Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.01.2003. In der NZZ bezweifelt Peter Nadas, ob ein fettes Frauenzimmer namens Europa schreiben kann. Die taz fragt, was zum Teufel wir Europäer meinen, wenn wir "wir" sagen. In der SZ fürchtet Moshe Zimmermann, dass Israel einen kommenden Irakkrieg als Ablenkungsmanöver nutzt. In der FR beklagt Judith Butler den neuen Imperialismus ihres Vaterlands. In der FAZ begründet Friedrich Christian Flick, warum er seine Kunstsammlung nach Berlin gibt. Die Welt glaubt nicht an die Zukunft von Hollywood.

FAZ, 28.01.2003

In einem ganzseitigen Interview mit Ilona Lehnart und Thomas Wagner erklärt der Sammler Friedrich Christian Flick seinen Entschluss, seiner Kunstsammlung nun in Berlin ein vorläufiges Domizil zu geben. Dabei äußert er sich auch über das Verhältnis von Kunst und Politik und zur Vergangenheit seiner Familie, die in Zürich, wohin die Sammlung ursprünglich gehen sollte, in die Diskussion geriet: "Ich habe diese Art von Kunst nicht gesammelt, um damit meine Einstellung zu dokumentieren. Damit würde ich die Kunst instrumentalisieren. Aber ich habe sehr wohl Kunstwerke gesammelt, deren Thematik mich aus meiner Familiengeschichte heraus beschäftigt hat. Wenn ich als Träger des Namens Flick Kunstwerke von Bruce Nauman kaufe, dann doch nicht, um mich von der Familiengeschichte reinzuwaschen. Das Kunstwerk steht doch für sich! Ob es Herr Flick kauft oder Herr Müller oder ob es in den Staatlichen Museen hängt, verändert doch nicht das Werk. Es kann doch nicht angehen, dass ich solche Kunst nicht besitzen darf, weil ich der Enkel von Friedrich Flick bin."

Weiteres: In einem Artikel über den fatalen Einfluss der Saudis (der besten Freunde der Amerikaner!) bei der Verbreitung eines undemokratischen Islam in Asien kommt Erhard Haubold auch auf den Vorschlag zu sprechen, Koranschulen durch westliche Entwicklungshilfe zu unterstützen und so Einfluss auf deren Lehrplan zu nehmen. Gina Thomas schreibt zum Tod des Historikers Hugh Trevor-Roper. Mark Siemons begrüßt den Staatsvertrag zwischen dem Bund und der Jüdischen Gemeinde als historische Zäsur. Niklas Maak kritisiert die Benennung eines Berliner Platzes nach der Pazifistin Alice Herz, die sich 1965 verbrannte, um gegen den Vietnamkrieg zu protestieren ("Der gesinnungsethische Furor, der die Berliner Genossen gepackt hat, übersieht, dass auch die Autoaggression von einer fanatischen, im Kern inhumanen Haltung zeugt, die den Körper als Symbol instrumentalisiert und seine Unversehrtheit geringschätzt.") Tilman Spreckelsen kommentiert die Entscheidung der Münchner, äh... Frankfurter Buchmesse, die Länder der arabischen Liga zum Gastland 2004 zu machen. Reiner Haußherr schreibt zum Tod des Kunsthistorikers Enst Kitzinger.

Auf der letzten Seite bringt die FAZ einen Essay von Jorge Luis Borges über seine Lieblingsbücher, der demnächst in einer Ausgabe in der Anderen Bibliothek zum ersten Mal auf deutsch erscheint: "Ich glaubte alles, sogar schlechte Illustrationen und Druckfehler", sagt er da über seine kindlichen Leseerlebnisse. Gina Thomas schreibt ein kleines Profil der britischen Kultur- (und BBC-)Ministerin Tessa Jowell. Und Siegfried Stadler freut sich, dass die Archivalien des ehemals Gothaer Perthes-Verlags nun nach Thüringen heimkehren. Auf der Medienseite empfiehlt Frank Kaspar eine heute bei Arte laufende, interessanterweise mit RTL koproduzierte Dokumentation über "Unseren Freund Saddam", der die Mitverantwortung des Westens an dem monströsen Diktator belegt. Und Matthias Rüb stellt das amerikanische Office of Global Communications vor, das amerikanische Botschaften in feindliche Länder tragen soll.

Besprochen werden eine Ausstellung über Johanna Hofer und Fritz Kortner in Berlin und Francis Poulencs Oper "Die Karmeliterinnen" unter Nikolaus Lehnhoff und Ingo Metzmacher in Hamburg.

FR, 28.01.2003

In einem kurzen Essay untersucht die Literaturwissenschaftlerin und Gendertheoretikerin Judith Butler (mehr hier, Auszüge aus diversen Texten hier) den Wandel des "Imperialismus", bei dem inzwischen "der Wille und nicht das Gesetz" herrsche. In den USA werde "die Beschwörung 'souveränen Handelns'" zunehmend "gleichbedeutend mit 'unilateralem Handeln' - unter Missachtung internationaler Verfahren und Vereinbarungen. Diese Beschwörung der Souveränität der USA verkörpert den neuen diskursiven Modus, durch den die USA ihr imperiales Recht durchsetzen: Imperialismus vollzieht sich heute durch ein Verbiegen der Begriffe 'Souveränität' und 'Demokratie', so dass die Aufhebung der Souveränität des Irak und die undemokratische Einrichtung eines USA-freundlichen Regimes wie selbstverständlich als ein Triumph der Demokratie selbst durchgehen."

