Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.10.2001. Die FAZ bringt eine aufsehenerregende Reportage über den Tod von Massoud. In der Zeit wird die Lage durch die gesammelte Feuilletonistenschaft noch einmal gründlich durchanalysiert. Die SZ berichtet, dass Journalisten jetzt schon festgenommen werden, wenn sie Schriften über den Selbstmord bei sich führen. Die taz sammelt die seltsamsten Blüten des amerikanischen Patriotismus.

NZZ, 31.10.2001

Ein nicht ganz unkritisches, insgesamt aber doch positives Porträt der Kulturhauptstadt Porto schickt Markus Jakob: "Gewiss, das Konzept der europäischen Kulturhauptstadt ist schon einmal dadurch entwertet worden, dass letztes Jahr nicht weniger als neun Städte diese Ehre teilten. Vernünftiger scheinen da Doppelbesetzungen, wie sie von nun an die Regel sein sollen, werden so doch - Rotterdam und Porto machten den Anfang - Koproduktionen und überhaupt der kulturelle Austausch gefördert. Mit Santiago de Compostela 2000, Porto 2001 und Salamanca 2002 macht der Nordwesten der Iberischen Halbinsel übrigens gleich in drei aufeinander folgenden Jahren sein kulturelles Gewicht geltend; bloß, wer nimmt das bei der Häufung noch wahr?"

Weiteres: Lilo Weber hat ein Tanzfest der Folkwangschule zum 100. Geburtstag von Kurt Jooß besucht. Gert Walden stellt ein "Urban Entertainment Center" von Rüdiger Lainer in Wien vor.

Besprochen werden eine "Antigonä" im Stadttheater Bern und verschiedene Bücher, darunter ein Band der monumentalen "Geschichte des Christentums" im Herder-Verlag und Gillian Slovos Roman "Roter Staub" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 31.10.2001

Die SZ bringt die Kurzfassung einer Rede, die der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Hubert Markl, heute vor dem Heidelberg Forum on the Biosciences and Society hält. Markl beleuchtet darin den auf einer "vom Ansatz her falschen Ethik" beruhenden Irrweg von Evolutionsbiologie und Genetik während des Nationalsozialismus und deckt die anthropologischen Grundlinien seiner eigenen Überlegungen auf, die ihn zur Präferenz der Nidation, der Einnistung, als ethisch relevanter Lebenslinie führen: "Keinen Zweifel sollte es daran geben, dass reproduktives Klonen oder genetisch manipulierende Eingriffe in die Keimbahn von Embryonen, die sich nach Einpflanzung in einer Mutter zu Menschen entwickeln sollen, auch nach Abwägen aller Gründe nicht zulässig sein dürfen und strikt verboten bleiben sollen."

Der aus Lahore gebürtige Schriftsteller und Filmemacher Tariq Ali berichtet von einem unglaublichen Vorfall auf dem Münchner Flughafen. Ali, der in München an Seminaren und Gesprächen zum Thema Islam teilgenommen hatte, wurde dort von hysterischen Kripobeamten festgenommen, die ihn offenbar für eine Gefahr hielten. Der Grund: die SZ im Gepäck und ein Buch mit dem höchstverdächtigen Titel "Vom Selbstmord" von Karl Marx.

Weiteres: Alex Rühle über eine das letzte Sommerloch stopfende BKA-Analyse von Haffners "Erinnerungen", Sabine Doering-Manteuffel weiß, warum Europa Halloween feiert (es chiffriert in bunten Farben die Frage nach dem Wohin), Wolfgang Schreiber sagt, warum Kent Nagano nun doch in Berlin bleibt, Hans Schifferle schwärmt von der Viennale, wo die Filme noch in den City-Kinos laufen, Nils Landgren erklärt, wie der Jazz nach Schweden kam, Joachim Hentschel avisiert die Tour des Berliner Pop?Romeos Maximilian Hecker. Und Verena Auffermann gratuliert Ilse Aichinger zum 80.

