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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.05.2002. Gewalt in Filmen ist ein Zivilisationserfolg, ruft der Filmproduzent Günter Rohrbach in der SZ. Der Philosoph Bert van der Brink konstatiert in der FR die Heiligsprechung des Pim Fortuyn. In der taz diagnostiziert der Soziologe Andrei S. Markovits eine Rückkehr des "guten alten europäischen Antisemitismus'". Die NZZ sucht nach Entstehungsorten der Literatur. In der FAZ erinnert Oberstudienrat Stefan Nolting daran, dass Gerhard Schröder Lehrer einst als "faule Säcke" beschimpft hat.

SZ, 11.05.2002

In der SZ warnt der Filmproduzent Günter Rohrbach davor, Gewalt in Filmen als Erklärungsmuster für Ereignisse wie Erfurt zu benutzen: "Gewalt in Filmen ist ein Surrogat für erlittene Frustrationen, also ein Zivilisationserfolg ... Die Frage kann also nicht sein, ob wir uns Gewalt als ein Thema unserer Filme wünschen, dies steht, wenn wir unseren Bedürfnissen nicht elementar misstrauen sollen, außer Zweifel. Es geht lediglich darum, wie wir sie im Griff halten. Denn was uns gegenwärtig erschreckt, ist ja der Umstand, dass es uns offenbar nicht gelungen ist, die Gewalt in ihrem virtuellen Aggregatszustand einzuzäunen. Es sieht so aus, als habe sich die Büchse der Pandora geöffnet, als sei die Gewalt aus den Filmen, wohin wir sie glaubten verbannt zu haben, in unsere Wirklichkeit zurückgekehrt."

Warum die krisengeschüttelten Theater umdenken müssen, erläutert Christopher Schmidt in einem anderen Beitrag: "Das Problem ist, dass das Theater, wo einem alten Witz zufolge jede Person ohnehin zwei Persönlichkeiten hat, in zwei Welten zerfällt: In der einen leben die künstlerischen Angestellten, für die der Deutsche Bühnenverein auf Arbeitgeberseite zuständig ist. Doch dessen Zugeständnisse an die Flexibilisierung der Tarifverträge bleiben solange wirkungslos, wie die Bewohner der anderen Welt, die nichtkünstlerischen Angestellten des Öffentlichen Dienstes, die etwas weniger als ein Drittel des Personals stellen, an die Tarifvereinbarungen ihrer Gewerkschaft gebunden bleiben."

Ferner gibt es ein Dossier zum Internationalen Museumstag (Motto: "Museen und Globalisierung"), darin unter anderem. ein Bericht von Andrian Kreye über den Umbau und das Exildomizil des MoMA, ein Interview mit MoMA-Chef Glenn D. Lowry über sein Museumskonzept und dasjenige der anderen ("'Events' sind Sache des Guggenheim"),Gottfried Knapp annonciert die Schweizer Landesausstellung "Expo 02", auf der die Architektur mit der neuen Elektronik konkurriert, Thomas Thiemeyer stimmt ein auf den Historikertag 2002 in Halle, Hans-Peter Kunisch besucht den Verleger, Setzer und Holzschnitzer Christian Thanhäuser, und Stefan Dornuf informiert über Leben und Werk des Philosophen Alexandre Kojeve.

Besprochen werden Jörg Widmanns "Monologe für zwei" bei der Münchner Biennale sowie ein dickleibiges Porträt zum Werk Ingmar Bergmans (auch in unserer Bücherschau Sonntag um 11).

Und in der neu gestylten SZ am Wochenende, berichtet Andreas C. Knigge über die gerneralstabsmäßig organisierten Vorbereitungen zum Start von Star Wars "Episode II - Angriff der Klonkrieger", Doris Dörrie liefert eine Kurzgeschichte, in der eine "Andere" ein Familienidyll stört, und Benjamin Henrichs warnt vor dem "Wonnemonat" Mai - "Die Bäume schlagen aus. Die Pollen greifen an."

