Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.10.2001. US-Autorin Susan Sontag hat sich in New York das Trümmerfeld angesehen. In der FAZ beschreibt sie, wie "die politische Rhetorik, die mich zunächst so beschäftigt hatte, in den Hintergrund" trat. Die FR gibt eine sprachkritische Zusammenfassung der Krisenkommentare. Gewinnerin sei CDU-Chefin Merkel mit einer "schon ganz besonders infernalischen Aussage".

NZZ, 11.10.2001

Olaf Karnik macht eine neue Tendenz in der Popmusik aus: "Gesellschaftskritik also hat dieses Jahr im deutschen Hip-Hop einen neuen Höhepunkt erreicht. Afrob, Torch, Jan Delay, Samy Deluxe, Fettes Brot, Department, Brothers Keepers - sie alle hatten auf einmal genug von Battle und Business, Styles und coolen Codes. Der Zuständigkeitsbereich von Hip-Hop wurde wieder auf alle gesellschaftlichen Bereiche ausgedehnt." Die Beispiele, die Karnik zuvor zitiert hat, sind allerdings erschütternd. Kostprobe? "In dieser kaputten Welt spiel'n Musiker jetzt Bauarbeiter, versuchen, was zu ändern, aber das dauert leider." (Samy Deluxe). Da bleiben wir doch lieber bei Britney Spears.

Weitere Artikel: Christoph Jahr berichtet über eine Konferenz in Dublin, die sich mit der "totalen Demobilmachung" nach dem Ersten Weltkrieg beschäftigte. Marion Löhndorf stellt die "Frankfurter Positionen" vor, ein interdisziplinäres Kulturprojekt, dass sich bei einer Podiumsdiskussion vor allem mit der Frage beschäftigte: "Was fehlt dem deutschsprachigen Theater?" Genevieve Lüscher beschreibt das Latenium, das neue Archäologiemuseum am Neuenburgersee.

Besprochen werden Tschechows "Drei Schwestern" von Stefan Pucher am Schauspielhaus Zürich und Bücher, darunter Assia Djebars Band "Oran - Algerische Nacht" ? sieben Texte, die sich laut Renate Wiggershaus durch ihre Mischung von Berichten und Fiktion auszeichnen (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 11.10.2001

In der SZ, die heute Morgen auf eine Internetpräsenz verzichtete, vergleicht Navid Kermani die propagandistischen Mittel der Amerikaner mit jenen Osama bin Ladens und erklärt, warum letzterer den Propagandakrieg gerade durch den Verzicht auf alle Rhetorik zu gewinnen droht: "Wenn Gewand und location der Aufnahme eine prophetische Aura erzeugen sollen, knüpft die sprachliche Askese an die militärische und politische Unterlegenheit der frühen Muslime an, die sie durch die Reinheit ihres Glaubens vielfach kompensierten. Noch im Fehlen von Betonung kündet seine Rhetorik vom puritanisch-wahhabitischen Geist, der angeblich mit jenem des göttlich Gesandten identisch ist." Und sowas rüht die Glaubensbrüder eben.

Ferner: Christopher Schmidt bringt "Die Perser", Aischylos Parabel über Kriegstreiberei und Imperialismus, in Parallele zu den gegenwärtigen Ereignissen in Afghanistan, Frieda Grafe ehrt Cary Grant, Sonja Zekri berichtet von den Auswirkungen des Terrorismus auf den Forscheraustausch und Jack Nicholson plaudert über seiner Rolle in der Dürrenmatt-Verfilmung "Das Versprechen." Außerdem gibt es einen Beitrag zur Eröffnung der Documenta-Plattform 1 in Berlin sowie über Dieter Dorn am Bayrischen Staatsschauspiel. Und auf der Medienseite unterscheidet Hans Leyendecker berechtigte Sorgen angesichts des Terrors von Hysterie und geißelt den Krisen-Hype der Medien.

Besprechungen schließlich widmen sich Tschechows "Drei Schwestern" am Schauspiel Zürich, Michael Hanekes Kino-Adaption von Elfriede Jelineks "Die Klavierspielerin", einer Performance der Live-Art-Gruppe Gob Squad im Berliner Podewil, den Nobelpreis-Ausstellungen in Stockholm und Oslo, drei Büchern, die das schwierige Thema Erziehung behandeln, sowie Lothar Machtans umstrittener Studie "Hitlers Geheimnis" (auch in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FR, 11.10.2001

Eckhard Henscheid gibt eine längst fällige sprachkritische Zusammenfassung der Krisenkommentare: "Gewäsch des Monats im Zeichen der Anschläge." Während der ersten Tage nach den Attacken auf das WTC und das Pentagon, findet Henscheid, gaben sich die Schröder, Schily, Gerhardt u. a. im Rahmen ihrer Wortmächtigkeiten sogar recht achtbar. Umso haariger wurde es danach. Stichwort: Stockhausen. Der erste Platz in der "Septembermeisterschaft" aber, da hat Henscheid keinen Zweifel, gebührt der "schon ganz besonders infernalischen Aussage der Angela Merkel (CDU), welche bereits am Abend des 11. 9. dem Fernsehen eingestand: 'Jeder von uns ist ein Stück weit fassungslos.'" Das macht ihr "in seiner wahrhaft höllenfürstinnenhaft paradoxalen Dichotomie, ja schlussendlich realmetaphorischen Sinnfreiheit" keiner nach.

