Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.12.2002. In der FAZ antwortet der CDU-Politiker Christian Wullf auf Arnulf Barings Ruf zu den Barrikaden. Die NZZ erzählt, wie der Jemen seine Islamisten resozialisiert. Die taz feiert ein Jazz-Lexikon. Die SZ und die anderen Zeitungen sehen sich die neuen Entwürfe für den Ground Zero an.

SZ, 20.12.2002

Von wegen Bescheidenheit: An den sieben Entwürfen für die Neubebauung von Ground Zero merkt man, dass New York sich keineswegs von der anspruchsvollen Architektur verabscheidet habe, schreibt Jörg Häntzschel. Besonders gefällt ihm der Vorschlag von Daniel Libeskind (Homepage). "Der Rest des World Trade Centers, der 25 Meter tiefe, 'Badewanne' genannte Betonkasten des Fundaments, wird bei ihm, isoliert vom Straßenlärm, zum Gedenkort. Wobei die unterirdischen Vorortzüge nach New Jersey, die hinter einer offenen Galerie an der Wanne entlang fahren, zum Symbol dafür würden, dass das Leben auch in der Nähe des Todes weitergeht. Das endlose Sinnieren über Kitsch und Pathos, Würde und konfessionelle Korrektheit, das man vom Berliner Holocaust-Mahnmal kennt, bliebe einem so erspart. Das Gegenstück in Libeskinds Dialektik des Ausschachtens und Auftürmens würde ein nadelspitzer, 540 Meter hoher Wolkenkratzer darstellen."

Die Entscheidung, das Zuwanderungsgesetz wegen formaler Mängel abzulehnen, schadet dem bisher guten Ruf des Bundesverfassungsgerichts erheblich, schimpft Andreas Zielcke. Wo bleibt die übliche Sorgfalt, fragt er, wo der gewohnte Überblick? "Vor allem aber hätten die Richter die wachsende Zweckentfremdung des Bundesrats mitberücksichtigen müssen. Wie hier die Union (in analogen Fällen machen es die Sozialdemokraten nicht besser) den Bundesrat umfunktioniert hat von einem Organ, das die spezifischen Interessen der Länder zu vertreten hätte, hin zu einem rein bundespolitisch motivierten Blockadeinstrument der Oppositionsparteien, kann schwerlich ohne Auswirkung auf die Anwendung des Artikel 51 bleiben."

Weiteres: Armin Adam sieht die Religion als Ursache der Probleme, die Europa mit dem Beitritt der Türkei hat und betont diesbezüglich: "Die Idee eines vereinten Europas ist keine christliche Idee". Uwe Stolzmann erinnert den nicaraguanischen "Padre" Ernesto Cardenal (mehr hier und hier), der auf seiner gerade abgeschlossenen Lesereise durch Deutschland unentwegt Liebe predigte, an seine ideologisch-blutige Vergangenheit. Hans Schifferle gratuliert George Roy Hill (mehr hier), dem Regisseur von "Butch Cassidy and the Sundance Kid" zum Achtzigsten. "zri" berichtet genüsslich vom Streit zwischen Paul Mc Cartney und Yoko Ono um die Frage, wer bei den Songcredits als Erster kommt: Paul oder John. Wolfgang Schreiber hat sich bei einem Probenbesuch vom Elan und der "betörenden Wucht" Christian Thielemanns überzeugen können, dem Möchtegern-Leiter der Münchner Philharmoniker. Jürgen Berger teilt uns mit, dass Richard Wagners Urenkelin Nike die neue Kunstfest-Intendantin in Weimar wird. "G.K." langweilt sich angesichts des reservierten Entwurfs des Architektenbüros Sauerbruch Hutton für das Brandhorst-Museum in München. Eine kurze Meldung beschäftigt sich mit den verbalen Verstrickungen Sean Penns während seines Irak-Aufenthalts. Und auf der Literaturseite schwärmt Wolfgang Schreiber abermals, diesmal von der "raren Konstanz" der Zeitschrift Musik-Konzepte, die erfreuliche 25 Jahre alt geworden ist.