FR, 11.05.2002

Der niederländische Philosoph Bert van den Brink konstatiert in der FR die kollektive Heiligsprechung des ermordeten Pim Fortuyn und beschreibt sehr genau auch dessen Erbe. Dies setzte sich zusammen "aus einer neuen Offenheit in der Diskussionskultur, einem großen Interesse an der Politik, dem Hass auf die etablierten Parteien und überspannten Erwartungen über das, was politisch erreicht werden kann. Wähler, die sich davon angesprochen fühlen, werden am kommenden Mittwoch die kopf- und steuerlose LPF wählen." Über die Folgen davon könne man nur spekulieren. "Es ist nur zu hoffen, dass es den etablierten Parteien bis dahin gelungen sein wird, auf das tief sitzende demokratische Unbehagen, das Pim Fortuyn so meisterhaft bespielt hat, eine Antwort zu finden."

Frank Keil hat herausgefunden, wo sich in Hamburg der Schill-Effekt zeigt. Am Hauptbahnhof zum Beispiel: "Folgende Behauptung steht dazu neuerdings im Raum: Seitdem der Bahnhofsvorplatz aus Lautsprechern heraus offensiv und nahezu pausenlos mit klassischer Musik der leichteren Gangart bespielt werde, habe sich die Szene aus Drogenabhängigen, ihren Dealern, aus Obdachlosen, Herumstreunern und überhaupt den städtischen Verelendeten weitgehend von diesem öffentlichen Ort zurück gezogen. So einfach kann man diese störenden Gruppen loswerden." Doch dies, meint Keil, sei nur die offizielle Lesart eines Verfahrens, "das vergessen machen soll, dass der derzeit weitgehend leere Bahnhofsplatz tatsächlich ein Resultat handfester polizeilicher Kontrollen, begleitender Überprüfungen und administrativer Platzverweise ist und auch bleibt."

Weiteres: Adam Gellen schreibt eine kleine Geschichte der Kriegsfotografie und stellt fest, dass Manipulation schon immer dazu gehörte, Mithu Sanyal porträtiert die indische Bestsellerautorin Arundhati Roy, Petra Kohse war dabei, als Elfriede Jelinek im Berliner Ensemble den Theaterpreis der Stiftung Preußische Seehandlung bekam, Alice Koegel liefert Notizen von den 48. Oberhausener Kurzfilmtagen, Sacha Verna schickt Impressionen von der New Yorker "Book Expo America", Dirk Naguschewski berichtet von einer Konferenz zu den afrikanischen Literaturen an der Berliner Humboldt-Universität, und Navid Kermani schreibt über die merkwürdige Tugend, seinen eigenen Sohn umzubringen.

Besprechungen widmen sich Sarah Kanes "48 Psychose" am Schauspiel Frankfurt, ferner einem Bildband über den japanischen Fotokünstler Naoya Hatakeyama (Bilder), Judith Kuckarts neuem Roman "Lenas Liebe" und zwei Büchern über die philosophischen Erfahrungen Karl Löwiths und François Julliens in Ostasien (siehe auch unsere Bücherschau Sonntag um 11).

Und im Magazin verrät Sven Väth (mehr hier), wie er es schafft, auch mit 37 noch einer der begehrtesten DJs zu sein: "Sport machen. Ich schwimme gern, jogge und habe jetzt mit Yoga angefangen. Ernährung ist auch wichtig. Ich esse schon seit ein paar Jahren kein Fleisch mehr und achte auch sonst darauf, was ich esse und wann ich esse. Dann mache ich regelmäßig Ayurveda, immer im Oktober, da bin ich drei Monate abstinent. Kein Alkohol, keine Zigaretten, kein Kaffee." Jetzt bräuchte er nur auf diese Musik zu verzichten.

TAZ, 11.05.2002

Im tazmag sucht der Soziologe und Deutschland-Experte Andrei S. Markovits den Quell, aus dem sich die Liebe zum Leiden Arafats und seines Volkes und der Hass auf den jüdischen Staat speisen. Es ist "der gute alte europäische Antisemitismus", glaubt Markovits. "Quer durch alle Schichten der deutschen und europäischen Öffentlichkeiten herrscht vernehmlich ein neuer Ton. Die Absenkung der Schamgrenze hat eine Stimmung geschaffen, in der die Erleichterung der politischen Klassen und des gesamteuropäischen Diskurses fast mit Händen zu greifen ist: Endlich sind wir diesen verdammten Holocaust los!"

In den Tagesthemen plaudert Noel Gallagher von Oasis über Qualitätskriterien in der Popmusik: "Wir haben 50-mal mehr Platten verkauft als The Velvet Underground, aber macht uns das besser als die? Einflussreicher? Plattenverkäufe? Ich denke nicht. Wir verkauften 50 Millionen beschissene Platten mehr als die Stooges, aber macht uns das einflussreicher als die Stooges? Nicht in 50 Millionen Jahren! Bleib mir weg mit Verkaufszahlen. Phil Collins hat fünfmal mehr Platten verkauft als ich. Macht ihn das auch nur annähernd so einflussreich wie mich? Nö."

