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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.04.2002. In der FAZ gibt Antonio Negri ("Empire") eine Antwort auf die Frage "Was tun?". In der NZZ bietet der italienische Kulturpolitiker Vittorio Sgarbi internationale Unterhaltung. Die taz kritisiert die amerikanische Linke. Die FR entwirft Lösungen für den Nahostkonflikt. Die SZ erklärt, warum das Internet nicht zur Demokratisierung der Welt taugt.

FAZ, 12.04.2002

Die Franzosen mögen zwar Amerika nicht, aber sie kupfern ihre politischen Formen noch treuer ab als die Deutschen, berichtet Jürg Altwegg. Da es im Wahlkampf um nichts geht, werden nun die Ehefrauen ins Spiel gebracht. Aber auch die Schwestern und Töchter spielen eine Rolle, und hier schlägt nun wieder eine sehr französische Tradition der Sottise durch. So sprach Jospins Schwester, die Schriftstellerin Noelle Chatelet, über Chiracs Wahlkampmanagerin Claude Chirac: Sie sei die "kleine Artischocke im hassdurchtränkten Essig der Politik". Auch der Fundus der politischen Vergleiche bleibt also traditionell französisch.

Florian Schneider und Annett Busch haben beobachtet, wie Michael Hardt und Antonio Negri in Italien ihre Globalisierungsbibel "Empire" vorstellen. Am Ende der Lesungen und der Interviews stehe immer die Frage "Was tun?" im Raum. "Der heimliche Leninist und noch heimlichere Katholik will auf die brennende Frage der 'Bewegung aller Bewegungen', wie die Globalisierungsgegner sich in Italien seit neuestem nennen, keine eindeutige Antwort geben: 'Abwarten und schauen, was die anderen machen' meint er augenzwinkernd, steht auf, geht durch sein lichtdurchflutetes Apartment in Trastevere und öffnet eine Flasche Weißwein."

Andreas Kilb fällt ein strenges Urteil über Thomas Schadts Film "Berlin - Sinfonie einer Großstadt", der vorgestern mit Orchesterbegleitung in der Berliner Staatsoper aufgeführt wurde: Der Film "will stumm sein und bleibt es auch."

Weiteres: Christian Schwägerl freut sich, dass Präsident George W. Bush eine strenge Einstellung zum Klonen von Embryonen durchsetzen will. Dietmar Polaczek erzählt, wie Salman Rushdie im italienischen Fernsehen mit einem fundamentalistischen Imam diskutierte. Joseph Croitoru liest arabische und israelische Zeitschriften ("eine differenzierte Betrachtung der Lage findet man eher selten"). Der Völkerrechtler Ingo Hueck freut sich, dass ein deutsches Völkerstrafgesetzbuch zum Werkzeug des Internationalen Strafgerichtshof gekürt wurde. Paul Ingendaay schreibt zum Tod des spanischen Autors (und Stierkampfkritikers) Joaquin Vidal.

Auf der Medienseite beruhigt uns Niklas Maak: Der Kirch-Fernsehsender Sat 1 will seine geplanten Fernsehfilme trotz der Pleite des Konzerns realisieren. Und Michael Hanfeld porträtiert Jan Mojto, der für Kirch-Sender Projekte wie "Napoleon" betreute und sich nun als Produzent selbständig macht. Ferner erfahren wir Venio Piero Quinque, dass der Friseur Udo Walz (der sogar in Indien berühmt ist) dem Kanzler mit einer eidesstattlichen Erklärung aushelfen wird: Nein, er färbt ihm die Haare nicht. Auf der letzten Seite erinnert Thomas Meder an Walter Ruttmann, der in den zwanziger Jahren die erste "Sinfonie einer Großstadt" drehte. Und Dietmar Dath schimpft auf den tradionellen Antizionismus der Berliner Linksradikalen.

Besprochen werden Jan Puschs Tanztheaterstück "Siesta" in Krefeld, eine "Arabella" unter Christoph von Dohnanyi und Peter Mussbach in Paris, eine Ausstellung über die eigene Museumsgeschichte im Germanischen Nationalmseum in Nürnberg und Walter Salles Film "Hinter der Sonne".

Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite geht' um eine CD mit Luciano Berios "Voci", um eine Sibelius-CD unter Paarvo Järvi, um eine CD der Liedermacherin Nanette Scriba und um Editionen des Jazz-Sängers Leon Thomas.

Und eine wichtige Meldung für die Buchbranche wird vorerst nur ganz klein gebracht: Winfrey Oprah hat beschlossen, ihren "Book Club", mit dem sie so viele Auflagenmillionäre schuf, zu schließen, berichtet Jordan Mejias. Ihre Begründung klingt so ähnlich wie die von Marcel Reich-Ranicki vor ein paar Monaten: "Es sei zu schwierig geworden, jeden Monat ein Buch zu finden das sie persönlich bewegt".