Besprochen werden ? Kino, Kino ? Barry Levinsons "Banditen!", "Corellis Mandoline" von John Madden (siehe auch das Interview mit dem Regisseur), Mike Figgis' "Hotel" bei den Filmtagen von Hof, ferner Rene Pollesch' "Menschen in Scheiß-Hotels" in Berlin und Hartmut Langes Novelle "Das Streichquartett" sowie Ivan Nagels "Streitschriften"(auch in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FR, 31.10.2001

In der FR beklagt der Sozialforscher Klaus Naumann die Nationalgemütlichkeit der Deutschen, an denen eine von US-Historikern entworfene neue Zeitgeschichte glatt vorbeizieht: "Auf merkwürdige Weise unbekannt geblieben ist in der deutschen Öffentlichkeit - jedoch nicht in Fachkreisen - die profunde Arbeit, die amerikanische Zeithistoriker zur Geschichte der Bundesrepublik geleistet haben." Dabei, so Naumann, birgt der kulturhistorische Zugriff, mit dem in der amerikanischen Geschichtsforschung ungewöhnliche Zeitdokumente wie Spielfilme oder Populärzeitschriften zum Sprechen gebracht werden (Naumann bringt einige Beispiele), eine hervorragende Möglichkeit für die Darstellung der Nachkriegsgeschichte.

Zu lesen ist auch die gekürzte Fassung einer Rede, die Adolf Muschg vergangene Woche als Laudator des Nanny-und-Erich-Fischhof-Preises in Zürich gehalten hat. Muschg berichtet von einer Reise in den Iran, nach Israel, streift die USA und Afghanistan und nimmt auf denkbar elegante Weise kein Blatt vor den Mund: "Als ich auf den Ruinen von Persepolis stand, musste ich an die Perser des Aischylos denken, der seinen Mitbürgern zugemutet hat, das Unglück ihres großen Feindes Xerxes so zu betrachten, als wäre es ein Stück von ihnen. An keiner Stelle habe ich mich vom Terrorismus weiter entfernt gefühlt."

Andere Artikel: Gerwin Klinger berichtet von der Podiumsdiskussion "Europa - eine christliche Wertegemeinschaft?" im Berliner Haus der Kulturen - eine Veranstaltung, die, wie so vieles, in den Sog des Krieges geriet. Und Rüdiger Suchsland hat sich bei den Hofer Filmtagen die Sonnenseite des deutschen Kinos zeigen lassen.

Ansonsten gibt es einige Kurzmitteilungen, etwa zum BKA-Gutachten zu Sebastian Haffner (die BKAler fanden keinen Hinweis darauf, dass die "Geschichte eines Deutschen" nach 1939 geschrieben wurde), zur Berliner Schlossdebatte (gähn) oder zum neuen Landserperiodikum "Merkur". Wäre noch eine Besprechung zu melden: Laurent Chetouanes Inszenierung von Normand Chaurettes "Der Kleine Köchel" am Hamburger Schauspielhaus.
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TAZ, 31.10.2001

Amerika und der Patriotismus. Thomas Girst stellt ein paar der seltsamsten Blüten zusammen, die diese Verbindung dieser Tage zeugt: die Wiedereinführung der "Pledge of Allegiance" zu Beginn eines jeden Schultags z.B., samt Aufstehen und rechter Hand am Herzen. Oder Bin Laden auf Klopapier, als Spiel- oder Comicfigur bei Newsgrounds, wo man ihn auf jegliche Art massakrieren kann, oder als Voodoo-Puppe, in die sich mitgelieferte Nadeln stecken lassen, an denen das Sternenbanner leuchtet.

Außerdem: Angelika Richter berichtet von der Kunst-Biennale in Istanbul, wo man an einem Gegenmodell zur Globalisierung bastelt. Und Peter Fuchs und Jörg Mussmann führen ein in die neue taz-Serie "Aufzeichnungen aus Pflegehäusern", in der es um die "massenweise Produktion nicht notwendiger Leiden" in Einrichtungen für alte und pflegebedürftige Menschen gehen soll und darum zu zeigen, "dass es schier unvorstellbare Missstände gibt in der Gestaltung, in den Arrangements dieser weitgehend fremdbestimmten Lebenszeit, so unvorstellbar, dass nicht einmal im Zentrum stehen kann, Menschenwürde einzuklagen".

Besprochen werden Hannes Stöhrs Film "Berlin is in Germany", Und die deutschsprachige Erstaufführung von Normand Chaurettes "Der kleine Köchel" am Schauspielhaus Hamburg.

Schließlich Tom.

