Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.10.2001. Die NZZ bringt den französischen Bücherherbst auf zwei Begriffe: Porno und Islam. Die taz denkt über die Farbe Gold bei Andy Warhol nach. In der SZ fordert der pakistanische Autor Tariq Ali die Amerikaner auf, die Bombardierung Afghanistans einzustellen. Die FAZ befasst sich mit den moslemischen Intellektuellen.

NZZ, 23.10.2001

Jürgen Ritte schreibt über den französischen Bücherherbst. Porno und Islamismus stehen ganz oben: "Erster in der Rubrik Literatur, Abteilung Sex und andere Orgasmusprobleme, ist, mit gut 300 000 verkauften Exemplaren des Romans 'Plateforme', immer noch Michel Houellebecq. Als Dauerbrenner bleibt ihm hier das seit dem Frühjahr vorliegende Traktat 'La vie sexuelle de Catherine M.' von Catherine Millet dicht auf den Fersen. Im weiteren Feld finden sich die 'andere Catherine' der nouvelle pornographie, Catherine Breillat nämlich, mit 'Pornocratie' oder, diesmal aus der Hand einer Praktikerin des Gewerbes, der nicht weniger einschlägige Titel 'Putain' von Nelly Arcan." Houellebecq verbindet übrigens die beiden Themen der Saison auf charakteristisch unkorrekte Weise, denn dem sexuellen Glück seines Romanhelden wird in Thailand von islamistischen Terroristen ein Ende bereitet.

Weitere Artikel: Hans Hartje erzählt, dass der Bau von Weinkellereien zu einem Thema der neuesten Architektur geworden ist. Besprochen werden Mussorgskys "Chowanschtschina" im Opernhaus Zürich, Bellinis "Sonnambula" in Wien, Jon Fosses "Traum im Herbst" in Berlin und Wien und einige Bücher, darunter Christian Krachts Roman "1979" und Ingrid Nolls "Selige Witwen" (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 23.10.2001

Der pakistanische Schriftsteller Tariq Ali fordert die Amerikaner auf, mit den Bomben über Afghanistan aufzuhören. Denn "wird diese ganze Übung dazu beigetragen haben, die Anziehungskraft des Terrorismus zu mindern, geschweige denn ihn zu besiegen? Ich glaube, dass genau das Gegenteil der Fall sein wird, vor allem in der arabischen und der muslimischen Welt." Auf jeden Fall sind immer die anderen schuld am Terrorismus.

Helmut Schödel ist überzeugt, dass in Berlin nicht nur eine Stadt, sondern zwei gewählt haben: "Am Brandenburger Tor entlang verläuft nicht nur ein politischer, sondern auch ein Geschmacksäquator. Im Osten wird noch immer fett, salzig und reichlich gekocht. Der Geruch dieser so genannten Speisen und ihr Geschmack setzen die sensorische Erinnerung in Gang. An die alte DDR und die aus ihr hervorgegangene PDS. Diese Erinnerung ist der Krautwickel auf den Wunden, die man dem neuen 'System' zuschreibt."

Weitere Artikel: Alexander Gorkow porträtiert Jarvis Cocker und seine Band Pulp. Oliver Fuchs war dabei, als Microsoft im Haus des Modeschöpfers Pierre Cardin in Paris seine neue Spielkonsole vorstellte ("Diverse Vice Presidents und Chief Executives treten auf und schwärmen von der großartigen Zukunft des Videospiels, die pünktlich mit der Markteinführung der 'X-Box' beginnen soll.") Jeanne Rubner berichtet über hoch dotierte, vom Wissenschaftsministerium ausgelobte Preise für Naturwissenschaftler, die man aus den USA aus Deutschland zurückholen möchte.