NZZ, 12.04.2002

Viktor Otto stellt die neue deutschsprachige Andrassy-Universität in Budapest vor, ein Privat-Institut mit eher konservativem Programm: "Christliche Religiosität als kulturelles Fundament, Kritik an lebensweltlicher Monotonisierung, Bekenntnis zu einer Staatengemeinschaft selbstbewusster Nationen und schliesslich die Besinnung auf das Humboldtsche Bildungsideal profilieren die deutschsprachige Universität gegenüber der US-amerikanischen Central European University (CEU), die ebenfalls ihren Sitz in Budapest hat. Die von dem ungarisch-amerikanischen Milliardär György Soros finanzierte Hochschule führt zwar auch Europas Mitte im Namen, hat aber nicht den Anspruch, dieses Etikett etwa durch ein eigenes Studienfach normativ zu besetzen."

Der italienische Kulturstaatssekretär Vittorio Sgarbi sorgt weiterhin für internationale Unterhaltung: Weil ein Rezensent eine Ausstellung italienischer Kunst mit Leihagaben unter anderem aus Sgarbis Sammlung in The Australian (einer Zeitung aus dem Hause Murdoch) zu kritisieren wagte, droht Sgarbi nach einem Bericht von Peter Gerdes nun mit Konsequenzen: Er "erklärte, dass jedermann ein Recht auf seine eigene Meinung habe, nicht aber lügen dürfe. Die ausgestellten Werke als zweitrangig zu bezeichnen, käme der Behauptung gleich, Buster Keaton sei kein guter Filmschauspieler gewesen. Er drohte, im Namen der italienischen Regierung mit rechtlichen Schritten gegen den Herausgeber des Australian, Rupert Murdochs News Ltd., vorzugehen, und sprach von Schadenersatzforderungen von bis zu 100 Millionen australischer Dollars."

Weiteres: Georges Waser meldet, dass das "Dracula"-Manuskript versteigert wird. Derek Weber stellt die Saison 2002/3 an der Wiener Staatsoper vor. "adm." meldet, dass Daniel Libeskind eine Erweiterung für das Royal Ontario Museum in Toronto bauen wird. Besprochen werden die Ausstellung "Der (im)perfekte Mensch" in Berlin, Richard Strauss' "Arabella" im Pariser Châtelet-Theater und eine Pariser Ausstellung über Universitätsbauten.

Auf der Filmseite geht's um die Filme "Eloge de l'amour" und "King Lear" von Jean-Luc Godard und um eine Robert-Beavers-Retro im Whitney-Museum.

TAZ, 12.04.2002

In der taz kritisiert Brigitte Werneburg den "Brief aus Amerika", mit dem sich kürzlich 150 Intellektuelle "An unsere Freunde in Europa" und gegen das Kollegenmanifest vom "gerechten Krieg" gewandt haben. "Dem Brief haftet der strenge Geruch linker Orthodoxie und radikaler Campus-Mentalität an", findet sie. "Wenn die Unterzeichner bezweifeln, dass der Feldzug in Afghanistan gegen die al-Qaida durch das Recht der USA auf Selbstverteidigung gedeckt sei, gleich die alten Rechnungen aus Vietnam, Laos, Kambodscha oder Panama wieder aufgemacht." Und was die Aufforderung an die Europäer betrifft, Kritik zu üben, so ist Werneburg der Meinung, dass dergleichen "sogar auf hoher Regierungsebene" geschieht, "nur nicht immer ganz im Sinne der 150 Kritiker des Präsidenten Bush. Rationale Kritik gab und gibt es zu den amerikanischen Vorstellungen des Umweltschutzes, des Patent- und Urheberrechts ... Auch die Reaktion auf das Papier der 58 Konservativen war hier weit lebhafter als in den USA selbst."

Außerdem: Björn Gottstein beklagt, dass Thomas Schadt mit seinem Remake von Walter Ruttmans Klassiker "Berlin - Die Sinfonie der Großstadt" über die flotte Reihung altbekannter Bilder nicht hinaus kommt, für Thomas Winkler klingt Xavier Naidoos Doppelalbum "Zwischenspiel/Alles für den Herrn" ein bisschen wie ein "Magnificat mit Kuschelpoppotenzial", Fritz von Klinggräff berichtet von den Petersburger Dialogen in Weimar, wo man auch über Beutekunst sprach, und im Interview plaudert der Trompeter Till Brönner über die wirtschaftliche Misere des Jazz und stellt klar: Jazz ist nicht bloß Katzenmusik.

Schließlich TOM.
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FR, 12.04.2002

In der FR äußert sich Menachem Klein, Politikwissenschaftler und Professor an der Bar Ilan Universität Tel Aviv und einer der schärfsten Kritiker der Scharon-Regierung, zu möglichen Lösungen des Nahostkonflikts und zum Problem einer von außen kommenden Kritik an Israel: "Der größte Fehler ist, die Kritik an der israelischen Regierung mit Antisemitismus zu verwechseln. Genauso ist es ein großer Irrtum der Juden in Westeuropa, dass sie Israel auf jeden Fall hundertprozentig unterstützen müssten. Scharon zu kritisieren, diesen Krieg zu verurteilen, bedeutet nicht, Israel das Recht auf Existenz abzusprechen. Deswegen darf die internationale Gemeinschaft nicht länger zuschauen, wie eine ganze Region zur Hölle fährt."