Weitere Artikel: Rudolf Walter porträtiert den französischen Schriftsteller Louis Destouches alias Celine ("Reise ans Ende der Nacht", mehr hier), dem die Zeitschrift Magazine Litteraire ein Sonderheft gewidmet hat. Anlässlich des 150. Geburtstags von Jose Marti erinnert Karin Ceballos Betancur an den kubanischen Dichter und Freiheitshelden. "Mm" informiert über die "erstaunliche", weil nicht komplett desaströse Jahresbilanz der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. In der Kolumne Times mager interpretiert "schl" den Bericht des Waffenkontrolleurs Blix mit Kafkas "Bericht an eine Akademie". Und schließlich meldet die FR den Tod des Prager Zeichners Alfred Kantor, der den Holocaust überlebte und das Leben in Auschwitz in seinen Bildern dokumentierte (mehr hier).

Besprochen werden Patrice Chereaus Inszenierung von Racines "Phädra" im Pariser Odeon-Theater (die Deutschlandpremiere der Coproduktion mit der RuhrTriennale ist am 30. April in der Jahrhunderthalle Bochum zu sehen) und eine weitere Inszenierung von Tom Lanoyes Stück "Mamma Medea", das nicht nur in Hannover (siehe taz von heute), sondern auch am Nürnberger Theater gezeigt wird.

TAZ, 28.01.2003

Im Aufmacher konstatiert Jan Engelmann die Selbsttäuschung über ein gemeinsames "Wir" der "kulturfixierten Europäer". Zwar sei "der Familienzwist in der Irakfrage zu begrüßen. Und gerade die notorische Vielstimmigkeit, das ewige Hin und Her, Abwägen und Zaudern macht vielleicht den besonderen Charme europäischer Politik aus." Allerdings fragt sich Engelmann auch: "Wie verorten wir uns eigentlich in einer Welt, die zwar in der subjektiven Wahrnehmung immer stärker zusammenrückt, aber in Wahrheit von neuen Grenzziehungen und voneinander abgesteckten 'Kulturräumen' geprägt ist? Und was zum Teufel meinen wir, wenn wir 'wir' sagen?" Schon die Erinnerung an die erste Begegnung mit dem Euro in der Nacht, als er ausgegeben wurde, taugt laut Engelmann "zur Bestätigung jener Zweifel, die gegenüber dem Projekt 'Europa' gehegt werden. Erstens widersprach sie der Annahme, dass eine Vertiefung von Gemeinsamkeiten fast zwangsläufig ein gewisses Wohlgefühl erzeugt; zweitens widersprach sie der Idee, dass europäische Identität als ein emergentes Phänomen zu denken ist - eine 'höhere' Einheit, die über die reine Addition von Ingredienzien hinausgeht. Ginge es nur nach der Erfahrung jenes Abends, dann hieße die viel beschworene Finalität Europas schlicht: Falscher Hase mit Fadogeschmack."

Weiteres: Katrin Bettina Müller begeistert sich für den "ständigen Zusammenstoß von Slapstick und Tragödie" in Sebastian Nüblings Inszenierung von "Mamma Medea" nach einem Text des belgischen Dichters Tom Lanoye im Schauspiel Hannover. Als "nur ein weiteres Beispiel in der endlosen Reihe enttäuschender HipHop-Konzerte" bewertet Cornelius Tittel dagegen den Berliner Auftritt des ehemaligen Crack-Dealers Shawn Carter alias Jay-Z.

Hingewiesen sei noch auf einen Kommentar auf der Meinungsseite: Der israelische Politologe Lev Grinberg erklärt, warum die Diskriminierung der Palästinenser zu einem "Diskurs der Ablehnung" in Israel geführt hat, der die Politik letztlich lähmt.

Besprochen werden natürlich auch Bücher, darunter Kurzgeschichten der indischen Autorin Meera Nair (nicht zu verwechseln mit der Regisseurin Mira Nair, mehr hier), der neue Roman von Tom Robbins, theoretisch fundierte Gedichte von Franz Josef Czernin, eine skeptische Bilanz der "Jüdischen Existenz in Deutschland" und ein neues "Handbuch Rechtsradikalismus" (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr)

Und hier TOM.
Anzeige

SZ, 28.01.2003

Moshe Zimmermann, Leiter des Richard Koebner Center for German History an der Hebräischen Universität in Jerusalem, erklärt, wie Israel einen drohenden neuen Krieg im Irak als "Ablenkungsmanöver" nutzt. "Den neuen Golfkrieg darf man nicht nur im Kontext des Golfkrieges von 1991 betrachten. Vielmehr steht er in Israel für die 'Fortsetzung des Krieges gegen die Intifada mit anderen Mitteln'. Ebenso ist er auch Teil des israelischen Wahlkampfes: Die Notstandssituation unter dem Namen 'Kampf gegen die Waffen der Massenvernichtung' - gegen den Irak - ergänzt die Notstandssituation, die man unter dem Deckmantel 'Kampf gegen den Terror' - gegen die Palästinenser - subsumiert. Dieser verschärfte Notstand lenkt von der Aussichtslosigkeit der israelischen Palästinapolitik, aber auch von der wirtschaftlichen Misere ab."