Auf der Medienseite feiert die SZ seit einigen Tagen 50 Jahre Fernsehen, heute sind die großen Unterhaltungsshows im Allgemeinen und Rudi Carrell im Besonderen an der Reihe.

Besprochen werden Andy Tennants Südstaaten-Comedy "Sweet Home Alabama" mit Reese Witherspoon, eine Ausstellung über die Geschichte der Spionage in Ost und West in Leipzig, Klaus Maria Brandauers Regiedebüt mit Shakespeares "Hamlet" am Wiener Burgtheater, die Gast- und Dankausstellung "Nach der Flut" der Dresdner Gemäldegalerie im Alten Museum in Berlin, und Bücher, darunter Aurelio Amendolas fotografische Liebeserklärung an den David des Michelangelo, eine Edition der fünfzehn Schreibmaschinenbriefe von Friedrich Nietzsche und Alex Shakars überdrehte Kulturkritik "Der letzte Schrei" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

NZZ, 20.12.2002

Angela Schader hat den jemenitischen Menschenrechtler Abdulhamid al-Hitar getroffen, der ein ungewöhnliches Projekt zur Wiedereingliederung von Islamisten in die jemenitische Gesellschaft leitet. Ehemalige El Qaida-Kämpfer, die zur Zeit im Gefängnis sitzen, werden nach Gesprächsrunden mit Geistlichen und Rechtsgelehrten wieder frei gelassen. Weder Armut noch die Globalisierung sieht al-Hitar als Motive des Islamismus an. "Bei seinen Gesprächspartnern habe er eine enorme Glaubenskraft gefunden - verbunden mit einer verhängnisvollen Unfähigkeit, den Wortlaut von Koran und Sunna richtig zu interpretieren. Für diese Kunst existierten sprachliche, gesetzliche und religionsrechtliche Regelungen, welche die Übertragung der Aussagen des Urtexts auf die Lebenspraxis leiten könnten; die Fundamentalisten seien jedoch teils nicht fähig, den Brückenschlag zwischen den Dokumenten und der Realität zu bewerkstelligen, teils von fehlgeleiteten oder unberufenen Religionsgelehrten manipuliert worden."

Weitere Artikel: George Waser berichtet über einen langen Artikel im Guardian, in dem über antiisraelische Ausfälle an britischen Universitäten recherchiert wird - erzählt wird etwa der Fall einer linken universitären Zeitschrift, die einen Autor wegen seiner israelischen Herkunft boykottierte. Hanno Helbing erzählt, wie das Erbe des Komponisten Puccini jüngst an den italienischen Staat ging. Besprochen werden Premieren an der Berliner Schaubühne (darunter Thomas Ostermeiers "Nora"-Inszenierung), eine Rudolf-Koller-Retrospektive in Zürich, ein "Hamlet" in der Inszenierung Klaus Maria Brandauers am Wiener Burgtheater und eine Ausstellung des Fotoprojekts "EinmalBlicke - Disposable Eyes" von Eytan Shouker und Eldad Cidor (Tel Aviv) und Suzanna Lauterbach (Berlin) im Berliner Jüdischen Museum.

Auf der Filmseite geht's um die Filme "Epsteins Nacht" von Urs Egger, "Les petites couleurs" von Patricia Plattner, "Balzac et la petite tailleuse chinoise" von Dai Sijie und "El hijo de la novia" von Juan Jose Campanella.

FR, 20.12.2002

Der Kern des Unbehagens am Zuwanderungsgesetz liegt für Rainer Nickel in der Weigerung, uns als aktives Einwanderungsland zu begreifen. In Deutschland befürchte man seit jeher einen Identitätsverlust durch zu viele Fremde. "Wie selbstverständlich legt man an die Integration von Nicht, Noch-nicht oder Inzwischen-Deutschen andere und strengere Maßstäbe an als an die von 'Inländern' untereinander. Wer käme etwa auf die Idee, so fragt der Rechtswissenschaftler Erhard Denninger, mit Bezug auf die räumliche und soziale Distanz zwischen deutschen Bewohnern von Villenvororten einerseits und heruntergekommenen Sozialwohnungsbauten andererseits die Existenz von Parallelgesellschaften zu beklagen und Überlegungen zu einer besseren 'Durchmischung' der Population anzustellen?"

