Thielemann als neuen Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker ab 2004 vor. Außerdem haben Susan Vahabzadeh und Fritz Göttler Oscar-Preisträger Adrien Brody interviewt.

Besprochen werden: Brad Silberlings Film "Moonlight Mile", James MacDonalds Inszenierung von Caryl Churchills Klondrama "Die Kopien" an der Berliner Schaubühne, die Philippe-Starck-Werkschau "Low Design" im Centre Pompidou in Paris, das Debütkonzert des jungen polnischen Pianisten Pjotr Anderszewski im Münchner Prinzregententheater, und Bücher, darunter Stephan Reimertz' Max-Beckmann-Biografie und der Roman "Die weinende Susannah" von Alona Kimhi, (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

FR, 03.04.2003

Hanno Loewy ("Taxi nach Auschwitz"), der sich zur Zeit in den USA aufhält, erzählt, dass die Amerikaner mehr über den Krieg nachdenken, als die Europäer glauben. Das hat er im hier vielgescholtenen amerikanischen Fernsehen beobachtet: "Beim Frühstücksfernsehen diskutiert man darüber, wie man mit seinen Kindern über so etwas sprechen kann. Und die Rede vom 'evil man' am Golf reicht als Antwort nicht mehr aus. Man sorgt sich, wie man in diesem Krieg die Zivilbevölkerung schützen kann, die Bilder von den Toten sind auch auf den großen TV-Kanälen zu sehen. Andere sprechen laut über die Befürchtung, dass die USA den Eindruck imperialer Absichten erwecken könnten. Man macht sich Sorgen darüber, missverstanden zu werden, und man macht sich Sorgen um die versprochene 'Demokratie' im Irak, mit der es wohl nicht so einfach wird."

Weitere Themen: Zum heutigen hundertsten Geburtstag gratuliert Steffen Richter dem Dichter und Sinn-und-Form-Herausgeber Peter Huchel und ist aus diesem Anlaß noch einmal ins Huchel-Haus nach Wilhelmshorst südlich von Potsdam gefahren: Thomas Schmid berichtet, dass eine Repressionswelle auf Kuba ("quasi hinter dem Rauchvorhang von Bagdad") zur Verhaftung von 78 Dissidenten führte, denen nun hohe Haftstrafen drohen. Florian Malzacher rekapituliert das dritte "goEast"-Festival des mittel- und osteuropäischen Films in Wiesbaden und die Kolumne Times Mager befasst sich mit dem Chefdirigentenwechsel bei den Münchener Philharmonikern: "Der international geschäftige amerikanische Allroundman James Levine macht Platz für ein typisch deutsches Naturell", nämlich Christian Thielemann. Und Franzobel schließlich hat den Eindruck, dass eine dauernde Mickymausierung der Wirklichkeit geschieht.

Besprochen werden: Christian Ernsts Inszenierung von Schillers "Maria Stuart" im Theater Aachen, die Rezensent Stefan Keim als "originelle Neudeutung" empfand, Elia Suleimans Film "Göttliche Intervention" und Robert Jüttes Geschichte der Empfängnisverhütung "Zwischen Lust und Last" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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TAZ, 03.04.2003

"Was haben ein verkniffen dreinschauender Rupert Murdoch, ein schlitzäugiger, irgendwie hochnäsiger Berlusconi und natürlich Leo Kirch, wie er sich betrübt die Haare rauft, gemeinsam?" fragt Christoph Schultheiss auf der Medienseite."Genau: Gruppiert um eine ins Bodenlose weisende, rote Zickzackkurve dienten überlebensgroße Konterfeis der drei Mogule als Illustration für die 36. Mainzer Tage der Fernsehkritik", von der Schultheiss zehn Erkenntnisse und einen ZDF-Kuli mitgenommem hat.

Weitere Artikel: Brigitte Werneburg freut sich, dass David Chipperfield in Berlin für Heiner Bastian ein Galeriehaus baut. Selim Nassib verfolgt für uns weiter die Berichterstattung von al-Dschasira. Schließlich haben Cordula Vielhauer und Jörg Boettge die neue Ausgabe der Zeitschrift "An Architektur" gelesen, die nach dem Zusammenhang von Krieg und Raum fragt.

Besprochen werden Claude Lanzmanns Film "Sobibor, 14. Oktober 1943, 16 Uhr". Jon Amiels Film "The Core - Der innere Kern" und der Film "Göttliche Intervention - Eine Chronik von Liebe und Schmerz" des palästinensischen Regisseurs Elia Suleima, den Cristina Nord auf der Meinungsseite porträtiert.

Schließlich Tom.

NZZ, 03.04.2003

Christian Gasser porträtiert mit dem gebotenen Enthusiasmus den amerikanischen Zeichner Gary Panter (mehr hier), der beim diesjährigen Comic-Festival Fumetto mit einer Ausstellung gewürdigt wird: "Gary Panters Strich ist schmutzig und wild und wirkt bisweilen dilettantisch. Seine 'ratty line' drückte den Irrsinn und die Aufbruchsstimmung der Punkszene sehr stimmig aus und hat bis heute nichts an Energie und Ausdruck eingebüßt. Erst bei näherer Betrachtung entdeckt man, wie stilsicher Panter seine vermeintlichen Unsicherheiten einsetzt. Mal kratzt die Feder kontrolliert, dann schießt sie ungehindert über das Papier ..."

Weitere Artikel: Hubertus Adam stellt den Basler Messeturm vor, das höchste Haus der Schweiz, gebaut von den Architekten Morger & Degelo und Marques. Christine Wolter beschreibt, "magere Subventionen und dünne Spielpläne" die italienischen Theater dazu zwingen, wie früher die Wandertheater durch Städte und Provinzen zu ziehen. Und Roman Bucheli gratuliert dem Dichter Peter Huchel zum Hundertsten.