Besprochen werden eine Jeff-Wall-Ausstellung im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt, Michael Gielens umjubelte Aufführung von Franz Schrekers Oper "Der ferne Klang" in Berlin, die Donaueschinger Musiktage, John Carpenters Film "Ghosts of Mars", eine Richard-Artschwager-Retro im Neuen Museum von Nürnberg, das Stück "A. ist eine Andere" von Bernhard Studlar und Andreas Sauter in Stuttgart, eine Inszenierung des mexikanischen Theatergenies David Hevia in Mexiko-Stadt und und ein Auftritt des Kabarettisten Matthias Deutschmann in Berlin.

FR, 23.10.2001

Heute eröffnen wir das zweite Perlentaucher-Forum mit einer Feier (oder Kritik?) des deutschen Feuilletons durch Georg Klein. Auch die FR dokumentiert seinen Eröffnungsbrief, und dies, obwohl er durchaus auch ein paar heikle Fragen stellt: "Spricht der wahre Feuilletonist in Wahrheit zum Feuilletonisten? Und hat er zugleich, in einleuchtender Paradoxie, das eigene Umfeld längst so übersatt, dass er sogar von den Artikeln, die sich mit dem seinen eine Zeitungsseite teilen, nur die Überschriften liest? Träumt er gar in seinem allerletzten publizistischen Wunschtraum allein noch davon, das Gefängnisgärtlein des Feuilletons in Richtung Fernsehen verlassen zu dürfen?" Am Forum nehmen diesmal Schriftsteller und Journalisten teil. Wir freuen uns auf Beiträge von Thomas Hettche, Gustav Seibt, Hendrik Jackson, Jörg Magenau, Kerstin Gleba, Marlene Streeruwitz, Martin Bauer, Rainer Moritz, Silvia Szymanski, Ulrike Draesner und Volker Weidermann! Und hier der Link zum Forum.

Der Architekt Wilfried Wang fragt sich in Teil VI der Hochhausserie, ob man das World Trade Center wieder aufbauen sollte: "Sollte jedoch die bornierte Konzentration auf das höchste Hochhaus weiterhin gelten, werden weiterhin ausdrücklich jene Gefühle angesprochen, die erst den Reiz des Dominierens und des Dominiertseins konstituieren."

Christian Schlüter plädiert nach den Berliner Wahlen für eine rot-rote Koalition: " Eine Beteiligung der PDS würde .. ein Zeichen setzen. Während von Berlin aus unter dem Label Neue Mitte bislang nur, wenn auch auf neue und raffinierte Weise, der Sachzwang und die Alternativlosigkeit politischen Handelns in die Gesellschaft hineinkommuniziert wurde, bekäme die Hauptstadt durch eine rot-rote Regierung den Anstrich des Unversöhnlichen: Die Verlierer der Wiedervereinigung, für die sich einzusetzen die PDS unermüdlich vorgibt, ständen unübersehbar auf der politischen Tagesordnung." Wobei die Frage ist, ob wirklich die Ostberliner ? und nicht eher die Berliner Ausländer, bei denen die Arbeitslosigkeit bei weitem am höchsten ist ? als die Verlierer der Vereinigung zu gelten haben.

Weiteres: Ina Hartwig schreibt zum Tod der Kinderbuchautorin Anna Maria Jokl. Udo Feist lässt anhand einer CD-Box die Geschichte des Labels Polydor Revue passieren, das 75 Jahre alt wird. Besprochen werden die Donaueschinger Musiktage (mehr hier), John Carpenters Film "Ghosts from Mars" (mehr hier) und "Hitlers Dr. Faust" von Rolf Hochhuth, uraufgeführt in Berlin.
Anzeige

TAZ, 23.10.2001

Katrin Bettina Müller denkt anlässlich der Berliner Warhol-Retro über die Farbe Gold nach, die "im Werk Andy Warhols ebenso gut als Farbe der Sehnsucht gelesen werden kann wie als ironischer Verweis auf die tatsächliche Vergoldung seiner Arbeit und den wachsenden Wert auf dem Kunstmarkt. Doch der alten Bedeutung des Goldes, der Öffnung transzendenter Räume, kommt er dort noch einmal nahe, wo er dem Staub und dem Dreck am nächsten ist. In seinen 'Shadow Paintings' Ende der 70er ist viel mehr nicht zu sehen als eine Ecke Schatten oder auf das Blatt gewehter Staub. Sie nehmen Abschied vom absoluten Bekenntnis zur Oberfläche. Man glaubt glatt, einen schwarzen Berg vor goldenem Himmel zu sehen."

