Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.03.2003. Die FAZ beschreibt die amerikanische Hochburg der Widerspenstigkeit: San Francisco. Die NZZ berichtet von schwindender Kriegsangst in Tel Aviv. Taz, FR, Tagesspiegel und SZ. denken über die Bilder von Kriegsgefangenen nach.

FAZ, 25.03.2003

San Francisco ist die Hochburg der Widerspenstigkeit, erzählt Heinrich Wefing. "Kurz vor dem Einmarsch der Truppen lag die Zustimmung zu einem Angriff in Kalifornien deutlich unter dem amerikanischen Durchschnitt. Wäre Kalifornien ein unabhängiger Staat, dann hätte es vermutlich im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen mit Frankreich gestimmt - und gleich anschließend um Aufnahme in die EU nachgesucht. Unter den Kaliforniern wachse die Skepsis, ob das Weiße Haus noch ausreichend ihre Interessen vertrete, hat unlängst eine Studie des unabhängigen 'Public Policy Institute of California' ergeben. Diese Entfremdung reicht weit zurück, wurde von der Irak-Krise aber beschleunigt. Wichtigster Antrieb für das Auseinanderdriften von Ost- und Westküste ist wohl nicht die Anti-Kriegs-Tradition, die in Berkeley gern beschworen wird, sondern die ethnische Vielfalt des Bundesstaates. Fast alle Minoritäten stehen dem Krieg deutlich ablehnender gegenüber als die weiße Mehrheit Amerikas. In San Francisco sind dreißig Prozent der Bevölkerung asiatischer Herkunft."

Paul Ingendaay überlegt, warum Jose Aznar so treu zu Bush steht, obwohl neunzig Prozent der Spanier den Irakkrieg ablehnen. "Er selbst sagt: damit Spanien unter den Großen nicht mehr am Rande stehe. Man könnte ergänzen: weil Aznar den Terrorismus aus eigener Erfahrung kennt und ausrotten möchte. Aber sicher stimmt auch: weil er sich so entschieden hat. Weil er eben will, was er will."

Weitere Artikel: Christian Geyer beklagt, dass niemand mehr über das Recht zum Krieg diskutieren mag. Oliver Jungen hat dem zweiten philosophischen Meisterkurs - diesmal mit Otfried Höffe - in Tübingen zugehört. Michael Althen gratuliert Caroline Link zum Oscar für den besten ausländischen Film. Andreas Rossmann berichtet, wie die Stadt Köln die Schnütgen-Sammlung an die Museumsdidaktiker verschleudert. Ilona Lehnhart schreibt zum Tod des Künstlers Michael Mathias Prechtl.

Auf der Medienseite ärgert sich Michael Hanfeld über die hämische Kriegsberichterstattung der ARD, die keinen eigenen Korrespondenten in Bagdad hat. Dafür singt Alexander Bartl ein kleines Loblied auf den ZDF-Korrespondenten in Bagdad, Ulrich Tilgner. Auf der letzten Seite erklärt Rainer Hermann, warum Geologen das nächste Erdbeben in Nordanatolien kaum abwarten können: Es soll Auskunft darüber geben, wie gefährdet Istanbul ist. Andreas Kilb porträtiert den Filmproduzenten Harvey Weinstein. Und Dietmar Dath empfiehlt jedem angehenden Schriftsteller, der sich für Genreliteratur interessiert, Norman Mailers "The Spooky Art - Some Thoughts on Writing".

Unzufrieden ist Elisabeth Büning mit Peter Konwitschnys Inszenierung des "Don Giovanni" in der Komischen Oper Berlin. Einer immerhin hat ihr gefallen: "In Dietrich Henschel hatte Konwitschny einen respektabel durchtrainierten Don Giovanni gefunden, der auch noch kopfüber am Klettergerüst baumelnd die volle Sängerleistung brachte, auch noch im Schiesser-Doppelripp irgendwie würdevoll dreinschaute und es beim Wiederanziehen, kolibrigleich von einem Blütenpo zum nächsten flatternd, gerade mal eben immer wieder in den Morgenrock schaffte."

