Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.01.2002. In der NZZ wirft Francois Zabbal den arabischen Intellektuellen Heuchelei vor. In der SZ beklagt Gert Mattenklott den Bedeutungsverlust der Germanistik. Die FAZ wirft mehrere Lichter auf die traurige Lage Berlins. Die taz schwankt zum 20. Geburtstag der Toten Hosen zwischen Spott und Rührung und Die FR entdeckt eine neue Tätergeneration: Die Vertuscher des Holocaust.

NZZ, 21.01.2002

Ist die Debatte über den 11. September eigentlich schon abgeschlossen? Die deutschen Medien scheinen sie ja schon ad acta gelegt zu haben. In der NZZ liefert heute Francois Zabbal eine geharnischte Polemik gegen die arabischen Intellektuellen, was um so bemerkenswerter ist, als Zabbal Chefredakteur der Zeitschrift Qantara ist, die vom Pariser Institut du monde arabe herausgegeben wird. Zabbal wirft vielen arabischen Intellektuellen Heuchelei vor: "Mehr noch als zu Zeiten des Golfkriegs erlaubte die neue Situation den arabischen Intellektuellen, in die vordersten Ränge der Historie vorzudringen, den Großen dieser Erde in den Weg zu treten, zu raten, zu rügen, zu warnen - sie, die niemals auch nur den kleinen Finger gerührt hatten, wenn ein militanter Islamist in den Kerkern ihrer eigenen Heimatstaaten gefoltert wurde. Und durch die Magie der vielgepriesenen Globalisierung fanden sie ein Echo unter den Intellektuellen und Kommentatoren des Okzidents - eine missgeleitete Geste gegenseitiger Anerkennung, die sich auf Selbsttäuschung und Doppeldeutigkeiten gründete."

Weiteres: Hoo Nam Seelmann berichtet in einem "Schauplatz Korea", dass Frauen sich zunehmend gegen ihre Benachteiligung in religiösen Institutionen des Buddhismus wehren. Claudia Schwartz bespricht die Holocaust-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum. Weitere Besprechungen gelten den Vincenzo Bellinis "Sonnambula" im Zürcher Opernhaus und dem Stück "Trübe Quellenlage" von Ruedi Häusermann in Basel.

SZ, 21.01.2002

In seinem Artikel zeigt sich Tobias Kniebe erleichtert, dass zumindest beim Bayerischen Filmpreis dem "Schuh des Manitu" (genau: dem erfolgreichsten deutschen Film aller Zeiten) höhere Auszeichnungen als der Publikumspreis versagt blieben. Da waren Caroline Link, Dominik Graf und der Kulturauftrag vor. Bei der Filmförderung aber scheint letzterer aber nicht mehr zu gelten. Teenager scheinen, stöhnt Kniebe, einen "kommerziellen Machtblock zu bilden, vor dem wir in diesem Jahr zittern werden - mehr denn je. Die Fördergremien dagegen zittern nicht mehr, die haben sich kampflos ergeben. Und also freuen wir uns jetzt auf Werke wie 'Feuer, Eis und Dosenbier' (zwei Kiffer in Schwierigkeiten fliehen nach Ischgl, 900000 Mark aus NRW), 'Erkan & Stefan und die Mächte der Finsternis' (Erkan & Stefan eben, zwei Millionen aus Bayern) und 'Knallharte Jungs' (Fortsetzung der Pubertätskomödie 'Harte Jungs', 1,5 Millionen aus Bayern)."

Sinnverlust auch in den Geisteswissenschaften. Zur bedauernswerten Lage derselben hat die SZ den Literaturwissenschaftler Gerd Mattenklott interviewt. Mattenklott hat eine "massive Tendenz" zur Selbstaufgabe ausgemacht: "Man braucht sich nur anzusehen, wie früher die Germanistik aufgetreten ist - mit dem Anspruch auf Sinngebung und Deutung - und wie sie sich in den letzten Jahrzehnten zu einer engen Spezialdisziplin rückentwickelt hat, die solche kulturellen Deutungsansprüche weitgehend aufgegeben hat."

Weitere Artikel: Jens Bisky stellt zum Ende des Preußenjahres fest: "Grundsätzlich herrscht Ruhe und Ordnung im Geschichtsbild der Republik ... Der Preußenhass ist inzwischen zu Desinteresse verblasst, die Leidenschaft fürs Preußische zu einem skurrilen Hobby verkommen. Streit gibt es, wenn überhaupt, dann um die Möblierung des Stadtraumes. Und Arno Orzessek gratuliert zum 350-jährigen Bestehen der Hallenser Akademie Leopoldina, in der Francis Bacons Maxime zu gelten scheine, "den menschlichen Geist nicht mit Flügeln, sondern eher mit Bleigewichten zu versehen, um so jedes Springen und Fliegen zu verhindern."

