Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.08.2002. In der SZ erklärt V.S. Naipaul das Problem des Konvertiten. Die FR erklärt das Problem des Skandals in der Politik. Die FAZ erklärt das Problem Dresdens in der Flut. Die NZZ geht in einer Flut von Lexika unter. Die taz berichtet aus Vilnius, wo das jüdische Ghetto wieder aufgebaut werden soll.

SZ, 17.08.2002

Für die westlichen Medien ist Simbabwes Präsident Mugabe "der drittböseste Mann der Welt" - nach Saddam Hussein und Osama bin Laden - berichtet George Monbiot, Redakteur beim Londoner Guardian. Doch die Schuld am Elend seines Landes, möchte Monbiot richtigstellen, liegt nicht allein beim zweifelsohne "skrupellosen" Mugabe, sondern zu großen Teilen bei den westlichen Eingriffen in die afrikanische Versorgungspolitik: "Durch den IWF, die Weltbank und die bilateralen Hilfsprogramme mit ihren Vorzugsbedingungen sind es in der Tat die Weißen, die Afrika regieren - und zwar mit triumphierend gereckter Faust."

In einem Gespräch mit Burkhard Müller verrät der Schriftsteller V.S. Naipaul (mehr hier), was er unter Weltliteratur versteht, und wie sich der Islam vom Christentum unterscheidet: "Es ist das Problem des Konvertiten. Der Konvertit soll für die neue Religion alles aufgeben. In diesem radikalen Sinn hat das Christentum keine Konvertiten gemacht. Im Gegenteil, es hat oft den Ländern ihre verschüttete Geschichte erst wieder zurückgegeben. Christliche Missionare waren es, die sich um die dunkle mittelalterliche Geschichte Indiens bemüht haben. Das Christentum gibt allen eine heilige Sprache, es zwingt sie nicht zu einer einzigen, wie dem Arabischen." (Hingewiesen sei auch auf ein Gespräch zwischen Arno Widmann und V.S. Naipaul in der Berliner Zeitung, in dem es um das Schreiben geht.)

Deutschland steht unter Wasser und mit ihm die Kunst- und Kulturstätten. In einer Zwischenbilanz der angerichteten Schäden wird berichtet über die Lage in Dresden, Dessau, Wittenberg, Tschechien und Österreich. Passend dazu: Der Schriftsteller Ingo Schulze (mehr hier) liefert einen Text zur Jahrhundertflut in seiner Heimatstadt Dresden, und "tost" behauptet, Max Frisch habe in einer späten Erzählung die große Flut vorausgesagt.

Weitere Artikel: Der Historiker John Efron (mehr hier) hat beobachtet, wie sich in Tottenham jüdische und nicht-jüdische Fußballfans mit ihrem Verein identifizieren. Wolfgang Schreiber berichtet, dass anlässlich der Salzburger Festspiele - und passend zu deren Motto "Programminsel" - ein Symposium stattfindet, das sich mit dem Fragment im Theater beschäftigt. Gleich zwei Geburtstage gibt es in Frankreich zu feiern: Thomas Steinfeld gratuliert dem Schriftsteller Alain Robbe-Grillet zum achtzigsten Geburtstag, und Martin Zips bringt dem Comic-Zeichner Sempe - dem wir den "Kleinen Nick" verdanken - ein Ständchen zum Siebzigsten. Außerdem lesen wir zwei Nachrufe: auf den Pop-Art-Pionier Larry Rivers und auf Peter Hunt, einen der frühen James-Bond-Regisseure.

Besprochen werden - im Rahmen der Salzburger Festspiele - Joachim Schlömers Tanztheater "The Day I Go to the Body" und Andrea Breths Inszenierung von Schnitzlers Stück "Das weite Land" sowie Adam Sandlers neuer Kinofilm "Mr. Deeds".

In der SZ am Wochenende berichtet Andrian Kreye, was man alles im kalifornischen "Standard Hotel" erleben kann. Orakel für Gerhard Schröder: Rainer Stephan prophezeit dem Kanzler einen tiefen Fall - denn was geschickten Populismus angeht, kann Gerhard Schröder Ex-Kanzler Willy Brandt nicht das Wasser reichen. Auch Christoph Schwennicke ist der Meinung, Schröders starke Medienpräsenz habe seinem Image eher geschadet. Dass Macht und Transparenz sich nicht gut vertragen, das steht für Jürgen Werner spätestens seit dem Sündenfall fest. Philipp Wesselhöft hat mit Charles Webb, dem Regisseur der "Reifeprüfung", gesprochen und viel über dessen Ex-Frau erfahren.