Besprochen werden eine Ausstellung von Alltagshelfern im Musee de design et d'arts appliques contemporains in Lausanne und Bücher, darunter Annie Proulx' Roman "Mitten in Amerika" und Josef Mühlbergers Erzählung "Die Knaben und der Fluss" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).
Stichwörter: Peter Huchel, Lausanne

FAZ, 03.04.2003

Die FAZ beweist heute Konsequenz, spart sich alle medienkritische Kommentare und druckt einfach nur die schönsten Anfänge der Märchen aus 1001 Nacht. Außerdem präsentiert sie auf einer weiteren Doppelseite eine Panoramaansicht, die die wichtigsten historischen Stätten des alten Bagdads darstellt. Unterlegt ist das ganze mit einer Satellitenaufnahme der heutigen Stadt.

In einem ganzseitigen Essay darf die indische Schriftstellerin Arundhati Roy den Krieg aus den Augen einer Eingeborenen verfolgen, den sie ziemlich unsportlich findet, weil man dem Irak ja vorher seine Waffen weggenommen hat: "Operation 'Irakische Freiheit'? Wohl eher eine Operation nach dem Motto 'Wir machen einen Wettlauf, aber vorher breche ich dir die Knie'. Bislang hat es die irakische Armee, mit ihren hungrigen, schlecht ausgerüsteten Soldaten, ihren alten Gewehren und Panzern, irgendwie geschafft, die "Alliierten" zeitweilig zu verwirren und gelegentlich sogar zu überlisten. Im Kampf gegen die reichsten, bestausgerüsteten, stärksten Streitkräfte, die die Welt je gesehen hat, beweist der Irak spektakulären Mut und leistet sogar Widerstand. Den Bush & Blair sofort als 'hinterlistig' und 'feige' bezeichnet haben. Bei uns Eingeborenen hat List jedoch eine lange Tradition. Wenn wir überfallen/kolonisiert/besetzt und unserer Würde beraubt werden, greifen wir auf Tricks und Opportunismus zurück." (Den Originaltext aus dem Guardian finden Sie hier).

Weitere Artikel: Joseph Hanimann unternimmt einen Streifzug durch die französische Gegenwartsdramatik, die seiner Ansicht nach in Wortklötzchenspielen und Edelrealismus einen neuen Ton gefunden hat, sich aber noch ein wenig in der Aussage verhaspelt. Dietmar Polaczek entdeckt in der Korrespondenz zwischen dem Komponisten Luigi Dallapiccola und dem Dirigenten Zoltan Pesko die Unendlichkeitsspirale der Musik.

Andreas Kilb spricht mit dem palästinensischen Regisseur Elia Suleiman über seinen Film "Göttliche Intervention", der beim israelischen Publikum auf wenig Gegenliebe zu stoßen scheint. Bettina Erche beklagt, dass Wien nun auch die letzten Überreste von Gustav Klimts Welt zerstört. Robert Spaemann erinnert zum hundertsten Geburtstag an den Philosophen und "Denker der Entzweiung" Joachim Ritter, Heinrich Detering erinnert ebenfalls zum Hundertsten an Peter Huchel (mehr hier) und Camilla Blechen gratuliert dem Kunsthistoriker Helmut Börsch-Supan zum Siebzigsten.

Auf der Medienseite hält Mario Vargas Llosa der "großen Zeitung" Le Monde trotz aller angeblichen Enthüllungen die Treue, schließlich hat er ihr auch all die Angriffe auf sich selbst als peruanischen Präsidentschaftskandidaten verziehen. Frank Caspar beschreibt, wie "Daisuki" die deutsche Comic-Szene japanisch aussehen lässt.

Besprochen werden die Erinnerung an "Sobibor, 14 Octobre 1943, 19 heures" von Claude Lanzmanns (mehr hier), die Filme "Black Hawk Down" und Three Kings" auf DVD sowie eine Werkschau zu Valentin Wagner im Hessischen Landesmuseum Darmstadt.

Und Bücher: Josef Mühlbergers Erzählungen "Die Knaben und der Fluss", David MacDonalds Roman "Die Straße nach Cape Breton" und politische Bücher, darunter Ralf Dahrendorfs Essay "Auf der Suche nach einer neuen Ordnung" und zwei Studien zum Dialog zwischen SED und SPD (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Weitere Medien, 03.04.2003

Im Tagesspiegel vemisst Claude Lanzmann (mehr hier) nicht nur bei den Befürwortern dieses "ungerechtfertigten, unnützen und kurzsichtigen Krieges" das rechte Augenmaß, sondern auch bei den Kriegsgegnern: "Skandalöse Gleichsetzungen und unzulässige Vermischungen gehören neuerdings zu den Ritualen 'pazifistischer' Demonstrationen. Man verbrennt israelische Fahnen oder übermalt ihre Davidsterne mit Hakenkreuzen, und je länger diese empörenden antijüdischen Aggressionen andauern, desto weniger scheinen sie überhaupt jemanden zu empören. Man setzt den Irak mit Palästina gleich, so wie es auch in den Parolen Saddam Husseins geschieht. Man vereinigt die Namen von Bush und Sharon zur Neuschöpfung 'Busharon' und macht Israel einmal mehr zum idealen Sündenbock, während Israel sich doch offensichtlich dem Krieg fern hält, ihn mit gutem Recht fürchtet und ihn nie gewollt hat."
Stichwörter: Irak, Israel, Claude Lanzmann