Zu lesen ist ferner ein Gespräch mit dem griechischen Schriftsteller und Brecht-Übersetzer Petros Markaris über das Schreiben während der Junta-Zeit, über deutsche Literatur und die Last der Antike, die sich aber durchaus positiv wenden lässt, wie Markaris andeutet: "Es ist kein Zufall, dass meine Romane ein tragisches Ende haben. Im ganzen Mittelmeerraum ereignet sich das Tragische häufig, es ist gar nicht die Ausnahme. Auch mein zweiter Krimi Nachtfalter ist eine kreative Nachahmung der antiken Tragödie - so macht es übrigens auch Theo Angelopoulos. Die Wanderschauspieler ist eine tragische Geschichte, die Geschichte der Artriden, und Tragik gibt es auch im Blick des Odysseus. Ödipus ist für mich der beste Krimi, der je geschrieben wurde."

Anderes: Ole Frahm huldigt dem Comicschöpfer Art Spiegelman und seinem Holocaust-Comic "MAUS", Daniel Kothenschulte schwärmt von Julia Roberts in "America's Sweetheart", Martina Meister zu Plänen, Schinkels Bauakademie in Berlin wiederaufzubauen, Marietta Piekenbrock berichtet vom Vorabend von Frank Baumbauers Einstand an den Münchner Kammerspielen. Schließlich nehmen wir Abschied von dem Choreographen Herbert Ross, der am Dienstag 74-jährig verstarb. Bleiben noch zwei Besprechungen: Sean Penns Dürrenmatt-Verfilmung "Das Versprechen", das Ballett "obscurus" an der Staatsoper Hannover, und Bücher, darunter Raoul Schrotts "grandiose" Neuübersetzung des Gilgamesh-Epos.
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TAZ, 11.10.2001

Katja Nicodemus macht in einer schwungvollen Kritik den Unterschied zwischen Jelineks "Klavierspielerin" und dem Film von Michael Haneke fest: "Bei Jelinek heißt das Schlachtfeld immer auch Österreich. Bei Haneke heißt es Isabelle Huppert." Aber auch Schauspielerin und Regisseur konnten sich offenbar nicht auf einen Film einigen: "In einer Szene knallen diese beiden Konzeptionen regelrecht aufeinander: Gerade hat Kohut dem Geliebten ihre masochistischen Fantasien in einem Brief offenbart. Während Klemmer ihr die eng beschriebenen Seiten höhnisch vorliest, entsteht aus der Diskrepanz zwischen Kohuts Steifheit und der absoluten Obszönität des Vorgelesenen eine irritierende Komik. Aber dann zieht Huppert unter dem Sofa ein kleines Kästchen hervor, das hier wahrscheinlich seit Jahren auf seinen Einsatz gewartet hat. Mit der Zärtlichkeit eines Kindes, das sein liebstes Spielzeug auspackt, drapiert sie ihre Ketten, Gürtel und Knebel. Armselig und großartig."

Weitere Artikel: Harald Fricke berichtet über einen Vortrag per Videostandleitung des Postkolonialismus-Theoretikers Homi K. Bhabha (Harvard) im Berliner Haus der Kulturen der Welt. Bhaba sprach über Fronten des Denkens nach dem 11. September und setzte seine Hoffnung in eine Kunst der globalen Rechtsprechung. Thomas Winkler porträtiert die tunesische Filmemacherin Moufida Tlatli ("Zeit der Männer, Zeit der Frauen"). Frank Wengel stellt den Spielplan der Magdeburger Kammerspiele vor, die unter der neuen Intendanz von Tobias Wellemeyer mit zeitnahen Stücken radikal westwärts segeln. Und Gerrit Bartels berichtet von der Frankfurter Buchmesse.

Schließlich Tom.