FR, 17.08.2002

Skandale in der Politik sind kein Unfall, sondern die Regel, erklärt uns Roman Luckscheiter in einem langen Essay ganz im Sinne des Marquis de Sade (mehr hier). Der vertrat nämlich die seit der Antike kursierende Ansicht, "dass die Staatsmaschinerie durch eine 'ständige unmoralische Erschütterung' in Bewegung gehalten werden müsse, um nicht im Zustand der absoluten Ruhe den Geist aufzugeben". Und schon de Sade wusste, dass Macht und Sex zusammengehören: "Nur in der Potenz liegt das Potential zum Potentaten. Die Insignien der Macht sind nicht mehr Zepter und Bischofsstab, sondern Phallus und Peitsche". Aha, also: Schröder oder Stoiber?

In einem noch etwas längeren Essay zeigt Manfred Schneider, dass die Massengesellschaft keine Erfindung der Moderne ist: "Bereits zu Zeiten, als die jährliche Buchproduktion in ganz Europa noch zu wenigen Hunderten zählte, klagte die gebildete Welt über die Masse der Bücher. Der Gelehrte Konrad Gesner forderte um 1550 staatliche Gesetze zur Eindämmung der Bücherflut."

Weitere Artikel: Die Jahrhundertflut hat das Feuilleton erreicht. Thomas Medicus beobachtet die Wiederauferstehung Mitteleuropas, das durch die Überschwemmungen wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt ist. Renee Zucker erklärt, was Klimaforscher und Politiker unterscheidet. Und Alice Staskova meldet sich aus Prag mit Gedanken zu Stadt und Hochwasser. Navid Kermani widmet sich den Liebessorgen von "Annkepannke". Martina Meister gratuliert dem Schriftsteller Alain Robbe-Grillet zum morgigen achtzigsten Geburtstag, und DaK meldet, dass Leni Riefenstahl ihre Äußerung aus einem FR-Interview (27.4.02) zurückgezogen hat, sie habe "alle Zigeuner, die in dem Film 'Tiefland' mitgewirkt haben, nach Kriegsende wiedergesehen und keinem einzigen sei etwas passiert".

Besprechungen: Peter Iden hat sich im nassen Salzburg Arthur Schnitzlers "Das weite Land" angesehen, in der Inszenierung von Andrea Breth. Bücher gibt es auch, keines übers Hochwasser allerdings, dafür aber etwa Clarins "Sein einziger Sohn" von 1891, der jetzt schon ins Deutsche übertragen wurde, oder "Pikasso sieht rot" von Laszlo Garaczi (mehr in unserer Bücherschau Sonntag ab 11 Uhr). Ulf Erdmann Ziegler stellt einen Katalog des Fotografen James Welling vor, dessen Ausstellung "Abstract" gerade in Brüssel zu sehen war.

Im Magazin lesen wir diese Woche unter anderem ein Portrait des Fernsehregisseurs Dieter Wedel (mehr hier), den Antje Potthof auf Mallorca und in Worms besucht hat, ein Interview mit dem Amelie-Star Audrey Tatou, mit der Petra Mies und Martin Scholz gesprochen haben und einen Expeditionsbericht von Susanne Schaber, die in einem vergessenen Tal in Graubünden unterwegs war.

TAZ, 17.08.2002

Im litauischen Vilnius sorgt der geplante Wiederaufbau des jüdischen Ghettos für Aufregung, berichtet Uwe Rada. Der Direktor des jüdischen Museums, Emmanuel Zingeris (mehr hier), will die verdrängte jüdische Vergangenheit von Vilnius sichtbar machen, "jenes kulturelle und geistige Zentrum der jiddischsprachigen Ostjuden mit seinen Bibliotheken, Verlagen und politischen Avantgarden, dem Napoleon bei seinem Feldzug gegen Russland schon 1812 den Namen 'Jerusalem des Nordens' verliehen hatte. Will nicht nur an den Massenmord an den Juden erinnern, die einmal die Hälfte der Stadtbevölkerung ausmachten, sondern auch an den kulturellen Beitrag, den das jiddische Vilne im historischen Ghetto rechts und links der Deutschen Straße geleistet hat."