Besprochen werden: Niklaus Helblings Inszenierung des "Cid" in Bochum, die Eröffnung des neuen Mailänder Teatro degli Arcimboldi mit der "Traviata" (die Scala wird umgebaut), eine Aufführung der "Manon Lescaut" an der Bayerischen Staatsoper, das Stück  "Valse triste" von Johanna Richter im Münchner Haus der Kunst sowie die Uraufführung von Tankred Dorsts "Othoon". Der Schrifsteller Stewart O'Nan verreißt Ridley Scotts gerade in den USA angelaufenen Schlachtenfilm "Black Hawk Down", der zwar in Mogadischu spielt, aber auf Afghanistan zielt. Außerdem wird die Ankunft der modernen Kunst auf der Zugspitze verkündet: Die dortige Kunsthalle zeigt Bilder von Axel Hütte.

Besprochen werden schließlich Bücher: darunter eine Untersuchung über "Denunziation im 20 Jahrhundert", eine - bisher nur auf englisch erschienene - Biografie über die Widerständlerin Mildred Harnack. Weiter ein Sammelband über das Verhältnis des Dichters Stefan George zu seinen jüdischen Jüngern, Chang-Rae Lees Roman "Fremd im eigenen Leben" und ein Band über "Gesellschaft und Staat in Afrika". (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 21.01.2002

Zum 60. Jahrestag der Wannsee-Konferenz (hier mehr) bemerkt Rüdiger Suchsland, dass der Blick auf den Holocaust mehr und mehr die bundesrepublikanische Geschichte miteinschließt, und erkennt darin eine neue Politisierung: "In dem Maße, indem die Generation der Täter und Mitläufer aus der Gesellschaft verschwindet, gerät eine neue Täter-Generation in den Blick: Die der Vertuscher und Verschweiger, Beschwichtiger und Verdränger. Zu ihnen gehören neben den Anhängern der "Schlusstrich-Fraktion", die nach 1945 Altnazis, Täter und Parteimitglieder allzu schnell und bereitwillig wieder in die demokratische Gesellschaft integrierten, auch manche Stimmen im Historikerstreit, in den Debatten um die Goldhagen-These und die Wehrmachtsausstellung. Und schließlich auch all jene, die sich im Fall der Zwangsarbeiterentschädigung stur allen Fragen nach eigener Beteiligung verweigerten."

Ordentlich verrissen wird der "Hamlet" (für den Gully) im neu erbauten Basler Schauspielhaus, von dem Peter Iden meint, dass es eigentlich auch in den Müll gehöre. Gut besprochen wird dagegen Luciano Berios "Un re in ascolto" in Frankfurt. Außerdem werden heute politische Bücher vorgestellt (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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TAZ, 21.01.2002

Die Toten Hosen (hier mehr) werden 20. Ihr Frontmann Campino musste sich schon von der taz als "kulturkonservativer Neotraditionalist", "Roberto Blanco des Bierdosen-Punk" und "Weizsäcker des Punk" bezeichnen lassen. Jetzt schreibt Thomas Winkler über die gereiften Punkrocker: "Sie sind die Band, die dieses Land verdient. Genauso spießig und stur, aber halt auch nett und liebenswert. Hoch moralisch und gleichzeitig vollkommen inkonsequent. Hin und wieder ganz schlau und dann wieder dumpf und humorlos. Oberflächlich und laut, was die seltenen Momente rührender Tiefe umso überraschender werden lässt. Menschlich eben. Die öffentliche Figur Campino zu sehen ist, wie in den Spiegel zu blicken. Der Anblick ist nicht immer schön. Und die, die ihn hassen, erkennen sich doch nur selbst."

Ralph Bollmann freut sich über die neue Berliner Klarheit: "Mit der Hauptstadt, das wird nichts mehr." Die Stadt bleibe eine verarmte, etwas zu groß geratene Stadt kurz vor der polnischen Grenze. Aber, meint Bollmann: "Außer ein paar Kommentatoren stört das niemanden."

Harald Fricke bespricht eine Ausstellung des schottischen Künstlers Douglas Gordon im Kunsthaus Bregenz, Jürgen Berger schreibt über Basels neues Schaupielhaus, das "nach jahrzehntelangen Querelen und Peinlichkeiten tatsächlich eingeweiht werden konnte, und zwar mit "Hamlet". Lilli Brandt erzählt die Liebesgeschichte des Berliner Taxifahrers Fikret.

Schließlich Tom.