Der Appell , den frühere Dissidenten aus sechs mittelosteuropäischen Ländern an den Kopenhagener Gipfel gerichtet haben, offenbart eine Kluft im politischen Denken Europas, die das gegenseitige Verstehen erschwert, vermutet Klaus Bachmann. "Um politische Konflikte zu vermeiden, spricht man in London, Paris und Berlin über kleine, bürokratische Schritte und denkt an große Ziele, während man in Warschau, Prag und Lubljana über große Ziele spricht und darüber die Schritte vernachlässigt, die dahin führen. Bis heute ist es dort einfacher, Debatten über die Finalität der EU, die Grenzen Europas und eine mögliche invocatio dei in der künftigen EU-Verfassung zu führen, als über den EU-Konvent oder eine ökologischere Reform der EU-Agrarpolitik zu diskutieren."

Weiteres: Eva Schweitzer und Christian Thomas begutachten die jetzt vorgelegten sieben Entwürfe für den Nachfolger des World Trade Centers in New York. (Ausführliches Bildmaterial finden Sie hier.) "U. Sp." beschreibt in Times mager, wie fremd er sich bei seinem letzten Aufenthalt im geschichtsverdrängenden Big Apple gefühlt hat. Helmut Höge hat bei den Feierlichkeiten zum EU-Beitritt der Litauer den Punkstar und inoffiziellen Autor der Nationalhymne Andrius Mamontovas getroffen und stellt ihn kurz vor. Dorothea Marcus beklagt den Theater-Supergau um die jetzt in Freiburg verbotene "Nibelungen"-Aufführung von Moritz Rinke. Nikolaus Merck erklärt das Leipziger Stadttheater-Paradoxon, um den auch der neue Dramaturg Michael Raab nicht herumkommt. Kurz gemeldet: Das Architektenteam Sauerbruch Hutton wird das Münchner Museum für die Sammlung Brandhorst bauen und die "Reise nach Kandahar" ist der Film des Jahres 2002 der Evangelischen Filmarbeit.

Auf der Medienseite verabschiedet Martina Cerovsek den heute vom Bildschirm scheidenden Rudi Carell, während Katrin Wilkens die neue Männer-Zeitschrift TV Sünde begrüßt.

Besprochen werden Takeshi Miikes Killerporträt "Graveyard of Honor", Klaus Maria Brandauers Regiedebüt mit "Hamlet" am Wiener Burgtheater und als CD der Woche "This is me ... then" von der schönen J'Lo.
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TAZ, 20.12.2002

Musik, Musik: Ulf Erdmann Ziegler hat Martin Kunzler besucht, den Autor des renommierten Jazz-Lexikons (das die von uns so geschätzten Feuilletons noch nicht mal besprochen haben). Und er ist Kunzler dankbar für dessen aufopferungsvolle und lorbeerenarme Arbeit . "'Ein Jazzlexikon zu schreiben', fasst er zusammen, 'ist die unhipste Sache der Welt.' Ein Konzertbesuch im Jazzkeller kommt nicht in Frage: dauert zu lang. Fünf Jahre Einsamkeit."

Außerdem: Tilman Baumgärtel ist heilfroh, dass immer mehr Club-Auftritte von DJs mitgeschnitten, im Internet veröffentlicht und damit archiviert werden. Kathrin Passig untersucht die Frage, was einen Menschen dazu bewegt, sich den Penis abschneiden zu lassen und ihn zu verzehren.

Auf der Medienseite begrüßt Steffen Grimberg das Ende des TV-Engagements des Springer-Verlags, denn "er kann es einfach nicht".

Die Besprechungen widmen sich einer Ausstellung über die Geschichte der russischen Soldatinnen im Zweiten Weltkrieg in Berlin und den neuen Alben von "The Roots" und "Common", den Gralshütern des Rap.