Weiteres: Daniel Bax stellt die katalanische Band Macao vor, die mit Manu Chao (mehr hier) nach Deutschland kommt, und Gerrit Bartels hat sich umgehört auf der Popkomm in Köln.

Musikalisch
, das tazmag heute: Wolfgang Kraushaar erinnert sich wehmütig und hingebungsvoll an die Mutter aller Open-Airs zurück, Woodstock 1969, Jan Feddersen untersucht die Auswirkungen der Aufbruchstimmung von damals, während Reinhard Krause ein wenig mit Fräulein Menke und Wolfgang Müller plaudert, und zwar über das Phänomen der Neuen Deutschen Welle.

Schließlich TOM.
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NZZ, 17.08.2002

Eine wahre Flut von Lexika verstopft nach Hans-Albrecht Koch die Untergeschosse des Geistes: "Lexikon der populären Irrtümer, Lexikon der Öko-Irrtümer, Populäres Lexikon religiöser Bräuche und Gegenstände, Lexikon der letzten Worte, Lexikon des Klatsches, Lexikon der Fussballmythen, Lexikon der verrückten Dichter und Denker, Lexikon der Städtebeschimpfungen: Das ist nur die Ausbeute eines raschen zufälligen Blätterns, betrifft - wie man leicht erkennt - auch nur die einfachere Kost, die aber immerhin ohne ein Lexikon bei nichts mehr auskommt."

In Mexiko erregt der Film "Das Verbrechen des Paters Amaro" des jungen Regisseurs Carlos Carrera einen schönen, altmodisch-klerikalischen Skandal, meldet Anne Huffschmid. "Als 'Sakrileg' bezeichnen die erbosten Katholiken vor allem zwei Szenen, die sie vom Hörensagen kennen: In einer verfüttert die durchgedrehte Dorfheilige eine Hostie an ihre Katze, in einer anderen vergnügt sich der Pater mit seiner Gespielin unter einem mit der Jungfrau von Guadalupe bedruckten Tuch."

Weitere Artikel: Samuel Herzog schreibt zum Tod des Malers Larry Rivers. Claudia Schwartz gratuliert Sempe zum Siebzigsten. Besprochen werden Andrea Breths Inszenierung von Arthur Schnitzlers "Weites Land" und einige Bücher darunter Ulla Berkewicz' Essay "Vielleicht werden wir ja verrückt" (mehr hier) und Paul Austers "Buch der Illusionen" (mehr hier).

Und Literatur und Kunst, die schönste aller Samstagsbeilagen?

Ralf Müller unterhält sich mit dem "bahnbrechenden" Philosophen Robert Brandom, der den bahnbrechenden Satz sagt: "Es ist eine der Einsichten, die wir Habermas verdanken, dass jeder, der sich in kommunikativem Handeln engagiert, ob er es nun weiß oder nicht, sich damit auch auf eine normative Struktur einlässt, in der es um die Angemessenheit von Geltungsansprüchen und die Verpflichtung zu vernünftiger Kritik geht." Logisch!

Weitere Artikel: "Nicht nur ein desolates Bild" gibt nach Felix Philipp Ingold die russische Philosophie seit der Wende ab. Georg Sütterlin betritt pünktlich zu dessen siebzigstem Geburtstag V.S. Naipauls "literarisches Spiegelkabinett". Uwe Justus Wenzel stellt uns den Philosophen Stanley Cavell vor. Sabine Kebir macht "neues Interesse an Frantz Fanon" aus. Ursula Pia Jauch porträtiert Madame de Pompadour als Kunstsammlerin (Überschrift: "Ein frühes 'Material Girl'") Thomas Gehring meditiert über die "Melancholia" in Bildern von Cranach und Dürer. Und Uwe Stolzmann bespricht Marcel Theroux' Roman "Wer war Patrick March?"