Besprochen werden weiter "Bürgertheaterweltuntergänge" auf Pariser Bühnen: Ibsens "Klein Eyolf", Ostrowskys "Schuldlos Schuldhaften", Gorkis "Barbaren", Pina Bauschs neues, noch titelloses Tanzstück im Barmer Opernhaus, Schnitzlers "Komödie der Verführung" am Deutschen Theater Berlin, eine Ausstellung neuer arabischer Kunst, "DisORIENTation", im Berliner Haus der Kulturen der Welt und Italo Svevos "Ein Mann wird jünger" im Schauspiel Köln.

NZZ, 25.03.2003

In Tel Aviv hat man die Kriegsangst rasch beiseite geschoben, berichtet Naomi Bubis. "Während am Donnerstag noch viele Passanten den braunen Karton mit der Gasmaske und Atropinspritze schulterten, hält sich inzwischen - entgegen der expliziten Aufforderung der israelischen Militärsprecherin - nur mehr eine Minderheit an die Direktive, die Gasmaske nach wie vor bei sich zu tragen. Die Menschen leben nach ihrem Selbstverständnis, geben sich unbekümmert, fast trotzig."

Weitere Artikel: Karin Leydecker stellt das neu eingerichtete Museum in der Majolika Karlsruhe vor. Silvia Stammen gratuliert zur "glanzvollen Wiedereröffnung des Schauspielhauses der Münchner Kammerspiele nach dreijähriger Renovierung".

Besprochen werden zwei Mozart-Inszenierungen in Berlin: der "Idomeneo" von Hans Neuenfels in der Deutschen Oper und "Don Giovanni" von Peter Konwitschny in der Komischen Oper, eine Ausstellung griechischer Fischteller aus der Sammlung Florence Gottet im Japanischen Palais Dresden, Taboris "Goldberg-Variationen" in Bern, Philipp Eglis neues Tanzstück "Das nackte Paradies" nach den Romanen von Michel Houellebecq in St. Gallen und Bücher: Michael Walzers Essayband "Erklärte Kriege - Kriegserklärungen" und Walter Kirns Roman "Mr. Bingham sammelt Meilen" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 25.03.2003

Auch heute wieder viele Seiten zum und über den Krieg auf den vorderen Brennpunktseiten, unter anderem mit Beiträgen zum Krieg der Bilder und seiner Wirkung (hier und hier) sowie zu den Reaktionen der Kirchen im Allgemeinen (hier) und dem Furor des Papstes im Besonderen (hier). Und auf der Medienseite liefert Julia Gerlach einen Überblick darüber, inwiefern sich die Berichterstattung von arabischen Nachrichtenkanälen wie Al Dschasira, Al Arabija & Co von den "westlichen Fernsehwirklichkeiten" unterscheidet, und Steffen Grimberg wundert sich über die unterschiedliche Verwendung der Bilder von US-Kriegsgefangenen bei ARD und RTL.

Auf den Kulturseiten gibt es eine weitere Folge von Salam Nessibs arabischem TV-Tagebuch über die Kriegsberichterstattung von Al Dschasira: "Die Bilder der fünf amerikanischen Gefangenen, die vom irakischen Fernsehen interviewt werden, werden ebenfalls in ganzer Länge gezeigt, aber nur ein einziges Mal. Die Panzer, die Flugzeuge und Kriegsmaschinen, sie werden also von Lebewesen bedient, und diese Lebewesen hier sind: zerbrechlich, gedemütigt, terrorisiert." Zum gleichen Thema argumentiert Dirk Knipphals, dass im gegenwärtigen "theatre of war" die Materialität des Krieges präsenter sei als im letzten Golfkrieg: "Viele sagen: grausamere Bilder. Man könnte aber auch sagen: menschlichere Bilder. Denn was könnte unmenschlicher sein als Bilder, die von der Zerstörung menschlichen Lebens handeln und es noch nicht einmal darstellen?"

Unterm Strich wird schließlich noch gemeldet, dass dem deutschen Chefdirigenten des Kopenhagener Radiosymphonieorchesters, Gerd Albrecht, mit fristloser Entlassung gedroht wurde, sollte er noch einmal Konzert für politische Meinungsäußerungen nutzen - in diesem Fall ein Protest gegen die dänische Unterstützung für die US-Militärangriffe im Irak. Albrecht konterte die Verwarnung unbeirrt mit den Worten: "Ich bin doch kein Idiot. Ich habe ganz bewusst die Möglichkeit zur öffentlichen Äußerung genutzt."