Und in der Kultur berichtet Daniel Bax von einem Konzert mit der Popsängerin Sezen Aksu und dem Saz-Virtuosen Arif Sag in Berlin, Andreas Busche hat sich Chantal Akermans Verfilmung von Marcel Prousts "Die Gefangene" angesehen, Frank Schäfer freut sich über das Buch "Eine unglückliche Frau" der Flower-Power-Ikone Richard Brautigans (siehe unsere Bücherschau am Sonntag um 11).

Schließlich TOM.
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NZZ, 11.05.2002

Joachim Güntner findet die Aufregung über das Treffen Schröder / Walser im Nachhinein "albern". Die Diskussion über "Nation. Patriotismus. Demokratische Kultur" war ein "Flop", schreibt er, "Differenzen wurden nicht ausgetragen. Eine Verbrüderung scheiterte bereits an den Mentalitäten. Launige Schlagfertigkeit stand gegen forcierte Diktion. Man hatte sich nicht viel zu sagen."

Weitere Artikel: Marc Zitzmann beschreibt den "Verlust der Unschuld" in den Niederlanden nach der Ermordung von Pim Fortuyn. Peter Hagmann resümiert die Münchner Musik Biennale: "Bei keinem der drei in München uraufgeführten Werke hat man mit Lust und mit Gewinn zugehört. Die Neuordnung der musiktheatralischen Parameter scheint zu einer Aufwertung der optischen Elemente zulasten der Musik zu führen...". Ulrich M. Schmid hat bei den Solothurner Literaturtagen einem Gespräch der jiddischen Autoren Lev Berinski, Michael Felsenbaum und Gennady Estraikh über ihre eigene Condition poetique und über die Möglichkeiten und Grenzen der jiddischen Literatur zugehört. Mau. schreibt den Nachruf auf den Regisseur und Schauspieler Yves Robert.

Besprochen werden Cherubinis "Medee" in Berlin und Bücher - diesmal aber nur in Form von Kurzkritiken.

Immer nur Dürrenmatt und Frisch! Ja, gibt es denn sonst keine Schweizer Literatur? Und kommt es überhaupt darauf an, wo Literatur geschrieben wird? Dieser Frage geht heute die Wochenendbeilage Literatur und Kunst nach. Neben Texten von Schriftstellerinnen und Schriftstellern über Entstehungsorte der Literatur senden auch zwei Nachbarn Grüße in die Schweiz: Rainer Moritz, Autor und Verlagsleiter von Hoffmann und Campe wünscht sich, die Schweizer Literatur möge etwas lauter werden. Aber: "Es ist vermutlich vergebliche Liebesmüh, eine Nation um geringere Diskretion zu bitten, um ein selbstbewussteres Auftreten im Show-Business der Gegenwartsliteratur. Manchmal wünsche ich mir das, manchmal warte ich auf Figuren, die den Teufelskreis der helvetischen Enge hinter sich lassen."

Der österreichische Schriftsteller Arnold Stadler sieht das freilich ganz anders: "Als ob die Literatur glamourös und Borer-Fielding-artig sein müsste. So denkt man vielleicht von einer Hauptstadt aus, in der man lebt und sich auch noch in einer Hauptstadt der Literatur wähnt. Doch in diesem Reich gibt es keine Hauptstadt, die Definitionshoheit über (deutsche) Sprache und Literatur besäße, auch Berlin nicht. Die nachbarliche Schweizer Literatur kann schon von da gar nicht provinziell sein, sondern ist im besten Sinne autochthon in einem schönen nachbarschaftlichen Zusammenhang. Das sagt ein alter Föderalist, mit einem Blick zum Säntis, von Haus aus."

Texte über Entstehungsorte der Literatur kommen von Ruth Schweikert, Anna Felder, Klaus Merz, Ivan Farron, Fabio Pusterla, Peter Stamm, Mattia Cavadini, Anne Cuneo, Nicolas Couchepin und Gertrud Leutenegger, die als "Ausgangsort des Schreibens" die Kabine entdeckt. Hier der Anfang: "Woher kommt diese Szene, diese Abgeschiedenheit auf einmal, mitten in einem Geschwirr von Stimmen? Von der Sonne aufgeheiztes Holz, das Klatschen nasser Badetücher, ein Rinnsal unter den Füssen, von unsichtbaren Nachbarn, Wasser, Urin, zerlaufenes Eis? Sommerluft, noch in diesem denkbar kleinsten Innenraum..."