Von einer Theaterreise in den Irak mit Roberto Ciullis Theater an der Ruhr berichtet Dorothea Marcus. "Der Eindruck, dass man Publikum lieber vom westlichen Theater fern halten will, bestätigt sich nicht. Vor der ersten Aufführung wird Saddam Hussein gepriesen, dessen Offenheit für Kunst die deutschen Gastspiele möglich gemacht hat. Auch in den Fernsehankündigungen ist von der Gnade des Präsidenten die Rede. Danach wird das Theater an jedem Abend voller." Dass im Publikum leise "Allah"-Rufe zu hören sind, als Ciulli eine Darstellerin nackt zeigt, verdeutlicht das Wagnis des Ganzen.

Marcia Pallys Flatiron Letter Nr. 12 erzählt vom Genuss und von der Verführungskraft Cappuccino-fettfreier Sojamilch (hmm), die "Times mager"-Kolumne macht das Vergessen zum Thema, und Adam Olschewski erklärt, warum aus Nana Mouscouri ohne weiteres auch etwas anderes hätte werden können, als die nur schwer erträgliche Schlagersängerin, die wir kennen: eine Jazzsängerin zum Beispiel.

Besprechungen schließlich widmen sich der Uraufführung von Thomas Schadts Ruttmann-Remake "Berlin - Sinfonie einer Großstadt" in Berlins Staatsoper unter den Linden, Tom Deys Kino-Actionkomödie "It' Showtime", Mahler- und andere Eispielungen des Dirigenten Rafael Kubelik, das lang erwartete neue Album von Cornershop sowie eine Ausstellung zum Typographen Jan Tschichold im Haus des Buches in Leipzig.

SZ, 12.04.2002

In der SZ bedankt sich Willi Winkler herzlich bei allen Spendern und Spendenempfängern im Land: Endlich weiß der Mensch wieder, was er wert ist. Zwar habe sich, so Winkler, der Mensch in der Aufklärung von seiner Unmündigkeit entledigt, seinen Wert habe er aber gleichfalls verloren. "Der Steuerbürger weiß nicht, wofür er seine Abgaben leistet. Er weiß erst recht nicht, was seine Arbeit eigentlich soll. Der BAT hilft, aber was besagt ein Lohnzettel?" Wirklich hilfreich dagegen - unsere Parteien: "Bei den Bestechungsfällen der SPD wie jenen, die vor zweieinhalb Jahren bei der CDU zum Vorschein kamen, ist gerade durch die Höhe der Summen und die Bereitschaft, sich auf alle erdenkliche Weise zu prostituieren ... wieder einmal der Mensch in seinem wahren Wert gewürdigt worden: Leisler Kiep: 1 Million, Kohl 2 Millionen, Schäuble immerhin 100 000 (alles noch in DM)."

Warum das Internet als Demokratisierungsmaschine nur wenig taugt, erklärt uns Sonja Zekri in einem Beitrag. Online-Zensur in Saudi-Arabien, Online-Wüsten wie in Afrika, wo südlich der Sahara 99,5 Prozent der Menschen keinen Netzzugang haben, und selbst die letzte Gewissheit, "dass der Cyberspace keine Rassen, sondern nur IP-Adressen kennt, erweist sich als Illusion. Nur zu oft, berichtet Henry Jenkins, Komparatist am Massachusetts Institute of Technology, in Technologie Review, erleben Afroamerikaner in Chats, dass ihre Partner davon ausgehen, alle Teilnehmer seien weiß. Wer sich nicht outet, werde zum Publikum rassistischer Witze."

Ferner: Wolfgang Jean Stock erklärt, was das neue, schicke Schulgebäude in Helsinki-Herttoniemi mit der Pisa-Studie zu tun hat (Wohlbefinden steigert das Lernvermögen!), Christian Jooss amüsiert sich über eine Schnurre aus dem Kunsthändler und -sammlermilieu, Frank Ebbinghaus annonciert die Eröffnung einer Dependance des Leo-Baeck-Instituts in der Hauptstadt, Thomas Thiemeyer war auf dem 92. Deutschen Bibliothekartag in Augsburg, Malte Herwig erzählt, wie Adorno als Student in Oxford dem Briefpapier des College verfiel, und Norbert Ott belehrt uns über die Illustration hebräischer und jiddischer Handschriften im europäischen Mittelalter.

Besprochen werden eine geglättete Strausssche "Arabella" an der Pariser Oper, die mit Spannung erwartete Uraufführung von Thomas Schadts "Berlin: Sinfonie einer Großstadt" an der Berliner Staatsoper, Laurent Gaudes "Kampfhunde" am Landestheater Linz, Neil Youngs neues Album "Are You Passionate?", ein Konzert des Juilliard-Quartetts (Mozart, Shapey und Schubert) im Münchner Herkulessaal, schließlich ein einsames Buch: eine Dokumentation von Helmar Lerskis Porträt-Atlas "Verwandlungen durch Licht" aus dem Jahr 1936 (auch in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).