FAZ, 20.12.2002

In einer Erwiderung auf Arnulf Baring attackiert der in Niedersachsen wahlkämpfende Christian Wulff gehörig den orientierungslosen Kanzler, "alten sozialistischen Glauben von der Allzuständigkeit des Staates", mangelnde Motivation und Leistungsbereitschaft. Und zu Barings Ruf auf die Barrikaden notiert er kühl: "Auch Rechtswidrigkeiten wie aktiver Widerstand oder Steuerboykott sind keine Antwort. Zwar wurden hier und da Tore auch schon von der Tribüne aus erzielt, nur sind diese regelmäßig nicht anerkannt worden.". Jedenfalls nicht von den abgesetzten Schiedsrichtern!

Voll überschäumender Freude präsentiert Jordan Mejias die neuen Entwürfe für New Yorks Ground Zero vor (mehr hier), wobei ihm mit Abstand am besten Norman Fosters siamesische Türme gefallen haben, die sich "berühren und küssen", sowie Daniel Libeskinds dynamisches Wolkenkratzerensemble in der pathetischen Höhe von 1776 Fuß. "Nur sechs Wochen lang soll jetzt Zeit bleiben, aus dieser Überfülle von Ideen und Träumen einen definitiven Masterplan zu filtern. Ein transparenter Auswahlprozess ist nicht vorgesehen. Aber nach den Erfahrungen des vergangenen Sommers, als sechs kleinmütige, lächerlich verunglückte Entwürfe von einem Proteststurm der Öffentlichkeit weggefegt wurden, sollten die zuständigen Behörden wohl wissen, dass gegen den Willen der New Yorker so leicht nichts durchzudrücken ist. Developer und Bürokraten werden Ground Zero nicht ohne erheblichen Widerstand als ihren exklusiven Tummelplatz zurückerobern."

Weitere Artikel: Wie sich die Verwettungskette um einen Verlagshals winden und zuziehen kann, beschreibt Hubert Spiegel anhand von Eichborn, dessen verlustreiche Tochterunternehmen den Verlag mit der Fliege gerade in den Abgrund reißen. Programmchef und Pressechefin haben den Verlag bereits verlassen, ein weiterer Aderlass droht. Andreas Rosenfelder beklagt, dass den Hochschulen in Nordrhein-Westfalen die zugesagte Planungssicherheit wieder genommen wird. Der Politikwissenschaftler Hartmut Jäckel (mehr hier) befindet, dass der Spruch der Karlsruher Richter zum Einwanderungsgesetz ganz in Ordnung gehe. Wolfgang Sandner porträtiert Gilberto Gil, die Stimme Brasiliens. Michael Gassmann beschreibt, wie der Sparzwang Schwarz und Grün in Freiburg vereint.

Auf der Medienseite empfiehlt Michael Jeismann in höchsten Tönen die Dokumentation zu Stalingrad, die heute abend in der ARD zu sehen ist: "Die Dokumentation hält so viel von dem fest, was war, hat so viel Vergangenheit eingefangen, dass er wie von selbst in der Gegenwart lebendig wird. Nicht in Form einer Botschaft, sei sie pazifistisch oder bellizistisch. Es ist eine Dokumentation, die Bewusstsein ausstrahlt." Dietmar Dath erkennt in George Bushs Plänen zu Pockenimpfung deutliche Parallelen zur Fersehserie "Akte X" und fragt, ob es Plagiate im Amt gibt.

Besprochen werden Jeroen Krabbes Film "Die Entdeckung des Himmels" (die Tilman Spreckelsen zu beweisen scheint, dass es nicht immer ein Gütesiegel ist, wenn sich der Autor der Vorlage - Harry Mulisch - mit dem Film einverstanden erklärt), eine Schau italienischer Stillleben in der Münchner Hypo-Kunsthalle, eine Ausstellung zur Erfindung der Stadt in Erlangen, Klaus Maria Brandauers "Hamlet" in Wien, Wenedikt Jerofejews Stück "Walpurgisnacht" in der Berliner Schaubühne sowie ein Konzert des Grunge-Paten J. Mascis in Frankfurt.

Und Bücher, darunter Brigitte Kronauers Essays "Zweideutigkeiten", Rebecca Wests Reise durch Jugoslawien "Schwarzes Lamm und grauer Falke" oder Peter Beckers Geschichte der Kriminologie "Verderbnis und Entartung" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).