Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.11.2002. Die FAZ weiß, warum Wolfgang Schüssel in den nächsten vier Jahren keine Zigarren rauchen wird. Die SZ beschreibt österreichische Intellektuelle, die sich nach den Wahlen total alien-mäßig fühlen. Die NZZ schildert das Dilemma des politischen Theaters in Afrika. Die FR sucht nach Gegenfinanzierung für die geplante politische Revolte der "Fettsäcke".

FAZ, 26.11.2002

Eva Menasse zeichnet ein boshaftes und informatives Stimmungsbild der österreichischen Parteien nach den Wahlen: "Bundeskanzler Wolfgang Schüssel selbst verhielt sich in der Frage, mit wem er nun am liebsten eine Regierung bilden wolle, wie ein glitschiger Aal auf Kuschelkurs." Am häufigsten, so Menasse, sprach er das Wort "Bescheidenheit" aus. "Ist es allzu profan, die Gründe für die neue Bescheidenheit beim großen Bruder suchen zu wollen? Wie ein Gespenst an der Wand hatte die Lage in Deutschland subtil die letzten Wochen des Wahlkampfs beherrscht. Die krasse Illustration dazu war jenes unfreundliche Inserat, das Schüssels ÖVP schaltete. Darauf sah man den von Rauchschwaden umnebelten Gerhard Schröder, der auf fast obszöne Weise an einer Zigarre zieht: 'Was Rot-Grün heißt, zeigt Deutschland.' Doch dass Schröders Probleme auch auf ihn zukommen, weiß Schüssel vermutlich genau: Und hier beginnt die Demut."

Weitere Artikel: Andreas Platthaus erklärt, warum plötzlich wieder Churchills Rolle im Krieg diskutiert wird: "Die internationalen Regeln der Kriegführung, die vor allem den Schutz von Nichtkombattanten festschreibt, sind auch noch und gerade nach dem Zweiten Weltkrieg regelmäßig missachtet worden." Eberhard Rathgeb war bei der Trauerfeier für Rudolf Augstein in Hamburg. Ilona Lehnart betrachtet kopfschüttelnd den Ort, an dem Peter Eisenmanns Holocaust-Mahnmal (mehr hier) stehen soll: immer noch Brachland, obwohl der Bau vor drei Jahren beschlossen wurde. Thomas Wagner schreibt zum Tod des "letzten Surrealisten" Roberto Matta Echaurren. Em. berichtet kurz über die Verleihung des Fried-Preises an Oskar Pastior. Joseph Hanimann beschreibt die miserablen Konzertverhältnisse in Paris, wo es immer noch keinen anständigen Konzertsaal gibt. Kerstin Holm berichtet vom Versuch des russischen Historikers Andrej Nikolajewitsch Sacharow, "die Kriegseroberung Kaliningrad in einen uralten Bestandteil der russischen Erde zu verwandeln". Hintergrund ist die russische Sorge, Kaliningrad könnte sich in wirtschaftlich schlechten Zeiten Deutschland zuwenden.

Die Wirtschaftsseiten berichten, dass die Stuttgarter Zeitung mit 100 Millionen Euro bei der Süddeutschen Zeitung einsteigen wird. Die Stuttgarter erhalten dafür 18,75 Prozent der Anteile. Auf der Medienseite kommentiert Gerhard Stadelmaier höhnisch: "Die SZ ist wohl fürderhin ein umklammertes Blatt: Es schreibt sich jetzt S(t)Z." Heike Hupertz stellt den besten und profitabelsten amerikanischen Fernsehkanal vor: den Bezahlsender HBO. Auf der letzten Seite porträtiert Rainer Hermann den türkischen Geologen Celal Sengör. Jordan Mejias war bei einer Trauerfeier für Siegfried Unseld in New York, und Andreas Rosenfelder hat ein Tolkinistentreffen im Bonner Hotel "Maritim" beobachtet.

Besprochen werden Elfriede Jelineks "Prinzessinnendramen IV und V" in Berlin, Jules Massenets Oper "Thais" im Teatro Malibran und eine Ausstellung der Architekturfotografien von Dieter Leistner im Fotografie Forum International Frankfurt.

NZZ, 26.11.2002

Erika von Wietersheim schildert das Dilemma des politischen Theaters in Afrika: "Wer heute afrikanische Verhältnisse kritisiert, muss sich schnell den Vorwurf gefallen lassen, antiafrikanische Ressentiments zu hegen oder zu 'westlich' orientiert zu sein. Nach dem Motto 'Wer nicht für mich ist, ist gegen mich' wird immer wieder Opposition als Verrat oder als Kollaboration mit dem sogenannten Neokolonialismus abgestempelt." Doch das Theater bekommt mehr Macht, nicht zuletzt weil Autoren wie der nigerianische Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka oder Bratt Bailey auf den Bühnen Afrikas die "symbolische Vernichtung" der afrikanischen Diktatur inszenieren.