FAZ, 11.05.2002

Stefan Nolting, Oberstudienrat in Lingen, mag die Betroffenheitserklärungen von Politikern zu dem Massaker in Erfurt nicht mehr hören. Er erinnert daran, dass Gerhard Schröder als Ministerpräsident von Niedersachsen Lehrer als "faule Säcke" bezeichnet hatte. Solange Lehrer "in der öffentlichen Meinung zum Watschenmann und die Schule zum Spucknapf einer Nation verkommen ist, so lange bleiben die betroffen-verzerrten Gesichtszüge der nämlichen Politiker in Erfurt das, was sie sind: Heuchelei - und Hohn für die im Wortsinne wirklich Be- und Getroffenen, die Lehrer."

Weitere Artikel: Wolf-Dietrich Niemeier, Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts in Athen, meldet einen Sensationsfund in der Erde des einstigen Athener Töpferviertels Kerameikos: Dort haben deutsche Archäologen, die eigentlich nur zwei Kanäle freilegen wollten, einen Kuros (Bild) des "Dipylon-Meisters" ausgegraben sowie zwei Löwen, eine Sphinx und weitere Architekturfragmente aus dem sechsten Jahrhundert vor Christus. Jordan Meijas porträtiert den amerikanischen Profiler Roger L. Depue, dessen Unternehmen Academy Group nach dem Amoklauf in Littleton Schulen berät, wie sie sich gegen Gewalttaten schützen können. Michael Allmaier resümiert die Internationalen Kurzfilmtage in Oberhausen. Wiebke Hüster hat einer Tagung über Mode zugehört und entschieden, dass sie lieber halbnackt dasteht, als "so entblößt von jeder Theorie". Michael Althen gratuliert Katharine Hepburn zum 95. Geburtstag. Und Jürg Altwegg wirft einen Blick in französische Zeitschriften.

Auf der Medienseite berichtet Gina Thomas über einen Gesetzentwurf der britischen Regierung, wonach es auch nichteuropäischen Rundfunkgesellschaften erlaubt sein soll, sich am britischen Markt zu beteiligen.

Besprochen werden die "Bakchen", mit denen ZT Hollandia das Brüsseler Kunsten Festival eröffnet haben, eine Doppelausstellung der Nachlässe von Else und Ludwig Meidner im Jüdischen Museum Frankfurt, eine zweiaktige "Lulu" in Amsterdam, ein Konzert von John Hammond und Bücher, darunter Ivan Klimas Erzählband "Liebesgespräche" und Jonathan Carrolls Liebesroman "Fieberglas" (siehe auch unsere Bücherschau Sonntag ab 11 Uhr).

Was von Bilder und Zeiten übrig blieb:

Ulla Berkewicz (mehr hier) liefert einen "Versuch über den islamischen und den jüdischen Fundamentalismus im Heiligen Land". Der Text ist ein Auszug aus dem Ende Mai erscheinendem Essay "Vielleicht werden wir ja verrückt". Hier ein Auszug aus dem Auszug: "Viele Araber sehen in den Israelis die Nachfolger raffinierter europäischer Kolonisatoren und nicht wenige Israelis in den Arabern die Wiedergänger von Kosaken und Nazis. Die einen warten auf den Messias und die anderen auf den Mahdi, und auch die irdischen Entwürfe sind auf beiden Seiten dieselben: Sowohl die Selbstmordbomber als auch die Siedlerbulldozer zielen darauf ab, jede Aussicht auf Frieden kaputtzumachen. Zu viele sind manipuliert, durchgeknallt, im heiligen Schlamm versackt. Zu viele hat die Abhängigkeit vom Schrecken der Geschichte um den Verstand gebracht."

Weiteres: Henning Ritter schreibt zum 100. Geburtstag des Philosophen Alexandre Kojeve, und in der Frankfurter Anthologie stellt Wolfgang Werth ein Gedicht von Johannes R. Becher vor, "Riemenschneider":

"Als er eines Tages vorübergehend,
Einen blindgestochnen Bauern sah,
Sagte er: 'Ich mach dich wieder sehend!'..."