FAZ, 11.10.2001

Susan Sontag, die von Berlin aus die amerikanischen Reaktionen auf die Anschläge am 11. September scharf kritisiert hatte (hier der Text aus dem New Yorker), ist jetzt nach New York zurückgekehrt und vom Flughafen sofort zum Trümmerfeld des World Trade Centers gefahren. Angesichts dieses höchst realen "Massenfriedhofs" "trat die politische Rhetorik, die mich zunächst so beschäftigt hatte, in den Hintergrund", schreibt sie heute in der FAZ. Bei aller Kritik an der amerikanischen Außenpolitik hält sie die Ansicht für inakzeptabel, "dass Terrorismus - dieser Terrorismus - nichts anderes sei als die Durchsetzung legitimer Forderungen mit den falschen Mitteln ... Salman Rushdie hat darauf hingewiesen, dass Terroristen sich gern in legitime Forderungen hüllen. Der Kampf gegen Unrecht ist nicht ihr Ziel - nur ihr unverschämter Vorwand." Sontag hält eine militärische Antwort ? "kein Krieg, sondern eine komplexe und präzise definierte antiterroristische Operation" ? für "notwendig und gerechtfertigt."

Weitere Artikel: Patrick Bahners kommentiert den neuesten Stand des Archäologen-Streits um den Troia-Ausgräber Manfred Korfmann (der Althistoriker Frank Kolb hat ihn jetzt als 'Däniken der Archäologie' beschimpft). Reinhard Wandtner stellt die drei frisch gekürten Chemie-Nobelpreisträger William Knowles, Ryoji Noyori und Barry Sharpless vor. Claudius Seidl schreibt zum Tod des Hollywood-Regisseurs Herbert Ross. Michael Althen war bei der vierten Documenta-Plattform in Berlin und hat dort dem Video-Vortrag von Homi K. Bhaba im Haus der Kulturen der Welt zugehört. Julia Voss gratuliert der Deutschen Gesellschaft für Medizin zum 100. Geburtstag. Dirk Schümer berichtet in seiner Venedig-Kolumne, dass sich "von den vier potentiellen Zielen mit der höchsten Gefährdungsstufe in Italien - außer dem Vatikan und der Altstadt von Florenz - gleich zwei in Venedig befinden: die Kathedrale von San Marco und die Fabriken von Marghera."

Besprochen werden Sean Penns Film "Das Versprechen", Tschechows "Drei Schwestern" in der Züricher Inszenierung von Stefan Pucher, eine Ausstellung über fünftausend Jahre afghanische Kultur in Barcelona, die Leipziger Jazztage, Beat Furrers neues Musiktheater "Begehren" beim Steirischen Herbst und die Warhol-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie Berlin.

Die Filmseite kommt ganz ohne Rezensionen aus: Michael Althen stellt die DVD vor und Andreas Kilb berichtet, dass Antonioni wieder einen Film drehen will.

Zeit, 11.10.2001

Auch Thomas Assheuer feiert die "Klavierspielerin": "Kein anderer Haneke-Film mobilisiert einen solchen Widerstand gegenüber seinen extremen Bildern, gegen die Kette aus Misshandlung und Gewalt. Der Widerstand kommt aus der Musik, aus Schuberts Winterreise und Beethovens Sonaten ... Die Musik macht die Menschen wehrlos, und wenn sie einmal zuhören, nur dieses eine Mal, dann werden sogar die Wiener Visagen von einer Regung ereilt, aus der aller Selbstzwang gewichen ist. Die lösende Macht der Musik in den Gesichtern lesbar zu machen - darin besteht die ästhetische Strategie des Films".

Weitere Artikel: Im Aufmacher des Zeit-Feuilletons gratuliert Jens Jessen Jürgen Habermas zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Der Kabarettist Matthias Deutschmann erklärt im Interview, warum er es unmoralisch findet, nach dem 11. September das Ende der Spaßkultur zu verkünden, obwohl jeder weiß, "dass die Leute noch schneller zur Normalität zurückkehren, wenn sie so ein Verbot über sich schweben sehen." Petra Kipphoff schreibt über die neue Dependance des Guggenheim Museums und der Eremitage in Las Vegas. Susanne Messmer stellt Berlins neuen Popstar Maximilian Hecker vor. Claudia Herstatt berichtet über eine Einstiegsdroge für Kunstsammler mit wenig Geld: Editionen und Multiples.

Besprochen werden der Saisonstart am Hamburger Schauspielhaus mit Schillers "Räuber", Goethes "Clavigo" und Ibsens "Frau vom Meer". Sean Penns Film "Das Versprechen" nach dem Roman von Friedrich Dürrenmatt. Beethoven-Symphonien mit Simon Rattle und den Wiener Philharmonikern. Und die Andy-Warhol-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie in Berlin.

Im Aufmacher des Literaturteils schreibt Jens Jessen über ein "bedeutendes, vor allem aber ein bedeutend kompliziertes Werk": Peter Esterhazys Roman "Harmonia Caelestis" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).