Und sonst dominieren die Buchrezensionen. Besprochen werden etwa ein neuer Band von Derek Walcott, ein Krimi des rumäniendeutschen Schriftstellers Richard Wagner und ein Buch von Yasmina Khadra über die Zustände in Algerien. Ferner resümiert Detlef Kuhlbrodt das 44. Leipziger Dokumentarfilmfestival.

FAZ, 23.10.2001

Stefan Weidner schildert die Reaktionen arabisch-moslemischer Intellektueller auf den 11. September. Er sieht sie in der "Solidaritätsfalle", die es ihnen anders als westlichen Intellektuellen untersage, ihre eigenen Positionen selbstkritisch zu prüfen. Dabei widerspreche dieses Solidaritätsprinzip ("mit den Palästinensern, mit den Afghanen, mit der Dritten Welt") paradoxerweise "den ureigenen Interessen der Intelligenzija, deren gefährlichste Gegner in den letzten Jahren nicht die arabischen Regierungen, sondern die Islamisten und die von ihnen zur Beeinflussung der Regierungen mobilisierte Straße gewesen sind".

Der russische Nahostexperte Alexander Umnow widerspricht der landläufigen These von der Unbesiegbarkeit der Afghanen. Die Engländer hätten ihre Interessen phasenweise durchaus durchgesetzt. Allerdings rät er den Amerikaner, die Taliban nicht völlig zu entmachten: "Die Liquidierung der Terroristen mit einer gleichzeitigen Schwächung, aber Beibehaltung der Taliban als einheitlicher Kraft könnte zur Voraussetzung werden für eine Aussöhnung mit der Nordallianz und die Wiederherstellung der Einheit des Landes. Die völlige Zerschlagung der Taliban-Bewegung hingegen würde den fragilen Mechanismus innerafghanischer Integration womöglich zerbrechen."

Weitere Artikel: Der Staatsrechtler Paul Kirchhof untersucht auf einer ganzen Seite die "schwierige Balance zwischen Arztgeheimnis und Wissensdrang". Martin Kämpchen schildert indische Reaktionen auf den 11. September, der den Gegensatz von Moslems und fundamentalisitischen Hindus weiter verschärft. Gina Thomas schreibt zum Tod des Historikers Harold Plumb. Tilman Spreckelsen erinnert an die Kinderbuchautorin Anna Maria Jokl, deren Buch "Die Perlmutterfarbe" in beiden deutschen Dikataturen verboten war. Heike Schmoll resümiert ein Kolloquium zum 100. Geburtstag des Alttestamentlers Gerhard von Rad. Auf der Bücher-und-Themen-Seite erzählt Stefan Kuß die Geschichte des deutschen Eigenheims. Eva Menasse berichtet über ein in Österreich aufgefundenes Fotoarchiv der Nazis, das es erlaubt zahlreiche Werke zu identifizieren, die von den Nazis geraubt wurden.

Besprochen werden Franz Schrekers "Ferner Klang" unter Michael Gielen und Peter Mussbach in Berlin, die Donaueschinger Musiktage, "Hitlers Dr. Faust" von Rolf Hochhuth in Berlin, eine Ausstellung mit chinesischer Gegenwartskunst im Museum der Gegenwart Berlin, Yukuchi Matsumotos Tanz-Epos "Ryusei" in der Hamburger Kampnagelfabrik, die Ausstellung "Die Rückkehr des Buddha" im Berliner Alten Museum und die Kölner "Musik der Zeit".