FAZ, 31.10.2001

Eine aufsehenerregende Reportage schickt Sandra Kegel aus Paris. Dort hat sie in der afghanischen Botschaft Faheem Dasty getroffen, einen afghanischen Journalisten, der dabei war, als Massoud, der Führer der Nordallianz ermordet wurde. Ein arabisches Kamerateam wollte Massoud angeblich interviewen und baute seine Kamera auf: "Auch Dasty postionierte seine Kamera, schräg hinter den vermeintlichen Kollegen. 'Gerade als ich mich über meine Kamera beugte, begann das Interview. Es dauerte keine 15 Sekunden. Dann hörte ich einen furchtbaren Knall.' Dass er seinen Kopf senkte, hat Dasty vermutlich das Leben gerettet. Die beiden Männer, in Wahrheit Attentäter aus Nordafrika, hatten eine in der Kamera versteckte Bombe gezündet... Dem 'Löwen vom Pandschirtal' war eine perfide Täuschung zum Verhängnis geworden. Niemand hatte damit gerechnet, denn Selbstmordattentate... widersprechen dem Ehrenkodex der afghanischen Stämme..." Einige Recherchen zur Ermordung Massouds haben wir übrigens bei der Presseagentur Afgha gefunden, die der Nord-Allianz nahe zu stehen scheint.

Die Spaltung zwischen West- und Ost-Berlin ist viel älter als die Mauer, behauptet der Historiker Paul Nolte: "Schon im späten Kaiserreich und in der Weimarer Republik gab es unsichtbare Grenzen in der Stadt, die trotz dichter werdender Netze der S- und U-Bahnen kaum überschritten wurden - in jeder zeitgenössischen Beschreibung Berlins, von Alfred Kerr bis Alfred Döblin, tritt das deutlich hervor. Schon 1920 war der Alexanderplatz, ganz wie heute, der Punkt, der für das westliche Berlin den äußersten Osten markierte: Hinter ihm begann das unbekannte Land. Die Trennung galt nicht nur für Wohnen und Arbeiten, sondern auch für Freizeit und Konsum." Seltsam aber, dass Nolte zwischen West- und Ost-Berlin nach wie vor ein "Sozialgefälle" sehen will - wo doch die ärmsten Viertel heute in West-Berlin liegen: Wedding, Kreuzberg, Neukölln.

Der sogenannte Informationskrieg in Afghanistan ist nach Christoph Albrecht ein Flop: "Effiziente Propaganda muss vor allem das Medium Fernsehen beherrschen. Kritiker sagen jedoch, dass die Vereinigten Staaten ebenso wie andere Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen weit davon entfernt sind, globales Fernsehen als Waffe benutzen zu können, mit der sich der Wille einer Nation beugen lässt. Auf Generalstabsebene gebe es keine Entscheidungsträger, die Erfahrungen im Fernsehgeschäft haben. Aber wie sollen Video-Analphabeten in der Lage sein, Video-Neueingeweihte zu führen?" Und außerdem müsste man wohl noch ein paar Fernseher über dem Land abwerfen.

Weitere Artikel: Renate Klett war Jurymitglied im wichtigsten arabischen und afrikanischen Theaterfestival in Karthago und liefert anschauliche Impressionen über die Stimmung in dieser Region. Peter Körte denkt über die Dimension der Unsichtbarkeit in den jüngsten Kriegen nach. Gerhard R. Koch erzählt, wie Pierre Boulez mit dem Ensemble Modern Werke von sich und anderen einprobte und aufführte. Uwe Walter resümiert eine Tagung des Max-Planck-Instituts über die "Europäisierung der deutschen Geschichte". Siegfried Stadler hat eine Diskussion über das Verlagswesen in der DDR verfolgt. Heinrich Wefing berichtet, dass die Bauarbeiten für das Berliner Holocaust-Mahnmal wieder einmal fast begonnen haben. Florian Rötzer stellt einen angeblichen Wissenschaftler vor, der behauptet, mittels EEG die kriminellen Kontakte von Tätern aufspüren zu können. Hannes Hintermeier porträtiert den gescheiterten Luchterhand-Verleger Dietrich von Boetticher, der für ihn dennoch ein verdienstvoller Multimillionär bleibt. Kunsthistoriker Hans Belting unternimmt einen Museumsspaziergang im Kunsthistorischen Museum Wien und stellt dort fest, dass einige El-Greco-Bilder aus der großen Retrospektive noch immer dort hängen, obwohl sie dem Museum gar nicht gehören - es handelt sch um amerikanische Leihgaben, die man lieber noch nicht zurückfliegen wollte.Ferner stellt Werner Bloch das Afghanistan-Institut in Basel vor, das Kulturgut des Landes vor der Frenesie der Taliban retten will. Ellen Kohlhaas mit Mstislaw Rostropowitsch über Nachwuchsförderung und Weltpolitik. Siegfried Stadler stellt Pläne des neuen Leipziger Bildermuseums vor. Auf der Medienseite setzt Michael Hanfeld seine Berichterstattung über Ränkespiele der SPD bei der Besetzung der ZDF-Intendanz fort. Auf der Stilseite werden eine Ausstellung über das Design des Dritten Reichs in Hannover und eine Ausstellung afrikanischer Mode in Stuttgart besprochen (die wirklich sehr anziehend ist).