FAZ, 21.01.2002

Ach, Berlin, traurige Stadt.

Ernst Otto Riecken, ehemals Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Benjamin Franklin der Freien Universität, wendet sich mit einem verzweifelten Appell an die Berliner Politiker, die das Krankenhaus zur Bezirksklinik degradieren wollen. Er beschwört die Leistungssteigerungen, die hier in den letzten Jahren unter schwierigen Bedingungen erreicht wurden: "Im Jahre der Schließungsentscheidung des UKBF als Universitätsinstitution .. steht sie gemeinsam mit der Charite mit ihren Leistungen oben im universitären Spektrum der Bundesrepublik: Eine leistungsgebundene Forschungsmittelvergabe wurde eingeführt, die eingeworbenen Drittmittel auf fünfzig Millionen Mark im Jahr 2000 gesteigert, mit einer Pro-Kopf-Einwerbung pro Professor von 620 000 Mark gegenüber einer Summe von 309 000 Mark im Bundesdurchschnitt. Darüber hinaus wurden zwei Sonderforschungsbereiche der DFG, vier Forschungsschwerpunkte und drei Graduiertenkollegs zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses eingeworben." Und schließt: "Es wäre ein Zeichen des Mutes und der Aufrichtigkeit des neuen Senates, seine Entscheidung zu korrigieren..."

Und dann geraten "Hoffmanns Erzählungen" an der Deutschen Oper in der Regie von Sven-Erik Berchtolf noch allzu fröhlich: "Man begriff rasch", schreibt Eleonore Büning: "Bei dieser aus der Musicalästhetik bekannten, pointenhaschenden und sinnwegplättenden Oberflächenpolitur muss es sich um eine tragische Verwechslung handeln. Vielleicht meinte Regisseur Bechtolf, er habe es mit einer dieser ironischen Offenbach-Operetten zu tun, wo man nur kräftig zuckern muss, dann hüpft der Aff' schon von allein. Die Musik hätte ihm aber mitteilen können, dass sich hier ein faustisches Drama abspielt - traurig, böse, mitunter auch buffonesk..."

Dritter Berlin Artikel: Ilona Lehnart nimmt die Empfehlung der Expertenkommission für den Aufbau des Stadtschlosses unter die Lupe: Die Sache würde Bund und Land 230 Millionen Euro im Jahr kosten – die zuständigen Politiker werden sich prächtig amüsiert haben.

Weiteres: Oliver Tolmein erwägt rechtliche Fragen in Zusammenhang mit der Bioethik - kann ein Kind, das durch einen ärztlichen Kunstfehler behindert zur Welt kommt, als "Schaden" gelten? Paul Ingendaay berichtet, wie die Spanier ihren Literaturnobelpreisträger Camilo Jose Cela zu Grabe trugen. Christian Schwägerl resümiert eine deutsch-estnische Tagung zur Biopolitik in der Berliner Charite.

Ferner gratuliert Lorenz Jäger dem Literaturwissenschaftler Gert Mattenklott zum Sechzigsten. Jörg Magenau hat einer Tagung über amerikanische Einflüsse in der Jugendkultur der DDR zugehört. Patrick Bahners gratuliert dem Shakespeare-Schauspieler Paul Scofield zum Achtzigsten. Kerstin Holm berichtet, dass der Jugendverband der Putin-Partei seine Mitglieder auffordert, die Werke von Vladimir Sorokin oder Viktor Pelewin an die Autoren zurückzuschicken und stattdessen patriotisch Erbauenderes zu lesen.

Auf der Medienseite wird der Fernsehdebatten bei den Wahlen 1976 und 1980 gedacht, die noch nicht als Duelle inszeniert wurden. Bernhard Vogel nimmt im Interview zum Desaster der ZDF-Intendantenkür Stellung. Auf der letzten Seite schildert Wolfgang Sandner in einer längeren Reportage die Lage der deutschen Minderheit in Ungarn. Markus Reiter erzählt, dass der norwegische Minister Per-Kristian Foss seinen Lebensgefährten heiratete, was unter anderem deshalb eine Pikanterie darstellt, weil seine konservative Partei seinerzeit scharf gegen das Projekt der Schwulenehe opponierte. Und Achim Bahnen stellt George W. Bushs Bioethikrat vor, dem eine einseitige, auf Betroffene ganz verzichtende Besetzung vorgeworfen wird.

Besprochen werden Luciano Berios "Un re in ascolto" an der Frankfurter Oper, Der "Cid" von Pierre Corneille am Schauspielhaus Bochum, der Film "Sag kein Wort" von Gary Fleder und "Die Jungfrau von Orleans" in Kassel.