Weitere Artikel: Für die taz kommentiert Sven von Reden die Oscar-Nacht der "indirekten Rede" und bemerkte, dass viele Schauspielerinnen "helle Kleider, andere schwarze" trugen, "wieder andere sich weiße Tauben ans Revers hefteten" und nur Michael Moore "Klartext redete". Eine Übersicht über die wichtigsten Preisträger finden Sie hier. Hans Pfitzinger hat sich das neu gestaltete "Merkheft" von 2001 genauer angeschaut, und Angelika Ohland fragt sich nach Lektüre diverser Jugendbücher, ob wir Antikriegsliteratur überhaupt noch brauchen.

Besprochen werden heute lediglich das neue Buch des Philosophen Michael Walzer, in dem er begründet, "warum die humanitäre Intervention gegen Slobodan Milosevic gerecht war und der Präventivschlag gegen Saddam Hussein es nicht ist", sowie eine Studie von Ignacio Ramonet, einem der Gründerväter von Attac, über "Kriege des 21. Jahrhunderts". (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr)

Und hier Tom.
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FR, 25.03.2003

Die üblichen medienkritisch abgehangenen Kriegskommentare auch in der FR.

In der Deutung von Elke Buhr folgen die Aufnahmen der amerikanischen Kriegsgefangenen "der klassischen Bildachse des Pietamotivs": "Das Bild eines Menschen, der mit Schrecken in den Augen, bittend und verstört nach oben schaut, zu einer unsichtbaren Macht, die ihn bedroht, gehört natürlich zum ikonografischen Repertoire des Krieges hinzu, jede Wettbewerbsauswahl für das World Press Photo des Jahres ist voll von diesen Motiven. Aber für gewöhnlich ist es eben nicht mit dem Bild des Soldaten verknüpft, sondern mit dem der zivilen Opfer."

Außerdem bringt die FR ab heute Auszüge aus E-Mails, die der seit einem Jahr in Kuwait lebende Texaner Brian Bolt an Berliner Freunde schickt - als eine Art Kriegstagebuch. "Sonntag, 23. März. (...) Außer dem Handy trägt man inzwischen grüne Beutel aus Segeltuch mit sich herum (es gibt sie nur in einer Ausführung). Sie sind für die Gasmasken (...)."

Und auf der Medienseite erläutert Roderich Reifenrath, inwiefern eine annähernd vernünftige "Aufarbeitung des Irak-Konflikts" bisher nur von den Printmedien geleistet wurde. Über die TV-Kollegen schreibt er: "Gelegentlich sind die Damen und Herren ohne eigenes Verschulden bis zur Groteske orientierungs- und sprachlos und ihre Filmschnipsel Derivate des Irrsinns. Es menschelt sehr ohne Teleprompter."

Weiteres: Die diesjährige Oscar-Verleihung lobt Daniel Kothenschulte als die "gerechtesten Preise aller Zeiten", Frank Keil analysiert in der Kolumne Times mager die tieferen Bedeutungsschichten des Schrödersongs - besonders für Kinder, besprochen werden die Inszenierung von "Don Giovanni" an der Komischen Oper in Berlin und die Uraufführung von Sibylle Bergs Stück "Schau, da geht die Sonne unter" in Bochum.

SZ, 25.03.2003

Aufmachertechnisch konkurrieren heute die Schwerpunkte Krieg und Oscars miteinander, wenn auch mit deutlichem Überhang in Richtung Irak. So räsonniert Thomas Steinfeld über die Bedeutungsmacht von Bildern Kriegsgefangener: "Ein Kriegsgefangener ist viel mehr als ein Kriegsbild unter vielen, mehr als eine einzelne Gestalt zwischen voranrückenden Truppen, rollenden Panzern und explodierenden Raketen. In ihm werden vielmehr die Fronten undeutlich, in ihm wird das Pathos des Krieges mit seinem Lärm, seiner Aufregung, seiner Gewalt und seinem Schmerz wieder klein und schrumpft auf das Maß des einzelnen Menschen, auf die gewöhnliche Zeit gewöhnlicher Leute zurück."