Besprechungen gelten einem Auftritt der Crash Test Dummies auf Deutschlandtournee, Martin Kusejs Inszenierung von Christopher Marlowes "Edward II." in Hamburg und einem Tanzstück von Robin Orlin in Remscheid.

Zeit, 31.10.2001

Ein ganzes Dossier über die deutschen Intellektuellen und den Krieg. Jan Ross fasst die Debatte zusammen, ein nützliches Kompendium, für alle, die nicht mitgelesen haben. Es geht von Enzensberger über Habermas und die katholische Kirche bis hin zu den Kollegen von der FAZ. "Die deutschen Wortmeldungen sind immer räsonierend, thesenhaft, oft auch ideologisch. Trotzdem sind sie keineswegs uninteressant oder irrelevant", konstatiert Ross zu Anfang, um am Ende zu resümieren: "Wenn von der jetzt eingetretenen Situation etwas für die deutsche Debatte zu erwarten und erhoffen ist, dann eine Horizonterweiterung." So hätte die Sache wenigstens ein Gutes!

Nebenstehend ein Artikel von Jörg Lau, der sich die Mühe gemacht hat, arabische Medien, die in französisch oder englisch erscheinen, durchzuarbeiten. Das Resultat ist deprimierend. Lau hat eine "schwer erträgliche Mischung aus Selbstmitleid und klammheimlicher Freude" vorgefunden und ganz wenige selbstkritische Stimmen wie etwa Hisham Kassem, der in der Cairo Times schreibt: "Nie war unsere Zivilisation stärker bedroht als heute" und konstatiert: "Die ökonomischen Konsequenzen dieser ruchlosen Attacke werden uns härter treffen als Amerika."

Überhaupt wird in dieser Woche die gesamte Feuilletonistenschaft der Zeit zu erhöhtem Leitartikelbeschuss aufgeboten. Jens Jessen beklagt auf Seite 1 "Europas alten Bedrohungswahn" (schon gegen die Pest schloss man die Stadttore). Michael Naumann sieht auf Seite 3 die deutschen Zweifel an den Kriegsmethoden des amerikanischen Freundes wachsen.

Und Thomas E. Schmidt fragt im Aufmacher des Feuilletons, ob nun Schluss mit der Spaßgesellschaft sei und antwortet unter anderem auch auf Georg Kleins Eröffnungsbrief des Perlentaucher-Forums, den er trotz einer "etwas schwitzigen Übertreibung" als Symptom dafür nimmt, dass "die distanzierte Vernünftigkeit, die einst die Habermassche oder die Luhmannsche Auffassung von Öffentlichkeit prägte,.. hier verabschiedet" wird. Und Schmidt fährt fort: "Das ist zunächst auch nichts anderes als eine feuilletonistische Fantasie, was Georg Klein und andere Kulturexistenzialisten sich da vorstellen. Die Sehnsucht nach Kuschelwärme und schweren Themen kann nicht davon ablenken, dass die bemerkenswerten Persönlichkeiten, die sich da zu neuen Kulturgemeinschaften zusammenbinden, ihrerseits die Hervorbringungen unhintergehbarer kultureller Individualisierungen sind." Hm, darüber müssen wir jetzt aber erst mal meditieren.

Weiteres: Hanno Rauterberg interviewt den Schweizer Architekten Peter Zumthor ("Ich tue Dinge, von denen alle Architekten träumen. Sie werden an der Hochschule als Baukünstler ausgebildet, in der Praxis aber sind sie nur Dienstleister, sie arbeiten wie Hausmeister oder Heizungsinstallateure. Dagegen leiste ich Widerstand.") Georg Blume schildert chinesische Reaktionen auf die Anschläge. Michael Schindhelm fragt sich, "warum die Nostalgie um sich greift, in Ost wie West".

Besprochen werden der Film "Amores Perros" von Alejandro Gonzales Inarritu, zwei Theaterstücke von Herbert Achternbusch in München und Hannover, Andrea Breths "Maria Stuart"-Inszenierung in Wien, die Brücke-Ausstellung im Dresdner Schloss und die neue CD von Michael Jackson.

Aufmacher des Literaturteils ist Stefan Weidners Rezension von Raoul Schrotts Neuübersetzung des Gilgamesch-Epos (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).