FAZ, 17.08.2002

Gerhard Stadelmaier schreibt über Andrea Breths Inszenierung von Schnitzlers "Weites Land": "Wenn nun aber im Salzburger Landestheater ein großer, schlanker, glatter Herr mit nass zurückgekämmtem Haar auftritt und eine Miene macht, als habe er allen Zynismus der Welt mit dem Goldlöffel gefressen, er seine Zunge sich immer wie in einen Clubfauteuil zurücklehnen und die Vokale näselnd aufpicken lässt wie die Krumen einer delikat vergifteten Torte, wenn dieser Herr Hände küsst, seine Frau in zärtlichst arroganter Abgestoßenheit flüchtig sehnsüchtig umarmt...", dann mag der Stadelmaier das nicht nur, sondern beschreibt es auch sehr schön.

Dieter Bartetzko zieht eine verzweifelt vorläufige Schadensbilanz für Dresden: "Alles, was Canalettos schimmerndes Elbpanorama als bauliche Kostbarkeit vermerkt, hat sich dem Wasser ergeben müssen: Die Keller der Hofkirche sind überflutet, in den zur eindrucksvollen Unterkirche umgestalteten Gewölbekellern der Frauenkirche wurden gestern die Pumpen des eindringenden Wassers nicht mehr Herr. Der wunderbare gewölbte Saal, wo im Untergeschoss des Albertinum die Staatliche Skulpturensammlung ihren faszinierenden Ort hatte, steht unter Wasser..." Joachim Müller-Jung erläutert in einem zweiten Artikel, warum dieses Hochwasser auch die Voraussagekraft der Experten überforderte.

Niklas Maak hat Sandra Maischberger eine mit 100 noch gewiefte Leni Riefenstahl interviewen sehen, und seine Kritik gerät ihm zur Abrechnung mit dem Genre: "Das Deprimierende an dem Interview war seine Ergebnislosigkeit. Es ist nichts dagegen zu sagen, auf den hundertsten Geburtstag einer so einfluss- und folgenreichen Künstlerin wie Leni Riefenstahl in irgendeiner Form zu reagieren. Aber ein Interview muss etwas Neues herausfinden, eine Wahrheit, eine Entdeckung, eine Revision. Was hier zu sehen war, war vor allem nicht das, was die Talk-Helden zu machen behaupten: Journalismus. Statt dessen wurde das Gespräch zur Selbstfeier der Interviewerin und der Interviewten."

Weitere Artikel. Joseph Hanimann gratuliert Alain Robbe-Grillet zum Achtzigsten. Tobias Döring gratuliert V.S. Naipaul zum Siebzigsten. Werner Spies gratuliert dem Zeichner Sempe zum Siebzigsten. Michael Althen gratuliert Shelley Winters zum Achtzigsten. Verena Lueken schreibt zum Tod des Malers Larry Rivers (Bilder)..

Auf der Medienseite porträtiert Jordan Mejias den "Comicmogul" Haim Saban, der zu den Kirch-Käufern gehören könnte. Heike Hupertz erinnert an die Fernsehkritiken, die Uwe Johnson in den Jahren 1962 und 64 für den Tagesspiegel schrieb. Und Jürg Altwegg meldet, dass Vivendi aus Geldnot seine französischen Verlage verkaufen muss - und als Käufer kommt ein gewisser Bertelsmann-Konzern in Betracht.

In den Ruinen von Bilder und Zeiten porträtiert ??? (es gelingt der FAZ-Online nicht, die Namen der Bilder-und-Zeiten-Autoren darzustellen) den amerikanischen Autor Richard Powers. Und ??? erinnert an Erwin Piscators Reise in die Sowjetunion im Jahr 1932, über die neue Dokumente aufgetaucht sind.

In der Frankfurter Anthologie stellt ??? ein Gedicht von Günter Grass aus dem Jahr 1956 vor - "Hochwasser": "Es schwimmt jetzt Vieles in den Straßen, das man während der trockenen Zeit sorgfältig verbarg. Wie peinlich des Nachbarn verbrauchte Betten zu sehen."

Besprochen werden das Edinburgh Fringe Festival, wo sich einige Satiriker recht drastisch mit dem 11. September auseinandersetzten (besonders dieses Plakat sorgte für Ärger), Bachstücke im Jazzformat beim Rheingau-Musikfestival und das Frank-Capra-Remake "Mr. Deeds",

Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite geht's um neue CDs von Michelle Shocked, von Gemmy Hayes, um eine Einspielung mit frühen Orchesterwerken von Bernd Alois Zimmermann, um die neue CD von Patti Smith, um eine CD von Fernando Samalea und um Orchesterwerke des türkischen Komponisten Ahmed Adnan Saygun.