In einem ausführlichen Nachruf würdigt Wolfgang Mommsen den englischen Historiker und Hitler-Forscher Hugh Trevor-Roper, der in den achtziger Jahren seinem bis dato "unangefochtenen Ansehen" "eine schwere Schlappe" zufügte: als er für den Stern die Echtheit der gefälschten Hitler-Tagebücher bestätigte.

Weitere Artikel: In einem Interview zieht Christina Weiss Bilanz ihrer ersten 100 Tage als Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien. Fritz Göttler berichtet über die neue Liebe Hollywoods zu literarischen Stoffen. Michael Struck-Schloen porträtiert den jungen Komponisten Matthias Pintscher "als die große Hoffnung der Klassikbranche". Veronika Schöne beschreibt, wie in Hamburg der Kunsthistoriker Martin Warnke mit einem Festakt und einem kleinen Symposium verabschiedet wurde. Jürgen Berger erklärt, warum Mainz derzeit ein "interessantes Theaterpflaster" ist. Ralf Berhorst besuchte eine Potsdamer Tagung mit dem Titel "Realizing Europe".

Henning Klüver informiert über die Verleihung des Nonino-Preises an den amerikanischen Neurologen und Bewusstseinsforscher Antonio R. Damasio (mehr hier und hier). In einer kleinen Glosse erläutert "bha" seinen Verdacht, der britische Kulturminister Kim Howells sei womöglich "nur eine erfindung des britischen Humors, "holi" denkt über die Wandkritzeleien provozierende "Avantgarde-Folter" der ewigen White Cubes-Ausstellungsräume nach, und in der Kolumne Zwischenzeit trauert Harald Eggebrecht um einen Freund.

Auf der Medienseite plaudert der Journalist und ehemalige Sprecher Gerhard Schröders, Uwe-Karsten Heye, im Interview über den Unterschied zwischen Journalismus und PR und den Niedergang des "Qualitätsjournalismus".

Besprochen werden eine Ausstellung über das Architekten-Team Herzog & de Meuron (mehr hier) im Montrealer Centre Canadien d?Architecture, eine Inszenierung von Mozarts "Cosi fan tutte" im Salzburger Landestheater, und Bücher, darunter eine bisher nur auf Englisch erschienene Darstellung des Jazz "als ästhetisches Großereignis", die "Pisaner Cantos" von Ezra Pound, die neue Ausgabe von Kürschners Deutschem Literatur-Kalender sowie ein weiterer Band mit nachgelassenen Schriften von Ernst Cassirer über Geschichte und Mythos (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr)

NZZ, 28.01.2003

Mit ein paar schönen drastischen Sätzen über die analphabetische Europa begann Peter Nadas seinen Eröffnungsvortrag für die Hamburger Veranstaltung Europa schreibt: "Einigen Sagen gemäß duftet Europas Atem nach Safran. Rubens malt sie rüde als fettes Frauenzimmer, das sich im Augenblick der Entführung mit einem Leopardenfell bedeckt. Immer schon hat Europa mehr Fett und Gold als brauchbares Wissen. Europa ist seit Urzeiten Analphabetin und wird es bis ans Ende der Zeiten bleiben. Da hilft es auch nichts, dass einzelne Individuen schreiben können und manche von ihnen sogar lesen."

Weitere Artikel: Uwe Justus Wenzel schreibt zum Tod von Hugh Trevor-Roper. Jan Assmann gratuliert dem Ägyptologen Erik Hornung zum Siebzigsten. Vorabgedruckt wird ein Essay John Bergers über den Fotografen Pentti Sammallahti. Besprochen werden eine Hamish-Fulton-Ausstellung in der Wiener Bawag-Foundation, zwei Wiener Ausstellungen zu Peter Altenberg (mehr hier), Garcia Lorcas "Bluthochzeit" in Luzern und einige Bücher, darunter, von Dorothea Dieckmann innigst gelobt, Martin Klugers Roman "Abwesende Tiere" (mehr hier).

Weitere Medien, 28.01.2003

In einem interessanten Artikel in der Welt sagt Hans-Georg Rodek den Niedergang Hollywoods in einer globalisierten Filmwelt voraus und belegt seine These mit einigen Statistiken: "1980 waren 69 Prozent aller Mitarbeiter der Filmindustrie in Los Angeles kreativ und 31 Prozent im Management tätig; inzwischen hat sich das Verhältnis umgestülpt, 45:55."

Stichwörter: Filmindustrie