Felix Philipp Ingold geht der Legendenbildung des russischen Philosophen Pawel Florenski (mehr hier) nach. Unter Stalin hatte Florenski kein Auskommen, wurde hingerichtet, später rehabilitiert und gehört nun in Russland "zu den am besten edierten und am meisten diskutierten Philosophen des frühen 20. Jahrhunderts". Ingold fragt sich jedoch, warum Florenski seinen wissenschaftliche Ruf mit Schriften wie die "Abhandlung zur Symbolik und Praxis jüdischer Ritualmorde" aufs Spiel gesetzt hatte. "Vielleicht gehört es zum Wesen einer jeden menschlichen Lichtgestalt, dass sie - man denke an das Sündenregister so manch eines Heiligenlebens - durch ihre Schattenseiten noch an Helligkeit gewinnt."

Weitere Artikel: Tobias Hoffmann rühmt das ausgesprochen zeitgenössische Programm des Theatre de Carouge in Genf und überlegt wie der Rückkehrer Francois Rochaix als neuer Intendant des Theaters ab Mai nächsten Jahres arbeiten wird. Besprochen werden eine Austellung über die mondäne Mode von Englands König Edward VIII im New Yorker Metropolitan Museum und drei Bücher - darunter "Soldat Philosoph" von dem Heidegger-Schüler Hans Ebeling und die "Kurzinterviews mit fiesen Männern" von David Foster Wallace.

Die online-Redaktion der NZZ meldet heute morgen, dass der amerikanische Philosoph John Rawls (mehr hier) am Sonntag im Alter von Jahren gestorben ist.

FR, 26.11.2002

Ulrich Rüdenauer lobt die Marbacher Ausstellung "Kafkas Fabriken" als ganz "vorzüglich": "Nachdem sich Generationen von Germanisten mit Franz Kafka ihre Doktorhüte verdient haben, fällt es schwer zu glauben, dass dem Forscherauge tatsächlich bedeutsame Aspekte in diesem Lebens-Werk entgangen sein könnten. Aber noch immer klafft zwischen dem auratischen Autor und dem höheren Versicherungsbeamten Kafka ein schwarzes Loch, das eher ins Abstrakte zielende Studien anzuziehen scheint; wenngleich schon seit etlichen Jahren die Wechselwirkung von Beruflichem und Literarischem in den Blick genommen wird."

Auch die FR hat die inzwischen ebenso allfällige wie allseits beklagte "Notstandsrhetorik" und Schnäppchenmentalität in diesem Lande satt und schickt deshalb Ulrich Holbein an die Appellationsfront: "Fettsäcke. Auf die Barrikaden!" überschreibt er seinen Aufruf: "Bitte eine neue Subkultur aus dem Flugsand stampfen! Und das sofort! (Gern doch! Aber immer doch! Nur . . . wo ist die Gegenfinanzierung?)"

Weitere Artikel: Ulrich Clewing würdigt in einem Nachruf den verstorbenen Maler und Surrealisten Roberto Matta. Und Christian Thomas resümiert ein Symposium über "Architektur und Wahrnehmung" im Frankfurter Architektur Museum.

Besprochen werden eine gänzlich skandalfreie Inszenierung von Rainer Werner Fassbinders Stück "Der Müll, die Stadt und der Tod" in diversen niederländischen Städten, Hans Neuenfels' Uraufführung des zweiten Teils von Elfriede Jelineks "Der Tod und das Mädchen" an den Kammerspielen des Deutsche Theaters in Berlin, außerdem lesen wir einen gründlichen Verriss der Inszenierung eines Texts von Gertrude Stein, "Doctor Faustus lights the lights", am Berliner Maxim-Gorki-Theater.
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TAZ, 26.11.2002

Gut für den gebeutelten Buchhandel, schlecht für den Feuilletonauswerter: die taz heute, auch jenseits der Kulturseiten, entschieden rezensionslastig.

Zwei Nicht-Buch-Themen: Till Briegleb nimmt seine Besprechung des neuen Stücks von Roland Schimmelpfennig, "Vorher/Nachher" am Hamburger Schauspielhaus, zum Anlass, über die dortigen Malaisen zu berichten. Denn die stadtstaatliche Kultursenatorin und ehemalige "Bild"-Kulturredakteurin Dana Horakova (laut Briegleb "Horrorkova" im Betroffenenjargon), habe sich bisher zwar "nur ein einziges Mal selbst ins Schauspielhaus getraut", sei aber ungeachtet dessen "von der Mission beseelt", dessen Chef Tom Stromberg "zu beseitigen, weil dessen Ästhetik ihr nicht passt." Eklige Situation, so was. Briegleb attestiert nun der jüngsten Inszenierung, dass hier "nicht mehr der großbürgerliche Kennerblick die Menschheit" verwalte, "sondern die teilhabende Neugier. Vielleicht ein kleiner Wink an die Frau Senatorin, mal wieder ins Theater zu gehen."