Jörg Häntzschel denkt über das Verhältnis von Machern, Vorbereitern und Kommentatoren der Kriegsbilder nach, und "augf" arbeitet sich am schwierigen Begriff des "friendly fire" ab: "Hierzulande tut man sich genug damit, vom 'eigenen Feuer' zu sprechen. Wirklich farbig ist das natürlich nicht. Und Farbe möcht' schon sein, auch in der Kriegsberichterstattung." Willi Winkler erinnert schließlich an Ernest Hemmingway als "den Stammvater der Kriegsberichterstattung": "Je älter er wurde und je berühmter, desto mehr war ihm das geduldige Schreiben leid, desto mehr dürstete ihn nach dem wahren Leben, also nach Blut. Sein Leben lang hatte er getötet, hatte Fische, Hasen, später Hirsche und Elefanten erlegt."

Auf der Medienseite erklärt Jakob Augstein, warum Frankreichs Medienaufsicht dem arabischen Nachrichtensender el Dschasira mit Sanktionen droht, Hans Leyendecker begrüßt die ARD-Entsendung von Christoph Maria Fröhder, einem der "erfahrensten deutschen Kriegsreporter", in den Irak, und in einem Interview gibt Peter Scholl-Latour unter anderem zu, nicht so genau zu wissen, was einen guten Kriegreporter ausmacht.

Nun zu den Oscars: Susan Vahabzadeh versucht eine Ehrenrettung des Spektakels, und kommentiert Michael Moores Auftritt so: "Moore, in seiner überschäumenden Wut - Verzweiflung möchte man sagen - merkt nicht, dass er, wenn er von der Bühne herab 'Shame on you, Mr. Bush!' ruft, den Preis entwertet, den er in Händen hält: Der ist ihm verliehen worden von einem Gremium, das über den Dingen steht. Was würde ein Oscar für einen Film wie 'Bowling for Columbine' schon bedeuten, würde er ihm verliehen im Rahmen eines Anti-Bush-Feldzugs?" Und "göt" erinnert anlässlich des Oscars für Caroline Links Film "Nirgendwo in Afrika" an vormals wenig wahrgenommene Würdigungen im deutschen filmtechnischen Bereich.

Weitere Artikel: Mit "Die Event-Klementine" überschreibt die SZ vielsagend ein Porträt der Hamburgischen Kultursenatorin Dana Horakova von Till Briegleb, und Gisa Funck berichtet vom fünften Literaturfestival lit.Cologne. In der Kolumne Zwischenzeit erklärt Evelyn Roll, inwiefern "in Kriegszeiten Lesen einfach besser als Fernsehen" sei. Schließlich schreibt Gottfried Knapp eine Nachruf auf den Maler und Zeichner Michael Mathias Prechtl.

Besprochen werden eine "rabiate" Inszenierung von "Don Giovanni" an der Komischen Oper Berlin, das Eröffnungsstück der Münchner Ballettwochen, "Porträt John Neumeier", eine Inszenierung von Italo Svevos Stück "Ein Mann wird jünger" im Schauspielhaus Köln und der Film "Die Reise nach Kafiristan" über die Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach und die Reiseschriftstellerin Ella Maillart, deren Lebensweg von Klaus und Erika Mann beeinflusst war. Und natürlich Bücher, darunter David Albaharis "erstaunlicher" Roman "Götz und Meyer" (mehr hier), eine Untersuchung von "Bildnissen schreibender Frauen im Mittelalter" und eine bisher nur auf Englisch erschienene Studie des Neurologen Antonio Damasio über Spinoza. (siehe dazu unsere Bücherschau ab 14 Uhr)

Weitere Medien, 25.03.2003

Georg Klein denkt im Tagesspiegel über die Bilder der Kriegsgefangenen nach: "Auch Donald Rumsfeld ließ inzwischen verlauten, dass ihn diese Bilder erschüttert hätten. Obwohl ich ihn nach seinem bisherigen Auftreten für einen großen Heuchler vor dem Herrn halte, will ich ihm zumindest dies glauben. Wenn es allerdings eine Hölle für verstorbene Verteidigungsminister gibt, dann müsste sie aus Einzelzellen bestehen, die nichts als ein Fernsehgerät enthalten."