Katrin Bettina Müller würdigt in ihrer Kritik eines neuen Programms die "getanzte Wut" des - Ende 2004 aus Kostengründen scheidenden - Frankfurter Ballettchefs William Forsythe (mehr hier), der damit das Tanztheater "grundlegend verändert" habe.

Besprochen werden sonst Bücher, darunter Jana Hensels Roman "Zonenkinder", ein Hörbuch in Art eines "akustischen Testaments" von Charlotte von Mahlsdorf, einer der "Ikonen der deutschen Schwulenbewegung", und ein Verteidigungsversuch der 68er "jenseits aller Klischees". (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr)

Und hier TOM.

SZ, 26.11.2002

Uwe Mattheis resümiert die gleichzeitige Verblüffung und Ernüchterung der österreichischen Intellektuellen nach den Wahlen vom Sonntag. Warum, fragt er sich, "hatte der die Welt so beeindruckende Protest gegen die Regierung Schüssel im Jahr 2000 so wenig nachhaltige Wirkungen auf die innere Verfassung des Landes gezeitigt? Vielleicht weil er mehr von moralischer Emotion getragen war als durch eine breitere soziale Basis." Ein geschockter "führender Kopf in der Szene", Amina Handke, jedenfalls bekennt, sich "total alien-mäßig" zu fühlen, und Elfriede Jelinek sieht bereits "die Stagnation von 'Kohl-Jahren' über das Land hereinbrechen".

Der Berliner Antisemitismusforscher (ZfA) Markus Mathyl erklärt die nebulöse radikale Subkultur, mit der die russische Dichterin Alina Wituchnowskaja gern in Zusammenhang gebracht wird: Das sind einmal die Nationalbolschewistische Partei (NBP) von Eduard Limonow und "auch mit dem engeren Umkreis des mittlerweile in Kremlkreisen einflussreichen NBP-Gründer Alexander Dugin ist sie gut bekannt. Dass diese Gruppen keineswegs nur im ästhetisch-provokativen, sondern auch im politischen Sinne als neofaschistisch einzustufen sind, ist längst kein Geheimnis mehr." Nachdem Wituchnowskaja vor allem mit Unterstützung des russischen PEN 1998 aus dem Gefängnis kam, bedankte sie sich in der ultranationalistischen Zeitschrift Zawtra mit den Worten: "Lieber in der Heimat im Gefängnis als ein freies Leben im Westen." Na dann.

Jan Mühlstein, Vorsitzender der Union progressiver Juden in Deutschland, kommentiert den angekündigten neuen Staatsvertrag zwischen der Bundesrepublik und dem Zentralrat der Juden in Deutschland: Seine Organisation liberaler jüdischer Gemeinden bildete sich in Abgrenzung zu den "Einheitsgemeinden", welche die "den orthodoxen Gebräuchen widersprechende volle religiöse Gleichberechtigung von Frauen und Männern" ablehnten und mit "Ausgrenzung reagierten: ... ihre Legitimation als jüdische Gemeinden wurde bestritten." Bei den Verhandlungen über den Staatsvertrag werde der Zentralrat aber "nur dann als die Vertretung aller Juden in Deutschland auftreten können", wenn er "die Öffnung der Einheitsgemeinden" erreiche oder "die liberalen Gemeinden als Mitglieder" akzeptiere.

Weitere Artikel: Weitere Artikel: Stefan Koldehoff begrüßt die Wahl von Julian Heynen zum neuen Kommissar für den deutschen Beitrag auf der Kunstbiennale in Venedig 2003. Karin Leydecker berichtet von einem Frankfurter Symposion zum Thema "Architektur und Wahrnehmung". Sonja Zekri informiert über Neukonzeptionsbestrebungen der geschlossenen NS-Ausstellung am Münchener Stadtmuseum. In der Kolumne Zwischenzeit erinnert Claus Heinrich Meyer anlässlich frischer Rosen auf Unselds Grab an den Verlags-Namenspender Peter Suhrkamp, und Fritz Göttler räsoniert über die Familientauglichkeit des neuen Bond-Films.

Besprochen werden eine von Klaus Wagenbach und Hans-Gerd Koch kuratierte "fabelhafte" Ausstellung über "Kafkas Fabriken" im Marbacher Schiller-Nationalmuseum, eine Hunger-Performance und eine Ausstellung von Martina Abramovic im New Yorker PS. 1, eine Schau mit Arbeiten von Jonathan Meese in der Kestner-Gesellschaft Hannover, Armin Petras' Inszenierung von Kleists "Zerbrochnem Krug" am Schauspiel Frankfurt, eine "triumphale" Anja Silja in Janaceks Oper "Jenufa" an der Deutschen Oper in Berlin, Elfriede Jelineks Stück "Jackie und andere Prinzessinnen" am Deutschen Theater in Berlin und schließlich eine Münchner Matinee des Cembalisten Andreas Staier im Prinzregententheater.

Und natürlich Bücher, darunter die Tagebücher von Kurt Cobain, ein Essay von Balzac und Aufsätze von Hermann Hesse. (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr)